Pragmatische Zukunft – Warum wir die graue Realität so hassen

»Not macht erfinderisch.« Not zwingt zum Pragmatismus. Viele große Errungenschaften sind aus der Not geboren – sie sicherten das Überleben. Das Feuer ist ein klassisches Beispiel: Statt auf einen Blitz zu warten, der zufällig einen Baum trifft – quasi auf göttliche Gnade zu hoffen – entwickelten wir Techniken, mit der wir jederzeit Feuer entzünden können. Genau das ist verdammt pragmatisch.

Eine pragmatische Zukunft basiert auf Machbarkeit, physikalischen Fakten und ökonomischen Realitäten. Sie verzichtet auf monothematische Weltbilder und utopische Träumereien. Was bleibt, ist pure Ingenieurskunst oder Realpolitik.

»Ja aber – Technik kennt keine Moral!« Stimmt. Doch Ideologie kennt ebenso wenig Moral – sie bemüht sie nur, wenn es passt.

»Ideologien sind niemals an der Wahrheit interessiert,
sondern immer nur an der logischen Konsistenz ihrer eigenen Vorurteile.«

Hannah Arendt

Warum sind Ideologien für viele so viel verlockender als eine nüchterne, realistische Zukunft?

Sie bieten in einer unfassbar komplexen Welt einfache Erklärungen: ein klares Schwarz-Weiß-Schema von Gut gegen Böse, Retter gegen Zerstörer. Das beruhigt. Wer sich einer „heiligen Sache“ verschreibt, darf sich moralisch überlegen fühlen und über Unzulänglichkeiten, Sinn- und Logikbrüche hinwegsehen.

»Ideologien leben von der Katastrophe und der Erlösung.«

Ideologen stehen auf der richtigen Seite der Geschichte. Die Gruppe gewährt Belohnung und Zugehörigkeit – wer zweifelt, wird ausgestoßen. Der Drang nach Zugehörigkeit siegt meist über den Drang zur Wahrheitssuche. So bleibt die Ideologie rein und unwiderlegbar.

Warum hat die Idee einer realistischen Zukunft es so schwer?

Sie bietet keine emotionale Heimat. Sie ist kühl, kompromissreich und orientiert sich nicht an Wünschen, sondern am Machbaren – vielleicht ein bisschen darüber hinaus. Sie ist oft langweilig, kennt keine Helden, keine großen Erlösungsgeschichten und keinen Topf voll Gold am Ende des Regenbogens.

Das ist ihr Problem: Eine realistische Zukunft ist grau, aber funktional. Sie ist weniger glänzend, als wir hoffen, aber stabiler, als wir befürchten.

Wir sind biologisch auf Überleben programmiert,
aber psychologisch auf Sinnstiftung.

Genau darin liegt das Dilemma: Die graue, funktionale Zukunft ist das, was uns am Leben hält. Die bunte, ideologische Utopie ist das, was die Massen mobilisiert.

Glaubst du, dass wir als Gesellschaft dieses Dilemma lösen können?

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