Wir opfern unsere Lebendigkeit der unbewussten Angst, zu sterben

Der größte Verlust in unserem Leben sind Dinge, die wir in uns begraben und nicht leben. Klingt paradox. Ist aber so. Wir opfern NDie größten Verluste in unserem Leben sind Dinge, die wir in uns begraben und nicht leben. Klingt paradox. Ist aber so. Wir opfern Neugier und Lebendigkeit auf dem Altar der Angst. Penibel achten wir darauf kein Risiko einzugehen. Sicherheit ist trumpf. Es könnte ja was passieren. Doch unser Preis dafür ist hoch.

So kreieren wir uns ein Leben voller Mittelmäßigkeit und jeder Menge Hintertürchen, und das uns umgebende System – unsere aktuelle Kultur – versucht, so gut es geht, seinen Nutzen und Profit aus unserer Schwäche oder unserem Unvermögen zu ziehen. Ein Großteil unserer Wirtschaft und unsere Sozialsysteme bauen auf dieser Basis unbewusster Angst auf. Die Versicherungsbranche, das Bankenwesen, die Immobilienbranche, aber auch unser Arbeitsmarkt und das System abhängiger Arbeit mit der Unterscheidung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer basieren auf derartigen, unbewussten Angstvermeidungsstrategien – um nur einige Beispiele zu nennen. Von unbewusster Angst getrieben, so sind die meisten Mitmenschen, und sie lassen sich als quasi lebende Tote viel leichter steuern und manipulieren – sei es von der Werbung oder von der Politik.

Was lassen wir freiwillig in uns sterben?

Schon während unserer Schulzeit stirbt ein Teil von uns, denn unser Schulsystem ist nicht darauf ausgerichtet, kreative und selbstständig denkende, individuelle Persönlichkeiten heranzubilden. Wir werden vielmehr bereits schon in jungen Jahren darauf konditioniert, in einem Umfeld von Konkurrenz und Bewertung zu überleben. Die Angst zu sterben schwingt die ganze Schulzeit hindurch auf der Metaebene mit. Denn wenn du keine guten Noten hast, schaffst du deinen Abschluss nicht und bekommst keinen Job. Du hast somit in deinem Leben kein Geld und landest letztendlich unter einer Brücke. Von da aus ist es nur ein kleiner Schritt ins … Nichts. Also lassen wir unsere Kreativität sterben, unsere Unbeschwertheit, unsere Einzigartigkeit, unseren Mut und unsere natürliche Neigung, stets nach dem Warum zu fragen.

Nach Schule und Studium geht es weiter mit der Angst. Nun dreht sich alles darum, endlich einen guten Job zu ergattern. Gut heißt in dem Spiel: sicher, gut bezahlt und inklusive möglichst vieler Sozialleistungen. Gut heißt nicht, dass dieser Job irgendetwas mit unseren Talenten, unseren Interessen, unseren Leidenschaften oder gar unserer Berufung zu tun hat. Wenn die Arbeit halbwegs unseren Talenten entspricht, ist das ein Segen, aber dieser Faktor steht nicht an erster Stelle. Die Angst zu sterben schwingt stets unausgesprochen auf der Metaebene mit. Schließlich müssen wir unsere Miete bezahlen und unsere Familie ernähren. Wenn du keinen sicheren, gut bezahlten Job hast, hast du irgendwann kein Geld mehr und landest unter einer Brücke – zusammen mit deiner Familie. Von dort aus ist es nur ein kleiner Schritt ins … Nichts. Also lassen wir unsere Vision und unsere Begeisterung sterben, unsere Berufung, unsere Abenteuerlust und unsere Neugier und übergeben das Heft des Handelns unserem Chef oder dem Staat.

Das eigentliche Problem: die Angst vor der Angst

Auch in vielen spirituellen und New-Age-Disziplinen wird die Angst als eine verdammt negative Sache dargestellt: »Angst verhindert das Leben« oder »Angst ist das Gegenteil von Liebe« oder »Entweder du tust etwas aus Angst oder aus Liebe« sind typische Ausprägungen dieser spirituellen Verachtung von Angst. Es wird dabei davon ausgegangen, dass es nur zwei Grundmotivationen für das menschliche Handeln gibt, eben entweder die Angst oder die Liebe. Als ich vor vielen Jahren das erste Mal darüber gelesen habe, konnte ich diesen Gedanken sofort nachvollziehen. »Stimmt!«, dachte ich damals und versuchte herauszufinden, wann ich etwas aus Angst und wann aus Liebe tat. Mittlerweile habe ich meine Meinung darüber gründlich geändert, weil ich neue interessante Unterscheidungen zum Thema Gefühle erhalten habe, die ich damals noch nicht kannte.

Im Grunde sind die oben genannten Aussagen aus dem spirituellen Kontext schlichtweg falsch. Denn es ist nicht die Angst, die uns hindert, etwas zu tun, sondern unsere Angst vor der Angst. Auch die Wahl der Worte führt unweigerlich dazu, dass unsere Haltung zur Angst stets negativ belegt bleibt. Sie fördert überdies die Entstehung unbewusster Glaubenssätze wie; »Etwas aus Angst zu tun, ist schlecht, und etwas aus Liebe zu tun, ist gut.« Die fatale Schlussfolgerung für die Suche nach der eigenen Berufung ist dann: Wenn du etwas aus Angst tust, dann kann es nicht deine Berufung sein. Was für ein Bullshit! Sorry für die Ausdrucksweise!

