{"id":636,"date":"2009-04-29T16:48:43","date_gmt":"2009-04-29T16:48:43","guid":{"rendered":"https:\/\/test.businessvillage.de\/blog\/2009\/04\/29\/wieder-die-gaehn-und-einschlaf-rede\/"},"modified":"2021-06-24T12:14:15","modified_gmt":"2021-06-24T10:14:15","slug":"wieder-die-gaehn-und-einschlaf-rede","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.businessvillage.de\/blog\/wieder-die-gaehn-und-einschlaf-rede\/","title":{"rendered":"Wi(e)der die G\u00e4hn- und Einschlaf-Rede"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Situation ist immer \u00e4hnlich. Egal, ob es sich um ein Firmenjubil\u00e4um, eine Motivationsrede oder die Verk\u00fcndung der neuesten Hiobsbotschaften handelt &#8211; eine gute Rede zieht die Zuh\u00f6rer in den Bann, rei\u00dft mit, verdeutlicht, regt zum Nachdenken an und wirkt sich letzten Endes positiv auf das Image des Redners aus. Der Redner wei\u00df theoretisch, dass er seine Zuh\u00f6rer fesseln, mitrei\u00dfen und auf Dauer \u00fcberzeugen will und muss. Nur praktisch funktioniert das nie. Da helfen weder angelernte Mimik noch \u0084\u00fcberzeugende\u0093 Gestik aus dem letzten Rhetorik-Seminar, denn bereits in der f\u00fcnften Reihe kann man diese nicht mehr erkennen. Was dem Redner fehlt, sind die richtigen Erkenntnisse, die wirklich funktionieren. Tausendmal probiert. Tausendmal ist immer was passiert.<\/strong><\/p>\n<h2>Erwartungen radikal brechen<\/h2>\n<p>Alle Zuh&ouml;rer haben leidvolle Erfahrungen mit Rednern aller Art gemacht. Sie &bdquo;wissen&ldquo; darum, wie die meisten Reden beginnen und enden und erwarten demnach auch das ewig Gleiche, obwohl es hierf&uuml;r nie einen Katalog von Empfehlungen gegeben hat. Entsprechend richtet sich ihre psychische Gestimmtheit (negativ) auf das Ereignis aus, noch bevor der Redner &uuml;berhaupt das Podium betreten hat: &bdquo;Soll ich w&auml;hrend des Vortrags meine neue PIN auswendig lernen, mir den n&auml;chsten Brief &uuml;berlegen oder heimlich eine SMS schreiben?&ldquo; Wenn nun ein Redner provoziert und die Erwartungen bricht, erzeugt er hingegen Aufmerksamkeit von der ersten Sekunde an. Und das Handy bleibt in der Tasche.<\/p>\n<p>Die Zuh&ouml;rer erwarten: &sbquo;Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich freue mich, Sie zu der Veranstaltung XY begr&uuml;&szlig;en zu k&ouml;nnen&hellip;&rsquo; Der Redner aber beginnt: &sbquo;Ja, ich lese die BILD-Zeitung. Und das hat gleich mehrere Gr&uuml;nde.&rsquo; Die Zuh&ouml;rer erwarten: &sbquo;Ich m&ouml;chte Ihnen nun die wichtigsten Eckpunkte unserer Bilanz der vergangenen zehn Jahre vortragen&hellip;&rsquo;. Der Redner aber sagt: &sbquo;Nein, es sieht ganz und gar nicht rosig aus.&rsquo; Die Zuh&ouml;rer erwarten am Ende: &sbquo;Ich danke Ihnen f&uuml;r Ihre Aufmerksamkeit.&rsquo;. Der Redner aber sagt: &sbquo;Danken Sie mir, dass ich den Mut hatte, Ihnen auch unangenehme Wahrheiten zu sagen.