Die Illusion des Wachstumsnarrativs

Die Natur des Menschen ist süchtig nach Wachstum. Unternehmen, die jedes Quartal höhere Zahlen präsentieren. Individuen, die jedes Jahr mehr erreichen wollen. Staaten, die ihr Bruttoinlandsprodukt wie eine Fieberkurve messen und feiern. Doch dieses Narrativ hat eine Lücke: Es kennt keine Pausen, keinen Rückzug, kein Ende. Biologisch betrachtet ist das geradezu absurd. Kein Körper wächst endlos. Irgendwann stabilisiert sich das Wachstum, die Energie wird nicht mehr in Größe, sondern in Regeneration, Erhaltung und Anpassung investiert. Kein Wald expandiert unbegrenzt; er braucht Brache, braucht die Zersetzung alter Bäume, um Neues hervorzubringen. Sogar Sterne kennen den Punkt, an dem sie kollabieren, weil das innere Gleichgewicht nicht mehr gehalten werden kann. Nur die Wirtschaft und mit ihr der Mensch glaubt, dieser elementaren Logik entkommen zu können.

Das Buch zum Thema

Negative Psychologie
» Mehr Infos & kaufen

Das Ergebnis ist eine Gesellschaft, die Scheitern als Skandal behandelt, obwohl es nichts anderes ist als die logische Antwort eines überstrapazierten Systems. Wenn ein Gründer nach drei Jahren sein Start-up schließen muss, wird er oft noch immer öffentlich als Versager gebrandmarkt. Dabei ist das Scheitern in Innovationsökonomien die Norm – neun von zehn Neugründungen gehen innerhalb von fünf Jahren unter. Der Skandal ist also nicht das Scheitern, sondern die Tatsache, dass wir es verdrängen, als wäre es ein Betriebsunfall, und nicht ein notwendiger Teil des Zyklus.

Die Illusion des Wachstumsnarrativs zeigt sich besonders plastisch in der Geschichte der Sowjetunion. Jahrzehntelang wurden gigantische Wachstumszahlen veröffentlicht: Ernten, Stahlproduktion, Fabriken. Alles wuchs, offiziell. Doch das System selbst fraß sich innerlich auf: ineffizient, unflexibel, unfähig zum Rückzug oder zur Kurskorrektur. Zweifel galt als Verrat, Stillstand als Niederlage. Als die Realität nicht mehr zur Rhetorik passte, brach das gesamte Gebilde in sich zusammen. Dauerwachstum als Pflicht führte nicht zur Stärke, sondern zum Kollaps.

Ein anderes Beispiel aus der Wirtschaft: General Electric (GE), einst Symbol amerikanischer Wirtschaftsmacht. Unter CEO Jack Welch in den 1980er- und 1990er-Jahren galt »stetiges Wachstum« als Dogma. Welch wurde gefeiert als »Neutron Jack«, der alles rationalisierte, um Zahlen nach oben zu treiben. Doch was passierte? GE wurde süchtig nach der Erzählung des immerwährenden Wachstums. Es wurden Zahlen präsentiert, die schöner waren als die Realität, bis am Ende ein Kartenhaus zusammenbrach. Heute gilt GE als Paradebeispiel für die toxische Seite des Wachstumsdogmas: ein Gigant, der durch Overconfidence, Zahlenmanipulation und Wachstumsabhängigkeit an seiner eigenen Hybris zerfiel.

Auch im Kleinen spielt sich dieselbe Logik ab. Ein ambitionierter Mitarbeiter, der sich jedes Jahr steigern muss: mehr Projekte, mehr Verantwortung, mehr Leistung. Irgendwann stößt er an die biologische Grenze: Schlafmangel, Konzentrationsprobleme, Gereiztheit. Doch anstatt den Rückzug zu erlauben, wird von ihm verlangt, noch eine Schippe draufzulegen. Das Resultat: Burn-out – die individuelle Variante des ökonomischen Kollapses.

Tragischerweise verwechseln wir oft Rückgang mit Scheitern, obwohl dieser in Wahrheit Stabilisierung bedeutet.

Ein Baum, der im Winter seine Blätter verliert, scheitert nicht; er bereitet den Frühling vor. Ein Unternehmen, das bewusst eine Schrumpfungsphase einlegt, um Schulden abzubauen oder Strukturen zu modernisieren, zeigt nicht Schwäche, sondern Weitsicht. Und ein Mensch, der eine Pause nimmt, verliert nicht; er gewinnt die Möglichkeit, überhaupt weiterzumachen.

Doch das positive Wachstumsnarrativ duldet keine Winter. Es wünscht sich einen ewigen Sommer, eine permanente Ernte, ein Quartal nach dem anderen voller Rekorde. Dabei ist genau diese Verweigerung des Zyklus die größte Illusion. Denn Systeme, die keinen Rückzug kennen, brechen nicht sanft – sie brechen brutal.

Dabei ist das Wachstumsnarrativ nichts Neues. Schon die antiken Stoiker warnten vor der Hybris, das Leben als permanente Expansion zu deuten. Für Seneca war es nicht die Größe der Taten, die das gute Leben bestimmte, sondern die Fähigkeit zur Mäßigung. Er schrieb, dass der Mensch, der nicht aufhören kann, mehr zu wollen, »niemals reich ist, sondern immer arm bleibt« – selbst im Überfluss. Die Grenze war für ihn kein Mangel, sondern der Rahmen, in dem Freiheit überhaupt erst entstehen konnte.

Arthur Schopenhauer griff diesen Gedanken im 19. Jahrhundert radikal auf. In seiner »Welt als Wille und Vorstellung« entlarvte er das ewige Streben nach Mehr als Quelle des Leidens. Das Leben, sagte er, sei wie ein Pendel, das zwischen Schmerz und Langeweile schwingt – Schmerz, solange wir begehren, Langeweile, sobald das Begehren erfüllt ist. Die Idee des endlosen Wachstums erschien ihm daher als metaphysische Täuschung: Wir glauben, der nächste Sieg, der nächste Erfolg, der nächste Aufstieg werde uns endgültig zufriedenstellen – doch jedes »Mehr« gebiert sofort das nächste »Noch mehr«. Und doch war Schopenhauer kein Nihilist. Er sah Klarheit genau in der Anerkennung der Grenze. Wer begreift, dass Wachstum nicht unendlich ist, kann sich vom Zwang befreien, unaufhörlich mehr zu wollen. In dieser Begrenzung liegt paradoxerweise die Möglichkeit wahrer Freiheit: nicht mehr getrieben zu sein, sondern wählen zu können.

Derselbe Gedanke findet sich auch bei John Stuart Mill, der bereits im 19. Jahrhundert das Konzept einer stationären Wirtschaft entwarf. Mill argumentierte, dass eine Gesellschaft, die nur auf ständiges Wachstum fixiert ist, sich unweigerlich selbst zerstört – durch Ausbeutung der Natur, durch Ungleichheit, durch den Raubbau an den Menschen. Für ihn war es keine Katastrophe, wenn Wachstum ein Ende findet, sondern eine Chance: Endlich könnten die Ressourcen in Bildung, Kultur und Lebensqualität fließen, statt nur in Expansion.

Grenzen sind nie der Feind des Fortschritts, sondern seine Bedingung. Ohne Begrenzung gibt es kein Maß, ohne Maß keine Richtung, ohne Richtung keine Freiheit.

Teilen

Dieser Artikel kann nicht kommentiert werden.