{"id":896,"date":"2010-11-11T13:48:43","date_gmt":"2010-11-11T12:48:43","guid":{"rendered":"https:\/\/test-bv.gambiocloud.com\/blog\/2010\/11\/11\/mythos-kreativitaet\/"},"modified":"2023-02-21T16:16:36","modified_gmt":"2023-02-21T15:16:36","slug":"mythos-kreativitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.businessvillage.de\/blog\/mythos-kreativitaet\/","title":{"rendered":"Mythos Kreativit\u00e4t"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Zun\u00e4chst gilt es, mit den klassischen Klischees \u00fcber Kreativit\u00e4t radikal zu brechen. Jede Wette, dass diese Klischees zumindest teilweise noch in Ihrem Kopf sind. Wer ist kreativer? Ein Buchhalter oder ein Maler? &#8222;Ein Maler!&#8220;, sagen Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit. &#8222;Buchhaltung und Kreativit\u00e4t liegen weiter auseinander als der Eiffelturm und die Anden. Und einen kreativen Buchhalter w\u00fcrde ich sofort rauswerfen.&#8220;<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>So einfach ist die Frage nicht zu beantworten. Was ist, wenn der Maler seit Jahren das Gleiche malt? Immer wieder Kopien dessen, was es bereits gibt. Dann ist er ein guter Handwerker, aber wirklich Neues hat er nicht geschaffen. Und was ist, wenn Ihr Buchhalter Sie seit zwei Jahren beinahe t\u00e4glich mit neuen Ideen behelligt? Man k\u00f6nnte diesen und jenen Prozess beschleunigen, man k\u00f6nnte doch auf Papierbelege komplett verzichten oder durch die kreative Interpretation von Bilanzierungsrichtlinien das Rating bei der Bank verbessern. In diesem Fall ist Ihr Buchhalter kreativer. Und Ihr Unternehmen profitiert davon.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn Sie an \u201eKreativit\u00e4t\u201c denken, was f\u00e4llt Ihnen spontan als erstes dazu ein? Ich gehe jede Wette ein, dass von den drei folgenden Begriffen mindestens zwei dabei sind: 1. Brainstorming, 2. Genies, 3. Herumspinnen. Habe ich recht? Sie sind den klassischen Klischees aufgesessen. Die besagen, dass Brainstorming die beste Methode ist, um auf neue Ideen zu kommen, dass nur Kreative und Genies neue Ideen entwickeln k\u00f6nnen und dass kreatives Denken hei\u00dft, komplett frei und ohne jede Beschr\u00e4nkungen zu denken. Vergessen Sie diese Klischees! Kreativit\u00e4t ist nicht das, was Sie vermuten. In diesem Kapitel lernen Sie die f\u00fcnf gr\u00f6\u00dften Irrt\u00fcmer \u00fcber Kreativit\u00e4t kennen. Wenn Sie diese verstehen, verstehen Sie, wie Sie Kreativit\u00e4t bei sich selbst und in Ihrem Unternehmen wirklich f\u00f6rdern k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Irrtum 1: Kreativit\u00e4t ist Brainstorming<\/h2>\n\n\n\n<p>Was tun Sie, um auf neue Ideen zu kommen? Sie treffen sich in einem Team und definieren ein klares Ziel. Die einzige Regel ist, dass es keine Regeln gibt. Dann lassen Sie einfach mal alles raus, was da in den K\u00f6pfen so alles drin ist. Und schon haben Sie neue Ideen. Klingt fast zu sch\u00f6n um wahr zu sein. Denn die Realit\u00e4t sieht anders aus: Ein Team trifft sich zum Brainstorming, doch statt eines rei\u00dfenden Ideenflusses ist das Ergebnis ein d\u00fcnnes Rinnsal. Oder die Stimmung war irre gut, man hat viel gelacht und ganz viele verr\u00fcckte Ideen gesammelt, von denen sich aber der gr\u00f6\u00dfte Teil im Nachhinein als unbrauchbar erwiesen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Woran liegt das? Brainstorming ist mehr ein Heilsversprechen als eine Kreativmethode. \u201eLass alles fallen, lass dich ganz gehen und dann kommen die Ideen von alleine.