Überflüssiges Wissen, das weg kann

Der neue Nationale Bildungsbericht zeichnet wieder einmal ein düsteres Bild. Der Grund, so die herrschende Meinung : »Nutzloses Wissen, das man später im Beruf nicht braucht«. Die logische Folge: Leistungsverweigerung.

Und was ist wichtig? Schweigen. Bestenfalls wird Resilienz, Empathie oder mentale Gesundheit gefordert, damit die Schüler ihre Gefühle, ihr Leben in den Griff bekommen.

Und was ist das für ein Menschenbild das Wissen unter den Vorbehalt ökonomischer Verwertbarkeit stellt? Was ist aus dem humanistischen Leitmotiv »Wissen ist Freiheit« geworden?

Es gab Zeiten, da war das Erlernen gewisser Fähigkeiten einsichtig, weil überlebenswichtig: Jagen, Fallen stellen, Feuer machen, Wetter lesen. Überlebenswichtiges Wissen von heute sind die sogenannten Kulturtechniken – schlicht: Lesen, Schreiben, Rechnen. Die abstrakte Basis für alles.

Dreisatz, Prozentrechnung, Trigonometrie, Logarithmus, Stochastik und Exponentialfunktionen sind Rüstzeug. Wer diese Konzepte verstanden hat, behält ein Gespür für Größenordnungen und kann Informationen in einen Kontext einordnen und logisch denken.

Das Sezieren klassischer Texte ist training für den Geist. Es schult das Antizipieren von Texten und das Erkennen von Botschaften zwischen den Zeilen. Und was man nicht präzise formulieren kann, kann man auch nicht denken. Und Fremdsprachen lernen bedingt das Verständnis der eigenen Sprachstruktur.

Wilhelm von Humboldt wird der Satz zugeschrieben: »Wer keine Vergangenheit hat, hat keine Zukunft.« Die Vergangenheit ist der Bauplan des Jetzt. Wer Geschichte ignoriert, reduziert das Leben auf Konsum, den Augenblick – fast schon tiergleich. Geschichtsbewusstsein ist das intellektuelle Gegengift gegen den Zeitgeist.

Physik beschreibt, wie die Welt funktioniert; Chemie, wie sie zusammengesetzt ist; Biologie wie die Natur funktioniert. Wie soll man fundiert über Atomkraft, regenerative Energien mitreden, wenn nicht einmal Grundbegriffe wie Radioaktivität, Halbwertszeit, Widerstand, induktive Last oder Energieerhaltungssatz kennt? Wer hier blank ist, ist intellektuell hilflos.

Topografie, Wetter, Klimazonen sind kein unnützes Wissen. Es versetzt erst in die Lage, komplexe Debatten über Klimawandel oder Ressourcenknappheit differenziert zu beurteilen.

Schule ist Learning by Example. Der Unterrichtsstoff ist Hilfsmittel, um das Gehirn zu aktivieren, das Durchhaltevermögen – auch gegen innere Widerstände – und die Frustrationstoleranz zu trainieren und die Selbstwirksamkeit zu fördern.

Die Aufgabe der Schule ist nicht den Wissensspeicher für den spätere Arbeitswelt zu füllen, sondern kognitives Training. Bildung befähigt, systemische Zusammenhänge zu erkennen, in die Zukunft zu denken, vorwegzunehmen. Es gibt keine Bildung ohne Wissen.

Allgemeinwissen und Bildung sind unerlässlich, um sich nicht jeden Bären aufzubinden. Bildung macht wehrhaft gegen Populismus, Propaganda und Marketing.

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