Corona und die Angst – Wie gewaltfreie Kommunikation verbinden kann

Momentan erlebe ich die Diskussion um die Corona-Infektionen und -Maßnahmen als einen Positionskampf. Die Meinungen polarisieren. Der Riss zwischen den Lagern der Befürwortern und Gegnern, der gegen die Ausbreitung der Infektion getroffenen Maßnahmen wird sichtlich immer größer. Erklärungen, Fakten und Daten gibt es auf beiden Seiten genug. Doch ins Gespräch kommt man nicht …

Das erinnert mich an Diskurse in Krisen- bzw. Veränderungssituationen in Arbeitsteams. Faktenbasierte Begründungen wechseln mit Gegendarstellungen, Abwertungen der jeweiligen Argumente führen oft zu persönlichen Angriffen und Verletzungen. Zum Beispiel können alle  diejenigen, die den schon vor Corona gestarteten Versuchen beigewohnt haben,  agilere Arbeitsweisen in Unternehmen einzuführen, können ein Lied davon singen. Vordergründig geht es um Fakten, dahinter stecken vielfältige Ängste der Beteiligten.

Die Corona-Maßnahmen-Überzeugten werfen den ohne Masken Demonstrierenden fahrlässige Gefährdung der Mitmenschen vor. Die Demonstranten und deren geistige Mitstreiter antworten dieser Gruppe, dass diese sich mit entsprechend gefärbten Daten die unangemessenen Maßnahmen und so die außer Kraft gesetzten Grundrechte rechtfertigen. Damit würden sie sich erst Angst machen lassen und dann selbst welche schüren. Der Ton wird dabei zunehmend aggressiver. Der Grund dafür ist tatsächlich Angst. Nur eben auf beiden Seiten. Auf ganzer Linie und Bandbreite. In allen Gruppierungen. Die Debattenführung erinnert mich manchmal an ein Pokerspiel. Es geht um Tarnen und Täuschen, um eine „realere“ Glaubwürdigkeits-Position zu erhalten. Dabei will ich pauschal keine böswillige Absicht unterstellen. Der Beginn jeder Auseinandersetzung, sogar jeden Krieges, hat etwas mit Angst zu tun: Angst, nicht genügend beachtet zu werden. Angst, zu abhängig zu werden. Angst vor Veränderungen, vor Verlust nicht nur der Individualität und Bedeutung sondern letztendlich des eigenen Lebens.

Angst verbindet uns

Ich möchte nun – um im Bild des Kampfes zu bleiben-eine Lanze brechen für einen ehrlichen Umgang miteinander, wenn es um eigene Ängste geht. Zu erkennen, dass Ängste und deren Reduzierung Triebfedern unserer Sichtweisen, Argumente und auch Aggressionen sind. Egal auf welcher (Corona-)Seite wir auch stehen. Wut und Aggression sind immer Gefühle, welche Wertverluste begleiten. Und es gehen für viele gerade wichtige Werte unter. Oder sie werden zumindest infrage gestellt. Das ist die Realität. Und zwar die Realität jedes einzelnen, der oder die gerade wütend auf die anderen ist. Schon Epiktet stellte fest:

Es sind nicht die Dinge selbst, die uns beunruhigen, sondern die Vorstellungen und Meinungen von ihnen.

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Mein Anliegen ist es, dass wir uns alle diesen unterschiedlichen Realitäten stellen. Und das wir den anderen keine falsche Realität vorwerfen, sondern mit ihnen darüber sprechen, was uns beunruhigt. Was uns Angst macht. Denn wenn uns etwas verbindet, dann ist es die Angst. Auch wenn sie aus unterschiedlichen Realitäten entspringt. Rechthaben- das merken wir täglich- führt da offensichtlich nicht weiter. Ambivalenzen wird es immer geben. Auch übrigens in unseren eigenen Positionen! Das merke an mir gerade deutlich daran, dass ich mal mehr der einen, mal mehr der anderen Argumentation zuneige. Und es gibt immer einen Möglichkeitsraum jenseits dessen, was wir momentan denken. Es ist nur verdammt schwer, diese Perspektive einzunehmen.

