»Reiß dich zusammen!« – In Führungsetagen gilt Hoffnungslosigkeit oft als Bankrott. Doch was, wenn sie kein Versagen ist, sondern die ehrlichste Bilanz, die dein System ziehen kann? Ein Plädoyer für den Mut zum Stillstand und die Kraft der radikalen Ehrlichkeit.
Wenn Hoffnungslosigkeit einsetzt, reagieren viele reflexhaft mit Abwehr. »Reiß dich zusammen!«, »Denk positiv!«, »Kämpfe weiter!« – das sind die Floskeln, die Menschen in vielen Coaching-Seminaren und Führungskräftetrainings hören. Hoffnungslosigkeit gilt als Endstation, als Kapitulation, als psychischer Bankrott. Doch in Wahrheit ist sie oft kein Feind, sondern ein präzises Signal. Sie zeigt: Die Ressourcen sind erschöpft, der Kredit ist aufgebraucht, die Bilanz lässt sich nicht länger schönen. Hoffnungslosigkeit ist die Sprache des Systems, das sagt: »So nicht mehr.« Sie erlaubt eine direkte Ehrlichkeit, die unter dem Daueroptimismus nicht möglich ist. Denn Optimismus verführt dazu, weiterzumachen, auch wenn längst alles gegen die Fortsetzung spricht. Hoffnungslosigkeit dagegen entzieht die Energie, sie legt das System lahm – und gerade dadurch schafft sie Raum für die entscheidende Frage, die man im Rausch des Fortschritts so oft verdrängt hat: Wozu eigentlich?
Ein Beispiel aus der Wirtschaft: Die Geschichte der Concorde, des ersten Überschallpassagierflugzeugs, ist auch bekannt als die »Concorde-Fallacy«: den Irrglauben, dass man ein Projekt nicht beenden darf, weil man schon so viel investiert hat. Jahrzehntelang pumpten Großbritannien und Frankreich Milliarden in ihr Prestigeprojekt. Ingenieure wussten längst, dass die Maschine ökonomisch wahrscheinlich nie rentabel sein würde. Doch die Hoffnung, das eingesetzte Kapital irgendwann zu amortisieren, ließ die Regierungen weitermachen – bis die Realität sie zwang, aufzugeben. Eine frühere Hoffnungslosigkeit, ein rechtzeitiges Eingeständnis der Erschöpfung, hätte Milliarden gespart.
Auch in der deutschen Geschichte finden sich Momente, in denen kollektive Hoffnungslosigkeit nicht das Ende, sondern der Neubeginn war. Man denke an die Weimarer Republik: Die Hyperinflation von 1923 brachte Millionen in eine Lage, in der Hoffnung auf wirtschaftliche Stabilität schlicht nicht mehr existierte. Ersparnisse verdampften, Löhne reichten nicht einmal für ein Brot. Hoffnungslosigkeit griff um sich – und in diesem Moment entstand paradoxerweise Raum für eine radikale Neuordnung des Währungssystems. Die Einführung der Rentenmark war nicht das Resultat unerschütterlichen Optimismus, sondern die Folge eines Systems, das seine Erschöpfung offen eingestand.
Auch auf persönlicher Ebene kann Hoffnungslosigkeit einen solchen Wendepunkt markieren. Ein Burn-out-Patient, der nach Monaten der Erschöpfung endlich sagt: »Ich kann nicht mehr«, macht damit nicht nur eine Niederlage sichtbar. Er eröffnet zugleich die Möglichkeit zur Umkehr. Denn erst im Eingeständnis der Hoffnungslosigkeit entsteht die Energie, Strukturen radikal zu verändern: den Beruf zu wechseln, das eigene Leben neu zu ordnen, Prioritäten neu zu setzen. Hoffnungslosigkeit ist damit nicht das Ende der Handlung, sondern das Ende der Selbsttäuschung. Man muss sie nur zulassen können, damit sie ihre Wirkung entfaltet.
Die Psychologie kennt dieses Phänomen unter dem Begriff der »Learned Helplessness«, der erlernten Hilflosigkeit. Ursprünglich in den 1970er-Jahren von Martin Seligman erforscht, zeigte sich in Experimenten mit Hunden, dass Tiere, die wiederholt Stromschlägen ausgesetzt wurden, ohne eine Möglichkeit zur Flucht, irgendwann aufhörten, überhaupt noch Versuche zur Befreiung zu unternehmen. Selbst wenn der Ausweg später offenstand, blieben sie passiv liegen. Lange wurde dieses Ergebnis ausschließlich als Modell für Depression und psychisches Versagen gedeutet, als ein Zustand, in dem das System kapituliert.
Doch betrachtet man dieses Muster aus ökonomischer Perspektive, offenbart sich eine zweite Lesart: Hoffnungslosigkeit ist nicht zwingend nur Pathologie, sondern auch eine Form der Kosten-Nutzen-Regulierung. Ein Bewusstsein, das wiederholt erfährt, dass kein Handeln zum Ziel führt, stellt nicht aus Irrationalität die Aktivität ein, sondern aus einer nüchternen Bilanzierung: Weitere Investitionen wären Verschwendung. Hoffnungslosigkeit ist in dieser Perspektive kein bloßes Loch, sondern ein Schutzmechanismus. Sie verhindert, dass Ressourcen in aussichtslose Strategien gebunden werden. Was wir vorschnell als Defizit stempeln, kann als eine radikale Form der Selbstökonomie verstanden werden. Hoffnungslosigkeit ist der Zwangsstopp einer Maschine, die sonst bis zum letzten Tropfen Energie weiterlaufen würde. Sie ist der erzwungene Reset-Knopf, der das System in eine Phase der Passivität zwingt, damit es nicht völlig kollabiert.
Der Moment des Aufgebens kann daher auch einfach der Moment der Umorientierung sein. Menschen, die nach Jahren vergeblicher Anstrengungen in einer toxischen Beziehung, einem auslaugenden Beruf oder einer ruinösen Investition plötzlich »nichts mehr tun«, mögen äußerlich wie Verlierer erscheinen. Doch innerlich stellt sich oft eine neue Klarheit ein: Der Kampf ist beendet, die Bilanz ist gezogen, die Verschwendung gestoppt. Erst auf dieser Grundlage wird es möglich, Alternativen zu sehen – neue Beziehungen, neue berufliche Wege, neue Lebensformen. Gerade systemtheoretisch betrachtet ist Hoffnungslosigkeit kein Endpunkt, sondern ein Regulationssignal. Ein komplexes System, das auf Dauer nur Aktivität kennt, verbrennt sich selbst. Erst der Einbruch in Form von Hilflosigkeit schafft die Möglichkeit, die Parameter neu zu justieren. Insofern ist Hoffnungslosigkeit nicht nur ein Ausdruck psychischer Begrenzung, sondern eine präzise Rückmeldung: So geht es nicht weiter. Das System muss einen anderen Pfad suchen.

Prof. Dr. Dr. Oliver Hoffmann ist Professor für Innovationsmanagement und Experte für Wirtschafts- und Innovationspsychologie. Er erforscht psychologische Bedingungen zukunftsfähiger Arbeit und KI-Auswirkungen auf Kommunikation, Kreativität und Entscheidungsprozesse. Er berät internationale Unternehmen an der Schnittstelle von Technologie, Psychologie und strategischer Transformation.

