Kreativität und Wahrnehmung

Kreativ ist jeder Mensch – Kreativität ist uns quasi in die Wiege gelegt. Nur leider ist vielen von uns der Zugang zu seiner Kreativität abhandengekommen. Machen Sie Ihre Kreativität zu einem willigen und zuverlässigen Werkzeug. Der Künstler Wolfgang Traub liefert Ihnen das Passwort zu Ihrer Kreativität!

Wie können wir nun unsere Kreativität zu einem willigen und zuverlässigen Werkzeug machen?

Wie können wir dieses Potenzial stärken und es bewusst, willentlich und zielgerecht nutzen? Wie können wir unsere Kreativität in die Bewältigung außergewöhnlicher oder alltäglicher Herausforderungen integrieren? Wie erlangen wir Zugang zu unserem ganzen kreativen Potenzial?

Bitte, wie lautet das Passwort?

Es gibt ein Passwort und ich werde es Ihnen gleich mitteilen. Aber zuvor müssen wir uns noch bewusst werden, dass das kreative Potenzial – wie jedes Potenzial – auch erkannt werden will. Wir müssen es erkennen, wahrnehmen und uns die Vorteile, die es uns verschafft, bewusst machen.

Nehmen Sie Ihre Kreativität überhaupt wahr?

Ein klassischer logischer Denkprozess braucht viel Konzentration und hinterlässt bisweilen eine eindrückliche Erschöpfung. Eine Kette logischer Schlussfolgerungen aufzustellen ist Arbeit (kommt daher nicht vielleicht der Begriff knallharte Logik?).

Der kreative Prozess dagegen beginnt mit einer Anfangsfrage und einigen anfänglichen Überlegungen und verabschiedet sich dann aus unserer Aufmerksamkeit. Einmal in Gang gekommen, organisiert sich dieser selbst und bleibt unbewusst. Wir richten unsere Aufmerksamkeit auf etwas ganz anderes – während der Prozess unbemerkt weiterläuft – und wenn wir schließlich zu einem Ergebnis kommen, halten wir das für eine urplötzliche Eingebung oder spontane Idee.

Das ist es oft aber nicht.

Es ist ein Phänomen der Kreativität, dass ihre Ergebnisse uns entweder spontan oder erst nach geraumer Zeit bewusst werden – im letzten Fall immer, wenn wir uns einer Entspannung hingeben. Das hat jeder schon erlebt und die Geschichte der Erfindungen und der Wissenschaft ist voller Beispiele dazu.

Die Kreativität zu nutzen, bedeutet hin und wieder mal zu entspannen, spazieren zu gehen und sich etwas Zeit für ziellose Tagträume einzuräumen.

Das ist leicht gesagt, aber wer will schon seine wertvolle Zeit mit irgendeiner Spinnerei vertrödeln?

Sie müssen lernen, den Wert und die Notwendigkeit dieser scheinbar sinnlosen Zeitvergeudung zu erkennen und zu akzeptieren. Nur dieser Weg führt zu komplexen kreativen Ergebnissen.

Das ist der erste Schritt hin zu einem bewussten Zugang zur Kreativität.

Daher lautet das Passwort zur Kreativität: dezentrieren.

Dezentrieren als Gegenteil von konzentrieren (bekannter ist das etwas altmodische Wort zerstreuen, auch Zerstreuung suchen, noch heute in Gebrauch beim zerstreuten Professor).

Oder anders gesagt – auch hier passt ein altes Sprichwort – wenn man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht, vor lauter konzentriertem Nachdenken das Ziel aus den Augen verliert, dann ist es Zeit zu entspannen. Zeit, die Gedanken sich sortieren zu lassen, wieder den Überblick zu gewinnen. Höchste Zeit, um die Kreativität walten zu lassen, bis die nötige Klarheit wiedergewonnen ist.

Das will geübt sein. Aus diesem Grund finden Sie in diesem Buch etliche Übungen zu kreativem Denken wie auch zu Wahrnehmungen, Assoziationen und bildhaftem Denken.

Tipp: Altbewährte Gewohnheiten sind der größte Hemmschuh der Kreativität – die Zeiten ändern sich und was lange funktioniert hat, muss nicht zwangsläufig weiterhin die beste Option sein. Daher lohnt es sich, Gewohnheiten oder reine Routine zu hinterfragen und nach sinnvollen Verbesserungen zu suchen. Damit erreichen Sie nicht nur eine höhere Effizienz, sondern trainieren auch Ihre Kreativität.

