Was du nicht siehst

Wir leben in einer Welt der Bilder. Wen ergreifen nicht große flehende Kinderaugen, das Grauen von Menschen auf der Flucht, von halb verhungerten Menschen, von brennenden, weit entfernten Städten? Doch genau hier beginnt das Problem.

Unser Gehirn kommt aus einer Welt, in der Bilder Beweise waren. Das, was unsere Augen gesehen haben, war unmittelbar in unserem Umfeld. Es war nicht abstrakt – es war wirklich da: bedrohlich, überprüfbar und meist spürbar. Es gab keine Bildarchive, keine KI, die täuschend echte Bilder – ganze Filmsequenzen – produziert. Und hier beginnt das Problem. Die biologische Lücke: Unser Gehirn ist auf dem Stand der Steinzeit, während die Medienwelt bereits in der Hyperrealität angekommen ist.

Unser Gehirn kann den Unterschied zwischen Mattscheibe und Realität im ersten Moment nicht trennen. Was wir sehen, ist wahrhaftig.

Ein kleiner Witz: Ein Pope, ein Atheist und ein Agent sitzen zusammen in einer Kneipe. Der Pope sagt: »Ihr müsst auch glauben, was ihr nicht seht.« Darauf antwortet der Atheist: »Ich glaube nur, was ich sehe!« Der Agent schmunzelt und sagt: »Ich glaube auch nicht, was ich sehe.«

Heute sind Bilder nicht viel mehr als Behauptungen. Es ist ein Leichtes, uns mit Bildern vor den Karren zu spannen.

Das Auge ist der leichteste Zugang, um die Vernunft zu umgehen.

 Früher mussten wir lernen, zwischen den Zeilen zu lesen. Heute müssen wir lernen, „hinter die Pixel“ zu schauen. Die Fähigkeit des Agenten – also die bewusste Distanz zum eigenen Seheindruck – wird von einer zynischen Eigenschaft zu einer notwendigen Überlebensstrategie für unsere psychische Gesundheit.

Der Agent sagt dabei noch etwas anderes – aus eigener Erfahrung: Die Bilder lassen sich erschaffen – selbst zu weniger ergreifenden Momenten. Ein Beispiel: Inszenierte Massendemos, die als »Graswurzelbewegung« gelabelt sind (Astroturfing) und eine breite gesellschaftliche Akzeptanz für oder gegen etwas simulieren. Fertig ist das Bild für die Abendschau.

Der Geist glaubt, was das Auge sieht.

In Zeiten von Deepfakes und generativer KI muss der Geist erst einmal lernen, dem Auge zu misstrauen, um zumindest die Unwahrheit zu erkennen. Es ist fast paradox: Um die Realität nicht zu verlieren, müssen wir anfangen, wie der Agent zu denken – ohne dabei den Empathie-Verlust zu erleiden, den die „großen flehenden Kinderaugen“ eigentlich in uns ansprechen sollten.

Für unsere Psyche kommt hinzu, dass uns nicht alles, was wir sehen, unmittelbar betrifft. Wir machen uns einen Kopf über Probleme, die uns mental belasten, aber unsere Lebensrealität nicht betreffen – im extremsten Fall so nie existiert haben. Früher war ein brennendes Haus ein Signal, wegzulaufen oder zu helfen. Heute brennt ein Haus auf einem Display, das 5.000 Kilometer entfernt ist – oder in irgendeinem Rechenzentrum – und unser Körper schüttet trotzdem Cortisol aus.

Wir werden ohnmächtig, da wir auf Bilder reagieren, als wären sie reale Bedrohung, wir aber physisch nicht handeln können. So entsteht Lähmung und wir leiden an Problemen, die nicht unsere sind und die wir nicht lösen können.

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