\u201c Und weil Menschen gerne an Heilsversprechen glauben, hat sich \u201eBrainstorming\u201c als Markenbegriff durchgesetzt wie \u201eTempo\u201c f\u00fcr Papiertaschent\u00fccher. Nur dass bei \u201eTempo\u201c niemand auf die Idee kommen w\u00fcrde, es als Allheilmittel gegen Erk\u00e4ltungen einzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<p>Brainstorming ist das McIdea der Ideenfindung. Um wirklich qualitativ hochwertige Ideen zu entwickeln, m\u00fcssen Sie Probleme erkennen, die andere nicht sehen, diese Probleme von verschiedenen Seiten angehen, Inspirationen suchen und die Idee wirklich bis zum Ende durchdenken. So wie es Thomas Edison getan hat, dessen Arbeitsmethodik \u2013 das Edison-Prinzip \u2013 Sie auszugweise in diesem Buch finden. Edison hat es geschafft, mithilfe eines strukturierten Prozesses Ideen wie am Flie\u00dfband zu entwickeln: \u201eEine kleine Erfindung alle zehn Tage, eine gro\u00dfe Erfindung alle sechs Monate.\u201c<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><a href=\"https:\/\/www.businessvillage.de\/kreativ-trotz-krawatte\/eb-836.html\"><img decoding=\"async\" src=\"\/images\/product_images\/info_images\/836.jpg\" alt=\"\"\/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Irrtum 2: Nur Kreative sind kreativ<\/h2>\n\n\n\n<p>\u201eKann man Kreativit\u00e4t eigentlich lernen? Oder ist die Gabe der Ideenfindung nur au\u00dfergew\u00f6hnlich begabten Menschen vorbehalten?\u201c Wenn Sie Hirnforscher wie den Bremer Gerhard Roth fragen, bekommen Sie eine klare Antwort: Ob Sie kreativ sind oder nicht, entscheiden alleine Ihre Erbanlagen. Punkt. Aus. Keine Diskussion. Im Prinzip k\u00f6nnten Sie dieses Buch gleich wieder zur Seite legen und sich f\u00fcr den Rest Ihres Lebens von dem Gedanken verabschieden, dass Sie neue Ideen entwickeln k\u00f6nnen. Aber eben nur im Prinzip. Denn kreative F\u00e4higkeiten alleine machen Sie noch lange nicht kreativ. Und umgekehrt: Selbst wenn Sie \u00fcber weniger kreative Erbanlagen verf\u00fcgen, k\u00f6nnen Sie hochkreative Dinge vollbringen. Wie ist dieser Widerspruch zu erkl\u00e4ren?<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber lange Jahre hat sich die Kreativit\u00e4tsforschung vor allem darauf beschr\u00e4nkt, die F\u00e4higkeiten des Menschen zu untersuchen. Neue Forschungsans\u00e4tze der Harvarduniversit\u00e4t gehen jedoch in eine ganz andere Richtung. \u201eKreativit\u00e4t ist mehr ein bestimmtes Verhalten, aus dem eine bestimmte Idee oder ein bestimmtes Produkt entsteht\u201c, schreibt Harvardprofessorin Teresa Amabile, \u201ees ist weniger die Qualit\u00e4t einer Pers\u00f6nlichkeit.\u201c Anders gesagt: Sie sind kreativ, wenn Sie kreativ handeln. Nicht wenn Sie dazu theoretisch in der Lage w\u00e4ren. Amabile hat den Begriff \u201eKreativit\u00e4t\u201c radikal neu definiert. In ihrem \u201eThree Component Model of Creativity\u201c erkl\u00e4rt sie Kreativit\u00e4t als Schnittmenge aus kreativen F\u00e4higkeiten, Wissen und Motivation.