Die Aussage »Angst verhindert das Leben« müsste in Bezug auf ein sinnerfülltes Leben eigentlich heißen: »Mit unserer Angst vor der Angst verhindern wir das Leben, wenn wir Angst vermeiden wollen, vermeiden wir im Grunde das Leben selbst.«

»Entweder du tust etwas aus Angst oder aus Liebe« müsste eigentlich umformuliert werden in: »Entweder du tust etwas, um Angst zu vermeiden, oder du tust etwas, weil du es liebst, selbst wenn du dabei Angst hast.«

»Angst ist das Gegenteil von Liebe« müsste eigentlich heißen: »Verantwortungsbewusst genutzte Angst dient der Liebe.«

Es gibt zwei Möglichkeiten, mit der Angst umzugehen

Bewusst und verantwortlich oder unbewusst und unverantwortlich. In der Regel tun wir Letzteres, weil wir in unserer Gesellschaft nicht lernen, mit unseren Gefühlen und damit auch mit unserer Angst umzugehen. Wir haben gelernt, dass Angst etwas ist, was unbedingt vermieden werden muss. Deshalb haben wir uns einen Mechanismus zugelegt, der sich »die Angst vor der Angst« nennt. Die Angst vor der Angst führt dazu, dass wir noch nicht einmal unseren großen Zeh über die Grenze des uns Bekannten schieben, um zu prüfen, wie es sich dort draußen anfühlt. Sie lässt uns schön dort verweilen, wo es gemütlich, vermeintlich sicher und bekannt für uns ist – selbst wenn uns dieser Bereich verhasst ist oder uns von unserem eigentlichen Potenzial abschneidet.

Berufung leben heißt die Komfortzone verlassen

Berufung ist, auch wenn das gerne behauptet wird, noch lange kein elementarer Bestandteil unserer aktuellen Arbeitskultur. Es geht um Status, Sicherheit und Überleben – nicht um Leidenschaft, Talente oder sich in den Dienst von etwas Größerem zu stellen. Das heißt, um deine Berufung zu leben und dein Ding zu machen, musst du höchst wahrscheinlich das Mainstreamdenken zumindest zu einem Teil verlassen. Das heißt in der Konsequenz, um deine Berufung zu leben, musst du deine Komfortzone etwas erweitern, denn die Möglichkeiten, die eigene Berufung zu leben, liegen außerhalb des Gewöhnlichen. Sie liegen damit in der Regel außerhalb deiner Komfortzone. Es wird also ein bisschen unbequemer in deinem Leben, wenn du nicht mehr mit der großen Masse schwimmen kannst. Sobald du auch nur an den Rand deiner Komfortzone stößt, wirst du ganz natürlicherweise Angst fühlen.

Freunde dich mit der Angst an

Diese Angst will dir eigentlich dienen, um vorsichtig und kreativ Neuland zu entdecken – nämlich das Neuland dessen, wie es geht, dein Ding zu machen. Die konditionierte Angst vor der Angst erzählt dir aber etwas anderes. Sie ist ein unbewusster Automatismus, der dich umgehend wieder einen Schritt zurück machen lässt, sobald du an den Rand deiner Komfortzone stößt, um die Angst, die in diesem Moment natürlicherweise auftritt, zu vermeiden. Es gibt aber keine Erweiterung deiner Komfortzone ohne Angst. Also finde dich damit ab und freunde dich mit deiner Angst an!

Es ist die Angst vor der Angst, also der hartnäckige Versuch, Angst so gut wie möglich zu vermeiden, der dich davon abhält, das zu tun, was dir wirklich wichtig ist.

Die Angst vor der Angst ist nämlich keine echte Angst, kein Gefühl, das uns wertvolle Informationen gibt und uns nützt, sondern ein emotionales Programm, das wir teilweise von anderen (beispielsweise unseren Eltern) übernommen haben und teilweise durch eigene Erfahrungen aus unserer Vergangenheit gespeist wird – das aber wenig mit der aktuellen Realität zu tun hat. Dennoch ist es so stark und unbewusst, dass es uns daran hindert, unser Ding zu machen. Es ist Teil des Betriebssystems Überleben.

So machst du dir den Weg frei!

Du machst dir deine Angst vor der Angst bewusst. Du verkabelst das Gefühl Angst in deinem Mindset neu, indem du die konditionierte Sichtweise, dass Angst negativ ist, gegen eine nützlichere Sichtweise austauschst: Angst ist Angst und somit neutral. Sie ist eines deiner nützlichen Grundgefühle und dient dir mit Information und Kraft zum Handeln. Du machst eine Zeit lang Gefühlsarbeit, um deine Angst vollständig in Besitz zu nehmen. Sobald du gelernt hast, deine Angst in ihrer reinen Form (also unvermischt) bis zu einer Intensität von hundert Prozent bewusst zu fühlen und auszudrücken, erweckst du die archetypische Kraft des Schöpfers in dir. Diese Schöpferkraft nutzt du dann aktiv, um das Neuland deiner Berufung zu betreten – Schritt für Schritt, wach, vorsichtig und kreativ. Du brauchst deine Angst, um dein Ding zu machen.

Die Mind-Changer-Fragen

  1. Wie ist deine Beziehung zum Gefühl Angst? Welche Geschichte über Angst trägst du in dir?
  2. Womit hast du Angst in deinem Verstand verkabelt? (Zum Beispiel:  gefährlich, Risiko, Lebensgefahr, Ohnmacht, Starre, …)
  3. Besitzt dich deine Angst noch oder hast du sie schon in Besitz genommen?
  4. Glaubst du noch daran, dass es so etwas wie Sicherheit wirklich gibt und dass die Angst irgendwann verschwindet?
  5. Was wäre in deinem Leben alles möglich? Was könntest du alles tun, wenn du keine Angst vor der Angst hättest?
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