Leistung ist kein einfacher Begriff mehr! Zwischen Leistungsanspruch, Selbstschutz, Sinnsuche und Unsicherheit entsteht ein Spannungsfeld, das viele Debatten verkürzt darstellen. Junge Menschen wollen nicht automatisch weniger leisten, sie fragen aber häufiger, wofür Leistung steht und ob sie unter den gegebenen Bedingungen überhaupt sinnvoll möglich ist.
Es gab eine Zeit, in der Leistung ein klares Versprechen war. Wer fleißig war, wer sich aus- und weiterbildete, wer die besten Zeugnisse hatte und bereit war, die längsten Arbeitstage in Kauf zu nehmen, der bekam am Ende die guten Jobs. Wer einen guten Job hatte und ein Leben lang durchhielt, dem war die Zukunft sicher.
Genau dieses Versprechen trägt heute nicht mehr. Leistung führt nicht mehr automatisch zu Erfolg und Erfolg wird längst nicht mehr nur an Leistung gemessen.
»Viele ältere Generationen sind mit einem Leistungsverständnis groß geworden, das eng mit Pflicht, Anpassung und Durchhalten verbunden war.«
Jüngere Generationen wachsen unter anderen Bedingungen auf. Sie erleben eine Welt, in der Leistung zwar ständig gefordert wird, die Gegenleistung aber brüchiger geworden ist. Der Einsatz ist hoch, die Sicherheit niedriger. Die Anforderungen wachsen, die Planbarkeit sinkt.
Vor diesem Hintergrund ist es kein Wunder, dass sich das Verhältnis zu Leistung verändert. Das heißt nicht, dass junge Menschen Leistung nicht wollen. Diese Behauptung ist in den meisten Fällen schlicht falsch! Was sich verändert hat, ist nicht der Wunsch, etwas zu erreichen. Verändert hat sich die Bereitschaft, Leistung um jeden Preis und ohne Sinnbezug zu erbringen, und das ist ein Unterschied, den viele immer noch nicht ernst genug nehmen.
Das Problem liegt also nicht im fehlenden Anspruch, das Problem liegt oft in der Kluft zwischen Anspruch und Realität.
- Wenn ein junger Mensch erlebt, dass viel von ihm erwartet wird, aber wenig erklärt wird, entsteht Druck statt Leistung.
- Wenn Leistung eingefordert wird, aber Anerkennung unklar bleibt, entsteht Frust statt Bindung.
- Wenn Unternehmen Höchstleistung wollen, aber Orientierung, Beziehung und Entwicklung schwach bleiben, entsteht Distanz statt Einsatz.
- Wenn Menschen das Gefühl bekommen, immer liefern zu müssen, ohne zu wissen, wofür und wie lange das tragfähig ist, entsteht oft kein Ehrgeiz, sondern Erschöpfung.
Leistung ist deshalb heute nicht mehr nur eine Frage des Wollens, sie ist stärker als früher eine Frage der Passung.
»Viele ältere Mitarbeitende haben gelernt, Leistung auch unter ungünstigen Bedingungen zu erbringen, nicht weil das immer gut war, sondern weil es oft als normal galt.«
Man hat sich zusammengerissen, mitgemacht, durchgezogen. Das hatte Stärke, aber es hatte auch einen Preis. Viele Menschen haben über Jahre Leistung erbracht und sich dabei innerlich von sich selbst entfernt.
Jüngere Generationen sind weniger bereit, diesen Preis still zu zahlen. Das wirkt auf manche wie mangelnde Disziplin, in Wahrheit ist es oft ein verändertes Verhältnis zur eigenen Lebenszeit, zur eigenen Energie und zur Frage, was Arbeit eigentlich im Verhältnis zum restlichen Leben sein darf.
Leistung wird in Zukunft stärker dort entstehen, wo vier Dinge zusammenkommen: Klarheit, Anschluss, Entwicklung und Konsequenz.
- Ohne Klarheit wird sie beliebig,
- ohne Anschluss wird sie leer,
- ohne Entwicklung wird sie kalt,
- ohne Konsequenz wird sie unglaubwürdig.
Vielleicht ist das die wichtigste Erkenntnis dieses Kapitels: Leistung ist nicht nur Ausdruck von Charakter, sie ist auch Ausdruck von Kontext.
Für Führungskräfte bedeutet das: Leistung muss wieder besser erklärt werden. Nicht im Sinne von Rechtfertigung, sondern im Sinne von Orientierung. Gerade junge Menschen brauchen hier keine weichere Führung, sondern eine bessere Übersetzung.
Und für junge Menschen selbst gilt ebenso: Nicht jede Frustration ist ein Zeichen, dass etwas falsch läuft, nicht jede Anstrengung ist Ausbeutung und nicht jede Grenze ist toxisch. Reife bedeutet, Leistung aushalten zu lernen, aber diese Reife entsteht leichter dort, wo Systeme glaubwürdig sind.
Die Zukunft gehört nicht den weichsten Systemen, aber sie gehört auch nicht den härtesten. Sie gehört denjenigen, die Leistung so organisieren, dass Menschen daran wachsen können, ohne daran zu zerbrechen.
Denn Leistung bleibt wichtig. Die Frage ist nur, ob wir endlich bereit sind, sie klüger zu ermöglichen.

Andreas Wollermann ist der GENfluenZer. In Vorträgen, Trainings und Medienbeiträgen setzt er sich mit der Frage auseinander, warum junge Menschen so oft missverstanden werden. Seine Mission: Führungskräften, Personalverantwortlichen und Ausbildern ein realistischeres Bild der jungen Generation zu vermitteln. Seine Botschaft: Es gibt kein Generationenproblem, sondern ein Missverständnis über Erwartungen, Führungsmodelle und Werte.