<\/p>\n\n\n\n<p>Ideen entstehen im Grenzbereich verschiedener Wissensgebiete: Zwei bekannte Produkte neu kombiniert, eines mit einer bekannten Dienstleistung, eines mit einem bekannten Wirkungsprinzip und so weiter. Nehmen Sie als Beispiel Google: Wissen Sie, was die Suchmaschine so erfolgreich macht? Dass Sie die wichtigsten Ergebnisse sofort finden. Diese Idee \u2013 das sogenannte \u201ePage Rank\u201c \u2013 war das, was Google zum Durchbruch verhalf. Die Google-Idee war die Kombination eines bekannten Produktes (Suchmaschine) mit einem wissenschaftlichen Prinzip. Google-Gr\u00fcnder Larry Page \u00fcberlegte, wie man die Popularit\u00e4t einer Webseite messen kann. Auf der Suche nach einer L\u00f6sung begab er sich in die Welt der Wissenschaft: Carl Page, sein Vater, war Professor an der Michigan State University, und so lernte Larry Page schon als Kind, dass ein wissenschaftlicher Aufsatz als besonders wertvoll gilt, wenn er h\u00e4ufig zitiert wird. Aus dem akademischen Grundsatz \u201eDer Wert eines wissenschaftlichen Aufsatzes steigt mit der Anzahl der Zitierungen\u201c leitete Larry Page seine These ab: Der Wert einer Webseite steigt mit der Zahl der Links, die auf sie f\u00fchren. Um \u00fcberhaupt in der Lage zu sein, so eine Idee zu entwickeln, brauchte Page Wissen aus zwei verschiedenen Gebieten. Stellen Sie sich vor, Page h\u00e4tte sich ausschlie\u00dflich mit der technischen Seite einer Suchmaschine besch\u00e4ftigt. Es w\u00fcrde Google nicht geben.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><a href=\"https:\/\/www.businessvillage.de\/kreativ-trotz-krawatte\/eb-836.html\"><img decoding=\"async\" src=\"\/images\/product_images\/info_images\/836.jpg\" alt=\"\"\/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>Der dritte und wichtigste Punkt ist Motivation. \u201eBis zu einem gewissen Grad kann Motivation fehlendes Wissen und fehlende kreative F\u00e4higkeiten kompensieren\u201c, beschreibt Amabile das Ergebnis ihrer Forschungen. Das Geheimnis vieler Genies liegt in ihrem fast unbeschreiblichen Tatendrang. So banal es klingt: Sie hatten einfach Lust auf Ideen. Auch Unternehmen k\u00f6nnen es schaffen, ihre Mitarbeiter mithilfe von Amabiles Komponentenmodell zu mehr Kreativit\u00e4t zu bringen: Indem sie eine Atmosph\u00e4re schaffen, die es Mitarbeitern erlaubt, Wissen aus verschiedenen Bereichen zu erlangen und Ideen auszuarbeiten, die im ersten Moment schr\u00e4g und schief klingen. So wie der d\u00e4nische H\u00f6rger\u00e4tehersteller Oticon, der vor einigen Jahren die festen Strukturen abgeschafft und durch ein \u201eMultijob\u201c-Konzept ersetzt hat: Statt in festen Abteilungen arbeiten die Mitarbeiter in autonomen Projektgruppen. Und sie \u00fcbernehmen Aufgaben, f\u00fcr die in klassisch strukturierten Unternehmen eigene Abteilungen bestehen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Irrtum 3: Kreativtechniken machen kreativ<\/h2>\n\n\n\n<p>\u201eWelche Kreativtechnik macht mich kreativ?