Eine kleine Kreativitäts-Übung gefällig? Bitte sehr:

Wenn der Name Ihrer Firma eine Abkürzung wäre, für was würde diese Abkürzung stehen? Das geht ebenso mit Vornamen oder Städtenamen.

Zum Beispiel: Sollten Ingenieure elektrischer Maschinen eigentlich nicht schweigen?

Um uns verlässlichen Zugang zu unserer Kreativität zu verschaffen, müssen wir dieser vertrauen, mit ihr vertraut sein. Daher wollen noch drei grundlegende Begriffe geklärt werden, die jeweils ein wichtiges Charakteristikum der Kreativität beschreiben und gewissermaßen die drei Säulen darstellen, auf denen die Kreativität beruht.

Kreativität und Wahrnehmung

Unsere Wahrnehmung ist die erste der drei Säulen, auf die sich unsere Kreativität stützt. Nur durch unsere Wahrnehmung können wir Informationen sammeln, um diese dann bei Bedarf rational analysieren zu können. Unsere Wahrnehmung arbeitet aber nicht nur zielgerichtet, sondern füllt ständig eine gigantische „Datenbank“ mit Beobachtungen, Anregungen, Erinnerungen und Erfahrungen aller Art, auf die wir uns beziehen können, sobald unsere gewohnten Strategien nicht mehr greifen. Doch bevor wir uns das genauer anschauen, wollen wir an dieser Stelle einmal innehalten und einander gratulieren. Unsere Ausstattung zur Wahrnehmung ist nämlich wirklich einzigartig. Da ist zunächst unser Hirn, dessen Leistungsfähigkeit noch immer die Wissenschaft erstaunt. Ein absolutes High-End-Produkt und beispiellos auf diesem Planeten.

Darin enthalten ist ein Gedächtnis, welches (trotz chronischer Unzufriedenheit seiner Besitzer) ein vielleicht ausbaufähiges, aber jedenfalls konkurrenzlos leistungsfähiges Produkt ist. Digitale Speichermedien mögen zwar quantitativ weit überlegen sein, organisatorisch sind sie aber unserem Gedächtnis weit unterlegen. Und dann natürlich unsere Wahrnehmungsorgane selbst, die fünf Sinnesorgane, die dafür sorgen, dass wir überhaupt in Kontakt mit unserer Umwelt sein können.

1. Unsere Wahrnehmung sammelt immens viele Daten: Die Wahrnehmungsorgane versorgen uns sekündlich mit einer riesigen Datenmenge an Informationen. Belastbare Zahlen dazu gibt es nicht, man geht aber von einer Kapazität von mindestens eine Million bit/s aus. Diese Flut an Informationen wird durch unser Hirn – wie in einem guten Chefsekretariat – auf Dringlichkeit geprüft und vielseitig gefiltert, gegebenenfalls weitergegeben oder sinnvoll archiviert. Einzelne Wahrnehmungen mögen unsere Aufmerksamkeit erreichen, die Masse aber bleibt unbewusst und wird sofort in unser Gedächtnis verschoben oder einfach gelöscht.

2. Wir können unsere Wahrnehmung regeln: Wir können uns voll auf einen Gegenstand konzentrieren (zum Beispiel wenn wir etwas suchen), auf anderes richten wir eine vorübergehende Aufmerksamkeit oder bringen ihm ein allgemeines Interesse entgegen, etwa bei einem Hobby, unbewusst und trotzdem gezielt, beispielsweise bei Dingen, die mit einem besonderen Interesse oder wichtigen individuellen Erfahrungen zusammenhängen.

3. Unsere Wahrnehmung passt sich situativ an: Die Dringlichkeit dieser Informationen wird dabei laufend neu definiert – ein Parkverbot-Schild, das wir im Vorbeifahren kaum wahrgenommen hätten, bekommt beim Abstellen unseres Autos deutlich mehr Beachtung. Oder sollte es zumindest.

Wieder andere Wahrnehmungen laufen gänzlich unbewusst ab, dringen aber durchaus in den Hintergrund unseres Bewusstseins ein. Sie kennen das von dem berühmten „ersten Eindruck“ bei der ersten Begegnung mit einem Menschen. Ohne dies bewusst zu registrieren, reagieren wir auf dessen Körpersprache und andere Beobachtungen, die uns genauso wenig bewusst sind.

