Ich habe mich oft gefragt, wie es sein kann, dass Menschen einfach über Jahre nur funktionieren. Wie kommt es dazu, dass wir als erwachsene, reflektierte Menschen es zulassen, uns derart auszupowern, bis Energie und Freude verschwinden, Beziehungen leiden und selbst der Schlaf uns verlässt? Und warum wir all das so weit treiben, bis nur noch Erschöpfung bleibt. Erst dann fragen wir uns, was diese ganze Stressspirale eigentlich sollte, und versuchen mühsam, zu unserem eigentlichen Ich zurückzufinden. Das klingt doch unvernünftig. Das kann die Natur doch so nicht gewollt haben. Oder doch?
Doch es scheint so, als wolle die Natur das so – und, wie so oft, aus vermeintlich guten Gründen. Ich möchte hier zwei psychologische Modelle ins Spiel bringen, die bei der Abwehr gegen Veränderung eine Rolle spielen:
Es kann nicht sein, was nicht sein darf
Leon Festinger (1919–1989) war einer der prägendsten Sozialpsychologen des zwanzigsten Jahrhunderts. Er wurde berühmt für ein Phänomen, das wir ständig erleben, ohne zu wissen, dass es einen Namen hat: die »kognitive Dissonanz«.
Festinger forschte ab Mitte der 1950er-Jahre zur Frage, was passiert, wenn unsere Überzeugungen, unser Verhalten und unser Selbstbild nicht mehr zusammenpassen. Er beobachtete in Studien und Feldforschungen (unter anderem mit Sektenmitgliedern, deren Weltuntergangsprophezeiung ausblieb), dass Menschen enorme geistige Verrenkungen unternehmen, um Widersprüche auszublenden. Sein Fazit: Der Mensch erträgt innere Widersprüche schlecht und tut fast alles, um sie zu reduzieren (Festinger 1957).
Es erzeugt psychische Spannung, die wir als unangenehm erleben, wenn das Gehirn sich mit zwei widersprüchlichen Informationen auseinandersetzen, sie einordnen, integrieren und emotional verarbeiten muss. Außerdem bedrohen innere Widersprüche unser Selbstbild und bedeuten Destabilisierung, also Gefahr. Der Körper sagt daher: »Zu anstrengend – lass es bleiben!«
Kognitive Dissonanz erklärt, warum wir Warnsignale ignorieren, Überlastung schönreden, an alten Mustern festhalten, Selbstbilder verteidigen, die uns längst erschöpfen, und Veränderung vermeiden, obwohl diese nötig wäre.
Anpassen! Komme, was wolle
Bruce McEwen (1938–2020) war ein Pionier der Stressforschung und Neuroendokrinologie. Er zeigte, wie chronischer Stress messbar Körper und Gehirn verändert.
Ein zentraler Gedanke dabei: Unser Körper ist nicht auf dauerhafte Ruhe ausgelegt, sondern auf Anpassung. Unter Belastung stellt er immer wieder ein neues Gleichgewicht her – kurzfristig hilfreich, langfristig jedoch nicht ohne Preis. McEwen prägte dafür den Begriff »Allostatic Load«, die chronische Überbeanspruchung unseres Stresssystems, wenn Belastungsreaktionen zu häufig oder zu lange aktiviert bleiben (McEwen 1998).
Unser System versucht zunächst, das bestehende Gleichgewicht so lange wie möglich zu halten. Es kompensiert und passt sich an, weil Veränderung zunächst zusätzliche Energie kostet. Solange ein Zustand noch irgendwie tragfähig erscheint, gibt es aus Sicht des Organismus keinen zwingenden Grund, ihn aufzugeben. Erst wenn die Belastung des alten Zustands höher wird als die Energie, die eine Neuorientierung erfordert, kippt die Bilanz. Dann wird Veränderung zur ökonomisch sinnvolleren Variante. Genau das passiert in der Phase der Erschöpfung: Der Preis des Durchhaltens wird höher als der Preis der Veränderung.
Welchen Sinn hat das? Unsere Stresssysteme entstanden in einer Welt, in der Bedrohungen kurz, konkret und oft lebensgefährlich waren. Das Gehirn musste in Sekunden entscheiden, ob wir fliehen, kämpfen oder uns schützen. Es ist darauf ausgelegt, sofort zu reagieren und nicht langfristig zu reflektieren. Der Auftrag lautet: Überleben hat Vorrang vor Wachstum.
Das Problem ist aber: Unsere heutige Welt erzeugt Stress ohne Ende – chronischen Druck, der nie als »Gefahr vorbei« markiert wird. Unser System ist dafür nicht ausgelegt. Es kann nur das tun, was es gelernt hat: akut stabilisieren, auch wenn es langfristig kostet.
Die Kunst, sich dem Angstgegner zu stellen
Wenn unser Stresssystem also evolutionär auf kurzfristige Gefahrenabwehr ausgelegt ist, nicht aber auf chronischen Dauerstress, welche Möglichkeiten haben wir dann überhaupt, uns vor dem Ausbrennen zu schützen? Was können wir tun, um frühzeitig und proaktiv gegenzusteuern, wenn wir in Inkohärenz geraten – und zwar möglichst, bevor unser System zusammenbricht?
Wenn es eine zentrale Botschaft dieses Kapitels gibt, dann diese: Wir sollten nicht warten, bis wir zu erschöpft sind, um etwas zu verändern. Die meisten von uns spüren die ersten Dissonanzen viel früher. Wir nehmen sie nur nicht ernst.
Phase zwei und drei sind keine unvermeidlichen Vorstufen des Zusammenbruchs, sondern Einladungen zur Kurskorrektur. Wer sie erkennt, kann handeln, bevor das System die Notbremse zieht.
Da wir aber nun mal evolutionsbiologisch auf Durchhalten und Anpassen ausgerichtet sind, braucht es einen bewussten zusätzlichen Energieeinsatz, wenn wir uns auf die Reise zur inneren Kohärenz machen wollen.
Dazu gehört:
- Kohärenz als tägliches Übungsfeld praktizieren: sich immer wieder innere Klarheit schaffen – Spannungsfelder der Inkohärenz analysieren und befrieden. Dieses Buch zeigt dir einen Weg dorthin.
- Frühwarnsignale erkennen und ernst nehmen. Das Kleinreden und Wegwischen von Erschöpfungs- oder Inkohärenz-Signalen ist nicht erlaubt. Das bedeutet, in regelmäßigen Selbstkontakt zu treten, um Dissonanzen aufspüren zu können.
- In Resonanz mit anderen gehen: privat und im Team Beziehungen pflegen, sich ehrlich spiegeln und einen Raum erlauben, in dem Erschöpfung und Verletzlichkeit ansprechbar gemacht werden können.

Sabine Wöller begleitet Menschen dabei, aus innerer Klarheit heraus wirksam zu führen. Aus eigener Erfahrung weiß sie, wie leicht man sich in Perfektionsdruck und Erwartungen verstrickt. Nach über zwanzig Jahren in leitenden Positionen in der internationalen Pharmaindustrie machte sie innere Klarheit zu ihrem Erfolgsprinzip. Heute setzt sie sich als zertifizierte systemische Coachin und Beraterin für eine authentische Führungskultur ein – und stärkt Menschen und Organisationen darin, mutig, resilient und zukunftsfähig zu handeln.