\u201c Die Antwort darauf ist einfach. Keine. Das Wort Kreativtechnik gibt uns die Illusion, alleine mit der Wahl der richtigen Technik k\u00f6nne man ganz schnell kreativ sein. Dabei \u00fcbersehen viele: Kreativtechniken sind nur eine Denkst\u00fctze. Wie Sie gerade erfahren haben, gibt es ohne Wissen aus verschiedenen Bereichen und ohne Ihre klare Motivation, Bestehendes infrage stellen zu wollen, keine Kreativit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Kreativtechniken helfen Ihnen nur, den Rahmen f\u00fcr die Ideenfindung zu schaffen und Ihre Gedanken so zu strukturieren, dass Sie es Ihrem Kopf erm\u00f6glichen, Wissen neu zu kombinieren. Sie m\u00fcssen sich Kreativtechniken wie ein Computerprogramm vorstellen, das Dateien auf der Festplatte immer wieder neu und immer wieder anders zusammensetzt. Und das vollkommen sinnlos ist, wenn die Festplatte leer ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Grundlage f\u00fcr Ihre Kreativit\u00e4t sind keine Kreativtechniken. Die Grundlage ist in Ihrem Kopf! Stellen Sie sich alles das, was Sie wissen, all Ihre Erfahrungen, die Sie im Leben gemacht haben, all die Dinge, die Sie gesehen, all die Fehler, die Sie gemacht haben, als eine Sammlung von Puzzleteilen vor. Sie waren fr\u00fcher Verk\u00e4ufer, haben dann ein Jahr als Surflehrer gearbeitet und lassen sich jetzt zum Programmierer ausbilden? Herzlichen Gl\u00fcckwunsch! Sie haben die besten Voraussetzungen, um Programme zu entwickeln, die sich durch neue Ideen zur Nutzerfreundlichkeit auszeichnen. Warum? Weil Sie wissen, wie Kunden an neue Produkte herangehen und wonach sie suchen. Und weil sie als Surflehrer gelernt haben, Menschen die Angst vor dem Neuen und Ungew\u00f6hnlichen zu nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kreativtechniken helfen Ihnen, die Puzzleteile Ihres Lebens zusammenzusetzen und neu zu nutzen. Nehmen Sie die morphologische Matrix, eine klassische Kreativtechnik, die durch Kombinationen funktioniert. Mithilfe der morphologischen Matrix k\u00f6nnen Sie beispielsweise neue Lebensmittel erfinden, indem Sie klassischen Produkten neue Bestandteile und neue Nutzenmerkmale hinzuf\u00fcgen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table><tbody><tr><th>Produkt<\/th><th>Neue Bestandteile<\/th><th>Neue Nutzenmerkmale<\/th><\/tr><tr><td>Butter<\/td><td>Makrele<\/td><td>Bluthochdruck<\/td><\/tr><tr><td>Schokoriegel<\/td><td>Omega 3<\/td><td>Herzkrankheiten<\/td><\/tr><tr><td>Eistee<\/td><td>Johanneskraut<\/td><td>Beruhigung<\/td><\/tr><tr><td>Etc.<\/td><td>Etc.<\/td><td>Etc.<\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p>Durch Querkombinationen erfinden Sie Makrelenbutter gegen Bluthochdruck, Omega 3-Butter gegen Herzkrankheiten, Johanneskraut-Eistee zur Beruhigung und so weiter. Die dahinterliegende Kreativtechnik ist eine klassische Kombinationstechnik: Sie kombinieren Ergebnisse aus einem Bereich mit einem anderen. Diese Technik funktioniert \u2013 allerdings nur, wenn Sie die notwendige Vorbereitung geleistet haben. Das ist der gleiche Grund, warum auch Kreativtechniken wie Brainstorming h\u00e4ufig scheitern: Weil die Teilnehmer das notwendige Wissen nicht haben.