4. Teile unserer Wahrnehmung sind genetisch programmiert: Auf bestimmte Wahrnehmungen werden wir automatisch aufmerksam gemacht, durch Vorgaben, die noch aus den Zeiten stammen, als uns Säbelzahntiger und Höhlenbären vor dem Büro auflauerten. Zu unserer Sicherheit und dem Selbsterhalt nehmen wir Bewegungen gegenüber Unbewegtem bevorzugt wahr, genauso wie starke Kontraste uns ebenfalls in einer höheren Dringlichkeitsstufe bewusst gemacht werden. Daher werden Sie beispielsweise den Jägersmann in seinem grünen Loden am Waldrand leicht übersehen, während Ihnen der Straßenarbeiter in seiner orangenen Sicherheitsweste eben umso früher auffällt.

5. Auch unbewusste Wahrnehmungen werden gespeichert: Manche Wahrnehmungen bleiben zwar unbewusst, werden aber vom Gedächtnis trotzdem bereitwillig gespeichert und auf Abruf zur Verfügung gestellt. Sie erleben das immer wieder, wenn Sie etwas suchen und Ihnen plötzlich einfällt, wo Sie es zuletzt gesehen haben.

Zwar scheint unser Gedächtnis nach Lust und Laune abzuspeichern – besonders Vokabeln gehören wohl nicht zu dessen Favoriten –, aber es schluckt heißhungrig unvorstellbar viele Informationen. Es grenzt an ein Wunder, was an Erinnerungen, Wahrnehmungen und Informationen aus allen denkbaren Wissensgebieten in unserem Gedächtnis verwahrt ist.

Unser Hochleistungshirn sammelt also immens viele Informationen und stellt uns damit ein gigantisches und wirklich unermessliches Archiv zur Verfügung. Dieses Archiv enthält unser erlerntes Wissen, unsere Erfahrungen, alle verfügbaren Erinnerungen und was auch immer – bewusst oder unbewusst – seinen Platz in unserem Gedächtnis gefunden hat.

Dieses innere Archiv liefert Informationen zum Aufstellen logischer Paradigmen, jener Bausteine, aus denen logische Schlussfolgerungen und Erfolg versprechende Strategien aufgebaut werden.

Vor allem aber ist dieses Archiv die Quelle aller unserer Kreativität. Aus diesem Archiv stammen sämtliche Informationen, Ideen und Anregungen, die unsere Kreativität uns gibt – auch und vor allem diejenigen, die sich unserem bewussten Gedächtnis entziehen.

Assoziationen – die Suchmaschine der Kreativität

Mit den Assoziationen haben wir die zweite Säule der Kreativität erreicht. Mittels Assoziationen stellen wir Verbindungen innerhalb der „Datenbank“ unserer Wahrnehmungen her. Und zwar keine rationalen, logisch zwingenden – dafür ist unser logisches Denken verantwortlich –, sondern Verbindungen, die nicht auf Wertung, sondern auf Vergleichen und Ähnlichkeiten beruhen. Damit können wir Erfahrungen aus ganz unterschiedlichen Bereichen miteinander abgleichen und unter Umständen übertragen.

„Wenn ich an eine Kuh denke, dann denke ich an Milch.
Ist die Kuh lila, dann denke ich an Schokolade.
Und ist die Kuh ein Stier, dann denke ich an eine Wiese im Süden Englands, auf der ich staunend entdeckte, wie schnell meine Mutter rennen kann.“

Auf diese Weise stelle ich individuelle, nach außen willkürlich erscheinende Verbindungen zwischen Informationen beziehungsweise Begriffen her. Spontane Verbindungen, die ohne jeglichen logischen Zusammenhang von mir – und erst einmal nur von mir – in Verbindung gebracht werden.

Derartige nicht-logische subjektive Verbindungen bezeichnet man als Assoziationen.

Nun gehören diese drei Assoziationen jeweils einem anderen Typus an.

Die erste ist zwar nicht gerade logisch, aber auch nicht ganz unlogisch, und wird vermutlich von vielen Menschen geteilt. Die zweite ist dagegen völlig unlogisch, aber immer noch für viele Menschen nachvollziehbar, dafür hat ein Schweizer Schokoladen-Hersteller schließlich mit großem Werbeaufwand gesorgt.

