Zahlen lügen doch!

Wir haben gelernt, dass Mathematik die einzige unbestechliche Wahrheit ist. Aber wer die Formel kontrolliert, kontrolliert die Erzählung.  Wo früher das Wort Gottes galt, steht heute die Statistik eines Instituts. Zahlen sind der neue säkulare Ersatz für Offenbarung – wer sie hat, besitzt die Deutungshoheit. Doch Zahlen sind nicht die Wahrheit. Sie sind die Leinwand. Das Framing bestimmt das Bild.

Zahlen sind faszinierend. Der Durchschnitt, ein Median, die Mehrheit. Das klingt gut, plausibel. Das wird schon stimmen. Wer kennt sie nicht? Die Zahl 97%. Woher kommt diese überragende Mehrheit von 97%? Nehmen wir eine Befragung von 12.000 Wissenschaftlern eines Faches:

  • 63 % sind unentschlossen (weder A noch B).
  • 36 % sind für A.
  • 1 % ist für B.

Klingt nach einem unklaren Bild, oder? Nicht für einen Profi im »Meinungs-Design«. Man lässt die Unentschlossenen einfach weg. Das nennt man wissenschaftlich »Bereinigung der Datenbasis«. Plötzlich entsprechen die 37 % (A+B) der neuen Grundgesamtheit von 100 %. Das Ergebnis: »Überwältigende Mehrheit von 97 % für A!« Die methodische Isolierung der Mehrheit ist perfekt. Katzen würden Wiskas kaufen.

Der Werkzeugkasten der Täuschung

Das Präzisions-Paradoxon: Wenn knapp gewonnen zum uneinholbaren Vorsprung wird waren die Designer am Werk. Aus wissenschaftlichen aber schwachen 50,14% werden mehr als die Hälfte. Oder man benutzt Zahlen als Scheingenauigkeit um über eine schwache Datenbasis hinwegzutäuschen. Doch die zweite Nachkommastelle rettet eine verbogene Wahrheit vor dem aufmerksamen Betrachter nicht.

Die Durchschnittsfalle: Ein Milliardär geht in eine Kneipe mit 49 armen Schluckern. Statistisch ist jeder in diesem Raum ist ein »durchschnittlicher« Multimillionär . Die Realität? Immer noch 49 arme Schlucker. Der Median läge bei Null, aber der Durchschnitt »framed« den Erfolg.

Relativ vs. Absolut: »Das Risiko steigt um 100 %!« klingt nach Panik. Dass es faktisch nur von 1 auf 2 Personen pro Million stieg, verschweigt der Frame gerne.

Cherry-Picking: Der Startpunkt der Grafik bestimmt die Wahrheit. Möchte man Wirtschaftswachstum zeigen, beginnt man die Grafik am Tiefpunkt einer Rezession. Möchte man Krisenstimmung erzeugen, beginnt man am historischen Allzeithoch. Durch das Abschneiden der Vorgeschichte – den Kontext – wird eine kurzfristige Fluktuation als langfristiges Gesetz verkauft.

Unser Gehirn schaltet bei Tabellen und Kuchendiagrammen oft in den »Akzeptanz-Modus«. Während wir bei Worten sofort nach der politischen Agenda suchen, betrachten wir Mathematik als objektive Schiedsrichterin.

Wissenschaft ist wichtig. Doch das, was uns als Wissenschaftskommunikation präsentiert wird, ist oft pures Marketing.

Zahlen sind wie Zeugen vor Gericht:
Wenn man sie lange genug foltert, gestehen sie alles.

(Ronald Harry Coase war ein britischer Wirtschaftswissenschaftler)
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