Angstfrei und souverän kommunizieren

Ich selbst habe  bisher sehr leidenschaftlich-einseitig eher die Freiheit gegen die Corona-Angst verteidigt und auch schon mal verurteilt. Weitergekommen bin ich nur selten. Und dann waren es solche Mitmenschen, die entweder unsicher sich zur einen wie anderen Seite geneigt hatten oder solche, die schon vorher auf meiner Welle mitschwammen. Die „andere Seite“ habe ich meistens nicht erreicht. In dieser Situation fielen mir etliche ähnliche Situationen ein, welche ich als Trainer und Coach in unternehmerischen Kontexten erlebt habe. Widerstände, fällt mir ein, lassen sich nur überwinden, wenn sich die Beteiligten auf die Denk- Insel des anderen begeben. Wenn alle auf die grundlegenden Werte und Bedürfnisse eingehen, die die Realität (s.o.) des anderen Menschen, seine Position prägen. Wenn diese anderen Perspektiven nicht in den miteinander geführten Gesprächen ausgedrückt und gewürdigt werden, entstehen eben Ängste und danach Wut . Dann sprechen die Konflikt-Partner nicht darüber,  sondern verurteilen andere  als Spinner, Verschwörer, Angsthasen, bezeichnen sie als weltfremd, uneinsichtig oder sogar fahrlässig. Keine besonders gute Ausgangsposition, die eigenen Ängste und Sorgen wahrzunehmen, geschweige denn zu kommunizieren. Wie war das noch mal mit dem Kehren vor fremden Türen?

Erinnern wir uns doch an die Elemente der Gewaltfreien Kommunikation. Und ob wir es so nennen oder nicht: es geht doch darum, dem anderen wirklich die eigenen Bedürfnisse und Wünsche zu vermitteln. Die einen möchten mehr Spielraum bei der Arbeit, die anderen verwehren dies, weil sie ihre Bedeutung verlieren könnten. Die einen haben Angst vor überzogenen Kundenwünschen, die anderen vor dem Verlust der gleichen Kunden.  Die einen haben Angst, krank zu werden, die anderen davor, die Freiheit zu verlieren.

Gewaltfreie Kommunikation – guter alter Wein in neuen Corona-Schläuchen

Also geht es los, frei nach Marshall Rosenberg, dem Begründer der GFK: Ärger zeigt mir zwei Dinge; Ich bekomme nicht, was ich will und ich gebe jemandem die Schuld dafür“

Es ist zunächst einmal wichtig, nach dem Prinzip der GFK den eigenen Ärger zu reflektieren. Dabei folge ich den typischen Aspekten Beobachtung- Befinden- Bedürfnis-Wunsch/Bitte und baue noch zur besseren Einsicht in die eigene Realität den Faktor Kopfkino ein. Stellen wir uns dazu vor, Vertreter beider Pole der Corona-Debatte sitzen sich gegenüber. Herr K.  hat  Angst vor Krankheit und mithin auch vor denen, die diese Gefahr nicht ernst nehmen. Frau F. vertritt leidenschaftlich die Seite derjenigen, die Angst vor dem Verlust von Grundrechten und individueller Freiheit durch die getroffenen Maßnahmen haben. Sie hält Herrn K. für einen opportunistischen Mitläufer.


In unserem Beispiel beginnt Herr K. mit der Selbstreflektion.

Beobachtung:
Hier geht es darum, nur eigene sachliche mit den Sinnen wahrgenommene Beobachtungen zu erinnern.
„Ich sehe, dass auf den Demos und an den Stränden weder Masken getragen noch genügend Abstand gehalten wird“

Kopfkino:Welche Gedanken machen ihn wütend?

 „Die nehmen einfach keine Rücksicht. Sie gefährden sich und andere. Und dann gehen die Infektionszahlen nach oben. Und ich muss dann einen zweiten Lockdown mit all seinen wirtschaftlichen Folgen für mich und meine Familie in Kauf nehmen. Und, wer weiß, wenn sich immer mehr infizieren, stecke ich mich trotz ausreichend Schutz noch selbst an. Nur wegen diesen Chaoten.”

Bedürfnisse: Welche Bedürfnisse und Werte leiten ihn? Welche möchte er einfordern?
„Sicherheit, Fairness, Gesundheit, Stabilität, Freiheit ohne Lockdown, Wertschätzung…“

Befindlichkeit: Wie fühlt er sich, wenn diese Bedürfnisse angesichts der aktuellen Situation zu kurz kommen?
„enttäuscht, traurig, frustriert, ängstlich…“

Wunsch/Bitte: Welchen Wunsch bzw. welche Bitte könnte er zunächst an sich selbst haben?

