Frohes Fest

Ein weiteres bewegtes und anstrengendes Jahr geht zu Ende. Ein Jahr, das wieder einmal unsere Grundfeste ins Wanken brachte. Vor allem erlebten wir wieder Menschen, die voll frenetischer Überzeugung für eine Sache kämpfen, den Blick starr nur auf das eine Ziel gerichtet, die Welt in schwarz und weiß, gut und böse einteilend. Doch wo soll das hinführen?

Der Philosoph Prof. Dr. Hans-Georg Gadamer sagte einmal:

Bildung ist die Fähigkeit, die Welt aus der
Perspektive eines anderen zu sehen.

Und genau darum geht es. Wenigstens versuchsweise die Perspektive des Anderen – falsch liegenden – einzunehmen. Erst dann werden sich Polarisierungen auflösen und verstehbar werden. Und vor allem sollten wir dabei eins bedenken – womit wir wieder bei Gadamer sind:

Der Andere könnte recht haben.

Diese Zeilen, haben wir vor Jahren schon einmal so ähnlich gepostet. Und was hat sich seitdem geändert? Irgendwie beschleicht uns der Eindruck: nicht viel.

The same procedure as every year. Das Thema wechselt, der Reflex bleibt:

Wir gut. Du nicht.
Wir haben recht. Du liegst falsch.
Wir sind mehr. Also haben wir recht.
How dare you!

Der erste Schritt fürs neue Jahr: Polarisierungen auflösen

Verständnis statt Verurteilung: Erst die versuchsweise Einnahme der Perspektive des »Anders-Liegenden« macht die Welt des Anderen verstehbar. Es geht nicht darum, ihm sofort Recht zu geben, sondern zu verstehen, warum er glaubt, im Recht zu sein.

Die finale Erkenntnis, dass »Der Andere könnte recht haben«, ist ein Akt der größten intellektuellen Demut und die Grundlage für echten Dialog und eine offene Gesellschaft.

Anstatt zu verurteilen, sich auf der richtigen Seite zu wähnen erstmal inne halten. Abstand gewinnen. Zuhören. Was ist, wenn der andere doch Recht hat? Ihr könnt natürlich auch sofort – unterm Weihnachtsbaum – beginnen.

Vielleiecht schmeckt der vegane Braten wirklich besch…, wie Onkel Hans sagt.

Vielleicht hat Oma Gerda doch Recht, wenn Sie darauf besteht, dass die Bescherung genau um 19:00 Uhr beginnt, obwohl die Kinder lieber vor der Playstation sitzen würden. Vielleicht ist sie nicht dominant. Vielleicht machen für sie Struktur und Pünktlichkeit den emotionalen Höhepunkt (die Bescherung) erst möglich.

Die intellektuelle Anstrengung des Perspektivwechsels ist kein optionaler philosophischer Luxus, sondern als dringend notwendiger, fundamentaler erster Schritt zur Auflösung gesellschaftlicher Verhärtungen anzusehen. Das Weihnachtsfest ist der ideale, wenn auch anspruchsvolle, Übungsplatz dafür.

Ein Weihnachtsfest ganz nach deinen Wünschen. Komm gut ins und durchs neue Jahr 2026.

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