Vom Zigarrenrauch zur Algorithmus-Hölle: Ein Zeitraffer.

Zwei Welten, ein Ziel – dazwischen ein Abgrund an Menschlichkeit.

1968: Das Protokoll der Autorität

Ein Inserat, eine getippte Mappe, ein Termin. Der junge Ingenieur sitzt im Dunst von Zigarrenrauch vor dem Direktor und dem Oberingenieur.

🔹Der Fokus: „Haben Sie gedient?“ Disziplin, Gehorsam und das Diplom zählen.

🔹Die Methode: Er sitzt nicht einem „Recruiter“ gegenüber, sondern dem Personalchef und dem »Oberingenieur«. Beide sind mindestens 20 Jahre älter, tragen dunkle Dreiteiler und rauchen während des Gesprächs vermutlich Kette. Ein Verhör über Loyalität. Keine Psychospielchen, sondern klare Unterordnung und fachliche Fragen – vom Fachmann.

🔹Das Ende: Handschlag. Wer drin ist, bleibt – oft ein Leben lang.

2025: Die Tyrannei der Algorithmen

Keyword-Scanning und KI-Filter. Wer das falsche Format nutzt, fliegt raus, bevor ein Mensch hinschaut.

🔹 Der Overload: Gamification-Tests, Video-Bots ohne Gegenüber und „Culture-Fit“-Panels.

🔹Die Methode: Man fragt nicht nach technischer Mechaik oder Werkstoffkunde, sondern nach dem „größten Scheitern“ und dem „Purpose“. Eine emotionale Nacktschau im Teams-Call.

🔹 Das Ende: Eine automatisierte Mail nach sechs Wochen. Der Mensch als Variable im Optimierungsprozess.

Früher war es Anpassung durch Gehorsam, heute ist es Anpassung durch Selbstoptimierung. Wir haben das rauchige Büro gegen ein digitales Labyrinth getauscht. Wir messen Persönlichkeit in Scores, verdrängen aber die Intuition.

Der heutige Bewerbungsprozess ist oft ein Overload an (vermeintlicher) Effizienz und Daten-Erfassung. Jede Phase soll mehr über den Kandidaten verraten, aber am Ende entsteht ein verzerrtes Bild. Kandidaten werden zu perfekten Selbstdarstellern trainiert, die sich an Algorithmen und psychologischen Tests anpassen, statt ihre wahre Persönlichkeit oder ihr echtes Können zu zeigen.

Der menschliche Kontakt und die authentische Einschätzung gehen oft in der Flut der „objektiven“ Daten verloren.

Vielleicht ist es Zeit, den „leeren Raum“ wiederzuentdecken – dort, wo wir uns nicht als Datenpunkte begegnen, sondern als Menschen.

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