Selbst denken statt gedacht werden

Wir können unsere Urteilskraft auch anders nutzen, als wir es in der Schule, durch die Medien und möglicherweise auch in der Familie gelernt haben. Urteile sind, für sich betrachtet, nämlich noch nichts Negatives – es kommt darauf an, dass wir uns bewusst machen, wie wir zu ihnen kommen, bevor wir sie aussprechen oder zu Grundsätzen des Miteinanders machen. Für unsere Kommunikation steckt in ihnen sogar großes Potenzial: Hinter jedem Urteil verbirgt sich ein erfülltes oder unerfülltes Bedürfnis.

Denke ich, jemand sei langsam oder ein ›Bremsklotz‹ (Urteil), wünsche ich mir wohl, dass etwas vorwärts geht oder wir unsere Zeit sinnvoller nutzen könnten (Bedürfnis). Fälle ich das Urteil: »Der hängt sein Fähnchen immer nach dem Wind«, würde ich wohl gern wissen, woran ich bin.

Habe ich dagegen gelernt, mein Bedürfnis auszudrücken, statt ein Urteil über den anderen zu fällen und ihm Vorwürfe zu machen, steigt meine Chance, gehört zu werden.

Beim reflektierten Urteil steckt bereits in der Bezeichnung der Unterschied zu den moralischen Urteilen, die scheinbar automatisch Eingang in unser Denken finden. Wenn wir reflektiert urteilen, heißt das zweierlei: Ich habe bemerkt, dass ich urteile, und ich habe in mir geklärt, welches Bedürfnis bei mir gerade erfüllt oder nicht erfüllt ist. Ich mache mir also bewusst, wieso ich gerade zu diesem Urteil komme. Auf diese Weise suchen wir auch nicht nach weiteren Bestätigungen für unser Urteil, denn es geht uns nicht darum, recht zu haben. In Beziehungen, die uns wichtig sind, suchen wir das Gespräch oder wollen verstehen, was den anderen dazu bewegt, etwas zu tun.

Diese Form des Urteilens ist Teil des Gesunden Kommunizierens.

Wenn wir uns im Alltag durch die Äußerung eines anderen verletzt sehen, unzufrieden sind und nicht klären, was gerade in uns los ist, vermischen wir Gesagtes und Gedachtes miteinander und sind dann oftmals mit einem moralischen Urteil bei der Hand. Lassen Sie mich den Unterschied an einem weiteren Beispiel verdeutlichen.

Beispiel: Hauptsache, dir geht es gut!
»Kannst du mir die Aktualisierung der Kalkulation für das Angebot an die Firma Müller abnehmen? Ich muss heute mal früher weg.« – »Nein, das schaffe ich nicht, sorry. Ich weiß selber nicht, wie ich heute noch mit allem fertig werden soll, ich will auch ins Wochenende.« – »Du bist so ein Egoist! Wie oft habe ich dir schon Arbeit abgenommen. Hauptsache, du kannst immer pünktlich Feierabend machen – alle anderen können sehen, wo sie bleiben!«

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Vielleicht kommt Ihnen dieses Gespräch bekannt vor. In solchen emotional aufgeladenen Situationen haben wir die Wahl. Wir können einfach bei dem moralischen Urteil ›egoistischer Kollege‹ bleiben und uns damit aus der Verantwortung für die Situation und die Beziehung ziehen. Die Schuld geben wir dann unserem Gegenüber, und wir fühlen uns moralisch ›rein‹. Doch was steckt hinter diesem Urteil ›Der ist aber egoistisch!‹?

Vielleicht hält sich der Kollege tatsächlich gern Arbeit vom Leib, weil ihm seine Freizeit sehr wichtig ist, um die Verbindung zu seinen Kindern zu halten, die ansonsten allein zu Hause wären.

Ihre Seite sieht so aus, dass Ihr Urteil sicher mit Erfahrungen unterfüttert ist, die das bestätigen. Sie würden sich wünschen, dass er auch die Bedürfnisse aller anderen im Blick hat, statt seines auf Kosten anderer durchzusetzen, die auch gern etwas mehr Freizeit hätten.

Möglicherweise ist es aber auch anders: Es könnte für den Kollegen sehr wichtig sein, gerade heute pünktlich Schluss zu machen, weil er nach der Arbeit eine wichtige Verabredung hat. Über die Beweggründe des anderen machen wir uns jedoch oft gar keine Gedanken, bevor wir urteilen. Stattdessen verorten wir den Grund für unseren Ärger einfach beim Gegenüber.

An dieser Stelle kommt die Bedeutung der Selbstklärung zum Tragen. Verletzt sind wir in einem solchen Moment nämlich nicht, weil der andere uns etwas angetan hat – hat er nämlich gar nicht. Er versucht lediglich, sich selbst ein Bedürfnis zu erfüllen, und ist nur ein Auslöser für Ihr Gefühl. Bitte erinnern Sie sich an die wichtige Unterscheidung: Verstehen, heißt nicht, mit dem Verhalten des anderen einverstanden zu sein. Verstehen zu wollen, bevor ich mich aufrege, entlastet vorrangig mich und meine Nerven!

