TOOOOR! Die manipulative Gruppendynamik

In der Masse sind wir leichter zu manipulieren. Wenn wir als Gruppe auftreten, scheint es so zu sein, als wenn wir freiwillig unseren eigenen Willen an die Gruppe delegieren. Zwar sind wir zunächst dieser Gruppe beigetreten, weil sie Ziele propagiert, von denen wir dachten uns wiedergefunden zu haben. Aber dann machen wir jeden Meinungsschwenk der Gruppe mit – sogar bis zu dem Punkt, an dem die Gruppe ihre ursprüngliche Zielsetzung verändert oder unerwartet Werte propagiert, zu denen wir als Individuum eigentlich nicht gestanden hätten. Wir werden zum Folgen manipuliert. Die Gruppe gibt uns dabei imaginären Schutz. In der Gruppe finden wir unbewusst Trost und Beruhigung. „Es ist alles doch nicht so kompliziert. Ich bin nicht der Einzige, der sich Fragen stellt.“ Wie ein aufgehender Vorhang öffnen sich vermeintliche Wahrheiten. Die wundervoll wärmende Überraschung einer plötzlichen „Erkenntnis“. Dieser „Wahn“ kann völlig harmlose Auswirkungen haben – oder uns zu einer kollektiven Masse von Idioten machen. Es lohnt sich daher, diese Phänomene einmal zu besprechen.

Das Verhalten von Menschen in der Masse wird in der Sozialpsychologie umfangreich erforscht und die dazu verfügbare Literatur ist endlos. 1921 schon versuchte sich Sigmund Freud diesem Phänomen mit seinem Essay Massenpsychologie und Ich-Analyse zu nähern. Freud definiert Masse darin als: „[…] ein provisorisches Wesen, das aus heterogenen Elementen besteht, die sich für einen Augenblick miteinander verbunden haben.“ Anders ausgedrückt: In der Masse erlebt der Einzelne ein Gefühl fast unendlicher Macht. Er kann plötzlich Triebe ausleben, die er als Individuum hätte zügeln müssen. Damit einher geht laut Freud ein Schwund der bewussten Persönlichkeit und es entsteht eine Neigung, sich von jedem Affekt innerhalb der Masse anstecken zu lassen und durch „gegenseitige Induktion“ wiederum den Affekt zu verstärken. Insgesamt, sagt er, ist die Masse „impulsiv, wandelbar und reizbar. Sie wird fast ausschließlich vom Unbewussten geleitet“.

Toooor!

Gruppendruck tritt häufig ganz unspektakulär in Erscheinung. Sie erleben es in Fußballstadien oder bei großen Popkonzerten. Nichts Neues. Dieses Phänomen ist aber beileibe nicht nur mit dem lauten Getöse fanatisierter Massen verbunden. Und es sind auch beileibe nicht nur diese harmlosen Veranstaltungen, bei denen wir sehr gerne mal für ein bis zwei Stunden freiwillig komplett „neben uns stehen“. Diese Art von Manipulation gönnen wir uns gerne. Es wird ja niemand dabei geschädigt. Manipulation des Menschen in der Gruppe kommt aber auch auf Samtpfötchen daher. Leise und sehr subtil. Und dann merken wir oft nicht, dass wir verführt werden etwas zu denken, was mit unserem ursprünglichen Wertesystem im Grunde nicht vereinbar ist. Und oftmals handeln wir dann auch. Ganz im Sinne des Manipulators, der dieses Phänomen „Massenmanipulation“ ausnutzt, um uns in seinem Interesse zu lenken. Massenmanipulation ist eben sehr viel einfacher, effizienter und billiger als die Überzeugung Einzelner mit Sachargumenten.

