Obsession: Die gefährliche Faszination der De-Kontextualisierung

Harald Welzer beschrieb in seinem Buch »Selbst Denken« ein Phänomen, das uns – gerade gegenwärtig – immer wieder um die Ohren fliegt: Obsession. In einem Hotel, in dem gerade auch ein Onkologenkongress stattfand, unterhielten sich zwei Wissenschaftler am Frühstücksbuffet fasziniert über einen Tumor, seine Oberfläche und seine beeindruckende Größe – als wäre er ein Kunstwerk. Dass dieser Tumor einen Menschen getötet und Leid verursacht hat, all das scheint für diese Wissenschaftler nicht zu existieren. Sie sind fasziniert von ihrem Forschungsgegenstand – losgelöst vom Kontext. Das mag wissenschaftlich notwendig sein, aber es ist auch gefährlich.

Da sitzt der »Experte« – sei es ein General, ein Politikwissenschaftler eines Thinktanks oder ein politischer Militärexperte in einer Talkshow – und schwadroniert über Krieg und Strategie. Obsessiv, eindimensional. Sie liefern das, wofür sie bezahlt werden: Komplexitätsreduktion und die Illusion von Beherrschbarkeit. Die Obsession wird zur »Expertise-Show«, und der Zuschauer konsumiert diese Eindeutigkeit dankbar und gruselnd.

Die Alternativen, die die Experten diskutieren, sind Taktiken. Es gibt bestenfalls Varianten einer militärischen Lösung. Die »Strategie« selbst verkommt zur bloßen »Rechenaufgabe«, während die existenzielle Frage nach Frieden gar nicht mehr im Koordinatensystem vorkommt.

Was hier stattfindet, ist die Dekontextualisierung durch Spezialisierung. In der Soziologie und Psychologie nennt man das elegant »instrumentelle Vernunft«. Der Gegenstand der Betrachtung wird so sehr ins Zentrum gerückt, dass sein Zweck oder seine Auswirkung verschwindet. Expertise wird inhuman; es findet eine moralische und ethische Entkoppelung statt. Sie ersetzt letztlich Politik durch Technokratie.

Die Militärexperten sind dabei das perfekte Beispiel für die Verschiebung von der Strategie zur Taktik. Die Frage nach effektiven Truppenbewegungen oder Waffensystemen blendet die Frage nach zivilen Alternativen aus.

Die Logik dahinter: Man hat nur einen Hammer. Und jedes Problem ist ein Nagel. Gleichzeitig wird diese Obsession als alternativloser »Realismus« präsentiert. Wer noch von Frieden oder Diplomatie spricht, wird bestenfalls als »naiv« oder »uninformiert« geframed. So wird die technokratische Verengung zum alternativlosen Status quo erhoben.

Die Welt ist zu wichtig, um sie den Experten zu überlassen.

Doch wenn du bei all diesen Obsessionen noch etwas Befremdliches spürst, ist dein gesundes Korrektiv noch intakt. Die menschliche Empathie rebelliert gegen technische Logik. Denn spätestens wenn Tod oder das Leid eines Menschen oder einer Gesellschaft als bloße Variable in Kauf genommen werden, ist die Expertise vielleicht fachlich korrekt, aber moralisch blind.

Woran merkst du in Debatten, dass der Kontext verloren geht? Ist es die Kälte der Sprache oder die Einseitigkeit der Argumente?

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