Freundlichkeit braucht keine Zeit. Sie braucht Aufmerksamkeit

Vor ein paar Wochen stand ich vor dem Supermarkt und griff nach dem letzten Einkaufswagen. Neben mich trat eine junge Frau mit einem Baby auf dem Arm, und ich sah, wie sie den leeren Platz musterte. Ich schob ihr den Wagen zu und gab ihn ihr. Sie strahlte und sagte: „You made my day. Dass man so eine Zuvorkommenheit heute noch erlebt.“

Es war eine winzige Entscheidung, und ich hatte sie fast wieder vergessen, als mir die zweite Hälfte ihres Satzes nachging. Offenbar rechnete sie nicht mit dieser Aufmerksamkeit. Dabei hatte mich die Geste nichts gekostet außer ein paar Schritten, denn der eigentliche Aufwand lag darin, überhaupt hinzusehen. Freundlichkeit ist selten eine Frage des Wollens, denn die meisten Menschen wollen freundlich sein. Sie ist eine Frage des Bemerkens, weil niemand auf das reagieren kann, was er nicht wahrnimmt.

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Freundlichkeit ist mehr als Höflichkeit

Höflichkeit ist ein Regelwerk, und sie funktioniert auch dann, wenn ich den anderen gar nicht wahrnehme. Ich schreibe eine Grußformel unter die Mail, während ich in Gedanken schon beim nächsten Termin bin. Das ist wertvoll, weil es den sozialen Betrieb schmiert.

Freundlichkeit setzt eine Stufe früher an. Sie beginnt damit, dass ich jemanden tatsächlich wahrnehme, in seiner konkreten Lage, in diesem Moment. Ein routiniertes „Danke für die Zuarbeit“ ist höflich. Ein „Ich habe gesehen, dass du die Tabelle neu sortiert hast, das hat mir im Meeting geholfen“ ist freundlich. Der Unterschied liegt nicht im Aufwand, sondern in der Aufmerksamkeit dahinter. Das ist die gute Nachricht für alle mit zu vielen Aufgaben, denn Freundlichkeit ist kein zusätzliches Projekt, sondern eine Nebenwirkung von etwas anderem.

Aufmerksamkeit heißt, einen Teil im Ganzen zu bemerken

Der Philosoph Lambert Wiesing beschreibt Aufmerksamkeit als etwas, das immer mit einem Ganzen zu tun hat. Vor mir liegt ständig mehr, als ich erfassen kann. Aufmerksam zu sein heißt nicht, mehr davon aufzunehmen, sondern dass ein einzelner Teil daraus hervortritt, so wie ein Suchscheinwerfer nicht die ganze Szene ausleuchtet, sondern ein Detail sichtbar macht. Aus dem Hintergrundrauschen vor dem Supermarkt wird so diese eine Frau mit dem Baby.

Im Arbeitsalltag zählt vor allem, ob meine Aufmerksamkeit suchend oder offen ist. Suchend findet sie das, was ich ohnehin schon im Kopf habe, den Fehler in der Zahlenreihe oder das passende Argument. Offen lässt sie zu, dass sich etwas zeigt, womit ich nicht gerechnet habe, und daraus entsteht der Blick für den Kollegen, dem heute etwas schwerfällt. Wiesing macht auch deutlich, wie viel davon abhängt, denn ein gelingendes Leben ist überhaupt nur möglich, weil es aufmerksame Menschen gibt. Beachtung und Wertschätzung sind nichts anderes als gelebte Aufmerksamkeit.

Aus Aufmerksamkeit werden kleine Aufmerksamkeiten

Die deutsche Sprache hat dafür ein feines Gespür. Aufmerksamkeit im Singular ist eine innere Ausrichtung, Aufmerksamkeiten im Plural sind kleine Gesten, und das eine wächst fast von selbst aus dem anderen. Wer bemerkt, dass der neue Auszubildende zweimal Luft geholt und dann doch geschwiegen hat, fragt ihn hinterher, was er sagen wollte.

Die Geste ist dabei der leichte Teil, der eigentliche Schritt liegt davor. Das erklärt, warum gut gemeinte Programme oft verpuffen, denn ein Lob, das aus einer Vorgabe stammt, hört sich genau danach an. Entwickeln lässt sich dagegen die Wahrnehmung, aus der solche Gesten von allein entstehen. Und sie sind mehr als Nettigkeiten am Rande, denn sie bilden den sozialen Vorrat, von dem ein Team zehrt, wenn es eng wird.