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><a href=\"https:\/\/www.businessvillage.de\/kreativ-trotz-krawatte\/eb-836.html\"><img decoding=\"async\" src=\"\/images\/product_images\/info_images\/836.jpg\" alt=\"\"\/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>So ist es auch mit vielen anderen sogenannten Kreativit\u00e4tstechniken. Ohne fundiertes Wissen und eine fundierte Analyse vorher und nachher sind sie wertlos. Die Disney-Methode beispielsweise, die im Wesentlichen nur besagt, dass Sie nacheinander verschiedene Rollen einnehmen sollen: Die Rolle des Tr\u00e4umers, die des Realisten und die des Kritikers. Auch das 6-H\u00fcte-Denken von Edward de Bono ist ein Ansatz, der auf dem Prinzip des Perspektivenwechsels beruht. Nacheinander setzen Sie verschiedene \u201eH\u00fcte\u201c auf, die f\u00fcr eine bestimmte Denkrichtung stehen (zum Beispiel kritisch oder kreativ oder neutral). Aus diesen verschiedenen Perspektiven heraus betrachten Sie das Problem aus verschiedenen Sichtweisen. Beide Techniken sind nett f\u00fcr den Alltag, ich wende sie selbst in abgewandelter Form immer wieder gerne einmal an. Und doch sind beide nicht mehr als oberfl\u00e4chliche Denktechniken. Ein Gro\u00dfteil der klassischen Kreativit\u00e4tstechniken verr\u00e4t Ihnen, wie Sie vereinzelt Ideen generieren k\u00f6nnen, aber sie ersetzen keinen durchdachten Denkprozess.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Irrtum 4: Kreativit\u00e4t und Strategie widersprechen sich<\/h2>\n\n\n\n<p>Der kreative Albtraum eines Top Managers sieht so aus: Die Kreativen \u00fcbernehmen die Macht. Alle Meetings werden abgesagt und durch Ideenfindungsworkshops ersetzt, in denen vollkommen frei herumgesponnen wird. Eine Idee jagt die n\u00e4chste, jede ist noch ein St\u00fcck ausgefallener und verr\u00fcckter. Marktforschung und strukturierte Prozesse sind abgeschafft, der freidenkende Geist regiert. Binnen weniger Monate f\u00fchren die Kreativen das Unternehmen ins Chaos. Kein Wunder, wenn Markenverantwortliche und Unternehmensstrategen beim Thema Kreativit\u00e4t h\u00e4ufig sofort auf Gegenwehr schalten: \u201eGef\u00e4hrlich!\u201c \u201ePasst nicht!\u201c \u201eVerwirrt den Kunden!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Kreativit\u00e4t ohne Strategie richtet mehr Schaden als Nutzen an. Die Tatsache, dass jemand kreativ denkt und neue Ideen entwickelt, hat zun\u00e4chst einmal keinerlei wirtschaftlichen Wert. Stellen Sie sich vor, jemand k\u00e4me auf die Idee, alle Z\u00fcge der Deutschen Bahn AG durch einen K\u00fcnstler kreativ gestalten zu lassen. Das w\u00e4re \u00e4u\u00dferst kreativ, ohne Frage. Doch wie viele Menschen kennen Sie, die sagen: \u201eAlso, seitdem die Z\u00fcge bunt sind, fahre ich viel \u00f6fter Bahn\u201c? K\u00f6nnen Sie sich vorstellen, dass jemand zum Schaffner geht und sagt: \u201eMacht nichts, dass wir zu sp\u00e4t sind, daf\u00fcr ist der Zug ja bunt\u201c? Stellen Sie sich die BILD-Schlagzeile vor: \u201eSpinnen die? Bunte Z\u00fcge, aber viel zu sp\u00e4t!\u201c Oder bei der n\u00e4chsten Fahrpreiserh\u00f6hung: \u201eBahn-Abzocke wegen bunter Z\u00fcge.