 „Diese Bedürfnisse und meine Angst, krank und arbeitslos zu werden,  spreche ich in dem Gespräch mit Frau F. als erstes an. Ich bitte sie, diese Aspekte künftig zu berücksichtigen, wenn sie wieder auf die „Folgsamen“ schimpft und gegen die Maßnahmen demonstriert. Ich möchte dabei offen für ihre Ängste und Wünsche sein. Ich frage sie, ob sie meine Angst nachvollziehen kann.“


Gleichzeitig könnte sich Frau F. ähnliche Gedanken dazu machen.

Beobachtung:

„Ich höre vonseiten der Maßnahmen-Befürworter immer wieder Vorwürfe, wir wären fahrlässig und verantwortungslos. Die Zeitungen und Nachrichtensendungen berichten wenig oder gar nicht von anderslautenden Expertisen zum Pandemieverlauf.  Politiker und Medien  sprechen im Zusammenhang von Demos  von Verschwörern und Rechtspopulisten.“

Kopfkino: „Die Regierung macht mit Angst Politik. Sie wollen uns, die wir die Maßnahmen unangemessen finden und uns für die Einhaltung der Grundrechte einsetzen, verteufeln. Anderslautende  Meinungen, auch von namhaften Experten werden als Unsinn diffamiert. Wir werden von offizieller Seite mundtot  gemacht. Die Medien ziehen da am gleichen Strang.“

Bedürfnisse:„ (Meinungs-)Freiheit, Wertschätzung, Fairness, Anerkennung, Gleichwertigkeit…“

Befinden:„ ängstlich, frustriert, wütend, traurig…“

Wunsch/Bitte: „Ich möchte mit meinen Worten  bei Herrn K. dafür ein Verständnis erreichen, dass er unsere Wut versteht. Dazu spreche ich meine Ängste vor dem befürchteten Freiheitsverlust an. Und ich bitte ihn, mir dazu seine Meinung zu sagen. Und ich frage ihn, ob er meine Sorgen verstehen kann.“

Die Angst kommunizieren- was wünsche ich mir?

Danach kann ein Austausch zwischen den beiden Kontrahenten nach diesen einzelnen Kriterien stattfinden. Dabei ist die Reihenfolge egal. Viel wichtiger ist der so gelingende authentische Austausch der jeweils eigenen Sichtweisen, Befindlichkeiten und verletzten Bedürfnissen, die für die oft aggressive Auseinandersetzung verantwortlich sind. Dabei bleibt jeder souverän und offener für die andere Seite.

Dieses Skript liest sich sicher etwas gestelzt. Doch das liegt wohl auch daran, dass wir es nicht gelernt haben, diese Aspekte in unsere alltägliche Kommunikation zu integrieren. Angesichts einer zunehmenden  Polarisierung der Standpunkte zu den Corona-Maßnahmen ist es aus meiner Sicht gerade daher besonders sinnvoll und sogar notwendig, über diese Impulse aus der GFK  nachzudenken. Es geht auch nicht ums Überzeugen. Dann ist dieses Vorgehen zum Scheitern verurteilt.  Es geht um ein gewisses Maß von Verständnis beider konträrer Positionen!  Das Gespräch sollte auch nicht nach Schema F ablaufen. Dann wirkt es nicht mehr echt. Anfangs können die Aspekte als Leitfaden dienen

Breites Übungsfeld für wertschätzende Kommunikation

Diese Komponenten sind essentielle Bestandteile wertschätzender Kommunikation. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger. Und selbst wenn es nicht immer gelingen sollte, ein Eintauchen in die Sorgen und Wünsche des anderen ist allemal besser als eine ständig zunehmende Ausgrenzung, Diffamierung und Schuldzuweisung.

Dieses Ziel sollte noch viel mehr für Politiker gelten. Wenn wir selbstwirksame und verantwortungsvolle Bürger  sein wollen, können wir schon mal damit anfangen. Insofern bietet die Corona-Diskussion mit ihren deutlichen Polen ein gesellschaftlich breit angelegtes Übungsfeld für wertschätzende Kommunikation. Wenn wir wollen, kann diese Erfahrung ein wichtiger Impuls dafür sein, stärker Ängste und Wünsche miteinander auszutauschen als bisher. Sowohl in den Familien wie in den Unternehmen.

Drei Fragen zum Schluss

Alles vorher Geschriebene wird nicht funktionieren, wenn Sie eine der folgenden für mich essentiellen Fragen mit NEIN beantworten:

  1. Will ich den anderen verstehen und wertschätzen?
  2. Will ich, dass er mich versteht und wertschätzt?
  3. Will ich eine Einigung?
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