Verletzt oder sauer sind wir, weil unser eigenes Bedürfnis nicht erfüllt wurde. Hinter dem Egoismus-Vorwurf steckt in Wahrheit das Bedürfnis nach Unterstützung, gegenseitiger Hilfsbereitschaft, vielleicht sogar Zusammenhalt. Das unerfüllte Bedürfnis ist der Ausgangspunkt der Entrüstung. Wenn uns das bewusst ist, kommen wir raus aus dem Vorwurfsdenken und hin zu reflektierten Urteilen und Gesprächen, die öfter dazu führen, dass beide Seiten das bekommen, was sie brauchen.

Auf diese Art und Weise lassen sich viele Äußerungen übersetzen, die unser Kopfkino in Gang bringen. Denken wir: »Verdammt, ist das laut hier!«, steckt dahinter der Wunsch nach Ruhe, nicht die böse Absicht des Personals, dass die Musik in der Hotellounge zu laut aufgedreht hat. Geht es bei einer Besprechung im Büro drunter und drüber, urteilen wir vielleicht: »Meine Güte, ist das ein Chaos!«, und tun das aus dem Bedürfnis nach Ordnung und Überschaubarkeit heraus. Wenn wir in unsere eigenen Urteile blicken wie in einen Spiegel, erkennen wir unsere Bedürfnisse.

Und das ändert alles. Wenn wir erst einmal wirklich verinnerlicht haben, dass Gefühle aus unerfüllten Bedürfnissen entstehen, ändert sich auch unsere Sichtweise auf die Äußerungen anderer – und unsere eigene Herangehensweise an die Kommunikation. Wir wissen, warum wir uns so fühlen, wie wir uns fühlen, und haben keinen Bedarf mehr, einen Schuldigen zu suchen. Dadurch verändert sich unsere Denkweise: Wir setzen nicht bei einer früheren Erfahrung an, die wir einfach auf die aktuelle Situation übertragen und die in einen Glaubenssatz gemündet ist (»außer mir sind hier alle faul«), sondern fangen bei der Beurteilung der Situation bei null an, urteilen also situativ. Wir lassen uns nicht mehr denken, sondern denken selbst.

Was mir wichtig zu betonen ist: Das Gesunde Kommunizieren will nichts weichspülen. Konflikte wird es immer geben. Wir ändern lediglich die Art und Weise der Konfliktkommunikation von einem ungesunden zu einem gesunden Umgang mit Meinungsverschiedenheiten.

Die Folgen des Kopfkinos

Je öfter ich in meinem Kopfkino das Gleiche denke, desto stärker brennt sich dieser Gedanke ein. Unser Gehirn lernt exzellent durch Wiederholung in Verbindung mit Emotionen. Für diese eigens produzierten ›Kurzfilme‹ müssen wir keinen Eintritt zahlen. Wir zahlen allerdings mit unserer Stimmung, unseren Nerven, unserer Lebenskraft. Umso wichtiger und sinnvoller ist es, selbst Regie zu führen. Im Kino würden Wiederholungen oder Endlosschleifen schnell zu Langeweile führen. Wir würden den Saal verlassen oder uns einen Film, aus dem wir unzufrieden herausgegangen sind, wenigstens nicht noch einmal ansehen. Anders beim Kopfkino, das erheblichen Einfluss auf unser langfristiges Wohlbefinden hat. Da schalten wir oft nicht ab oder steigen aus, sondern tun uns noch die x-te Wiederholung an.

Wenn wir nicht trennen können, was wirklich gesagt wurde und was aus dem Skript unseres Kopfkinos stammt, sind wir kaum mehr in der Lage, eine Verbindung zum anderen herzustellen. Wir hören nur, was der Regisseur in unserem Kopf denkt, kommen zu einem Urteil und versuchen nicht mehr zu verstehen, was andere uns sagen wollen.

Beispielsweise beginnen Menschen sich wegen eines vermeintlichen Vorwurfs zu rechtfertigen, den sie meinen gehört zu haben, der in Wirklichkeit jedoch gar nicht ausgesprochen wurde. Oder sie sagen »ja« statt »nein«, weil der Kopf-Regisseur unangenehme Folgen für den Fall fantasiert, dass sie »nein« sagen.

Das führt dazu, dass sie auf andere nicht, wie es in der Management- und Lifecoaching-Literatur oft heißt, authentisch wirken. Denn wir können noch so gut schauspielern: Das Kopfkino hat auf Dauer eine Inkongruenz von Denken und (Kommunikations-)Verhalten zur Folge. Da hilft auch eine ausgefeilte, über Jahre trainierte Methode authentischer Wirkung nicht, um andere auf Dauer zu täuschen. Sie können vielleicht »ja« sagen, obwohl sie »nein« meinen, doch Ihr Körper ist aufrichtig. Er verrät Ihr Denken. Was Sie während des Sprechens mit Ihren Händen tun, Ihre Körperhaltung, Ihr Gesichtsausdruck – all das verrät, dass Sie etwas anderes denken, als Sie sagen; wenn auch nicht klar wird, was das genau ist. Diese Inkongruenz zwischen Worten und Körpersprache kommt bei Ihrem Gegenüber an und sorgt für Unklarheit, Unsicherheit oder auch Misstrauen. Das hat nicht nur zur Folge, dass Sie anders wirken, als Sie vielleicht wollen. Dieses Verhalten hat auch Auswirkungen auf das Verhalten des anderen.