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Kreativit\u00e4t ist nur dann eine wertvolle Ressource, wenn sie in die richtigen Bahnen gelenkt wird, wenn sie dazu dient, strategische Ziele besser zu erreichen. Strategie ohne Kreativit\u00e4t ist genauso sch\u00e4dlich wie Kreativit\u00e4t ohne Strategie. Wenn immer die gleichen Menschen mit den immer gleichen Methoden immer wieder \u00fcber die gleichen Fragen nachdenken, entsteht vor allem eines: Stillstand. Kreativit\u00e4t braucht Strategie, und Strategie braucht Kreativit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Strategische Ideenentwicklung ist die Kombination aus beidem, die Entwicklung zielf\u00fchrender Ideen. Die Philosophie l\u00e4sst sich auf einen Punkt bringen: Klasse statt Masse bei der Ideenfindung. Nicht viele Ideen entwickeln, sondern die richtigen. Eine Philosophie, die kreative Denktechniken und strategische Managementtools systematisch kombiniert. Im Gegensatz zu k\u00fcnstlerischer oder \u201everr\u00fcckter\u201c Kreativit\u00e4t werden mithilfe strategischer Ideenentwicklung neue Produkte, Dienstleistungen und Gesch\u00e4ftsmodelle erschlossen, Abl\u00e4ufe und Prozesse optimiert oder neue Wege gesucht, um Ziele besser zu erreichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Methode der strategischen Ideenentwicklung ist das Edison-Prinzip\u00ae, das Sie in Kapitel 5 kennenlernen werden. Eine systematische Herangehensweise an den Prozess der Ideenentwicklung mit einem klaren Fokus auf strategischen Zielen. Thomas Edison hatte eine einfache Philosophie: \u201eWas sich nicht verkauft, m\u00f6chte ich nicht erfinden.\u201c Er \u00fcberlegte erst, in welchen Feldern sich Kreativit\u00e4t \u00fcberhaupt auszahlt, dann wurde er kreativ. Edison analysierte Probleme von Menschen, Schw\u00e4chen von Produkten und wertete Trends aus. Erst wenn er davon \u00fcberzeugt war, das richtige Feld gefunden zu haben, begann er, Ideen zu entwickeln.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Irrtum 5: Kreativit\u00e4t ist teuer<\/h2>\n\n\n\n<p>Kennen Sie das Zitat \u201eLuxus macht erfinderisch\u201c? Wahrscheinlich nicht. Es hei\u00dft: \u201eNot macht erfinderisch.\u201c So merkw\u00fcrdig es auch auf den ersten Blick scheinen mag: Zu viel Geld f\u00f6rdert keine Kreativit\u00e4t, sondern erstickt sie.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Beispiel: Sie planen eine bundesweite Werbekampagne f\u00fcr ein neues Produkt. Mithilfe der Werbekampagne soll das Produkt eine Bekanntheit von 50 Prozent bei allen Menschen bekommen, die durch die Kampagne kontaktiert wurden. Wenn Sie 10 Millionen Euro zur Verf\u00fcgung haben, woran denken Sie? Mit hoher Wahrscheinlich an die Produktion eines teuren Werbespots, die Schaltung einer teuren Werbekampagne im Fernsehen sowie eine Unterst\u00fctzung durch Online-Medien. Was tun Sie, wenn Ihnen das Budget um 99 Prozent gek\u00fcrzt wird? Statt 10 Millionen Euro haben Sie jetzt nur noch 100.000 Euro zur Verf\u00fcgung. Das Ziel bleibt das gleiche. Im ersten Moment denken Sie: \u201eUnm\u00f6glich!\u201c Dann aber beginnen Sie \u00fcber alle m\u00f6glichen Formen von Guerilla-Marketing nachzudenken: \u00dcber die Produktion unkonventioneller Videos, die einfach, preiswert und effektiv sind und sich \u00fcber YouTube verbreiten, \u00fcber Postkarten mit witzigen Spr\u00fcchen, die sich Menschen weiterleiten und \u00fcber spektakul\u00e4re Presseaktionen. Werden Sie damit weniger Erfolg haben? Oder sogar mehr?