&rsquo;<\/p>\n<p>Dieser Satz h&auml;tte auch den Schluss einer Rede bilden k&ouml;nnen, die mit Erwartungen brach, eben weil sie anders war. Ich meine die mittlerweile ber&uuml;hmte Adlon-Rede des damaligen Bundespr&auml;sidenten Roman Herzog aus dem Jahr 1999.<\/p>\n<p><!--snip--><\/p>\n<h2>Botschaften anrichten und lecker-leicht pr&auml;sentieren<\/h2>\n<p>Wenn ein Redner Erwartungen bricht, dann besitzt er zuerst einmal die volle Aufmerksamkeit seiner Zuh&ouml;rer. Jetzt muss er diese aber auch erf&uuml;llen, indem er genau jene Informationen ohrgerecht serviert, welche die H&ouml;rer interessieren. Die meisten deutschen Redner begehen einen grunds&auml;tzlichen Fehler, indem sie von ihren eigenen Interessen, Zielen und W&uuml;nschen ausgehen.  Umgedreht wird eine Rede draus. Was interessiert die Zuh&ouml;rer, womit rei&szlig;e ich sie vom gepolsterten Stuhl, was liegt ihnen am Herzen? Wenn von vornherein klar ist, dass die Inhalte der Rede mit den Zielen und W&uuml;nschen der Zuh&ouml;rer nicht in Einklang zu bringen sind, kann der Vortragende sich jegliche M&uuml;he sparen. Im Gegenteil: Wenn er jetzt nicht redet, beh&auml;lt er zumindest sein bis dahin geschaffenes Image bei und ruiniert es nicht. In allen anderen F&auml;llen hat sich folgende Frage bew&auml;hrt: Welchen Nutzen k&ouml;nn(t)en die Zuh&ouml;rer aus meinem Inhalt ziehen? Allein an der Antwort auf diese Frage hat sich der Redner zu orientieren.<\/p>\n<p>Ein Beispiel: Der Referent &ndash; ein stolzer deutscher Ingenieur der Autobranche &ndash; spricht ausf&uuml;hrlich &uuml;ber die technischen Vorteile und Finessen des neuen Flaggschiffs. Er tut dies klein-klein und mit der gebotenen technischen Gr&uuml;ndlichkeit und parliert &uuml;ber ABS, EPS, Einspritzd&uuml;senelektronikverbesserungshastdunichtgesehen und &ndash; das neue Superstabilisierungsmodul f&uuml;r die automatische Scheibenreinigungszeitschaltuhr. Da seine Zuh&ouml;rer aber in der Mehrzahl keine Techniker sind, ist die H&auml;lfte schon l&auml;ngst eingeschlafen. Im Gegensatz zu Zahlen, unverst&auml;ndlichen Abk&uuml;rzungen und technischem Brimborium w&auml;ren genau hier Emotionen am Platz. Was kann der Fahrer alles mit dem neuen Auto erleben? Wie reagieren seine Freunde, wenn er mit dem neuen Schlitten vorf&auml;hrt. Kann er gewagte Lenkman&ouml;ver wie in der Formel 1 vollf&uuml;hren, ohne im n&auml;chsten Graben zu landen? Ist noch Platz f&uuml;r vier Kisten Bier? Wie und womit wird er seine Freundin beeindrucken? Was finden die Kinder toll? Wie hoch wird der gef&uuml;hlte Neid-Faktor sein und &ndash; dies an erster Stelle &ndash; wird der neue Wagen auch mein Image mit der Kraft von 250 Pferden (und einem Verbrauch von 4,5 Litern) festigen?<\/p>\n<h2>Kleine, emotionsgeladene Geschichten &uuml;bermitteln und faszinieren zugleich<\/h2>\n<p>Redner k&ouml;nnen und sollen gerade dann aus dem Vollen sch&ouml;pfen und ihre Phantasie wildern lassen, wenn es gilt, ihre Zuh&ouml;rer zu &uuml;berzeugen. Sie ben&ouml;tigen nicht einmal eine besondere Sprache, sondern erz&auml;hlen, berichten und schw&auml;rmen am besten so, wie sie es auch im m&uuml;ndlichen Gespr&auml;ch unter vier Augen t&auml;ten. Wenn die Zuh&ouml;rer merken, dass der Redner vom Inhalt der Rede begeistert ist, eben weil er begeisternd erz&auml;hlt, wird der Funke auf sie &uuml;berspringen und gebannt lauschen lassen.