Stress hilft

Die Boulevard-Blätter und das Abendprogramm im Fernsehen sind voll mit dem großen Thema unser Zeit: Stress. Er muss als Ursache für diverse Erkrankungen herhalten. Sicherlich hat jeder von Ihnen eigene Erfahrungen mit Stress. Aber haben Sie mal drüber nachgedacht, wann Sie die besten Leistungen in Ihrem Leben erbracht haben? Vermutlich waren Sie ganz schön unter Stress …

Er gehört sozusagen zu unserem Leben dazu und ist eine Art „Mitarbeiter“ eines jeden von uns. Fest angestellt und unkündbar. Und wie jeder andere  Mitarbeiter auch, so hat der Stress ein doppeltes Potential. Die meisten denken bei ihm sicher an einen „Flop-Mitarbeiter“. Als solcher ist er zumindest mitverantwortlich für unzählige gesundheitliche Probleme von Bluthochdruck über Kopf-, Magen- und Rückenschmerzen bis hin zum berühmt-berüchtigten Burn-out-Syndrom.

Der Stress hat aber auch das Potential zum „Top-Mitarbeiter“. Dann kann er uns helfen, unsere Kräfte zu konzentrieren, unsere Leistungsfähigkeit zu entwickeln und unsere Ziele zu erreichen. Besonders gut wird dies an Schauspielern deutlich. Alle bestätigen, dass sie ein gewisses Maß an Lampenfieber benötigen, um eine Top-Leistung auf die Bühne zu bringen. Entscheidend ist die Dosis an Stresshormonen. Bis zu einem gewissen Grad unterstützen sie ganz klar eine Top-Leistung. Doch wird dieser Grad überschritten, kann sich die Wirkung auch schnell in ihr Gegenteil drehen.
Was machen wir nun mit dieser Erkenntnis?

Zunächst einmal können wir festhalten, dass die Stresshormone eine wirklich hervorragende „Erfindung“ unseres Schöpfers sind. Wenn in grauer Vorzeit ein Säbelzahntiger um die Ecke kam, haben diese Stresshormone eine Zusatzkraft geliefert, die enorm geholfen hat, bei dem, was jetzt gefordert war: Kampf oder Flucht.

Auch wenn heute kein Säbelzahntiger und höchstens der Chef um die Ecke kommt: Der gleiche Stressmechanismus läuft grundsätzlich immer noch in uns ab. Die Stress-Situation ist zwar nur selten unmittelbar lebensbedrohlich. Sie kann aber lebensbedrohlich werden, ganz einfach deshalb, weil eine solche einerseits viel zu häufig in unserem Leben auftaucht und wir andererseits (im Gegensatz zu unseren Vorfahren) die produzierten Stresshormone kaum noch abbauen.

Wenn wir von der Zusatzkraft der Stresshormone profitieren und uns gleichzeitig vor einem Zuviel schützen wollen, dann müssen wir lernen, den „Mitarbeiter Stress“ richtig zu führen. Schon diese Entscheidung, den Stress führen zu wollen, macht einen großen Unterschied aus. Sie wird vor allem vom Ziel getragen, das Leben nicht mehr fremdbestimmt erleiden, sondern selbstbestimmt gestalten zu wollen.

Es stimmt zwar, dass wir viele äußere Faktoren wie das Wetter, die Entwicklung der weltpolitischen Lage oder den Aktienmarkt persönlich kaum beeinflussen können. Trotzdem ist es noch viel mehr, als es für frühere Generationen möglich war. Und vor allem: Unsere Haltung gegenüber all diesen äußeren Ereignissen ist nicht nur der entscheidende Faktor in Bezug auf unseren Stress, sondern auch jederzeit veränderbar!

Entscheidungen als Grundlage des Stressmanagements

Unsere Entscheidungen über unser Denken und Handeln beeinflussen mehr als alles andere, wie sehr der Stress unser Leben beeinflussen darf und wie viel Energie wir zur Verfügung haben, um ihn in den Griff zu bekommen. Vier Lebensbereiche sind dabei von besonderer Bedeutung-

Körper

Nach knapp sechseinhalb Stunden Schlaf steht Daniel S. auf. Nach einer schnellen Dusche und einem Kaffee macht er sich auf den Weg ins Büro. Bald steht das erste Meeting an. Sein Hirn schreit nach Zucker und so ist er froh, dass seine Sekretärin nicht nur die üblichen Kekse, sondern aus Anlass ihres 43. Geburtstages auch noch einen Kuchen auf den Tisch gestellt hat. Zwei weitere Kaffees braucht er außerdem, um bis mittags „fit“ zu bleiben, wie Daniel S. meint. Auf den Gang in die Kantine verzichtet er und lässt sich stattdessen vom Pizzaservice eine „Margherita“ bringen. Um 13:30 steht das nächste Meeting an. Es ist minutiös durchgeplant, doch schon vor 15 Uhr kann er sich kaum noch konzentrieren…

Das hier geschilderte Beispiel findet so oder ähnlich jeden Tag millionenfach statt. Für allzu viele Menschen ist es schlicht der Normalfall, dass sie ihrem Körper nicht nur die notwendige Erholung vorenthalten. Ähnliches gilt für Nahrungsbestandteile, die für starke Nerven sorgen würden oder für die Bewegung, die sehr effektiv einen überhöhten Stresshormonspiegel abzubauen in der Lage ist.