Klimaschutz ist Blödsinn

Die großen PR-Agenturen (ich meine die wirklich großen, weltweit agierenden sogenannten spindoctors, wie Burson-Marsteller, Edelmann oder Hill & Knowlton) nutzen die leichte Manipulationsfähigkeit großer Menschenmassen aus, um uns zu Meinungsbildern zu „verhelfen“, die mit den Fakten nichts mehr zu tun haben. Wir sind uns gar nicht bewusst, dass diese Manipulationsangriffe als Trojanisches Pferd daherkommen. Fast 50 Prozent (!) der redaktionellen Artikel des renommierten Wall-Street-Journals sind nichts anderes als nahezu vollständig abgeschriebene Texte von Interessengruppen. Untergemischt unter die tatsächlich von diesem Blatt verfassten echten redaktionellen Artikel fallen sie überhaupt nicht auf. Sie werden angefertigt von Lobbygroups, die sich den Mantel der Neutralität umhängen, aber nahezu zu 100 Prozent von Sponsoren aus der Industrie finanziert sind. Die Namen dieser Lobbygroups klingen unverdächtig: Stiftung für Temperaturforschung, Verbraucherschutz-Vereinigung, Zentrum für Lebensmittelsicherheit, Rat für Medikamentenqualität, Symposium der Krebsforschung etc.
Den wohl bisher dreistesten Versuch, Menschenmassen durch gezielte Manipulation zu verdummen, unternahm die GCC. Die GCC wurde 1989 von Burson-Marsteller gegründet. 15 private Unternehmen und 25 Verbände, vor allem Firmen der Bereiche Öl, Flugverkehr, Kohle, Stromlieferanten, Automobilherstellung und Chemie waren Träger dieser Institution, die sich jahrelang trefflich mit dem Deckmantel „kritischer Wissenschaft“ tarnen konnte. Ziel war es, eine breite Öffentlichkeit so zu manipulieren, dass Gesetzte zum Klimaschutz nicht mehr oder nicht mehr so schnell verabschiedet werden konnten. Drei Argumente brachte die GCC:

  • Wissenschaft: Die Forschungsergebnisse seien teilweise widersprüchlich und man müsse abwarten, bis Klimaforscher zu einem allgemeinen Konsens über die tatsächlichen Ursachen der Klimaerwärmung gekommen wären.
  • Wirtschaft: Investitionen zum Klimaschutz schwächen die Wirtschaft durch unnötige und hohe Kosten. Damit steigere man nur die Arbeitslosigkeit und hemme das Wirtschaftswachstum und die Konkurrenzfähigkeit global agierender Unternehmen.
  • Schwellen-Länder: Die Industrieländer, vor allem die USA, sollten erst dann Maßnahmen ergreifen, wenn auch die Entwicklungsländer im Klimaschutz gleichermaßen aktiv würden – obwohl deren Pro-Kopf-Anteil am Ausstoß klimarelevanter Gase viel niedriger ist.

Durch gezielt aufgebauschte Aktionen gegen Umweltvertreter und durch den teilweise bezahlten Einsatz von Prominenten und Politikern (zum Beispiel George W. Bush) gelang es der GCC lange Zeit, einen gesellschaftlichen Konsens zur Wichtigkeit und Richtigkeit von Umweltschutz in den USA zu untergraben beziehungsweise durch klientelspezifische Ablenkthemen in den Hintergrund zu drängen. Das war in der Konsequenz schon weit weniger harmlos.

Gartenpflege im Tennisverein

Lösen wir uns einen Augenblick von den ganz großen Manipulationsmustern. Manipulation funktioniert schon in relativ kleinen Gruppen nach einem sehr ähnlichen Prinzip. Ich weiß nicht, was Sie beruflich machen. Wenn Sie nicht mit Gruppen arbeiten (zum Beispiel als Manager), dann sind Sie vielleicht in einem Verein tätig? Im Tennisverein? Im Kegelklub? Häufiger als wir glauben finden wir uns plötzlich in einer Situation wieder, in der es für die eine oder andere Aufgabe „Freiwillige“ geben muss. Sei es, dass ich als Manager eine Projektgruppe aus Freiwilligen zusammenstellen möchte, um ein neues Programm von SAP zu testen, bevor es „life“ geschaltet wird, oder sei es, dass ich Freiwillige suche, die Lust haben „den kleinen Vorgarten des Klubhauses gärtnerisch zu bearbeiten“. Ohne das berühmte „Freiwillige vor“ funktionierte der Zusammenhalt auch in ganz kleinen Gruppen nicht mehr. Aber wie finde ich schnell Freiwillige? Wie „überzeuge ich“ eine Menschengruppe vorzutreten und einen Job zu übernehmen, der unangenehm ist und zu dem man eigentlich keine Lust hat? Geht das mit Appellen? Mit dem Aufzählen sachlicher Argumente? Mit Zwang? Es geht viel einfacher.

