Klauen Sie, aber richtig!

Innovatoren sind häufig nicht die genialen Tüftler und Erfinder, die man sich in romantischen Fantasien vorstellt. Ihre Hauptfähigkeit besteht darin, das Beste zu stehlen, was es gibt, und daraus etwas Neues zu machen. Der wahrscheinlich bekannteste Dieb war Thomas Alva Edison, der Erfinder des elektrischen Lichtsystems.

Und er gab es auch noch offen zu: »Ich bin ein guter Schwamm, denn ich sauge Ideen auf und mache sie dann nutzbar.« Edison setzte noch einen drauf: »Ideen müssen nur in Bezug auf das zu lösende Problem neu sein.« Nicht einmal das Konzept der Glühbirne, mit der Edison heute assoziiert wird, stammte von ihm. Wilhelm Göbel, ein deutscher Einwanderer, hatte schon mehr als zwei Jahrzehnte vor Edison an der Glühbirne gearbeitet. Obwohl es rechtlich nie einwandfrei geklärt wurde, gehen Historiker heute davon aus, dass Edison das Konzept einfach geklaut hat.

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Auch der verstorbene Apple-Chef Steve Jobs war stolz darauf, ein Dieb zu sein: »Gute Künstler kopieren, großartige Künstler stehlen«, zitierte er Picasso in einem Interview. »Bei Apple haben wir stets schamlos Ideen gestohlen.« Das Silicon Valley ist ohnehin ein Ort, an dem an jeder Ecke Ideendiebe lauern. Als die meisten Computer noch aus grüner Schrift bestanden, hatte Xerox das Konzept eines grafischen Desktops entwickelt. Apple klaute das Konzept bei Xerox. Microsoft rächte sich und klaute bei Apple. Der Rest der Geschichte ist bekannt.

Harvard Professor Clayton M. Christensen beschrieb 2009 im Harvard Business Review sechs sogenannte »Entdeckerfähigkeiten« erfolgreicher Innovatoren. Raten Sie, was auf Platz 1 steht? Assoziieren – die Fähigkeit, Fragen, Probleme und Ideen aus unterschiedlichen Bereichen miteinander zu verbinden. Man könnte es anders sagen: Klauen.

Hinter vorgehaltener Hand werden Sie an dieser Stelle vielleicht sagen: »Hüstel, hüstel. Das tun wir auch ab und zu.« Aber klauen Sie auch richtig? Klauen Sie das Beste, was der Markt zu bieten hat? Oder geben Sie sich mit dem zufrieden, was Sie gerade zufällig sehen?

Das Problem im Management ist nicht, dass zu wenig geklaut wird. Sondern nicht gut genug!

Wie in vielen Disziplinen gibt es auch in der Kategorie Ideendiebstahl die Amateure und die Spieler in der Champions League. Drei Dinge unterscheiden den Amateur vom professionellen Ideendieb:  Profis sind ständig auf Beutezug. Den Ideendieb der Champions League finden Sie überall: in Gesprächen mit Start-ups und anderen innovativen Managern, auf branchenfremden Kongressen oder auf Internetportalen, die nur mit viel Fantasie etwas mit dem eigenen Geschäftsmodell zu tun haben. Sie scannen ihr Umfeld – immer auf der Suche nach einem neuen Puzzlestück, das sie mit ihren eigenen Entwicklungen verknüpfen können. Und sie suchen dort, wo andere nicht suchen. Amateurdiebe hingegen sind wie Gelegenheitseinbrecher: Brauchen sie neue Ideen, suchen sie nach der nächstmöglichen Gelegenheit, die sie ohne viel Aufwand erschließen können – aber nicht nach der besten und lukrativsten.

Profis wollen verstehen, was sie mitnehmen. Echten Ideendieben genügt es nicht, fremde Ideen zu kopieren. Sie möchten wissen, welche Wege die Entwickler genommen haben, auf welche Hürden sie gestoßen sind und wie sie sie überwunden haben. Sie wollen verstehen, was funktioniert und was gescheitert ist. Und sie haben den Drang herauszufinden, welche Art von Menschen es braucht, damit die Idee nachhaltig funktioniert. Gelegenheitsdiebe hingegen betrachten nur das Offensichtliche. Sie kopieren Ideen, ohne sie durchdrungen zu haben – und wundern sich, dass die Kopie nicht so gut funktioniert wie das Original.

Profis nehmen nur das Tafelsilber. Warum alles stehlen, wenn nur ein Bruchteil wertvoll ist? Professionelle Ideendiebe schlachten Ideen aus wie ein Auto auf dem Schrottplatz, nehmen das Beste und setzen es mit dem Tafelsilber aus anderen Beutezügen neu zusammen. Das sichert eine hohe Qualität: Klauen und die Fehler der anderen weglassen.

Ob man es moralisch für gut befindet oder nicht: Klauen ist erlaubt. Schaut man sich die Rechtslage an, stellt man ernüchtert fest: Ideen genießen erst dann einen Schutz, wenn sie einen gewissen Reifegrad erreicht haben und beispielsweise patentierfähig sind. Oder, wenn Markenschutz beziehungsweise ein Geschmacksmuster angemeldet wurde. Doch selbst das hat Ideendiebe wie Edison nicht abgeschreckt. Er war Spezialist in einer Disziplin, die in Fachkreisen »Design Around« genannt wird: Technische Innovationen haarscharf um die bestehende Patentlage herum entwickeln. Man könnte den professionellen Ideendieben demnach noch eine weitere Eigenschaft hinzufügen: Sie klauen schlauer als die anderen.

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