Jeder Redner hat sie. Diese Vorträge, die man am liebsten vergessen würde. Die Auftritte, bei denen nichts funktioniert hat. Die Momente, in denen man sich fragt, warum man überhaupt auf einer Bühne steht. Und diese Momente, in denen man sich wünscht, dass sich einem der Boden unter den Füßen auftut. Wenn wir hier heute über lebendige Vorträge, über Dramaturgie, Storytelling, Interaktion, Inszenierung und den Mut zum Regelbruch sprechen, dann hat das einen Grund. Wir sind nicht mit diesem Wissen geboren worden. Wir haben es uns erarbeitet. Oft mühsam. Manchmal schmerzhaft.
Das ist kein Beitrag über Erfolg. Es ist in Wirklichkeit ein Bericht über das eigene Scheitern. Über fürchterlich peinliche Momente, über Frustration in einer vorher nicht gekannten Dimension und über echte Vorträge, die nicht funktioniert haben.
Die Geschichte vom Tisch
Bei mir (Barbara) begann diese Reise sehr früh. Ich war damals Altenpflegeschülerin. Unsere Schule feierte ein Jubiläum. Es gab einen großen Empfang mit Gästen aus Politik, Verwaltung und Seniorenarbeit. Zum Auftakt sprach die Schulleitung. Danach sollte ich als Vertreterin der Schülerschaft das Publikum begrüßen. Eigentlich keine große Sache – so dachten die anderen. Für mich bereits Tage und Wochen vorher ein Grund, nicht mehr zu schlafen. Es war eine Nummer zu groß für mich. Bisher hatte ich nur auf Theaterbühnen oder auf der Straße gestanden. Die Liste der Ehrengäste war für mich ein persönliches Desaster – zu lang … zu viel. Gefühlt dreißig Namen aus dem Seniorenbeirat der Stadt Hannover, die ich nennen sollte. Namen, die ich mir nicht aufgeschrieben hatte. Namen, die ich mir nicht gemerkt hatte. Ich war damals Anfang zwanzig, vollkommen unerfahren und unglaublich nervös.
Als ich dort vorne stand, wurde mir schlagartig klar, dass ich die Namen nicht mehr wusste, und ich hatte auch keinen Spickzettel. Obwohl das in der Schule eine bewährte Vorgehensweise war, hatte ich sie hier nicht angewandt. Ich hatte auch keinen Plan B. Aber dafür ganz viel Panik. Was dann geschah, ist bis heute eine der absurdesten Erinnerungen meiner Vortragskarriere.
Während ich sprach, hörten die Worte plötzlich auf. Ein Blackout vom Feinsten. Also kroch ich auf der Bühne unter einen Tisch. Einfach unter einen Tisch. Was anderes konnte ich mir in diesem Moment nicht vorstellen. Dort blieb ich sitzen und hoffte, dass ein Wunder geschieht. Mitten in der Veranstaltung und gleich zu Anfang des Programms. Dadurch entstand natürlich eine Lücke, die niemand vorgesehen hatte.
Zum Glück reagierte meine Lehrerin geistesgegenwärtig. Sie sprang ein, übernahm den Programmpunkt und schaffte es, die Situation mit Humor zu retten. Damals war mir allerdings überhaupt nicht nach Lachen zumute. Ich war beschämt, überfordert und überzeugt davon, dass Vorträge etwas Gefährliches sind. Heute kann ich darüber schmunzeln. Damals war es eine Katastrophe.
Und meine Nummer zwei des Grauens: Der Vortrag, den ich nie vergessen werde
Der zweite Vortrag gehört zu den Momenten, die sich tief ins Gedächtnis eingebrannt haben. Ich war als Rednerin auf einer Verbandstagung eingeladen. Eine große Veranstaltung mit Handelspartnern und Einkaufsfirmen. Neben einem anständigen Honorar hing für mich viel an diesem Vortrag und auch an der Veranstaltung. Es ging nicht nur um den Auftritt selbst, sondern um einen anschließenden Beratungsauftrag, den ich sehr gerne bekommen hätte.
