Janusköpfe beim letzten Abendmahl

Europa geht unter. Ökologisch, ökonomisch, kulturell und überhaupt. Da bietet sich eine Zwischenbilanz zum Stand der Dinge an. Wem sind die Eier, die da aus dem Feuer zu holen sind, ins Nest zu legen? Klar, den Verantwortlichen. Doch wer sind die? Politiker? Firmenlenker? Aktivisten? Weit gefehlt. Ohne zu viel versprechen zu wollen. Ihr werdet euch wundern, wen ich als unsere zentrale Bedrohung entlarve. Ach ja, die eine oder der andere darf schon mal einen Spiegel bereitlegen. Aber lasst uns am Anfang starten.

Und es geht doch ums Geld

Neulich erwähnte mich Gabriele Feile in einem Beitrag bei LinkedIn. Sie bezieht sich darin auf Carmen Losmanns Reportage »OEKONMIA« , die bis zum siebten Februar 2022 in der 3Sat Mediathek abrufbar ist. Der Film veranschaulicht im Kern Folgendes. Unser Geldsystem zwingt die Wirtschaft zu stetem Wachstum. Dafür braucht es irgendjemand der sich wiederkehrend verschuldet. Irgendwo müssen die Zinsen ja herkommen. Da bald die dummen Individuen ausgehen, die das machen, springen unsere Staaten ein. Und weil der Teufel sein Geschäft stets dort macht, wo es schon streng riecht, werden einige Wohlständige noch wohlständiger usw. usw. Ihr kennt die Geschichte. Spannend ist, dass Frau Losmann auch erklärt, warum das den nötigen ökologischen Wandel aushebelt. Sie kommt zur einfachen Erkenntnis: Umwelt retten, hat zwar Sinn, bringt aber zu wenig Zinsen. Spätestens jetzt sollte der Sarkasmus in uns einen Lachkrampf bekommen. Es erinnert mich an eine Geste aus meiner Schulzeit. Da schlägt sich jemand mit der flachen Hand vor den Kopf und fragt laut: „Wie blöd kann man(n) sein?“ Am Ende des Films schließt die gesichtslose Protagonistin den Ordner »OEKONOMIA« und erstellt einen neuen »ALTERNATIVEN RECHERCHIEREN«. Doch bevor wir dahin kommen, will ich noch kurz erklären, wer sich jetzt von seinen vier Buchstaben erheben und anfangen sollte zu handeln.

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Dem Teufel an den Kragen

Märchen kennen Gute und Böse. In griechischen Dramen gibt es den Helden und seinen Widersacher. In fünf Akten bekämpfen sie sich, bis zum heroischen Sieg des Rechtschaffenen. Bei C.G. Jung finden wir empirisch nachgewiesen allgemeingültige Archetypen. Bücher, Filme und Marketing-Storyteller bedienen sich aus diesen Quellen für ihre Geschichten. Sie erzählen uns eine Welt, die diese Abgrenzungen schärft. So laufen wir durchs Leben und freuen uns, wenn die alteingeprägten Muster bedient werden. Also, wer sind die Bösen? Ganz klar, die Trumps dieses Planeten. Die Erdogans. Die Puntins. Die miesen moralisch toleranten Narzissten. Sie poltern oder schleichen im Schatten ihrer ethischen Flexibilität in die Schaltzentralen. So gelangen sie bis in höchste Positionen. Ohne Gemeinsinn. Ohne Rücksicht. Ohne Scham. So toll das klingt, so kurzsichtig ist es. Trump, Putin, Erdogan sind, bekennen wir es mit dem gebührenden Zähneknirschen: authentisch. Die spielen uns nichts vor. Die machen, was sie sagen. Wer denen folgt ist demnach selbst schuld. Also wer sind dann die Bösen?