Die dritte ist hoffnungslos unlogisch, rein situativ und so subjektiv, dass nur in mir allein diese Assoziation existieren kann.

„Denke ich an Milch, dann denke ich an einen Cappuccino.
Denke ich an Schokolade, dann denke ich an meine Figur, und denke ich an besagte Wiese, dann fallen mir Fischreiher im Abendlicht ein (denn diese habe ich als Kind dort oft beobachtet, der missmutige Stier war nur ein einmaliger Gast).“

Sie sehen, einmal in Gang gesetzt, lassen sich Assoziationen fortsetzen. Sie können Ketten bilden wie eine logische Schlussfolgerung, wenn auch weder linear noch objektiv nachvollziehbar. Sie führen weder zu einem vorgegebenen Ziel noch sind sie steuerbar – und gerade deshalb sind sie so wertvoll, da sie über das Gewohnte und „das Denkbare“ hinausgehen.

Assoziationen sind Verbindungen von Informationen, die weder zwingend noch logisch sind, aber irgendwo in unserer Erinnerung oder Erfahrung bereitstehen. Sie katalogisieren gewissermaßen unsere Erfahrungen. Diese können bei vielen Menschen identisch sein – wie etwa das Paar „Schlüssel – Schloss“, das ist ja einfach naheliegend. Assoziationen können aber genauso nur für einen einzigen Menschen Gültigkeit haben. Sie stammen aus unseren individuellen Erfahrungen oder unserem Erleben und sind daher meist für andere Menschen nicht nachvollziehbar.

Kurz: Sie sind chaotisch. Trotzdem sind sie ein Ordnungssystem – nur eben ein chaotisches. Denken Sie nur an die Eselsbrücke

Das mag erst einmal nicht sehr überzeugend klingen und eher zu den Risiken und Nebenwirkungen des Denkens zu gehören. Es ist aber eine Kern-Ressource des Denkens.

Umgangssprachlich als Querdenken bekannt, wird dieses wissenschaftlich als laterales Denken bezeichnet. Dieser Begriff stammt von dem 1933 auf Malta geborenen britischen Mediziner und Schriftsteller Edward de Bono, der als einer der führenden Experten für die Entwicklung der Kreativität und Kreativitätstechniken gilt.

Dieses „laterale Denken“ ist der Schlüssel zur Kreativität und der Funktionsweise Ihrer „inneren Suchmaschine“.

Was müssen Sie nun tun, um ins Assoziieren zu kommen? Sehr einfach: nichts! Konzentrieren Sie sich einfach auf nichts, dezentrieren Sie sich – und schon sind Sie im Assoziations-Modus.

Dieser ist gewissermaßen unser Standard-Modus, und wir verlassen ihn nur, um uns auf etwas zu konzentrieren. In diesem Standard-Modus verarbeiten wir unsere äußeren und inneren Wahrnehmungen. Wir setzen uns mit allem möglichen auseinander, was uns gerade in den Sinn kommt, und in den Sinn kommt uns, was wir gerade assoziieren.

Assoziationen stellen sich also fortwährend ein, solange wir sie nicht zurückdrängen, um uns ganz auf etwas zu konzentrieren.

Wir können diese Assoziationen nicht lenken, aber wir können ihnen Themen und eine Richtung vorgeben. (Dem werden wir später noch genauer nachgehen.) Das können Sie selbst erreichen, aber auch Andere können in Ihnen bestimmte Assoziationen auslösen, zielgerichtet und mit voller Absicht. Werfen wir mal eben einen Blick auf eine Branche, die sich mit nichts anderem befasst, denn dort wird das Wesen der Assoziation deutlich.

Die Erzeugung gezielter Assoziationen ist das tägliche Brot jeder Werbeagentur und die so erzeugten Assoziationen sind der Stoff, aus dem erfolgreiche Werbemaßnahmen gestrickt sind.

Bekanntlich ist eine rein sachliche Produktwerbung, die sich auf die nachweisbaren Vorzüge eines Produktes beschränkt, eine seltene Erscheinung. Es wird vielmehr dafür gesorgt, dass der potenzielle Käufer das Produkt mit seinen Wünschen und Idealen, begehrenswerten Eigenschaften oder sozialem Status verbindet – also assoziiert.