<\/p>\n<p>Das gen&uuml;gt in der Regel aber noch nicht, um die zentrale Botschaft der Rede zu &uuml;bermitteln oder gar zu festigen, wenn es denn &uuml;berhaupt eine gibt. Die meisten Redner machen sich ganz offenbar keine M&uuml;he, eine solche im ersten Schritt festzulegen, was sich dann in ausuferndem und ziellos umherirrendem Palavern niederschl&auml;gt. Umso verwunderlicher ist es, dass gerade jene Redner, die Plan- und Kennziffern im Kopf haben, auf ein Podium steigen, ohne zuvor genau festgelegt zu haben, welche Botschaft ihre Rede denn nun haben soll. Wer redet, ben&ouml;tigt ein Kommunikations-Ziel, eine Botschaft, eine Kern-Aussage, die sich explizit oder implizit durch die gesamte Rede zieht. Erst dann kann der Redner Material sammeln, vorbereiten, schreiben, korrigieren und vortragen.<\/p>\n<h2>Wiederholend variieren und variierend wiederholen<\/h2>\n<p>Wenn die Botschaft feststeht, haben sich alle Teile des Textes dieser unterzuordnen. Zuh&ouml;rer merken sich weder ganze S&auml;tze noch einzelne Textpassagen. Im Gegenteil: Gerade jene Redner werden als kompetent eingestuft, die in der Lage sind, die Inhalte in kurzen, anschaulichen, verst&auml;ndlichen S&auml;tzen zu vermitteln. Im Idealfall k&ouml;nnen sie nach zwei Wochen die Botschaft mit eigenen Worten wiedergeben.<\/p>\n<p>Die Kernaussage hat also zwei Aufgaben: Sie ist sowohl der alles entscheidende Ma&szlig;stab beim Verfassen als auch beim kritischen Korrigieren. Alles, was der Botschaft nicht in irgendeiner Weise dient, fliegt raus. Der M&ouml;glichkeiten f&uuml;r Wiederholungen gibt es viele, ohne eint&ouml;nig zu werden. Besagte Anekdoten und Geschichten haben als Quintessenz oder Kern die Botschaft. Sie l&auml;sst sich umschreiben, mittels Metapher verbildlichen und mit Synonymen immer wieder variierend darstellen.<\/p>\n<h2>H&ouml;rer k&ouml;nnen nicht zur&uuml;ckh&ouml;ren<\/h2>\n<p>Weil Zuh&ouml;rer einen linear fortlaufenden Text aufnehmen und verarbeiten m&uuml;ssen, hat der Redner bei gesprochenen Texten besonders darauf zu achten, jeden der Zuh&ouml;rer mitzunehmen und inhaltlich genau dort anzusetzen, wo dieser steht. Gehen Sie also kleinschrittig vor, fassen Sie neue Erkenntnisse zusammen, bevor Sie den n&auml;chsten Argumentations-Schritt in Angriff nehmen und w&uuml;rzen Sie mit den bereits genannten Schmankerln. Frage am Rande: Kann man mit Schmankerln w&uuml;rzen?<\/p>\n<p>Neben Vergleichen, Metaphern, Anekdoten, Umschreibungen, Neusch&ouml;pfungen und Wortspielen eignen sich auch kleine Bosheiten, die besonders gern von der Presse, also den Meinungsbildnern, aufgenommen und damit verbreitet werden. Wie sagte Ludwig Stiegler angesichts des &ouml;ffentlich ausgetragenen Renten-Streits im Jahr 2002 so sch&ouml;n?  &bdquo;Ich erwarte, dass Professoren wie Herr R&uuml;rup uns nicht l&auml;nger mit ihrer Ejaculatio praecox (vorzeitiger Samenerguss) begl&uuml;cken.&#8220; Und Joschka Fischer ist ber&uuml;hmt geworden mit seinem Satz &bdquo;Mit Verlaub, Herr Pr&auml;sident, Sie sind ein Arschloch.&ldquo;<\/p>\n<p>Hat diese &Auml;u&szlig;erung aufgrund ihrer krass gegenteiligen Stilebenen (Mit Verlaub &ndash; Arschloch) noch einen gewissen Charme und Sprachwitz, so sind die unbeabsichtigten Versuche Edmund Stoibers vor allem eines: kontraproduktiv. Im Februar 2007, als schon diverse Versprecher im Internet kursieren, setzt Stoiber allen vorangegangenen die Krone auf: &bdquo;Ich habe es f&uuml;r wohltuend empfunden, dass die Bundeskanzlerin gegen&uuml;ber dem amerikanischen Pr&auml;sidenten Breschnew Guantanamo kritisiert hat.&ldquo;<\/p>\n<p>Kleine Sticheleien, Wortspiele oder sonstige auffallende &Auml;u&szlig;erungen sollten, wenn der Redner sie verwendet, im Vorfeld (!) einer Rede  von mehreren Seiten gepr&uuml;ft werden, damit sie auch ihre Wirkung entfalten k&ouml;nnen: Sind sie eventuell justitiabel? Kommunizieren sie allein in weiter Presselandschaft meine Botschaft? Festigen sie das Image des Redners?<\/p>\n<h2>Anfang und Ende sind das A und O<\/h2>\n<p>Besondere Aufmerksamkeit ist dem Beginn und dem Ende zu widmen, denn diese beiden Redeteile bleiben am l&auml;ngsten im Ged&auml;chtnis der Zuh&ouml;rer haften, wenn sie denn alles andere als gew&ouml;hnlich sind. Wenn der Redner nun einen furiosen, weil aufmerksamkeitsstarken Einstieg gefunden hat, dann darf er nicht mit einer der &uuml;blichen Floskeln hinter diesen zur&uuml;ckfallen, im Gegenteil: Zum Ende einer Rede hei&szlig;t es: Aussagen zuspitzen, Erkenntnisse zusammenfassen und auf das Finale furioso zuarbeiten. Die optimale Variante: Beginn und Schluss bilden einen inhaltlichen Rahmen, der einerseits die gesamte Rede einfasst, die Botschaft enth&auml;lt und diese damit an den wichtigsten Punkten des Monologs nennt. Mehrfach, wohlgemerkt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Anders als all die anderen<\/h2>\n<ol>\n<li>Brechen Sie (nicht in den Eimer, sondern) bewusst mit eingespielten &ndash; auch formalen &ndash; Mustern. <\/li>\n<li>Verpacken Sie die Inhalte in Anekdoten, emotionale Geschichtchen und bildlastige Ausfl&uuml;ge und Phantasiereisen.<\/li>\n<li>Wiederholen Sie die festgelegte Botschaft mehrfach und variieren Sie diese explizit und implizit. <\/li>\n<li>Fallen Sie mit au&szlig;ergew&ouml;hnlichen &Auml;u&szlig;erungen auf (allerdings nicht wie Herr Stoiber: &bdquo;Ich mache Osten zum Chefsache Ost.&ldquo;). <\/li>\n<li>Legen Sie besonderen Wert auf den Beginn und Schluss. <\/li>\n<\/ol>\n<p>Dann klappt&rsquo;s auch mit den Zuh&ouml;rern.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Situation ist immer \u00e4hnlich. 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