Widerstand lösen

Klarheit & Strategie sind top, aber kein Autopilot. Ein Gespräch bleibt Dynamik. Starre Erwartungen blockieren Erfolg. Was passiert, wenn wir uns Klarheit über unsere Bedürfnisse geschaffen haben, wenn wir bewusst die passende Gesprächskategorie als Rahmen gewählt haben, beide Ziele klar sind und der erste Satz erfolgreich gesprochen ist? Läuft dann ein Gespräch automatisch zu unseren Gunsten?

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Die Wahrheit ist, dass es meist anders verläuft. Wir haben uns vorbereitet und dennoch bekommen wir nicht die lösungsorientierten Reaktionen, die wir erwartet haben. Selbst wenn wir wissen oder vermuten, warum der andere bockt, haben wir noch keinen Hinweis darauf, wie wir damit umgehen können. Hier hilft es zu verstehen, wie Menschen gestrickt sind und was Menschen antreibt, sich auf die eine oder andere Weise zu verhalten. In dem jeweiligen Treibstoff steckt die Chance, unser Interesse auf die Straße zu bringen. Natürlich stoßen wir dabei auch an unsere eigenen Limitierungen. Einige Verhaltensmuster des Gegenübers lösen eine Mentalallergie aus und wir verlieren unsere Steuerungsfähigkeit. Bei mir ist der Fall, wenn ich das Gefühl habe, dass mich jemand »für dumm verkaufen« will. Da habe ich sofort einen Puls von 180 und ich reagiere nicht mehr angemessen. Es hilft mir dann zu verstehen, aus welchem Antrieb der andere handelt. Es ist nur der Ausdruck seiner Befindlichkeit, über dessen Wirkung er sich keine Gedanken macht. Somit ist dieser Wegpunkt die Kupplung zwischen Weg und Ziel.

In der Elektrotechnik beschreibt der elektrische Widerstand, welche Spannung benötigt wird, um einen elektrischen Strom einer bestimmten Stromstärke durch einen Leiter fließen zu lassen. Diese physikalische Definition weist erstaunlich viele Parallelen mit dem menschlichen Widerstand auf: In der Psychologie beschreibt der menschliche Widerstand, welche Haltung benötigt wird, um eine Interaktion für ein konstruktives Miteinander im Alltag fließen zu lassen.

Widerstände erleben wir tagtäglich in mannigfaltiger Gestalt:

  • Morgens aus dem warmen Bett zu steigen,
  • uns auf dem Weg zur Arbeit an Tempolimits und Verkehrsregeln zu halten,
  • das laute Fluchen, weil jemand an der Kaffeemaschine den Rest Kaffee entnommen und keinen neuen aufgesetzt hat,
  • das Handy in die Hand zu nehmen, um ein lang aufgeschobenes Telefonat zu führen,
  • regelmäßig Rückenübungen zu machen,
  • am Abendbrottisch seinen Ärger über die Wäsche neben der Waschmaschine zum Ausdruck zu bringen.
  • Dabei geht es immer in beide Richtungen:
  • Da zerrt und zieht irgendetwas oder irgendjemand an uns und wir wollen uns nicht bewegen.
  • Jemand macht etwas nicht, was abgesprochen und vereinbart war.

Ganz zu schweigen von den inneren Konflikten, wenn es um meine Gesundheit, meine Karriere, den Familienfrieden und die Glückseligkeit geht. Wir alle finden Argumente und Rechtfertigungen, warum das jetzt gerade nicht geht. Hier spielt auch wieder der Rechtfertigungszwang eine Rolle.

Bevor ich in die Schluchten der Widerstände eintauche, kommt noch eine Bemerkung aus tiefster Seele.

Widerstände sind normal!

Sie gehören zum Menschsein dazu und sind unser täglicher Begleiter. Ich sehe sie mittlerweile mehr als gute Freunde und wachsamer Ratgeber und nicht als Hemmschuh. Sie zeigen mir an, dass in der aktuellen Situation irgendetwas nicht stimmt, und somit habe ich Gelegenheit, dieser Störung auf den Grund zu gehen.

Ich sollte vor zwölf Jahren bei meiner Marketingagentur einen Vertrag unterschreiben, der meine Öffentlichkeitsarbeit und Medienpräsenz mittels einer neuartigen Software nach vorne bringen sollte. Das Reizvolle an dieser Vereinbarung war, dass über diese Software-Tarnung die monatlichen Raten in Form eines Leasingvertrages absetzbar sein sollten. Ich war am Anfang meiner Selbstständigkeit, war mit diesem Terrain wenig vertraut und dachte mir: Klingt nach einer coolen Idee.

Ich bat mir Bedenkzeit aus und schon auf der Rückfahrt hatte ich so meine leichten Zweifel. Als ich diese zwei Tage später der Agentur gegenüber äußerte, kam eine Welle der Empörung zurück: Man hätte schon mit der Bank über die Konditionen gesprochen und das wäre jetzt zu spät, von dem mündlichen Vertrag zurückzutreten. Weitere Einzelheiten möchte ich hier nicht weiter ausbreiten, um die Anonymität zu wahren. Der Widerstand vor diesem angeblichen Meisterstück hat mich vor einer großen Dummheit bewahrt.

Dir fällt spontan eine Vielzahl von Beispielen ein, bei denen du aus Intuition, einem mulmigen Gefühl, einer bösen Vorahnung oder einer schmerzenden Erfahrung heraus einen Stopp umgesetzt hast. Wir alle haben schon mal zu uns selbst gesagt: »Ich wusste es! In dem Moment, in dem ich ›ja‹ gesagt/getan/geschwiegen habe, wusste ich, dass dies ein Fehler ist!« So wurde der Widerstand zu meinem besten Ratgeber und treuen Freund, den ich nicht mehr missen möchte.

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