Warum uns das Bemerken schwerer fällt als früher

Theodor W. Adorno hat lange vor Smartphones und sozialen Netzwerken beschrieben, wie die modernen Medien uns einnebeln und passiv machen. Unsere Aufmerksamkeit ist inzwischen ein Wirtschaftsgut, um das mit erheblichem Aufwand geworben wird, und jede Benachrichtigung ist eine Einladung, den Blick vom Menschen weg zum Display zu wenden. Seine Schlussfolgerung ist unspektakulär und aktueller denn je. Wir brauchen wieder Zeit für Reflexion, und wer diese Zeit hat, wird meist auch wieder freundlicher, zu sich selbst und zu anderen.

Ausgeliefert sind wir dieser Entwicklung deshalb nicht. Für Immanuel Kant ist Aufmerksamkeit keine bloße Reaktion auf Reize, sondern eine Leistung, die wir bewusst lenken können und die sich üben lässt wie ein Muskel. Menschen, die wahrnehmen, was um sie herum geschieht, erleben sich als handlungsfähig, und Selbstwirksamkeit ist einer der stärksten Schutzfaktoren gegen chronische Überlastung.

Was das für Führung bedeutet

Für Führungskräfte hat das eine besondere Tragweite, weil ihre Aufmerksamkeit eine andere Reichweite hat. Wen die Chefin bemerkt, der wird wahrgenommen, und wen sie übersieht, der bleibt oft für alle unsichtbar. Jeder im Team sollte deshalb das Gefühl haben, gesehen zu werden, also nicht bewertet, nicht kontrolliert, nicht dauernd gelobt, sondern wahrgenommen als jemand, der da ist und einen Beitrag leistet.

Genau hier liegt die Verbindung zur Team-Resilienz. Teams halten Belastung nicht deshalb aus, weil ihre Mitglieder besonders robust sind, sondern weil sie einander wahrnehmen. Wo bemerkt wird, dass jemand an seine Grenze kommt, lässt sich gegensteuern, bevor daraus ein Ausfall wird. Das Gefühl, gesehen zu werden, entsteht nicht durch Jahresgespräche, sondern durch viele kleine Signale im Alltag. Dazu gehört, im Gespräch die Hände von der Tastatur zu nehmen, konkret zu benennen, was jemand gut gemacht hat, und sich für das Selbstverständliche zu bedanken.

Dazu gehört auch die Richtung nach innen. Wer den ganzen Tag im Reaktionsmodus verbringt, spricht mit sich selbst oft in einem Ton, den er keinem Kollegen zumuten würde. Freundlichkeit nach innen ist deshalb die Bedingung dafür, dass die Freundlichkeit nach außen nicht zur Fassade wird.

Wie sich Aufmerksamkeit üben lässt

Aufmerksamkeit für freundliches Verhalten wächst durch Wiederholung, nicht durch Vorsätze. Vier Wege haben sich in meiner Arbeit als besonders tragfähig erwiesen.

  • Sammeln statt suchen: Notieren Sie am Abend eine einzige freundliche Geste, die Ihnen begegnet ist. Nach zwei Wochen hält der Kopf von allein danach Ausschau.
  • Eine Sache am Tag benennen: Sagen Sie einer Person, was Ihnen an ihrer Arbeit aufgefallen ist, und beschreiben Sie dabei Ihre Beobachtung statt Ihrer Bewertung.
  • Reizpausen einbauen: Legen Sie das Telefon in Gesprächen und Besprechungen außer Reichweite, um der Aufmerksamkeit eine Chance zu geben.
  • Für das Selbstverständliche danken: Suchen Sie einmal in der Woche etwas, das immer läuft und deshalb niemandem auffällt, und sprechen Sie es an. Das wirkt am stärksten, weil niemand damit rechnet.

Der letzte Einkaufswagen

Ich habe der jungen Frau einen Einkaufswagen überlassen, und sie hat mir gezeigt, wie wenig es braucht. In der Lücke zwischen dem geringen Aufwand und der großen Wirkung liegt ein Raum, den wir freundlich gestalten können.

Versuchs doch mal mit Freundlichkeit.

Quellenhinweis

Lambert Wiesing, Meine Aufmerksamkeit, in: Philosophie Magazin Nr. 89 (2026). Die Gedanken von Wiesing sind sinngemäß wiedergegeben, ohne wörtliches Zitat. Das Gleiche gilt für die Bezüge auf Adorno und Kant.

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