Die Blickwinkel-Kanone

“Da steh ich nun, ich armer Tor, und bin so klug als wie zuvor.” das sagte schon Goehte. Wer kennt sie nicht, die Ideenleere nach einem ausführlichen Brainstorming? Gerade bei Dienstleistungen und Prozessen empfiehlt sich aber eine ganz andere Methode …

Brainstorming ist weit die weit verbreitete Krativitäswaffe – doch oft wird sie vollkommen überschätzt. Damit meine ich nicht die Methode als Theorie, sondern deren praktische Umsetzung. Alex F. Osborn war durch seine Tätigkeit als Werber mit Kreativität vertraut. Er hat diese systematisch in Systeme übersetzt. Das Brainstorming war ursprünglich ein Verhaltenskodex für Meetings, um diese effektiver und produktiver zu gestalten. Seine theoretische Auseinandersetzung mit Kreativität ging so weit, dass er in den 1950er-Jahren die gemeinsam mit anderen gegründete Werbeagentur BDO (später BBDO) verließ und das Institut »Creative Education Foundation« gründete, das als erstes Institut für kreative Problemlösung gilt. Im Rahmen dieser Institutstätigkeit entwickelte er 1957 eine Methode zur systematischen Modifikation und Erweiterung von Produkten, Dienstleistungen oder Prozessen. Hierbei werden zehn unterschiedliche Prozesse einbezogen, die auf das Produkt angewendet werden. Diese Idee wurde dann 1997 von Bob Eberle zur SCAMPER-Liste erweitert und mittlerweile noch weiter zur SCAMPERR-Liste ergänzt. Welche Ansatzpunkte fallen Ihnen noch ein, Ihr Produkt, Ihre Dienstleistung oder Prozesse lateral anzugehen?

Die Osbornsche Liste:

1. Etwas einem anderen Zweck zuführen, etwas übertragen

Ein Produkt, das ursprünglich für eine bestimmte Aufgabe bestimmt war, übernimmt eine andere Funktion. Diese Methode ist sehr gut auf Dienstleistungen und Prozesse übertragbar. Als Beispiel dient das Smartphone, das ursprünglich zum Telefonieren gedacht war. Heute ist es ein Computer für die Hosentasche.

2. Etwas modifizieren

Die Modifikation ist die klassische Weiterentwicklung bei gleichzeitiger Funktionsänderung oder -verbesserung. Die Entwicklung der Inlineskates aus den Produktvorgängern Rollschuhe und Schlittschuhe stehen stellvertretend für dieses Prinzip. Man nimmt ein bekanntes Produkt, wie zum Beispiel Rollschuhe, und modifizieren diese von zwei Spuren auf eine. Dies entspricht dem Funktionsprinzip des Schlittschuhs. Eine ähnliche Modifikation, nur in die andere Richtung, gibt es bei Motorrollern. Durch die zunehmende Enge in unseren Großstädten hat sich das Zweirad als Fortbewegungsmittel etabliert. Der Motorroller ist durch seine im Fußbereich geschlossene Bauweise besonders beliebt. Allerdings sind nicht alle Personen, die diese Art der Fortbewegung nutzen wollen, im Besitz eines Motorradführerscheins. So kommt es zur Modifikation des Rollers, indem an der vorderen Achse ein weiteres Rad montiert wird. Jetzt darf er auch mit einem »normalen« Autoführerschein bewegt werden. Andere Produktvorteile sind nachgeschoben. Die Notwendigkeit der zweiten Spur führt somit zu einer neuen Kategorie, für die es anderweitig keine Notwendigkeit gegeben hätte.

3. Etwas adaptieren

Zur Adaption finden sich zahlreiche Beispiele in der Bionik. Die Natur dient als Vorbild und Systeme, Materialien oder Verfahren werden auf vom Menschen gemachte Produkte übertragen.

4. Etwas vergrößern

Skalierung ist die Domäne der Verbohrten. Es geht nicht nur um eine reine Skalierung, also das Up- oder Downsizing. Mit der Skalierung ist auch immer mindestens eine weitere Veränderung oder Anpassung an die neuen Umstände verbunden, die außerhalb der Größenproblematik liegt.

5. Etwas verkleinern

Die Nanotechnologie ist die Königsdisziplin der Verkleinerungsverfahren. Dadurch, dass wir heute Mechanismen im Atombereich herstellen können, lassen sich viele klassische, mechanische Verfahren herunterskalieren und eröffnen damit völlig neue Wege. Beispielsweise sind das Verfahren in der Medizin, bei denen kleine Nanoroboter, wie Kehrmaschinen durch die Adern geschickt werden und dort Ablagerungen mechanisch entfernen und diese auch gleich abtransportieren (Fiedler 2015). Abgeschaut aus der Kanalreinigungstechnik.

