Mehr Egoismus wagen!

Teamplayer gesucht! Jedes Unternehmen sucht Mitarbeiter, die sich einbringen und das Team, das Projekt, das Unternehmen vorantreiben. Menschen, die eigene Befindlichkeiten hinten anstellen und der Sache dienen – Typen von der altruistischen Sorte. Doch diese weit verbreitete Forderung ist Unsinn. Denn die besten Teamplayer sind Egoisten. Irritiert? Lassen Sie mich dazu ein wenig ausholen.

Der Spiegelneuronen-Effekt

Wie wir seit der Spiegelneuronen-Forschung Anfang der 1990er Jahre wissen, werden wir erst durch das ‚Du‘ zum ‚Ich‘. Das heisst, unsere Beziehungen machen uns zu dem, was wir sind. Wenn wir in Beziehung zu jemand anderem treten, entsteht dadurch unser persönliches Bild von uns selbst. Wir spiegeln uns somit im anderen und erkennen erst in der Kommunikation zu unserem Gegenüber, wer wir sind.
Doch welches Bild wollen wir hier sehen? Wollen wir einen Menschen sehen, der sich gnadenlos durchsetzt? Wollen wir jemanden sehen, der sich für andere aufopfert? Wollen wir einen Visionär sehen, der clevere Ideen einbringt? Einen Tüftler? Einen Entwickler? Einen Perfektionisten?
Dies sind oberflächliche Betrachtungen, Strategien, die laut Neurowissenschaftlern wie Joachim Bauer oder Gerald Hüther dem Zweck dienen, mit anderen Menschen in Kontakt zu treten und sich Applaus als soziale Streicheleinheit von der richtigen Seite zu holen. Denn wir alle sind hungrig nach Feedback, nach Rückmeldungen, die uns zeigen, ob wir auf dem richtigen Weg sind.

Stolz auf die eigene Leistung

Letztlich geht es darum, dass wir nur allzugerne stolz auf uns selbst sein wollen. Doch worauf können Mitarbeiter stolz sein? Mitarbeiter können dann auf sich stolz sein, wenn sie mit ihrem eigenen Antrieb ein Ziel erreicht haben, das auch von anderen als positiv eingestuft wird.

Wie sie versuchen dieses Ziel strategisch zu erreichen, hängt von ihrem Selbstbild ab. Der eine stellt sich komplett in den Dienst des Teams, der andere zieht sich zurück und tüftelt solange, bis er eine perfekte Lösung präsentieren kann und der dritte will seinen ganz eigenen Stempel bei der Findung von Lösungen aufdrücken und gibt erst dann Ruhe, wenn er Gehör findet.

So verfolgt jeder Mitarbeiter eine bewusste oder unbewusste Absicht in seinem Handeln. Unbewusst oder teilbewusst deshalb, weil vielen nicht klar ist, dass sie sich für ein Team aufopfern, weil der Applaus, den sie später dafür bekommen werden, ihr Selbstbild stärkt. Ihnen ist wahrscheinlich klar, dass sich ihr Gegenüber freut, wenn sie ihm helfen. Ihnen ist vielleicht nicht klar, dass diese Freude, gemäß der Spiegelneuronen, sich auch wieder auf sie zurückschlägt. Denn wenn es in den Gehirnen unseres Gegenübers funkt, funkt es, unter der Voraussetzung einer positiven Beziehung, auch in unseren Gehirnen. Anderen zu helfen ist folglich purer Egoismus. Der eigene Stolz bekommt damit eine soziale Orientierung.

Demnach ist es unabdingbar für Führungskräfte, sich um eine gute Beziehungsarbeit zu kümmern, um die Motivation der Mitarbeiter zu fördern.

Der Faktor Zeit

Dennoch sollten Mitarbeiter darauf achten, sich nicht zu sehr aufzuopfern. Kurzfristig mag es für das eigene Selbstbild positiv sein, sich Applaus aus der Gruppe durch den eigenen Altruismus zu holen. Langfristig ist es sinnvoller, auf eine gute Balance zwischen Geben und der Begrenzung des Gebens zu achten. Schließlich kann es nicht darum gehen, Mitarbeiter gnadenlos zu verheizen, indem sie von einem Projektabschluss zum nächsten gelobt werden. Es muss darum gehen, ihre Arbeitskraft auch langfristig zu erhalten.
Auf lange Sicht wird sich mit der bedingungslosen Aufopferung für andere der persönliche Stolz kaum erhalten lassen. Langfristig ist es wichtig, dass Mitarbeiter lernen, zu erkennen, wann es sinnvoll ist, altruistisch zu sein und wann Egoismus und Abgrenzung angesagt sind.

Die Balance zwischen Altruismus und Egoismus

An einem einfachen Beispiel: Herr Rödel ist ein herzensguter Mensch. Er opfert sich Tag und Nacht für das Team auf. Wenn er gefragt wird, übernimmt er jede Aufgabe. Eine zeitlang war er damit der beliebteste Kollege im Team. Und ihm selber ging es ebenfalls gut damit. Er bekam stets Lob und Anerkennung für sein schon beinahe übermenschliches Engagement. Doch nach und nach bekam die Situation einen fahlen Begeschmack:

  • Hat der denn keine Familie?
  • Hat der nichts anderes als seinen Job?
  • Manchmal glaube ich, der will sich nur einschmeicheln?

Ist ja schön, dass er jede Aufgabe übernehmen will, aber kann er das auch alles – zeitlich oder fachlich betrachtet? Wahrscheinlich wird er bald umkippen. Und was dann? Ist ja schön, wenn jemand so viel ackert. Aber wenn der Chef denkt, wir anderen sollten das auch machen, hat er sich geschnitten.

Mit der Zeit machte der Spruch „Kein Lust? Dann frag doch den Rödel.“ die Runde. Unter vorgehaltener Hand machten die Kollegen sich über ihn lustig. Von der Wertschätzung, die er sich eigentlich erhoffte, blieb nicht mehr viel übrig. Kurzfristig ging die ‚Strategie‘ von Herrn Rödel auf. Langfristig jedoch nicht.

Ganz anders Frau Heinemann. Frau Heinemann startete ihre Arbeit ähnlich wie Herr Rödel. Sie übernahm gerne Aufgaben, die andere nicht wollten. Sie testete sich, wie sie die Aufgaben meisterte. Sie bekam für die Erfüllung mancher Aufgaben Applaus, während andere offenbar weniger zu ihren Stärken passten. Sie half anderen Kollegen und Kolleginnen, wo sie konnte.

Doch nach einem halben Jahr im Team stellte sie fest,

  • dass es Kollegen gibt, die manche Aufgaben besser erledigen können als sie, diese jedoch trotzdem versuchen abzugeben.
  • dass es Kollegen gibt, die sowohl um Hilfe bitten, als auch jederzeit den anderen im Team helfen.
  • Und dass es Kollegen gibt, die ihre Hilfe gerne in Anspruch nehmen, wenn sie jedoch selbst Hilfe braucht, keine Zeit haben.

Frau Heinemann hat gelernt zu selektieren. Sie übernimmt Aufgaben, die gut zu ihr passen und Aufgaben, die zu niemanden so recht passen wollen. Alle anderen Aufgaben gibt sie denjenigen (oder versucht es zumindest), die geeigneter erscheinen. Und, noch wichtiger, sie hat gelernt, wem sie vertrauen kann und wem nicht. Sie hat gelernt, im richtigen Moment altruistisch und im richtigen Moment egoistisch zu sein. Und damit sind ihr sowohl der Applaus und das Lob für ihr Engagement als auch der Respekt für ihren Egoismus sicher.

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