<\/p>\n\n\n\n<p>Das Problem ist, dass sich das klassische Ursache-Wirkungs-Prinzip bei Kreativit\u00e4t nicht nur nicht anwenden l\u00e4sst, sondern es teilweise sogar komplett auf den Kopf gestellt wird. \u00dcblicherweise sind wir es gewohnt, mit einem Aufwand X eine Wirkung Y zu erzielen. Wenn wir 20.000 Werbebriefe an Kunden verschicken, reagieren im Idealfall 500. Wenn ich 40.000 Briefe verschicke, reagieren 1.000 usw. Entsprechend ist die Denke: Wenn Sie das Budget f\u00fcr eine bestimmte Ma\u00dfnahme erh\u00f6hen, erhalten Sie automatisch eine entsprechende Wirkung. Bei Kreativit\u00e4t ist es allerdings umgekehrt. Es kann sein, dass eine Kampagne, die 100.000 Euro kostet, ungemein effektiver ist als eine, die 10 Millionen kostet.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eJa, das ist Werbung, das funktioniert eben anders.\u201c Wahrscheinlich denken Sie das jetzt. Oder? Stimmt nicht. Sie wollen ein neues Produkt entwickeln und geben dem Team 10 Millionen Euro und ein Jahr Zeit. Ich wette, dass die Entwicklung dieses Produktes ziemlich genau 11 Millionen Euro verschlingen wird und 13 Monate dauert. Das Entwicklungsteam wird nicht in der Kategorie klein, preiswert und schnell denken, sondern zun\u00e4chst einmal Prozesse etablieren, Abl\u00e4ufe anpassen, Ausschreibungen formulieren und externe Partner suchen. Warum einen preisg\u00fcnstigen Wettbewerb unter Studenten ins Leben rufen, wenn doch 10 Millionen Euro da sind, die ausgegeben werden k\u00f6nnen? Wozu kleine, schnelle und effektive Testmethoden etablieren, wenn auch gro\u00dfe, gr\u00fcndliche und langsame bezahlt werden k\u00f6nnen? Wozu potenzielle Partner mit kleinen Pr\u00e4mien und einer hohen Erfolgsbeteiligung locken, wenn doch aus dem Budget gro\u00dfz\u00fcgige Tagess\u00e4tze bezahlt werden k\u00f6nnen? Wozu sich auf dem Markt umschauen, ob nicht bereits intelligente L\u00f6sungen existieren, die integriert werden k\u00f6nnen, wenn doch das Geld da ist, um eigene Entwicklungen zu t\u00e4tigen?<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><a href=\"https:\/\/www.businessvillage.de\/kreativ-trotz-krawatte\/eb-836.html\"><img decoding=\"async\" src=\"\/images\/product_images\/info_images\/836.jpg\" alt=\"\"\/><\/a><\/figure>\n\n\n\n<p>\u00c4hnliches im Management: Wenn Sie f\u00fcnf Millionen Euro Beratungshonorar im Jahr ausgeben k\u00f6nnen, wenn Sie sich dutzende von Analysen \u00fcber unternehmensinterne Probleme leisten k\u00f6nnen, wozu dann die eigenen Mitarbeiter befragen und sie auffordern aggressiv nach Schw\u00e4chen des eigenen Unternehmens zu suchen? F\u00fcr nur 500.000 Euro liefert das doch auch ein Consulting-Unternehmen. Wozu eigenes Risiko eingehen, wenn Geld f\u00fcr Absicherung im \u00dcberfluss vorhanden ist? Das gleiche in der IT: Wozu einen schlanken und preiswerten Ansatz entwickeln, der genau den Funktionsumfang hat, den Mitarbeiter brauchen, wenn doch das Geld f\u00fcr eine gro\u00dfe, teure und umfassende L\u00f6sung vorhanden ist?