Ist Perfektionismus wirklich so schlimm?

Perfektionisten sind pedantisch und übergenau. Nicht selten wird Perfektionismus in die nähe eines Ticks gerückt. Gut es gibt Situationen, da kann man es übertreiben. Aber das gilt auch in die andere Richtung. Ein perfektionistischer Fluglotse oder Chirurg ist sicherlich die bessere Wahl. Doch der Perfektionismus hat auch eine schwarze Seite …

Mir ist bewusst, dass die Kritik am Perfektionismus eine provozierende Wirkung haben kann, denn schließlich sind wir stolz darauf und definieren uns sehr gerne darüber. Zudem assoziieren wir mit Perfektionismus meistens positive Attribute wie Richtigkeit, Genauigkeit, Effizienz und Präzision.

Mit dem Wort »Gelassenheit« hingegen assoziieren wir häufig eher das Bild eines bekifften Studenten, der auf der Couch liegt und dem alles egal geworden ist: Wir assoziieren Gelassenheit fälschlicherweise mit Gleichgültigkeit.

Doch Gleichgültigkeit hat nichts mit Gelassenheit zu tun

Zwischen diesen beiden Worten liegt ein großer Unterschied, und zwar der Unterschied der Verantwortung, auf den wir später noch eingehen werden. Um die Sinnhaftigkeit von Gelassenheit und den Risikofaktor Perfektionismus jedoch nochmals zu verdeutlichen, machen wir an dieser Stelle ein weiteres kleines, aber wichtiges Gedankenspiel: Reden wir an dieser Stelle einmal über so wichtige Berufe wie Notärzte, Herzchirurgen und Fluglotsen.

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Jetzt dürfen Sie sich entscheiden: Hätten Sie gerne lieber einen perfektionistischen Notarzt, Herzchirurg oder Fluglotsen? Oder hätten Sie lieber einen gelassenen Notarzt, Herzchirurg oder Fluglotsen?

Nehmen Sie sich kurz Zeit und entscheiden Sie, bevor Sie jetzt weiterlesen

In meinen Vorträgen mache ich die Erfahrung, dass sich circa fünfzig Prozent der Teilnehmer für einen perfektionistischen Notarzt, Herzchirurg oder Fluglotsen entscheiden und die anderen fünfzig Prozent der Teilnehmer für einen gelassen Notarzt, Herzchirurg oder Fluglotsen. An dieser Stelle möchte ich nochmals erläutern, was Perfektionismus in solch einem Beruf bedeuten würde.

Perfektionisten funktionieren perfekt, aber nur, solange auch alles perfekt läuft. Sobald es nicht so gut läuft, ein Fehler passiert oder etwas Unvorhergesehenes eintritt, lassen sich Perfektionisten sehr leicht aus der Ruhe bringen und tendieren dann zu impulsiven Verhaltensweisen, weil sie diesen Fehlzustand nicht aushalten. Und genau hier passieren die meisten und verheerendsten Fehler.

Also, um es noch mal zu verdeutlichen: Ich hätte gerne einen Herzchirurgen, der nicht nur dann gut funktioniert, wenn alles perfekt und super läuft, sondern bitte dann auch noch gut funktioniert, wenn es drauf ankommt und ich seine Hilfe wirklich dringend brauche.

Insbesondere Notärzte werden intensiv auf solche Situationen trainiert – wenn sie in eine Chaossituation mit Schwerstverletzten kommen, wissen sie ganz genau: Wer schreit, lebt!

Sie machen sich demnach erst auf die Suche nach den Menschen, die nicht mehr schreien. Denn wer schreit, ist quicklebendig. Unsereins würde wahrscheinlich zu demjenigen hinrennen, der gerade schreit und sichtlich leidet, weil wir dieses Leiden nicht aushalten – und währenddessen stirbt ein Mensch leise, der unsere Hilfe noch viel mehr gebraucht hätte.

In der Gelassenheit jedoch haben wir die Fähigkeit, die Ruhe zu bewahren und einen klaren Blick zu behalten, wenn es drauf ankommt. Der Gelassene ist dazu fähig, den Istzustand zu betrachten, ihn zu akzeptieren, entspannt zu bleiben und damit zu arbeiten.

Der Perfektionist – niedrige Fehlertorleranz und hohe Intoleranz

Der Perfektionist dagegen hat eine niedrige Fehlertoleranz und lässt sich schon durch Kleinigkeiten verunsichern. Schon bei jedem kleinen Pups springt er an die Decke.

Hier haben wir die Menschen, die rot sehen, die keinen klaren Kopf behalten, die einen Tunnelblick bekommen und impulsiv werden – und genau hier die großen Fehler machen. Ja, auch die Choleriker, die rumbrüllen, sich aufführen wie ein beleidigtes Kind, impulsiv reagieren, weil sie es nicht schaffen, die Ruhe zu bewahren und entspannt zu bleiben, gehören zu den Perfektionisten. Und spätestens jetzt wissen auch Sie wen ich meine, denn auch Sie werden höchstwahrscheinlich einen kennen.

Wenn wir davon ausgehen, dass der Perfektionist einen sehr engen, stark definierten Erwartungsradius hat, also eine genau definierte Vorstellung davon, wie es idealerweise sein sollte, so wird all das, was außerhalb dieser Erwartung liegt, nicht toleriert werden. Das bedeutet:

Im Perfektionismus versteckt sich die Intoleranz! Intoleranz gegenüber Fehlern, gegenüber Schwäche, gegenüber Emotionen, gegenüber anderen Meinungen und gegenüber der Andersartigkeit. Alles, was nicht der Erwartung des Perfektionisten entspricht, ist tabu und wird verneint.

Was denken Sie, warum dicke Menschen häufig von durchtrainierten Fitnessstudio-Gängern ausgelacht und als dumm und faul verurteilt werden?

Dicke Menschen werden von sportsüchtigen Perfektionisten häufig verurteilt und als ekelhaft und abstoßend betitelt, da Übergewicht in ihrer Welt ein Tabuthema ist, welches nicht existieren darf. Hier entsteht Diskriminierung, welche gegenüber Übergewichtigen heute sehr weitverbreitet ist. Auch andere Kulturen, Sitten und Werte werden von Perfektionisten schnell als falsch und unmenschlich verurteilt und betitelt, da sie nicht den eigenen Überzeugungen entsprechen. Auch Menschen, die einfach andere Prioritäten im Leben haben, werden von Perfektionisten als faul, naiv oder dumm betitelt. Jemand anderen zu verurteilen oder zu mobben kann hierbei ebenso ein emotionsregulatives, impulsives Verhalten sein, welches nahezu zwanghaft ist und auf einen selbst in dem Moment beruhigend wirkt. Die Gefahr ist: Perfektionisten lassen sich schlicht und einfach unheimlich einfach provozieren.

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