Das Phänomen, das selbst kluge Menschen alt aussehen lässt

»Nix Angst. Angst fressen Seele auf!«

Zitat aus dem Film1 von Rainer Werner Fassbinder (1945–1982),
einem deutschen Regisseur und Schauspieler

Rainer Werner Fassbinder hat mit dem Titel seines filmischen Sozialdramas eine Formel kreiert, die unverblümt das Ergebnis von Angst benennt, wenn diese ihre destruktive Seite zeigt. Die Angst sickert wie Gift in das Leben und zerstört Stück für Stück das Innerste des Menschen. Als Angst um den Arbeitsplatz, um Familie, um Gesundheit, um die Liebe frisst sie sich unaufhaltsam in den Kern der Persönlichkeit, dringt vor bis zum Sinn, zur Würde und schließlich zur Seele des Menschen.

Das Buch zum Thema

Company Mapping
» Mehr Infos & kaufen

Dieser seelenfressenden Dramatik steht die Angst als evolutionärer Sensor zur Identifikation und Überwindung potenzieller wie realer, das Leben bedrohender Situationen gegenüber. In diesem Kontext wird sie als warnende Emotion verstanden und wahrgenommen, die durch eine reale Bedrohung ausgelöst wird und nur für den Moment der Bedrohung wirkt. Ihre Wirkung besteht grundsätzlich darin, dass ein Selbstschutzreflex ausgelöst wird, der sich in drei existenziellen körperlichen Reaktionen zeigt, zu denen wir später noch kommen:

Fight – Flight – Freeze

Vereinfacht kann das Phänomen der Angst als eine Polarität der Wahrnehmung und Interpretation von Bedrohung verstanden werden, die von einem aktiven Pol, einem das Leben rettenden Warnsystem im Kontext einer realen, externen Bedrohung, bis zu einem passiven Pol, einem das Leben unmöglich machenden Kontrollsystem im Kontext einer eher fiktiven, nur als Bedrohung wahrgenommenen Situation reicht.

Die Paradoxie des Phänomens der Angst besteht darin, dass es Leben ebenso schützt wie unmöglich macht.

Oliver Dreber

Tauchen wir tiefer in dieses Phänomen ein, indem wir die Angst aus sprachlicher, evolutionsbiologischer und philosophischer Perspektive betrachten. Jede Perspektive eröffnet einen neuen Zugang zum Phänomen und hilft uns, die Angst vor der Angst zu verstehen und abzubauen.

Die sprachliche Perspektive

In diesem Buch werden wir uns vielen Phänomenen und Begriffen zuallererst über die Sprache nähern. Sprache ist der menschliche Versuch und das Vermögen, zu beschreiben, was ist. Und gerade die deutsche Sprache bietet mit ihrer beschreibenden Präzision einen wertvollen Zugang zum Verständnis der Welt. So trägt das Wort Angst durch seinen etymologischen Wortstamm eine vor allem körperliche Bedeutung in sich. Sein indogermanischer Stamm »ang(h)u« bedeutet »eng« oder »eingeengt« und führt über das althochdeutsche »angust« und das mittelhochdeutsche »angest« zur heutigen Angst. Es ist verwandt mit dem lateinischen »angustus« für »eng, beschränkt«, und liefert als Ableitung auch die »Angina«, die als Halsentzündung vor allem durch ein Engegefühl bestimmt ist.
Als die Urangst des Menschen lässt sich die Angst vor dem Tod bezeichnen. Dieser Urangst steht unmittelbar der instinkt- und bewussthafte Überlebenswille gegenüber. Die allererste Engeerfahrung, die der Mensch macht, ist die auf dem Weg in das Leben, die Geburt. Mit keinem anderen Bild lässt sich die Angst eindrücklicher als einen körperlichen Zustand der Enge, als eine unmittelbar spürbare Beklemmung von Körper, Brust und Kehle beschreiben. Angst ist zuvorderst ein direktes, körperliches und, wie wir noch sehen werden, leibhaftiges Phänomen.