Wie immer war ich rechtzeitig da und sah mir die Veranstaltung an. Das mache ich bis heute. Ich möchte die Atmosphäre aufnehmen, die Menschen erleben, die Stimmung spüren. Vor meinem Vortrag sprach ein anderer Referent. Und während seines Vortrags erzählte er ganz selbstverständlich von einem gemeinsamen Projekt, das er nun mit diesem Großkunden umsetzen würde. In diesem Moment verstand ich: Der Auftrag war vergeben, und zwar nicht an mich.
Wenige Minuten bevor ich selbst auf die Bühne sollte, erfuhr ich öffentlich, dass ich den Auftrag verloren hatte. Ich werde diesen Moment niemals vergessen. Der Kloß im Hals war mindestens so groß wie mein Frust und meine unsichtbaren Tränen in den Augen, die ich nicht zeigen konnte. Damals konnte ich sie nicht zeigen – vielleicht gerade etwas, das ich in meinen Vortrag hätte einbauen können. Das sage ich jetzt, Jahre später.
Natürlich versuchte ich, professionell zu bleiben, und natürlich hielt ich meinen Vortrag. Aber innerlich war ich frustriert, enttäuscht und verletzt. Und genau das spürte man. Hinzu kam, dass ich eine Idee eingebaut hatte, die ich zuvor bei einer Kollegin erlebt hatte. Sie hatte auf einer großen Jahrestagung Nüsse verteilt. Das passte wunderbar zu ihrer Marke. Anschließend erzählte sie die Geschichte eines Mannes, der im hohen Alter noch immer Nussbäume pflanzt. Ein junger Mensch fragt ihn: »Warum pflanzt du noch Bäume? Du wirst ihre Früchte doch gar nicht mehr ernten.« Und der alte Mann antwortet: »Ich habe von den Bäumen gelebt, die andere vor mir gepflanzt haben. Also lohnt es sich, weiter Bäume zu pflanzen.«
Die Geschichte war sehr berührend und die Kollegin wirkte auf mich sehr glaubwürdig. Die Botschaft passte. Und so dachte ich, das könnte auch bei meinem Vortrag funktionieren. Also brachte ich Walnüsse mit. Nur fehlte mir etwas Entscheidendes: Mir fehlten die innere Lebendigkeit und jeglicher Esprit. Mir fehlte die Verbindung zu dem, was ich dort erzählte, ich fühlte mich komplett von meinen Emotionen abgeschnitten. Ich war das Problem, nicht die Kollegin oder das Publikum. Mein Vortrag wirkte ebenso aufgesetzt, wie ich hölzern war.
Was ich daraus gelernt habe? Rückblickend sind das wahrscheinlich die zwei schlechtesten Vorträge meines Lebens. Und gleichzeitig gehören sie zu den wertvollsten. Denn beide haben mir etwas gezeigt. Ein Vortrag lebt von der Verbindung zwischen Menschen, Thema und Publikum. Wenn diese Verbindung fehlt, helfen oft auch die besten Techniken nicht. Für mich wurden diese Erfahrungen zum Ausgangspunkt einer jahrzehntelangen Reise.
Die Wahrheit ist: Unsere besten Vorträge sind auf den Trümmern unserer schlechtesten entstanden.
Barbara Messer, Dr. Stephen Wagner

Barbara Messer, CSP, Horizonautin, international ausgezeichnete Rednerin, mehrfache Trainingspreisträgerin und Autorin von über 25 Büchern. Sie vereint Fachwissen (BBA, diverse Fachweiterbildungen, systemischer Coach, NLP-Trainer etc.) mit Herz (gelernte Altenpflegerin, Clown, Nia Brown Belt). Kleeblattfinderin, Tausendsassa, Visionärin, Mentorin für Transformation. Ihre Vielfalt inspiriert Menschen – klug, kreativ und grenzenlos.

Dr. Stephen Wagner ist Science Trainer, Präsentations-Coach und Redner. Der führende Experte für Science Pitch, Rhetorik und Wissenschaftskommunikation war auf 6 Kontinenten, in 13 Ländern und 56 Städten unterwegs. Er ist zertifizierter Online-Trainer, im BDVT-Präsidium und VSAI-Botschafter. Als Geograph und Naturwissenschaftler weiß er, wovon er spricht. Sein Motto: Hol dein Wissen raus aus der Blackbox und rein in die Köpfe und Herzen deines Publikums!