Richtig in die Gruppe fragen

Es kommt darauf an, wie ich frage. Eine ganz einfache Umstellung meiner Wortwahl führt zu völlig anderen Ergebnissen. Und dabei ist wieder der Gruppendruck entscheidend. Ich gebe Ihnen ein Beispiel.

Tennisklub. Der Vorgarten des Klubhauses gleicht einer Dschungellandschaft. Hier ist viel Arbeit und Energie nötig, um daraus wieder ein halbwegs gepflegtes Stück Land zu machen. Jetzt können Sie sich vor Ihre Tennisfreunde stellen und bei der nächsten Versammlung an den Teamgeist appellieren, Kameradschaft und uneigennützigen Einsatz fordern und dann die simple Frage stellen: „Wer, liebe Freunde, meldet sich freiwillig am nächsten Wochenende als Gärtner? Bitte um Handzeichen!“ Vielleicht finden Sie auch den einen oder anderen. Dann brauchen Sie sich keine weiteren Gedanken machen. Aber wenn Sie schon „irgendwie damit rechnen, dass Ihre Kumpels am Wochenende plötzlich ganz wichtige, nicht aufschiebbare Verpflichtungen haben“ – stellen Sie Ihre Frage einfach um. Sagen Sie: „Wer, liebe Freunde, hat keine Lust am nächsten Wochenende den Gärtner zu spielen? Bitte um Handzeichen!“ (Machen wir eine Wette, dass Sie mehr Gärtner haben werden, als Sie überhaupt benötigen?)

Wie kommt es, dass sogar eine kleine Gruppe Gleichgesinnter einen völlig unbewussten Druck auf uns ausübt? Warum handeln wir in Gruppensituationen daher oft ganz anders als in Situationen, in denen wir als Einzelner angesprochen oder gefordert sind? Schalten wir in der Gruppe eine andere Wahrnehmungsebene ein? Schauen wir etwas tiefer. Welche Einflüsse wirken dabei auf uns ein?

Normen

Personen verhalten sich gerne im Einklang mit der Gruppenmeinung, weil sie bei anderen einen positiven Eindruck hinterlassen wollen. Viele Menschen fühlen sich unwohl oder unsicher, wenn sie andere Meinungen als die der Gruppenmehrheit vertreten müssen. Sie glauben, damit bei anderen Gruppenmitgliedern Antipathie und Abneigung hervorzurufen. Menschen verhalten sich lieber normenkonform, um von anderen als sympathisch beurteilt zu werden.

Informationen

Oftmals verfügen Menschen in bestimmten Situationen nicht über vollständige Informationen und bedienen sich der anderen, um dieses Defizit auszugleichen. Die Konformität kommt also dadurch zustande, dass man eine Unsicherheit beseitigen möchte, indem man sich auf die Meinung der Mehrheit verlässt und diese unter Umständen auch annimmt. Je schwieriger (oder unklarer) eine Situation ist, desto stärker ist auch die gezeigte Konformität.

Situation

Wenn die Gruppe in einer schwierigen und fast hoffnungslosen Situation ist, dabei niemand von außen der Gruppe hilft und keine objektiv verifizierbaren Informationen vorliegen, wird der Druck, sich auf die Gemeinschaft zu verlassen, erhöht.

Persönlichkeit

Wenn man ein hohes Bedürfnis nach Bestätigung und Gewissheit sowie ein geringes Selbstwertgefühl hat, erhöht sich der Konformitätsdruck ebenfalls. Man fühlt sich in einer Gruppe gegenüber Außenstehenden stärker und besser.