<\/p>\n\n\n\n<p>Geld macht denkfaul. Apple-Insider berichten, das Unternehmen stoppe mitunter vielversprechende Projekte aus Prinzip, weil es daf\u00fcr kein neues Geld gibt. F\u00fchrungskr\u00e4fte m\u00fcssen ein altes Projekt kippen, um Platz f\u00fcr ein neues zu schaffen. Damit will Apple verhindern, dass Mitarbeiter gro\u00dfe Budgets ansammeln und Ideen schlie\u00dflich auf dem Friedhof der halb fertigen Projekte landen, weil sie nicht radikal vorangetrieben oder fr\u00fchzeitig beendet wurden.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Weg mit dem Geld!<\/h3>\n\n\n\n<p>Nehmen Sie Ihren Mitarbeitern das Geld weg! Nicht generell, nicht pers\u00f6nlich, sondern als Katalysator f\u00fcr den kreativen Prozess. Wenn ein Mitarbeiter eine Aufgabe mit einem Budget von 50.000 Euro erledigt hat, nehmen Sie ihm 20.000 Euro weg und sagen Sie: \u201eDas geht bestimmt billiger und besser.\u201c Ihr Mitarbeiter wird Sie wahrscheinlich angucken, als h\u00e4tten Sie sich \u00fcber Nacht in einen Au\u00dferirdischen verwandelt. \u201eDas geht nicht!\u201c Wenn es nicht billiger und besser geht, dann fordern Sie ihn auf, es billiger und anders zu machen. Billiger und anders hei\u00dft zwar nicht automatisch besser, aber Sie erh\u00f6hen Ihre Chancen auf erfolgreiche neue Wege drastisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich habe Prozesse erlebt, die immer gr\u00f6\u00dfer und immer schwerf\u00e4lliger wurden. Die Verwaltung des Budgets nahm schlie\u00dflich einen betr\u00e4chtlichen Teil ein: Meetings, Absprachen mit beteiligten Agenturen, Ausschreibungen, das Gespr\u00e4ch mit dem Einkauf, die Auswahl verschiedener Dienstleister, eine unterst\u00fctzende Analyse und so weiter. Dabei waren dies Produkte, die man mit wenig Aufwand binnen weniger Tage h\u00e4tte testen k\u00f6nnen. Zu einem Zehntel der Kosten und mit schnellen, sichtbaren Ergebnissen.<\/p>\n\n\n\n<p>Machen Sie den Test! Gehen Sie alle wesentlichen Prozesse in Ihrem Unternehmen durch. Fragen Sie sich: \u201eWas w\u00fcrde passieren, wenn ich hier das Budget um 40 bis 80 Prozent k\u00fcrzen w\u00fcrde? W\u00fcrde es die Kreativit\u00e4t der Mitarbeiter auf der Suche nach unkonventionellen neuen L\u00f6sungen f\u00f6rdern? Wie gro\u00df ist das Risiko in diesem Bereich, Geld zu k\u00fcrzen?\u201c Seien Sie bei der Beantwortung der letzten Frage nicht zu \u00e4ngstlich. Niemand mag Budgetk\u00fcrzungen. Aber wenn Sie daf\u00fcr mehr Kreativit\u00e4t gewinnen, ist es allemal einen Versuch wert.<\/p>\n\n\n\n<p>Vergeben Sie Geld f\u00fcr gute Ideen. Versuchen Sie nicht, sich mit Geld Ideen zu erkaufen. Sehen Sie es andersherum: W\u00e4re es nicht \u00e4rgerlich, wenn Sie eines Tages mitbekommen, dass die ganzen neuen Ideen, f\u00fcr die Sie viel Geld bereitgestellt haben, genau an diesem Geld ersticken?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zun\u00e4chst gilt es, mit den klassischen Klischees \u00fcber Kreativit\u00e4t radikal zu brechen. Jede Wette, dass diese Klischees zumindest teilweise noch in Ihrem Kopf sind. Wer ist kreativer? Ein Buchhalter oder ein Maler? &#8222;Ein Maler!&#8220;, sagen Sie mit hoher Wahrscheinlichkeit. &#8222;Buchhaltung und Kreativit\u00e4t liegen weiter auseinander als der Eiffelturm und die Anden. 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