Das Tabu

Wir haben ein massives Problem in der Bildungsdebatte: Wir behandeln Bildung wie eine Ware mit Liefergarantie. Hier bei LinkedIn überschlagen sich die Aktivisten, die erklären, woran Schule respektive Lernen scheitert und mit welchen   Methoden sich die Probleme geschmeidig ausbügeln lassen. Viele von ihnen haben auch »Unterrichtserfahrungen« aus Dreitages-Schul-Workshops – nicht von  Schulrealität mit all ihren Niederungen.

#1 Falsche Lerninhalte: „Das braucht man später eh nicht.“
#2 Fehlende Empathie: „Zu wenig Wertschätzung und Kuschelfaktor.“
#3 Leistungsdruck: „Noten zerstören die Kreativität und Freude am Lernen“
#4 Moderne Technik: „Wir brauchen mehr Digitalisierung.“
#5 Individuelles Lernen: „Lernen im Gleichschritt ist von gestern.“

Wenn das alles gefixed ist, wird Lernen zur Leichtigkeit und Schule zum Vergnügungspark.

Wann haben wir eigentlich aufgehört, Bildung als Holschuld des Lernenden zu begreifen? Oder warum haben wir sie zur reinen Bringschuld der Lehrer erklärt?

Viele Protagonisten ignorieren etwas Entscheidendes: Nicht alle Menschen sind gleich intelligent, gleich talentiert, gleich aufnahmefähig, gleich leistungsbereit oder gleich leistungsfähig und gleich lernbereit. Sie suchen mit ihren »Lösungsansätzen« aber immer nur auf der Seite der »Lernanbieter«. Wer eine Mitwirkungsverantwortung der Bildungsabnehmer fordert bringt die Community in Rage.

Wissen kann man nicht konsumieren und wird auch nicht verstanden, nur weil Lehrkräfte cool genug sind, die neuesten Methoden anwenden und »digital first« zur Maxime erheben. Selbstbestimmtes Lernen bedeutet: Ein hohes Niveau an Selbstdisziplin, Lernfähigkeiten und Vorwissen. Wer diese Voraussetzungen nicht erfüllt, ist mit »Bearbeite mal deine Lernpakete!« völlig überfordert.

Statt Freiheit erzeugt die moderne Tablet-Schule Ungleichheit. Das Konzept „maßgeschneiderter Lernpakete“ ignoriert die Neurodidaktik und verkommt zur bloßen Massenlernhaltung. Schule ist kein Streichelzoo: Wahre Resilienz braucht Reibung statt Dauerlob. Wer keine Frustration erfährt und keine Widerstände überwindet, kann nicht über sich hinauswachsen.

Die Gaußsche Normalverteilung zu ignorieren, ist diskriminierend. Ein System, das so tut, als seien alle gleich, verweigert die nötige Unterstützung und ist dadurch exklusiv.

Wertschätzung heißt, individuelle Grenzen zu akzeptieren, statt Lehrer für das Scheitern politischer Genieversprechen verantwortlich zu machen. In einer Welt, die jeden zum Genie erklärt, wirkt diese Realität oft wie Diskriminierung.

Im Sport ist Leistungsdifferenzierung selbstverständlich: Niemand trainiert Dorfkicker und Bundesligatalente zusammen. In der Bildung hingegen ignorieren wir, dass auch beste Förderung und Wertschätzung fehlendes Talent nicht wettmachen können.

Warum soll das in der Schule nicht gelten? War früher vielleicht doch nicht alles schlecht? Wann ist unsere Gesellschaft falsch abgebogen?

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