Ein Beispiel:
Tochter: »Papa, du hast versprochen, mir bei den Mathe-Hausaufgaben zu helfen! Können wir das jetzt machen, oder lieber später?«
Vater (blickt von seiner Fachzeitschrift auf, zieht die Mundwinkel nach unten, rollt mit den Augen und seufzt lautstark, bevor er spricht): »Ja, dann komm halt her damit.«
Tochter: »Wieso guckst du denn so böse? Hab ich was falsch gemacht?«

Das ist inkongruente Kommunikation. Die Körpersprache des Vaters sagt »nein«, und doch sagt er »ja«. Weil sein Kopf die Äußerung seiner Tochter beispielsweise als »nervig« bewertet hat – ein moralisches Urteil. Vielleicht spinnt er in Gedanken auch noch einen Film dazu, was passieren wird, wenn er jetzt »nein« sagt. Das hat er ja letztes Mal erlebt, als seine Frau sich dann auch noch in die Sache eingeschaltet und ihn zurechtgewiesen hat. Und auf all diese Folgen hat er keine Lust, also sagt er mehr genervt als aus vollem Herzen »ja«.

Dabei hatte seine Tochter lediglich gefragt, ob sie jetzt oder lieber später Mathe machen sollen. Ihre Äußerung enthält gar keine Forderung, keinen Angriff. Sie hat eine einfache Frage gestellt. Er könnte ihr auch später helfen, wenn er mit seinem Artikel fertig ist. Doch er glaubt, er müsse das jetzt tun, um des lieben Friedens willen.

Mit seiner Reaktion wendet er nicht nur selbst unnötig Kraft auf, sondern irritiert auch seine Tochter. Sie wird wahrscheinlich eher angespannt sein und sich unwohl fühlen, wenn er ihr nach dieser Äußerung bei den Hausaufgaben hilft; hat vielleicht sogar ein schlechtes Gewissen, weil er ihr zu verstehen gibt, dass er sich durch sie gestört fühlt, auch ohne es zu sagen. So herrscht schlechte Stimmung, während die beiden sich den Mathe-Aufgaben widmen – eine eher ungünstige Basis für Lernen und Zusammenarbeit. Anders wäre das Gefühl gewesen, wenn er in sich hineingehorcht, nein gesagt und ihr angekündigt hätte, ihr in einer Stunde zu helfen, wenn er den Kopf dafür frei hat und sich in einer Qualität auf sie einlassen kann, dass auch er sich damit wohlfühlt. Dann wäre keine unangenehme Stimmung zwischen ihnen entstanden, und ihre gemeinsame Zeit hätte vielleicht andere Früchte tragen können.

Wenn man diese Episode isoliert betrachtet, ist die Folge vielleicht banal: Ein paar Stunden später, wenn die Hausaufgaben erledigt sind und der Vater mit seinem Artikel fertig ist, ist möglicherweise oberflächlich betrachtet wieder alles in Ordnung. Doch jetzt stellen Sie sich einmal vor, der Vater reagiert häufiger so, wenn seine Tochter ihn um Hilfe bittet. Was bleibt bei ihr hängen? Dass sie eine Belastung für ihren Vater ist, weil er ihr kommuniziert, dass er sich von ihr gestört fühlt? Auf Dauer hätte das sicher Auswirkungen auf die Vater-Tochter-Beziehung; möglicherweise würde die Tochter irgendwann dauerhaft Abstand von ihrem Vater suchen, weil sie bemerkt, dass er ihrem Selbstbewusstsein nicht guttut. Stellen Sie sich vor, Sie denken sich häufig als Belastung – ausgerechnet für die Menschen, die Sie am meisten lieben!

Natürlich liebt auch dieser Vater seine Tochter, natürlich möchte er ihr bei ihren Hausaufgaben helfen. Nur eben nicht in diesem Moment, sondern wenn er seinen Artikel fertig hat. Ja, um Himmels willen, warum sagt er ihr das nicht einfach? Diese Frage stellen Sie sich bestimmt auch. Es ist so eindeutig, wenn wir eine solche Situation von außen betrachten; doch wenn wir uns selbst so verhalten, merken wir es oft gar nicht. Und das nur, weil unser antrainiertes Denken uns ein Schnippchen schlägt.

Sie erzeugen Konfusion, wenn Sie inkongruent kommunizieren. Konfusion ist das Gegenteil des Gesunden Kommunizierens, das immer auf Klärung bedacht ist. Um unser Denken selbst zu steuern, ist der erste notwendige Schritt, wahrzunehmen, dass und was wir gerade denken – unserem Selbstwert und unseren Beziehungen zuliebe. Das Kopfkino schwächt nicht nur unsere Kommunikation, sondern auch unsere Beziehungen, und kann sie im schlimmsten Fall sogar zerstören.

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