Die Ahnungslosen an die Kandare 

Na die fahl positionslosen Mitläufer. Die (st)dummen Mehrheiten, an denen die Machtergreifung von Tyrannen abperlt wie Dreck an einer Lotusblüte. Die gesichtsgleichen Massen, die ihre bereits abgehangenen Körper jeden Tag auf’s Neue in die Kolloseen der Neuzeit schleppen. Die ihr Leben im Spiel mit Social Media verlieren und dabei ihr Innerstes an die Teufel der neoliberalen Postmoderne verkaufen. Die ob dieses virtuellen Spektakels Dinge wie geschnitten Brot kaufen, weil es ein aktuelles Modell gibt. Die „Ja“ sagen, da alles andere zu anstrengend wäre. Na das ist doch was. Der völlig überforderte Endverbraucher, der vergisst, seine Verantwortung an der Monopolkasse eines Multichannelverkaufsmonsters wahrzunehmen. Kann das der gesuchte Schuldige sein? Leider Fehlanzeige. Wir halten uns systematisch von möglicher Bildung zur Eigenverantwortlichkeit ab, weil unsere Wirtschaft auf eigenbewusst fühlende Menschen gerne verzichtet. Die verweigern am Ende noch den so dringend benötigten Konsum. So ist auch die Masse der Gleichgültigen in meiner Suche ohne klar zuweisbare Verantwortung. Aber wer bleibt dann? Na bitte, ihr habt keine Ahnung? 

Konformisten erhebt Euch

Es gibt Menschen, die unsere Systeme kennen und verstehen. Sie erklären uns auf LinkedIn, Instagramm, YouTube und anderen Kanälen, was so alles falsch läuft. Sie kapieren die komplexesten Zusammenhänge. Sie haben stets eine Weisheit parat. Und schauen wir genau hin, was arbeiten diese Leute? Sie sitzen in den Firmen auf Stabs-, Trainer-, Coaching-, Beraterstellen. Sie nennen sich »DieSaudiegeradedurchsDorfgejagtwird«-Evangelist. Sie sind mit progressiv klingenden Buchtiteln in den Bestsellerlisten. Und doch riskieren sie überhaupt nichts, um aus unserem kranken System heraus zu kommen. Denn damit setzen sie ihr Stück vom Wohlstand aufs Spiel. Ihren Konzerntagessatz. Ihre lieb gewonnenen Annehmlichkeiten. Sie sind die Hofnarren des untergehenden Abendlandes. Sie wissen, woher der Verwesungsgestank weht. Darüber versprühen sie eifrig das Parfüm der Intellektualität. Denn ihnen ist klar. Wenn die Armen schon lange Hungern, gibt es an der königlichen Tafel noch immer frisches Obst. Ja, ich spreche von unseren Experten. Von den Ökonomen, den Digitalisierern, den mit Doktor betitelten Philosophen, die in die Ohren der Narzissten flüstern. Denn ihr tragt die Verantwortung dafür, es in stillschweigendem Verständnis weiter geschehen zu lassen. Ja sogar noch schön zu reden. Und jetzt?

Die, die ihre Haut zu Markte tragen

Jetzt passt alle auf. Es gibt sie, die Menschen, die ihre eigene Haut riskieren. Die in Kauf nehmen, dass es schief geht. Die dafür belohnt werden, dass sie aussteigen, aus dem Spiel. Doch was ist ihr Lohn? Ich darf Firmen begleiten, deren Eigentümer den Mummenschanz verlassen. Die ihren Belegschaften gestaltende Verantwortung geben. Die die Ernte teilen. Ob sie reich ausfällt oder arm. Sie versetzen ihre Angestellten in die Lage, ihr Leben zurückzugewinnen. Das erzählen sie ihresgleichen. Anderen Unternehmern und Geschäftsführern. Von denen werden sie dann belächelt. Ob ihrer Gutgläubigkeit. Ihrem eklatanten Realitätsverlust. Doch der Kenner genießt und schweigt. Während die Übrigen zu viel vom Wein brauchen, um ihre eigene Maske schönzutringen, genießen sie ihn und ihr wiederlangtes Leben, in dem sie Zeit und Kraft haben, wirklich etwas zu ändern.

Und so frage ich. „Wollen wir weiterhin den Pfeifenspielern hinterherlaufen, deren Melodie so betörend schön klingt, dass sie uns den Blick verschleiert, auf dem Weg in unser Verderben?“ Ich weiß: „Wenn die, die es verstehen anfangen ihre Haut zu riskieren, kann die Welt tatsächlich zu dem schönen Ort werden, den wir uns allüberall versprechen.“

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