Ob gesellschaftliche Krisen, Trauma oder Sucht – wenn wir uns isoliert fühlen, sucht unser Nervensystem verzweifelt nach Ersatz. Doch wie der berühmte „Rattenpark“ zeigt: In einem Umfeld voller Empathie und Gemeinschaft verliert die Sucht ihre Macht. Ein Plädoyer für mehr Menschlichkeit und weniger Schubladendenke.
Wenn Menschen Angst haben, ist das beste Gegenmittel, um wieder Sicherheit zu spüren, die Verbindung. Das Gefühl, nicht allein zu sein, beruhigt unser Nervensystem.
Sich mit anderen Menschen zu verbinden, war in der Pandemiezeit jedoch nicht oder nur eingeschränkt möglich. Über diesen Weg konnten wir uns nicht regulieren. Diese Tatsache hat viele Menschen besonders gestresst und verunsichert. Das heißt, zur Angst vor Krankheit kamen noch der Bindungsverlust und bei vielen Menschen ein Gefühl der Einsamkeit dazu.
Verbindung ist essenziell
Dass Verbindung so essenziell und sogar ein bewährtes Gegenmittel gegen Drogensucht ist, zeigte der Psychologieprofessor Bruce Alexander in den Siebzigerjahren des letzten Jahrhunderts. Man ging lange davon aus, dass eine Sucht durch die Suchtmittel entsteht, die man über einen gewissen Zeitraum einnimmt. Also dass Heroinsüchtige durch die Suchtmittel im Heroin süchtig werden. Das aktuelle Verständnis von Abhängigkeit beruht auf einer Reihe von Experimenten, die Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts durchgeführt wurden. Der Aufbau der Experimente ist einfach: Eine Ratte wird mit zwei Flaschen in einen Käfig gesteckt. In einer Flasche ist Leitungswasser, die andere wird mit Heroin oder Kokain versetzt. Viele Ratten entwickeln in diesem Experiment eine Sucht nach dem Drogenwasser und trinken es exzessiv, bis sie sich damit umbringen. Aber in den Siebzigerjahren fiel Bruce Alexander etwas an dem Experiment auf. Die Ratten werden einzeln in Käfige gesteckt. Sie haben nichts außer den Drogen. Was würde also passieren, wenn man die Sache anders angehen würde?
Er baute daraufhin einen Rattenpark, der ein wahres Paradies für Ratten war. Die Ratten wohnten in einem liebevoll ausgestatteten Käfig mit bunten Bällen und Tunneln. Sie waren dort mit Freunden zusammen, mit denen sie spielen konnten. Außerdem bekamen sie Drogenwasser und Leitungswasser zur Auswahl.
Sein Ergebnis war verblüffend. Die Ratten zeigten kaum Interesse am Drogenwasser. Keine von ihnen trank es zwanghaft oder starb an einer Überdosis.
Es ist zwar nur ein einzelner Tierversuch, aber es gibt noch einige interessante Studien zum menschlichen Drogenkonsum in Extremsituationen (Hari 2017). Im Vietnamkrieg zum Beispiel konsumierten zwanzig Prozent der amerikanischen Soldaten regelmäßig Heroin. Es wurde befürchtet, dass die USA nach Ende des Krieges von Hunderttausenden Junkies überrannt werden würden. Aber eine Studie, die nach dem Krieg durchgeführt wurde, zeigte, dass die Soldaten weder in Kliniken landeten noch einen Entzug durchmachten. Fünfundneunzig Prozent hörten einfach auf, als sie nach Hause kamen.
Das gute Gefühl, nicht allein zu sein
Mit dem Gefühl, nicht allein ein Problem lösen zu müssen, ist das Problem schon halb gelöst.Mit dem traditionellen Verständnis von Abhängigkeit allein kann man das nicht erklären. Mit Professor Alexanders Theorie kommt man der Sache jedoch näher: Befindet man sich in Gefahr und muss mit der Angst leben, zu sterben, dann ist Heroin eine verlockende Substanz, um diese Angst nicht spüren zu müssen. Kommt man aber nach Hause zu Familie und Freunden, ist es wie bei den Ratten und ihrer veränderten Umgebung. Es scheinen also nicht nur die Chemikalien eine Rolle zu spielen, sondern auch die Verbindungen, die Lebewesen benötigen.
Die alten Experimente waren also offenbar fehlerhaft. Nicht die Droge ist schuld am schädlichen Verhalten, sondern die Umgebung. Eine isolierte Ratte wird fast immer zum Junkie. Eine Ratte mit einem guten Leben dagegen so gut wie nie, auch wenn man ihr noch so viele Drogen bereitstellt.
Johann Haris
Menschen haben ein angeborenes Bedürfnis, enge Beziehungen zu Mitmenschen aufzubauen. Als Baby und Kleinkind hat dies unser Überleben gesichert.
Wenn es uns gut geht, fällt es uns leicht, in Verbindung zu gehen. Geht es uns jedoch schlecht, sind wir zum Beispiel traumatisiert oder isoliert, dann kann es passieren, dass wir eine enge Bindung zu einem Ersatzobjekt aufbauen. Dieses Ersatzprodukt kann für die einen das Handy sein, für andere ist es das Videospiel, Pornografie, Glücksspiel oder eben Kokain. In diesem Fall ist die Abhängigkeit von Ersatzbindungsprodukten ein Symptom der Traumatisierung und Isolation in unserer Gesellschaft. Der Ausweg daraus ist der Aufbau von engen, emotionalen Beziehungen zu anderen Menschen. Was aber tun wir mit Menschen, die drogenabhängig sind? Anstatt sie dabei zu unterstützen, sichere Verbindungen aufbauen zu können, werden sie von der Gesellschaft ausgestoßen. Wir bestrafen sie mit Leistungskürzungen und Gefängnis, wenn sie beim Drogenkonsum erwischt werden. Wir stecken sie in Zellen, also in Käfige, und sorgen dafür, dass Menschen, denen es nicht gut geht, sich noch schlechter fühlen. Wir verachten sie, wenn sie sich nicht bessern.
Wir reden immer nur über die Besserung des Individuums und sehen nicht die Rolle der Gesellschaft in diesem Genesungsprozess, denn wir sind alle verantwortlich. Wir müssen vielmehr das Umfeld der betroffenen Menschen in Betracht ziehen und dürfen keine vorschnellen Urteile fällen. Anstatt Menschen in Schubladen zu stecken, sollten wir ihnen erst einmal zuhören. Der erste Schritt im Kampf gegen die Sucht sollte nicht harte Bestrafung, sondern Empathie sein.

Birgit Schumacher interessierte sich schon in ihrem Volkswirtschaftsstudium für die Beantwortung der Frage, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit Menschen kooperieren und gut zusammenarbeiten können. In ihrer praktischen Arbeit als Wirtschaftsmediatorin und Coach unterstützt sie Führungskräfte und Geschäftsführer*innen dabei, ein Umfeld zu etablieren, in dem die Mitarbeitenden neue Ideen einbringen und Problemstellungen selbstorganisiert lösen. In Workshops und Vorträgen gibt sie Einblick in das Thema der psychologischen Sicherheit und zeigt Ansätze auf, die dafür notwendig sind.


