Selbstführung im Team ohne Chef – geht das wirklich?

Viele Unternehmen verfolgen das Ziel, Führungspositionen zu reduzieren und mehr Selbstführung im Team – ohne Chef – zu ermöglichen. Dies soll ein Klima schaffen, in dem sich Mitarbeiter wohler fühlen, in dem Freiheiten, Augenhöhe und Wir-Gefühl zu Leistung motivieren.

Früher war die Welt noch in Ordnung. Man wusste was zu tun ist (bzw. hat es gesagt bekommen) und im Team fühlte man sich wohl. Wenn einem da nur nicht der Chef im Nacken säße; die Arbeit kontrolliert und ständig Verbesserungsvorschläge einfordert oder die nächste Leistungssteigerung zum Ziel macht. Den Kollegen konnte man vertrauen, in der Regel zumindest, nur gegenüber dem Chef musste man in Habachtstellung sein. Tolerierbar, denn der Chef tauchte nur ein, zweimal die Woche auf.

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Selbstführung im Team ohne Chef!

Und heute? New Work, agiles Arbeiten, überall soll das Team gestärkt werden. Hört sich eigentlich gut an – weg mit dem Chef im Nacken. Und dann soll es auch mehr Freiheit geben, Dinge selbst zu entscheiden. Flexibilität, was die einzelnen Tätigkeiten und Methoden angeht und sogar Möglichkeiten, Arbeitszeit und -ort zumindest teilweise frei zu wählen.

Ein Blick in Organisationen, die Führung tatsächlich abschafften (zumindest auf Teamebene) und Teams sich selbst organisieren lassen, müsste eigentlich die Wunderwelt des New Work offenbaren. Tatsache ist aber, dass die individuelle Freiheit in der Regel ähnlich eingeschränkt ist wie in traditionellen Organisationen.

Wo zuvor Aufgaben und Arbeitsbedingungen mit einem Chef verhandelt wurde, werden sie jetzt mit mehreren Kollegen verhandelt. Und wie sieht es aus ohne Chef im Nacken? Alle erleichtert? Auch nicht. Ziele müssen erreicht werden, nach wie vor. Auch wenn das Team diese nun teilweise selbst setzt. Kontrolliert wird auch noch immer, im Team. Und was passiert, wenn jemand nicht die erwartete Leistung bringt? Wer konfrontiert? Wer fordert Verbesserung oder eine Veränderung ein? Wer ist jetzt der Bad Cop? Und was macht das aus dem Team, in dem man sich bisher wohl fühlte und zusammenhielt, gegen den „gemeinsamen Feind“?

New Work macht einiges besser. Anderes nicht. Und wieder anderes wird zwar weniger bürokratisch und Wege kürzer, doch es wird komplexer und „zwischenmenschlicher“ in seiner Natur.

Die Chance und Herausforderung liegt darin, neu freigeworden Handlungsspielraum bewusst und aktiv zu nutzen und gemeinsam Arbeit gestalten. Auch Vielseitigkeit in der Arbeitsgestaltung zu erlauben, statt von einem Korsett ins andere zu wechseln.

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