6. Reihenfolge ändern

Das Verändern der Reihenfolge ist ein bewährtes Mittel und führt oft zu erstaunlichen Ergebnissen. Ein markantes Beispiel ist das Grundverhalten innerhalb von Marketingsystemen. Während zu Beginn der modernen Marktwirtschaft das Marketing vom Produkt beziehungsweise von der Produktion her gedacht wurde, gehen moderne Marketingstrategien vom Kunden aus. Der Kunde muss heute nicht mehr nehmen, was es gibt, sondern bestimmt aktuell durch sein Kaufverhalten, welche Produkte hergestellt werden. Dies wird sich zukünftig noch weiter verschärfen, da Kunden und Unternehmen durch 3-D-Druckverfahren in Lage sind, individuelle oder zumindest individualisierte Produkte selbst herzustellen.

7. Etwas umkehren

Der Gabelstapler hat die Lenkung hinten. Das führt zu hoher Wendigkeit. Den Effekt kennen Sie auch vom rückwärts Einparken. Allerdings ist der Geradeaus­lauf katastrophal. Für ein Auto ist eine Hinterachslenkung eher ungeeignet; für Gabelstapler, die keine hohen Geschwindigkeiten erreichen, aber extrem wendig sein müssen, ideal. Warum das System nicht mal umkehren?

8. Etwas ersetzen

Ein vorhandener Baustein wird durch einen anderen ersetzt. Nicht in der Entwicklungsstufe, sondern durch ein neues oder anderes Bauteil.

Eine Draisine war im Grunde ein Gestell mit zwei Rädern, einem Sitz und einem Lenker. Also ein Tretroller, auf dem man sitzen konnte und dadurch schnell vorwärtskam. Das Laufen wurde später durch eine Treteinheit ersetzt. In der weiteren Folge durch einen Motor. Das Ganze hieß jetzt Mofa. Motorfahrrad. Mittlerweile hat dieses System wieder eine Ergänzung erfahren, den elektrischen Zusatzmotor, der Sie beim Treten unterstützt.

9. Etwas kombinieren

Die Kombination stellt die klassischste Variante von all den Möglichkeiten dar. Ja, sie ist vielleicht die Grundlage für Neuentwicklung und Innovation. Sie nehmen mindestens zwei bekannte Dinge und kombinieren diese und schon haben Sie etwas Neues. Joggen und entspannt Musik hören. Beides Dinge, die für sich keine Erfindung der 1980er-Jahre waren. Joggen hieß zwar noch Dauerlauf, und tragbare Radio-Kassetten-Rekorder hatten die Ausmaße eines Überseecontainers. Die Entwickler bei Sony machten sich ans Werk und kombinierten Musikhören und Laufen. Es ist ein weiterer Schritt nötig. In diesem Fall war das die Verkleinerung. Soweit das damals technisch möglich war. Der Walkman wurde erst 2015 eingestellt. Die Weiterentwicklungen, der MP3-Player und der iPod, sind der technischen Entwicklung in Bezug auf Datenspeicherung zuzuschreiben. Die eigentliche Innovation durch Kombination war der Walkman.

10. Transformieren

Betrachten Sie Ihr Produkt als Arbeitstitel und versuchen Sie es auf andere Ebenen zu transformieren. Was passiert beispielsweise mit meinem Buch “Organisierte Kreativität”, wenn es ein Musikstück wird oder eine Zeichnung? Die Transformation entspricht in etwa der Transferleistung. Der Übertragung eines Sachverhaltes auf andere Bereiche.

Die zehn Punkte der Osbornschen Liste sind oft eine Kombination unterschiedlicher Ansätze und manchmal nicht klar zu unterscheiden. Darum geht es bei der Kreativleistung auch nicht. Es geht um die Blickwinkeländerungen und die alternativen Möglichkeiten, wie die Welt auch sein könnte, wenn sie anders wäre. So ist es wenig verwunderlich, dass Sie wahrscheinlich nicht viele Verwirrte treffen, die Ihnen die Osbornsche Liste fehlerfrei herunter­beten können. Wahrscheinlich haben die wenigsten von SCAMPER überhaupt gehört. Aber sie werden diese Methoden trotzdem automatisch und unbewusst anwenden. Weil sie laterale Denkstrukturen haben, die diese Punkte sowieso einschließen. Osborns Leistung lag damit nicht in der Erfindung der Liste, sondern vielmehr in der Extraktion der Erkenntnis.

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