Zwischen Reiz und Reaktion

Wenn schon der Begriff der Tugend in der heutigen Zeit als antiquiert erscheint, wie kommt dann erst die Mäßigung daher? Wohl als doppelt aus der Zeit gefallen. Während Mut und Mitgefühl eine positive Stimmung in sich tragen, kommt die Mäßigung als elterliche, beinahe imperative Aufforderung zu Rücksichtnahme, Bescheidenheit und Verzicht daher. Warum und wie dies gut für einen selbst oder die Welt sein soll, erschließt sich dem Verzichtenden kaum.

Das Wort Mäßigung ist eine Ableitung des mittelhochdeutschen »maeßigen«, was so viel wie »abmessen, ermessen, begrenzen« bedeutet. Das Maß bezeichnet immer auch die »richtige Menge« von etwas.

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Mäßigung
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Die Mäßigung ist dann als ein innerer wie äußerer Vorgang zu verstehen, in dem eine Einstellung, ein Gefühl und in der Folge ein Verhalten auf das richtige Maß gestutzt, begrenzt oder reduziert werden, um eine unliebsame Konsequenz eines Übermaßes, zum Beispiel des Übermuts, zu verhindern.

In der Mäßigung zeigt sich gerade nicht eine züchtigende Entsagung oder eine konformistische Kontrolle von Bedürfnissen, sondern deren Selbstregulation zum eigenen wie zum fremden Wohl. Wer in der Lage ist, sein Verlangen und Begehren im Zaum zu halten, der bewegt sich nicht nur auf dem Weg der Meisterschaft in Selbstführung, sondern er erfährt Freiheit – Freiheit von den Zwängen, die sich aus Verlangen, Begehren und neuzeitlichem Haben-Wollen ergeben.

Mäßigende Perspektiven

Die Mäßigung ist ein Tor zur Selbstregulation. Und dieses Tor öffnet den Weg zur Freiheit, die eine »Freiheit von« ist. Was meine ich damit?

Der Mensch wandelt immer auf einer Wahrnehmungslinie mit zwei Polen. Wir tragen immer beide Pole in uns. Den Teil, den wir nicht zum Ausdruck bringen können oder wollen, nennen wir hier Schatten.

Wie auf jeder Linie mit zwei Enden muss es auch eine Mitte geben. Nach Aristoteles und seiner »Nikomachischen Ethik« ist die Mäßigung der Lehrmeister für diese Mitte: »Die Mitte liegt zwischen zwei Schlechtigkeiten, dem Übermaß und dem Mangel«.

»Freiheit von« bedeutet, dass die Einübung der Mäßigung uns befähigt, nicht zu weit auf eine Seite der Wahrnehmung und des Verhaltens zu fallen. Die Mäßigung öffnet den Raum zur Lücke zwischen Reiz und Reaktion, zwischen Low Road und High Road.

Mäßigung und Zorn

Die Tugend der Mäßigung hilft uns, den Zorn zu zügeln. Ein Affekt ist eine abrupte und intensive Gefühlswallung, die häufig zu einer unmittelbaren, körperlichen Aktion führt. Der Zorn ist eine Affektform, die als Reaktion auf eine als hochemotional eingeordnete Grenzverletzung, Zurückweisung oder Ungerechtigkeit auftritt und den Körper in den Kampfmodus versetzt. Am Ende dessen steht nicht selten ein destruktives Verhalten. Es sei denn, wir sind in der Lage, eine Lücke zwischen Reiz und Reaktion zu kreieren. Genau hier setzt die Mäßigung an. Mit unserem Schlüssel aus Bewusstsein und Körper lehrt uns die Mäßigung, die emotionale Wallung wahrzunehmen und sie zu halten, ihr nicht nachzugeben. Durch die zeitliche Lücke wechsle ich von der Low Road in die High Road. Vernunft und Verstand schalten sich ein und eröffnen im besten Fall einen weisen Weg zu einer angemessenen Reaktion. Das Feuer der Wut wird reguliert.

Mäßigung und Völlerei

Wenn es die Mäßigung als Tugend gibt, dann muss es auch einen Gegenspieler geben, der sich als Maßlosigkeit zeigt. Dieser Gegenspieler ist die Völlerei. Die Völlerei, die im Lateinischen mit dem Wort »gula« für »Hals, Schlund« ausgedrückt wird, steht für die menschliche Charakterschwäche, »den Hals nicht voll zu bekommen«. Die Maßlosigkeit führt zu Unzufriedenheit, die ungestillte Lust zu Unbefriedigtheit. Die Mäßigung als Tugend fordert dazu auf, das Verlangen nach der Beseitigung eines Mangelempfindens wie Hunger, Durst, Nähe, Sex, Liebe, Glück und Erfolg, zu regulieren. Es geht bei ihr nicht um züchtigende Verbote, sondern um die Wiederherstellung der inneren Ordnung, um den Einklang aus Begehren und Widerstehen. Dieses Maß, diese innere Mitte, ist der Raum bewusster und freier Entscheidungen.

Du und deine Mäßigung

Der Mensch ist nicht perfekt und doch streben nicht wenige nach Perfektionismus und damit in Richtung eines Pols. Die Tugend der Mäßigung ist das optimale Übungsfeld für das Herstellen einer Ausgewogenheit zwischen den Polen. Sie trainiert die Selbstregulation innerer, affektiver, schattengetriebener Impulse und ist zu Recht eine der vier Kardinaltugenden.

Die folgenden Reflexionsfragen helfen dir, ein Gefühl dafür zu finden, wie es mit der Mäßigung als charakterlicher Fähigkeit bei dir bestellt ist. Nimm dir sechzig Minuten Zeit. Beantworte alle Fragen und Selbsteinschätzungen in einem Rutsch. Wähle einen inspirierenden Ort. Stell sicher, dass du nicht gestört wirst. Kein Handy! Achte darauf, dass du ausreichend zu trinken hast. Sei ehrlich!

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