Gruppe

Ein starkes Solidaritätsgefühl, eine Rangordnung und eine hohe Übereinstimmung von Meinungen innerhalb einer Gruppe erhöhen den Konformitätsdruck. Je mehr dieser Faktoren zutreffen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit einer völligen und kritiklosen Anpassung an die Gruppe.
So weit so gut. In der Masse fühlen wir uns also offensichtlich wohl. Führt das auch dazu, dass die Masse uns zu altruistischen Handlungen führt? Leider nein. Das Gegenteil ist der Fall.

Jürgen von Manger hatte recht

Wir sind als Gruppe leicht zu manipulieren. Gibt uns im Notfall die Gruppe aber auch Schutz? Arthur Beaman ist ein Sozialwissenschaftler an der Universität von Montana. Er hat über das Verhalten von Menschengruppen geforscht. Besser gesagt über ihr Fehlverhalten. Seine Forschungsergebnisse stehen in direktem Zusammenhang mit dem Generalthema dieses Buches und mit dem Inhalt dieses Kapitels: bei sich selbst und bei anderen manipulative Gruppeneffekte erkennen, die das Verhalten Einzelner beeinflussen. Beaman hat sich dem Phänomen genähert, dass große Menschengruppen eher zu falschen, ja unethischen Verhaltensweisen neigen als kleine Gruppen. Hilfe anbieten, Mitleid zeigen, selbst gegen Gewalt einschreiten, selbstlose Zivilcourage zeigen: Das alles sind zwar moralisch wünschenswerte Verhaltensweisen – also der kategorische Imperativ ad Infinitum –, aber je größer die Gruppe ist, desto schwächer ist der Wunsch ausgeprägt „selbstlos zu wirken“. Große Gruppen bieten also, entgegen aller Annahmen, eher geringeren Schutz als kleinere Gruppen. Am besten ist man in einer Zweier-Gruppe geschützt. A priori. Dazu gibt es eine große Zahl von Experimenten.
Ein Fallbeispiel aus Ihrem Alltag will ich Ihnen beschreiben. Als Verkehrsteilnehmer sind Sie Teil der Masse „aller am Verkehr Beteiligten“. (Mit anderen Worten: Masse bedeutet nicht unbedingt, dass viele Menschen am gleichen Ort versammelt sind. Es gibt auch die informelle Masse. Die Verkehrsteilnehmer eben.) Wie häufig sehen wir im Fernsehen diese schrecklichen Berichte darüber, wie 200 Autos an einem offensichtlich schwer Verunglückten vorbei gefahren sind – statt anzuhalten und zu helfen? Zu häufig. Manchmal kann man diese Menschen anschließend befragen. Die Antworten sind bestürzend platt. Die Menschen erstaunlich normal. „Wir dachten, dass schon jemand geholfen hat – wir hätten ja nichts tun können – wir haben ja über Handy die Rettung alarmiert etc.“ Alles Ausreden. Wir neigen dazu, unsere Verantwortung an die Gruppe zu delegieren – wenn’s unangenehm wird. Kein gutes Bild des Menschengeschlechts. Fällt allerdings direkt vor unseren Augen eine Oma um – dann sieht man schnell zwei oder drei eifrig herbeilaufende Passanten. Scheinbar gibt es keine informelle Masse, die sich als „Fußgängergruppe“ fühlt.
Was lernen wir daraus? Sehr einfach. Seien Sie doppelt und dreifach vorsichtig, wenn Sie einer großen Gruppe beitreten. Einer Partei zum Beispiel. Oder einer großen Massenbewegung. Ich kann Sie nur ermuntern sich in Parteien zu engagieren – oder sich endlich mal auch der Gruppe der Atomkraftgegner anzuschließen. Aber behalten Sie ein Phänomen fest im Blick: Sie sind und bleiben ein Individuum. Ein verantwortliches Individuum. Sie wollen sich auch anschließend noch im Spiegel anschauen können. Die Masse nimmt Ihnen davon nichts ab. Gar nichts. Um mit Jürgen von Manger zu reden: „Bleibense Mensch.“

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