Die evolutionsbiologische Perspektive
Wenn wir die Angst nicht als Emotion betrachten, sondern als Reaktion, dann sind wir nah am evolutionsbiologischen Kern der Angst und landen beim oben genannten Überlebenswillen. Wenn eine Reaktion einen Reiz erfordert, dann ist es in diesem Fall einer, der das Überleben gefährdet, real oder potenziell. In diesem Moment reagiert der Organismus unmittelbar. Das sogenannte limbische System und dort vor allem die Amygdala werden aktiviert. Sie ist das Alarmsystem. Der Reiz wird registriert, kategorisiert und mit gespeicherten Erfahrungen verglichen. Wird er als bedrohlich eingestuft, erfolgt der Alarm. Diesen Prozess bezeichnete der Neurowissenschaftler Joseph LeDoux als »Low Road«, englisch für »der schnelle Weg«. Der Alarm wird ohne einen weiteren Denkprozess ausgelöst und der Körper wird über das vegetative Nervensystem in Spannung versetzt. Die Herzfrequenz steigt, der Atem beschleunigt sich, die Großmuskulatur wird aktiviert, nicht lebensnotwendige Systeme werden heruntergefahren, Blut wird abgezweigt und in das Bewegungssystem gepumpt.

Der Körper ist bereit für »Fight or Flight«. Von der unbewussten Erstreaktion in der Amygdala bis zum körperlichen Aktionszustand dauert das Ganze wenige Hundert Millisekunden. Die Low Road ist etwa zehnmal schneller als die »High Road«, die über den Cortex den Denkprozess ansteuert und analysiert, ob der Schatten wirklich ein Säbelzahntiger oder oder doch nur ein Schatten ist.4 Der Freeze stellt eine Sonderreaktion dar. Fight or Flight erscheinen als unmöglich oder noch lebensbedrohlicher, sodass die Erstarrung die ideale Schutzfunktion ist, um abzulenken, Eskalation zu vermeiden oder auf die High Road zu wechseln und neue Optionen überdenken zu können.

Angst ist ein existenzielles Programm, das Überleben durch maximale Reaktionsgeschwindigkeit sichert. Schneller als unser Denken und intensiver als das sonstige Erleben gräbt sie sich tief in das Bewusstsein wie das Unterbewusstsein des Menschen ein.

Die philosophische Perspektive

Wenn die Angst aus evolutionsbiologischer Sicht ein Überlebenssicherungsmechanismus ist, dann reicht sie philosophisch betrachtet über das Leben hinaus und wirkt wieder ins Leben zurück. Der Mensch weiß, dass er lebt. Er weiß, dass er stirbt. Zwischen der beengten Geburt und dem sicheren Tod liegt sein Leben, welches es zu leben gilt. Doch wie? Wofür? Wenn der Tod das Ende aller Dinge ist und ins Nichts mündet, wie kann dieses Nichts im Leben in ein »Etwas« verwandelt werden?

»Die Angst (…) löst den Menschen von allen seinen vertrauten Bezügen, bringt die ihn sonst sicher tragende Welt gleichsam zum Schwinden, sodass um ihn das Nichts entsteht, in der Erfahrung eines unheimlich bedrückenden Verlassenseins. Die Unheimlichkeit und Ungeborgenheit des Daseins überhaupt bricht in diesem Nichts der Angst auf.«
Otto Friedrich Bollnow (1903–1991), deutscher Philosoph und Pädagoge

Diese Angst ist eine Angst vor der Existenz. Sie ist nicht auf ein konkretes Objekt, ein Naturphänomen oder eine Situation gerichtet. Sie ist diffus, gekennzeichnet von Ungewissheit, Unsicherheit, Unbestimmtheit, Ungläubigkeit und dem undefinierten Raum zwischen Möglichkeit und Unmöglichkeit. Sie ist in dem Maße tief, fundamental, existenziell, wie der Mensch frei ist, sein Leben nach seinen Vorstellungen zu leben.

Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt.

Jean-Paul Sartre (1905–1980), französischer Romancier, Dramatiker,
Philosoph und Hauptvertreter des Existenzialismus

Diese Freiheit zwingt ihn zur Entscheidung. Jede Entscheidung bietet Möglichkeiten. Jede Möglichkeit führt zu einem anderen Leben – zu welchem, das ist ungewiss. Die Ungewissheit führt zur Angst. Für Martin Heidegger ist die Angst ein Zustand des Menschen, in dem ihm die ihm bekannte Welt entgleitet und er sich mit der eigenen Existenz und deren Möglich- wie Unmöglichkeiten konfrontiert sieht.

Teilen

Dieser Artikel kann nicht kommentiert werden.