Arbeit/Leistung

Zu arbeiten und eine Leistung zu erbringen ist zu allererst ein Bedürfnis! Das können Sie zum Beispiel an kleinen Kindern sehen, die in aller Regel noch mit einer natürlichen Lernfreude ausgestattet sind, bis man ihnen diese Lernfreude (wie es leider immer noch allzu oft geschieht) wieder ausgetrieben hat. Ebenso ist dies am anderen Ende des Lebens zu beobachten. Ich bin immer wieder erstaunt, was Senioren der Generation 60 oder gar 70+ alles auf die Beine stellen. Keineswegs „nur“ irgendwelche Ausflüge oder Skatmeisterschaften (womit nichts gegen Ausflüge und Skatmeisterschaften gesagt sein soll!). Mit großem Engagement gründen Senioren auch neue Firmen und Organisationen, übernehmen Verantwortung obwohl sie schon längst eine ganz ruhige Kugel schieben könnten. Die wenigsten tun dies aus purem Altruismus, sondern vor allem, weil sie damit auch sich selber etwas Gutes tun und ein wichtiges Bedürfnis befriedigen: das Bedürfnis zu arbeiten und eine Leistung zu erbringen.

Beziehungen

Es gibt einige Ergebnisse in der Stressforschung der vergangenen Jahrzehnte, die quer durch alle Untersuchungen unbestritten sind. Dazu gehört, dass Menschen, die in gesunden Beziehungen leben, deutlich belastungsfähiger sind, als Menschen, die als erfolgreiche Einsiedler durch ihre Biographie schleichen. Gesunde Beziehungen sind auch der bei weitem wichtigste Faktor für die persönliche Lebenszufriedenheit. Das heißt im Umkehrschluss auch, dass der, der um seiner Karriere willen seine privaten Beziehungen opfert, häufig nicht „nur“ privat, sondern häufig… scheinbar paradoxerweise auch beruflich einen hohen Preis bezahlt. Dieser Preis besteht in einer deutlich verminderten Stressresistenz und einer gleichzeitig massiv erhöhten Burnoutgefährdung wie verschiedene Untersuchungen zeigten.

Sinn

Auch dies ist eine alte und über die Jahrzehnte unzählige Male bestätigte Erkenntnis der Stress- und Burnoutforschung. Sie können in Sachen Stressmanagement alles richtig machen, genügend schlafen, sich gesund ernähren, Sport treiben: wenn Sie Ihr Leben im Allgemeinen und Ihre Arbeit im Speziellen als sinnlos erleben, dann bleibt Ihre Belastungsfähigkeit gering und Ihr Burnoutrisiko hoch. Umgekehrt spielt der, der in seinem Leben einen konkreten Sinn sieht und seine Arbeit nicht nur als Job sondern als Berufung erlebt, diesbezüglich in einer ganz anderen Liga. Er hat ein Energiereservoir zur Verfügung, das demjenigen, der diesen Sinn nicht gefunden hat, gänzlich verschlossen bleibt, verschlossen bleiben muss.

Unser Denken

Außer unserem Umgang mit den vier genannten Lebensbereichen spielt unser Denken eine entscheidende Rolle, wenn es um ein wirksames Stressmanagement oder, um im eingangs erwähnten Bild zu bleiben, die effektive Führung unseres Mitarbeiters mit Namen „Stress“ geht. Gemeint ist dabei nicht unser IQ, unsere intellektuellen Fähigkeiten, sondern die Art und Weise, wie wir die Stress-Situationen, mit denen wir konfrontiert sind, bewerten.

Diese Selbstgespräche sind von kaum zu überschätzender Relevanz. Nehmen wir beispielsweise zwei selbstständige Handwerker, die beide gerade ein erhofften Großauftrag nicht gekriegt haben. Während der eine sich in Selbstvorwürfen ergeht und sich seine Gegenwart und Zukunft in den düstersten Farben vorstellt, geht der andere erstmal joggen und schreibt kurz danach die nächsten Angebote. Es geht mir an dieser Stelle jetzt gar nicht so sehr darum, dass der zweite natürlich wesentlich erfolgs- und lösungsorientierter handelt. Die unterschiedliche Art der Selbstgespräche haben auch unterschiedliche physiologische Folgen, d.h. die hormonelle Situation ist eine völlig andere; und das bereits bevor der eine joggen geht und dabei seinen Stresshormonspiegel gleich wieder auf sehr effektive Weise abbaut.

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