Da verspricht ein amerikanischer Treibstoffhersteller seinen Kunden den „Tiger im Tank“ – wörtlich genommen bestimmt keine sehr verlockende Vorstellung. Produkte eines amerikanischen Tabakkonzerns sollen vorzugsweise von Cowboys geraucht werden, und ein französisches Kraftfahrzeug zeichnet sich dadurch aus, dass man durch dessen geöffnete Schiebetüren eine Hängematte spannen kann – savoir vivre, ja, aber gewiss kein Kriterium beim Autokauf.

Logisch betrachtet war das alles blanker Unsinn, unter kreativen Gesichtspunkten aber gute Arbeit. Und – bezogen auf den Umsatz – erfolgreich.

Diese Beispiele führen uns zu dem zweiten wesentlichen Faktor des assoziativen Denkens: dem Symbol.

Symbole sind gewissermaßen feste Verknüpfungen von Assoziationen, ganze Pakete, die wachgerufen werden, wenn wir dem Symbol begegnen. Sie sind wie Ordner, in denen sich eine Unmenge von assoziierten Informationen bündeln lassen.

Jeder hat seine kleinen, privaten Symbole, aber richtige Symbole sind kollektiv verständlich. Diese und die in ihnen gebündelten Assoziationen sind nicht mehr an eine Person gebunden, sondern sind weitläufig entschlüsselbar und wirksam, wie eben zum Beispiel ein Tiger.

Wer den Tiger im Tank hat, hat kein Säugetier der Gattung Panthera tigris im Kraftstoffspeicher, sondern verfügt über reichlich Kraft, Dominanz und Überlegenheit – Assoziationen, die weltweit vorausgesetzt werden können. Sie begegnen dem Tiger ja auch in den „Tigerstaaten“.

Symbolen begegnen Sie jeden Tag – und wenn es ein Firmenlogo ist. Ein bestimmtes Zeichen, eine bestimmte Farbe, eine eigene Typografie. Man spricht von Wiedererkennungswert, aber in Wirklichkeit geht es weit darüber hinaus. Wenn ich hier „die Marke mit dem Stern“ erwähne, wissen Sie nicht nur sofort, wer gemeint ist, sondern es meldet sich auch eine Menge an Assoziationen bei Ihnen zu Diensten. Sie können ja einmal den Versuch machen und alles, was Ihnen zu dieser Marke einfällt, aufschreiben. Sie werden überrascht sein, wie lang diese Liste ist.

Symbole dienen also dazu, schnell und übersichtlich auch sehr komplexe Inhalte wachzurufen, sie sind bequeme und funktionale Stellvertreter langgezogener und ermüdender Erläuterungen.

Ist Ihnen in diesem Kapitel etwas aufgefallen? In diesem Kapitel hatten wir sehr viel mit Bildern zu tun: Tiger, Cowboys und Hängematten lösen zwangsläufig innere Bilder aus. Und hätte ich einen „Stern“ erwähnt und nicht „die Marke mit dem Stern“, wäre bei Ihnen ein anderes inneres Bild ausgelöst worden.

Kein Wunder: Viele Assoziationen zeigen sich uns in bildlicher Form, und ein Symbol ist immer auch eine Art Bild. Mit dem Sinn und Zweck des bildhaften Denkens werden wir uns deshalb im nächsten Kapitel auseinandersetzen, vorher aber noch ein paar Übungen zur Assoziation.

Kreativität und Bildsprache

Bilder, sichtbare wie auch innere Bilder, stellen die dritte Säule der Kreativität dar und sind mit Ordnern zu vergleichen, die die über Assoziationen gesammelten Informationen bündeln und zusammenfassen. Ein Bild kann sehr viele Informationen enthalten und diese zeitgleich, also nicht Schritt für Schritt, vermitteln. Ein bekanntes Beispiel dafür ist ein Firmenlogo.

Wenn das Assoziieren der Schlüssel zur Kreativität ist, dann ist das Bildhaft-Symbolische so etwas wie die Sprache der Kreativität. Ein Bild soll ja mehr als 1.000 Worte sagen – nicht, dass 1.000 Worte unbedingt viel sagen müssen, aber in einem Bild können tatsächlich eine Menge an Informationen zusammengefasst werden.

Die folgende Illustration konzipierte der Autor im Auftrag eines süddeutschen IT-Ausstatters. Dieser wünschte eine Sympathiefigur, die dem Kunden auf einen Blick vermittelt, dass die Dienstleistungen der Firma schnell, kompetent und freundlich sind, vor allem aber exakt den Kundenwünschen angepasst werden.

