Es gibt Prinzipien für Präsentationen und Vorträge, für die Technik benötigt wird. Andere benötigen Mut. Manche benötigen Vorbereitung, Material oder eine ausgefeilte Dramaturgie. Und dann gibt es Prinzipien, die scheinbar ganz einfach sind und dennoch eine erstaunliche Wirkung entfalten. Eines davon ist für mich das bewusste Arbeiten mit Sprache, mit dem Wort. Dafür brauchst du nichts außer einer gehörigen Portion Aufmerksamkeit, einem wachen Geist, einem offenen Ohr und Mut. Oder anders gesagt: Worte beim Wort nehmen.
Wir verwenden täglich Hunderte von Begriffen. Wir sprechen von Verantwortung, Vertrauen, Begeisterung, Entwicklung, Nachhaltigkeit, Veränderung oder Erfolg und gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass wir wissen, was diese Worte bedeuten. Wer hat diese Woche nicht das Wort Change in den Mund genommen? Doch gerade, weil wir sie so häufig benutzen, hinterfragen wir sie oft nicht mehr. Sie werden zu sprachlichen Möbelstücken. Sie stehen im Raum oder wir tragen sie weiter, räumen sie um. Sie sind eine Art von Mobiliar geworden – Worte als Möbelstücke, die wir nicht mehr explizit wahrnehmen. Und genau das ist ein spannendes Spielfeld.
Denn immer wieder stelle ich fest, dass in vielen Worten bereits eine Geschichte verborgen liegt und ich ihrer Bedeutung gerne nachgehen möchte. Ich möchte hellhörig dafür werden, was dieses Wort bedeutet, was ihm innewohnt. Das ist vielleicht eine besondere Haltung, eine Erkenntnis. Oft höre ich eine Art Einladung.
Irgendwann begann ich, über Worte zu stolpern. Es waren nicht die komplizierten Fachbegriffe, sondern ganz alltägliche Begriffe. Worte, die wir alle kennen. Worte, die wir täglich benutzen. Manch ein Vorbild oder Lehrer öffnete mir weiter die Augen. Im Zuge einer Vortragsvorbereitung hörte ich beim Wort »Verantwortung« genauer hin. Insbesondere die Vorsilbe hatte es mir angetan. Da fielen mir andere Worte mit der Silbe »ver« ein: sich versprechen, sich verlaufen, sich verirren.
Wie oft sprechen wir davon, Verantwortung zu übernehmen? Doch was bedeutet das eigentlich? Wer eine Antwort gibt, gibt eine Antwort. Wer Verantwortung übernimmt, nimmt die Folgen dieser Antwort auf sich.
Oder nehmen wir die Crazy Days, eines meiner Lieblingsformate. Das Wort »crazy« wird meist mit »verrückt« übersetzt. Das Wort »verrückt« nehme ich gerne beim Wort.
»Verrückt« bedeutet zunächst einmal gar nicht »wahnsinnig«. »Verrückt« bedeutet, dass etwas ver-rückt wird. Etwas wird verschoben, eine Sicht, eine Perspektive. Und genau darum geht es bei den Crazy Days. Es geht um das Verrücken der eigenen Führungsprinzipien. Ein augenöffnendes Beispiel ist die Szene »Zimmerverwüstung« (auch »Das schiefe Bild«) – diese ganz bekannte Loriot-Szene. Er will ein Bild, welches ein klein wenig schief hängt, nur etwas verrücken, und doch hat diese kleine Aktion enorme Folgen. Weil bereits die kleinste Verrückung Auswirkungen auf das gesamte System haben kann. Dieser Eindruck bleibt hängen.
Sprache enthält erstaunlich viele solcher Schätze.
Nehmen wir das Wort »Begeisterung«. Wer begeistert ist, ist be-geistert. Da scheint plötzlich etwas Geistvolles mit dabei zu sein. Etwas hat uns womöglich erfasst und trägt uns über das Normale hinaus.
Oder »Vertrauen«. Vertrauen beginnt mit »trauen«. Wer vertraut, der traut sich. Wer vertraut, geht ein Risiko ein. Wer vertraut, weiß eben auch nicht alles. Sonst bräuchte er kein Vertrauen. Aber er wagt etwas, indem er vertraut.
Auch »Entwicklung« bekommt eine neue Bedeutung, wenn man das Wort einmal genauer betrachtet. Ent-wicklung. Etwas wird ausgewickelt. Etwas wird sichtbar, das vorher verborgen war. (Hier könnte ich mich auch sichtbar aus einem Seil herauswinden, um zu zeigen, wie sehr ich eingewickelt war.)
So könnte im Kontext von Entwicklung der Eindruck entstehen, dass es vielleicht weniger darum geht, etwas Neues zu erschaffen, als vielmehr darum, etwas freizulegen, das längst vorhanden ist, aber erst von Verwicklungen und Verstrickungen gelöst werden muss.
