Noch nie war es so einfach, eigene KI-Anwendungen zu bauen. Ein paar Prompts, eine KI-Entwicklungsplattform – und schon steht der digitale Berater. Doch genau das ist das Problem: Was jeder bauen kann, ist austauschbar. Und was niemand kontrolliert, weckt Misstrauen. Wer Kunden zeigen will, dass seine KI-Lösung nicht unkontrolliert in einer Hexenstube entstanden ist, braucht mehr als guten Code. ISO 42001 liefert den Rahmen dafür. Und sie ist die erste ISO-Norm, die Unternehmen nicht aus Zwang einführen, sondern weil sie ein echtes Problem löst.
Wenn Sie Anfang der 2020er-Jahre ein Unternehmen gründen oder ein digitales Projekt starten wollten, brauchten Sie vor allem eines: Geld. Viel Geld. Oft sogar sehr viel Geld. Denn die technische Entwicklung war aufwendig und teuer – vorausgesetzt, Sie fanden überhaupt die passenden Fachkräfte. Das ist heute anders.
Mit Werkzeugen wie Claude Code, Lovable oder anderen KI-basierten Entwicklungsplattformen lassen sich innerhalb kürzester Zeit Lösungen entwickeln, für die es weder eine klassische IT-Abteilung noch ein großes Team aus ausgebildeten Entwicklerinnen und Entwicklern braucht. Die Zeit von der Idee bis zur marktfähigen Lösung hat sich dramatisch verkürzt.
Ein kleines Unternehmen kann heute mit wenigen Menschen digitale Lösungen und KI-Anwendungen entwickeln, für die früher ein Vielfaches an Personal, Zeit und Kapital notwendig gewesen wäre. Genau hier kommt KI-Management ins Spiel.
Beispiel: Der selbst entwickelte KI-Berater
Stellen Sie sich vor, Sie sind Consultant und entwickeln im Kundenauftrag mithilfe von Claude einen spezialisierten KI‑Berater. Ihr Kunde gibt diesem System Informationen, lässt sich Ergebnisse erstellen und nutzt diese möglicherweise als Grundlage für wichtige geschäftliche Entscheidungen.
Woher soll Ihr Kunde wissen, dass Sie diese Lösung verantwortungsvoll entwickelt haben? Dass Sie sich Gedanken über mögliche Fehler gemacht haben? Dass Risiken bewertet wurden? Dass klar ist, was die KI leisten kann – und was nicht? Und dass es Mechanismen gibt, um Probleme zu erkennen und darauf zu reagieren?
Genau an dieser Stelle wird ISO 42001 für junge und kleine Unternehmen interessant. Denn Ihr Kunde möchte wissen, ob er Ihnen vertrauen kann. Oder ob das, was Sie anbieten, irgendwie unkontrolliert in einer Art Hexenstube entstanden ist.
Ein weiterer Grund, warum ISO 42001 für die Vermarktung Ihrer Lösungen interessant ist: Digitale Tools alleine sind austauschbar. Theoretisch könnte das, was Sie getan haben – ein digitales Produkt mithilfe von Prompts zu entwickeln – auch jemand bei Ihrem Kunden tun. Wenn Sie mit Ihrer Lösung zugleich ein Stück KI-Management mit anbieten, sind Sie weniger austauschbar.
Schließlich geben Sie Ihrem Kunden ein mächtiges Instrument an die Hand. Er soll es bedienen, die Ergebnisse beurteilen und es am Ende auch verantworten. Ist es dann nicht logisch, dass Sie auch gleich Ihre Expertise im KI-Management rund um Ihr Produkt mit anbieten?
Eine gute KI-Lösung endet nicht beim Algorithmus. KI-Management kann ein integrierter Teil Ihres Angebots sein.
ISO 42001: Keine Norm wie alle anderen
ISO-Normen kennt man aus dem Qualitätsmanagement, Umweltmanagement, Informationssicherheitsmanagement oder Arbeitsschutzmanagement. Und die meisten Menschen, die jemals mit diesen Normen in Berührung gekommen sind, haben sich das nicht ausgesucht.
In der Regel gab es einen Kunden, der plötzlich eine Zertifizierung verlangte. Oder die ISO-Zertifizierung war Voraussetzung dafür, überhaupt an einer Ausschreibung teilnehmen zu können. Man beschäftigte sich mit der Norm also nicht unbedingt, weil man darin einen unmittelbaren Nutzen für das eigene Unternehmen sah, sondern weil jemand anderes es verlangte.
Bei ISO 42001 ist das anders. Diese Norm trifft auf ein ganz konkretes Problem, für das Unternehmen nach Lösungen suchen.
- Wie können wir künstliche Intelligenz möglichst schnell und umfassend nutzen, ohne dabei die Kontrolle zu verlieren?
- Wie verhindern wir Fehler, Missbrauch und ungewollte Folgen?
- Und wie schaffen wir bei Kunden, Beschäftigten und Geschäftspartnern Vertrauen in unseren Umgang mit KI?
ISO 42001 bietet dafür einen Rahmen. Nicht die perfekte Lösung für jedes Unternehmen und schon gar keine Garantie dafür, dass bei der Verwendung von KI nichts mehr schiefgeht. Aber eine Systematik, mit deren Hilfe Sie sich genau mit diesen Fragen auseinandersetzen können.

Mit zwölf Büchern (u.a “Digitale Disruption“. „Radikale Innovation) gilt Dr. Jens-Uwe Meyer als führender Vordenker und Keynote Speaker für Innovation und Digitalisierung. Er gehört zur exklusiven Riege der Meinungsmacher beim manager magazin. In seiner Promotion untersuchte er, was Unternehmen zu Innovation Leaders macht. Als Unternehmer entwickelt er heute Software, mit der Unternehmen und Organisationen zu digitalen Gewinnern werden.