Der Vogel steht hier für Schnelligkeit und Flexibilität, der Werkzeugkoffer und der „blaue Anton“ für die technische Kompetenz, Kragen und Krawatte in Firmenfarben für korrekte Dienstleistung und die Brille für Intelligenz, Aufmerksamkeit und Sachkompetenz. Natürlich sagt eine Brille nichts über die Bildung Ihres Trägers aus, aber in der visuellen Kommunikation funktioniert dieses Symbol bestens. Die Flügelchen an den Schuhen (eine Anleihe bei dem antiken Gott Hermes) stehen für eifrige Beeilung. Das Bemerkenswerte ist, dass diese Assoziationen gleichzeitig ausgelöst werden – Bilder und Symbole sind auch da sehr eng verwandt. Dass beide im kreativen Denken eine große Rolle spielen, verwundert nicht, wenn man einmal verbale mit visueller Kommunikation vergleicht.

Vergleich: verbale und visuelle Kommunikation

verbalvisuell
logischassoziativ
Worte/BegriffeBilder/Symbole
präziseumfassend
linearvernetzt
Schritt für Schrittsimultan
einspurigmehrspurig
an Sprache gebundenvon Sprache unabhängig

Kommt Ihnen das bekannt vor? Wie bei der Logik und der Kreativität zwei unterschiedliche Denkverfahren vorliegen, so haben wir es auch hier mit zwei sich ergänzenden Kommunikationsverfahren zu tun. Die Ähnlichkeiten sind deutlich. Und genauso wie bei der Logik und der Kreativität sind die beiden Verfahren für unterschiedliche Zwecke geeignet.

Auf visuelle, nicht-verbale Kommunikation sind wir beispielsweise angewiesen, um Verhältnismäßigkeiten übersichtlich (!) oder überhaupt nachvollziehbar darzustellen:

  • Diagramme, ob Balken- oder Kuchendiagramm, zeigen auf einen Blick Relationen auf,
  • Karten stellen räumliche Positionen anschaulich dar (stellen Sie sich bitte einmal einen Stadtplan in reiner Textform vor …),
  • Baupläne ermöglichen erst Konstruktionen.
  • Piktogramme vermitteln einfache Informationen, unabhängig von Sprache und Schrift.

Bei anderen Gelegenheiten ziehen wir Bilder oder Symbole heran, um Inhalte anschaulich (!) zu machen:

  • Metaphern, zum Beispiel: „Jetzt sind wir am Ende der Fahnenstange angelangt!“
  • Charakterisierungen, zum Beispiel: „Der Vorsitzende, dieser Fuchs, wusste das schon vorher“
  • Visualisierungen, die bildhaft Ziele, Visionen oder Vorgehensweisen beschreiben

Oder wir übertragen verbale Inhalte in eine bildhafte Form, um sie überschaubar (!) zu machen:

  • Bei einer Mindmap legen wir eine Übersichtskarte unserer Gedanken an.
  • Auf einem Flipchart ordnen wir Stichworte übersichtlich an.
  • Wir verwenden Titelillustrationen, um den Inhalt eines Print-Produkts, wie eines Buchs, zu symbolisieren.

Auf all diese Mittel greifen wir zurück, um uns besser verständlich zu machen. Damit wir uns ein Bild (!) machen können, den Überblick (!) erlangen, um im Bilde (!) zu sein.

In anderen Fällen ist natürlich der verbale Weg vorzuziehen – versuchen Sie einmal eine logische Argumentation, eine Analyse oder nur eine simple Multiplikation wie 7 × 8 bildlich darzustellen …

Wie bei dem vorausgegangenen Vergleich zwischen Logik und Kreativität ist es meistens notwendig, beide Kommunikationsformen zusammenwirken zu lassen. Ein übersichtlicher Bauplan ist wertlos ohne Maßstab und exakte Maße, ferner müssen Materialien definiert und Abläufe präzisiert werden.

Um zu unserem Thema, der Kreativität und ihrer „Sprache“ zurückzukehren: Gemeinsam ist allen Beispielen, dass auf diese Art komplexe Inhalte so einfach und überschaubar wie möglich dargestellt werden, beziehungsweise dass ein komplexes Ganzes schnell erfasst werden kann.

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