Besonders spannend finde ich das Wort »Entscheidung«. Ent-scheidung. Etwas wird geschieden. Da wird etwas getrennt, abgetrennt. Wer sich entscheidet, entscheidet sich immer auch gegen etwas. Aber eben auch für etwas. Ein Prozess des Scheidens, des Trennens.
Deshalb fallen Entscheidungen vielen Menschen vermutlich auch so schwer. Sie müssen andere Möglichkeiten loslassen.
Auch das Wort »Nachhaltigkeit« lohnt einen zweiten Blick. Wenn etwas nachhaltig sein soll, was genau soll denn eigentlich halten? Und wie lange? Ein Jahr? Zehn Jahre? Hundert Jahre? Und dann – bei dieser Zahl von hundert Jahren –: Wer will das denn überprüfen? Plötzlich wird aus einem häufig verwendeten Schlagwort wieder eine echte Frage.
Ein weiteres Wort, das ich gern in Führungskräftetrainings verwende, ist »Mitarbeiter«. Mitarbeiter. Nicht Unter-, Neben- oder Zuarbeiter. Einer, der mitarbeitet. Klingt jetzt, so beim Lesen, sehr selbstverständlich, oder? Denn viele Führungsprobleme beginnen genau dort, wo Menschen nicht mehr miteinanderarbeiten, sondern aneinander vorbei oder gegeneinander.
Auch das Wort »Begegnung« hat für mich eine besondere Qualität. In einer Begegnung kommt uns etwas entgegen, da kommt etwas auf uns zu. Und vielleicht sind bestimmte Begegnungen deshalb besonders spannend. Vielleicht berühren uns manche Begegnungen deshalb so tief. Weil uns darin etwas begegnet, mit dem wir nicht gerechnet haben.
Ein weiteres Lieblingswort von mir ist »beseelt«. Wenn ein Mensch beseelt ist, scheint etwas in ihm zu wohnen. Eine Kraft. Eine Lebendigkeit. Etwas, das größer ist als bloße Motivation. Vielleicht spüren wir deshalb sofort, ob jemand nur spricht oder ob jemand wirklich beseelt von einer Idee, einer Aufgabe oder einem Anliegen ist.
Oder nehmen wir den Begriff »Beruf«. Beruf stammt von Berufung. Und damit taucht sofort eine interessante Frage auf: Wann wurde aus einer Berufung eigentlich nur noch ein Beruf? Und an welcher Stelle des Weges haben manche Menschen den Kontakt zu ihrer ursprünglichen Berufung verloren?
Das Schöne an diesem Prinzip ist, dass es keine Technik benötigt. Es braucht lediglich Aufmerksamkeit und die Bereitschaft, Worte nicht nur zu benutzen, sondern ihnen zuzuhören. Denn Sprache transportiert weit mehr als Informationen. Sprache transportiert Weltbilder, Erfahrungen, Haltungen, Geschichten. Es erzeugt Spannung und Interesse, bei einem einzigen Wort innezuhalten und genauer hinzuschauen, um einen Gedanken sichtbar zu machen, für den sonst zwanzig Folien notwendig wären.
Deshalb gehört das bewusste Arbeiten mit Sprache für mich nicht zu den Methoden, sondern zu den grundlegenden Prinzipien wirksamer Präsentationen. Es ist eine Haltung. Eine Art, auf die Welt zu schauen. Und eine Einladung, die eigene Sprache wieder ernst zu nehmen. Denn erstaunlich oft steckt die eigentliche Botschaft bereits im Wort selbst.

Barbara Messer, CSP, Horizonautin, international ausgezeichnete Rednerin, mehrfache Trainingspreisträgerin und Autorin von über 25 Büchern. Sie vereint Fachwissen (BBA, diverse Fachweiterbildungen, systemischer Coach, NLP-Trainer etc.) mit Herz (gelernte Altenpflegerin, Clown, Nia Brown Belt). Kleeblattfinderin, Tausendsassa, Visionärin, Mentorin für Transformation. Ihre Vielfalt inspiriert Menschen – klug, kreativ und grenzenlos.

Dr. Stephen Wagner ist Science Trainer, Präsentations-Coach und Redner. Der führende Experte für Science Pitch, Rhetorik und Wissenschaftskommunikation war auf 6 Kontinenten, in 13 Ländern und 56 Städten unterwegs. Er ist zertifizierter Online-Trainer, im BDVT-Präsidium und VSAI-Botschafter. Als Geograph und Naturwissenschaftler weiß er, wovon er spricht. Sein Motto: Hol dein Wissen raus aus der Blackbox und rein in die Köpfe und Herzen deines Publikums!

