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My god is - Alltags- und Ersatzreligionen

Andreas F. Philipp, David Christ

18.02.2021 ·  Nein, wir sind keine vollends rationalen Wesen! Auch, oder vielleicht gerade, weil wir in der Moderne in einer durch Wissenschaft und Aufklärung rational geprägten Gesellschaft leben. Religiös anmutende Phänomene lassen sich in der modernen Gesellschaft in vielen Kultur- und Gesellschaftsbereichen aufzeigen. Wir können diese Phänomene auch als Alltags- und Ersatzreligionen bezeichnen – profan statt sakral.

Andreas F. Philipp, David Christ

Dr. Andreas F. Philipp begleitet mit seiner Firma, Philos, seit 25 Jahren Menschen und Organisationen in Veränderungsprozessen. Die ganzheitliche Gestaltung der digitalen Transformation sieht er als besondere gesellschaftliche Herausforderung an, … die gleichsam der Menschheit helfen wird, sich auf ihre nächste Bewusstheitsstufe zu entwickeln. David Christ hat in Jena und Gießen interdisziplinäre Sozialwissenschaften (Soziologie, Politologie, Angewandte Ethik/Philosophie) studiert. Nach Berufserfahrungen in der (außeruniversitären) Forschung und wissenschaftlichen Politik- und Managementberatung gilt seine Hauptbeschäftigung seit 2018 der Arbeit an einer stiftungsgeförderten Dissertation zum „Doktor der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften“. »  » http://www.philos-postdigital.de

So gehen die Menschen sonntags gemeinsam in die Kirche, sind Teil von etwas Größerem, Heiligem, Besonderem, also Sakralem. Aber dieser Kirchenbesuch – das war für Durkheim das Entscheidende – erhält seine spezielle Bedeutung überhaupt erst durch die Abgrenzung von der restlichen, profanen und alltäglichen Arbeitswoche. Das seltene Sakrale wirkt auf den Menschen deshalb so stark, weil es auch das Profane gibt und umgekehrt. Dieser Gegensatz strukturiert den Alltag des Gläubigen und bietet ihm eine psychische Ablenkung vom Profanen, vom rationalen Alltagsgeschehen. Nicht ohne Grund bezeichnete Karl Marx Religion als »Opium« des (arbeitenden) Volkes. Aufbauend auf dieser Definition des Religiösen – als Gegensatz von sakral und profan – können wir moderne gesellschaftliche Phänomene neu einordnen:

Beispielsweise das heutige Massenphänomen von Stadion- oder Konzertbesuchen: Schließlich kommen auch hier große Menschenmassen zusammen, die ihre Idole auf der Bühne oder dem Fußballfeld völlig abstrakt und anonym verehren. Und sie bilden dabei teilweise eine völlig irrationale buchstäbliche Glaubensgemeinschaft, als ständen Übermenschen oder Götter vor ihnen. Auch hier scheint der Marxsche Begriff »Opium des Volkes« zumindest nicht unangebracht zu sein. Gerade für den Hardcore-Fußballfan nimmt ja der wöchentliche Stadionbesuch (oder zumindest das Sportschau-Wochenende) eine zentrale Stellung in seinem Leben ein, der die profane Arbeitswoche überstrahlt.

Ein weiteres Beispiel finden wir im Feld der irrationalen Wirkung von globalen Markenunternehmen im modernen Kapitalismus: Hatten nicht die Auftritte von Steve Jobs bei der jährlichen Vorstellung des neuen iPhone etwas prophetenhaftes? Erschien hier nicht mehr ein weltweit verehrter Guru, denn ein CEO eines Technologiekonzernes? Wie ist es rational zu erklären, dass Menschen den Markteintritt eines Produktes mit gemessen an seinen Produktionskosten exorbitanten Preisen, das unter zum Teil unmenschlichen Produktionsbedingungen erstellt wird, geradezu herbeisehnen, sodass sie sogar bereit sind, vor Apple-Shops zu übernachten, um zu den ersten Besitzern zu gehören?

Diese modernen Phänomene scheinen also ähnliche psychische Funktionen beim modernen Menschen zu erfüllen, wie die klassischen religiösen (Gottes-)Erfahrungen oder religiösen Veranstaltungen beim vormodernen Menschen, nämlich die radikale, ekstatische Abgrenzung vom profanen Alltagsgeschehen und sind damit typische Beispiel für eine Ersatzreligion«.

Spannend ist auch, welche psychischen, irrationalen Kräfte beim Konsum derartiger Kult-Produkte eine Rolle spielen. Werbung und Marketing arbeiten gezielt mit Gefühlen und Hoffnungen – gerade bezogen auf unsere innerweltlichen Zukunftserwartungen. Sie erzählen emotionale Geschichten, zeigen eine heile, fast paradiesische Welt. Und wer das Produkt kauft, gehört zu einer globalen Fangemeinde. Marken werden so in der modernen Gesellschaft zunehmend emotionalisiert, geradezu fetischisiert. Apple stellt dabei wieder ein besonders interessantes Beispiel dar: Das Firmenzeichen mit dem abgebissenen Apfel beinhaltet sogar eine explizit religiöse-biblische Symbolik – die der paradiesischen (Ur)-Schuld von Adam und Eva.

Aber auch bezüglich der wichtigen religiösen Funktion der Welterklärung liefert das 20. Jahrhundert Beispiele von groß angelegten Ideologien mit Ersatzreligionscharakter. So waren die zentralen politischen Weltanschauungen des letzten Jahrhunderts quasi-religiöse Bewegungen – vermutlich sogar Reaktionen auf die zunehmende Säkularisierung. Sie gaben dem Alltag der Menschen Struktur, haben die Welt ideologisch in Gläubige/Nicht-Gläubige oder Zugehörige/Nicht-Zugehörige eingeteilt – somit eine globale Welterklärung geboten und ein innerweltliches Paradies versprochen:

So hatte beispielsweise der Kommunismus, als dezidiert atheistische Gegenbewegung zum Religiösen, das (Glaubens-)Versprechen im Gepäck, ein Paradies einer klassenlosen Gesellschaft ohne soziale Unterschiede, Ungerechtigkeit und Ungleichheit auf Erden zu schaffen.

Der Nationalsozialismus war eine besonders zynische Variante dieses Paradieses und integrierte in seine Erzählung die Erlösung durch eine rassisch reine, übermenschliche, also quasi göttliche Bevölkerung.
In eine ganz andere Richtung geht die vor allem nach dem zweiten Weltkrieg zunehmend wachsende Gläubigkeit an den freien Markt, der sich selbst anhand von Marktgesetzen reguliert und durch eine unsichtbare Hand die Dinge wundersam im Reinen hält.
Diese Beispiele von alltagsreligiösen Elementen zeigen, dass unsere moderne, scheinbar so rationale Welt, letztlich voll von großen Welterzählungen, also irrationalem und emotionalem Hoffen auf und Glauben an die Zukunft ist. Wir sind eben auch höchst emotionale Wesen, die immer wieder die Kraft aufbringen, an etwas zu glauben, ohne alles rational zu durchdenken oder abzuwägen. Das muss nicht immer in Totalitarismen und gegenseitiger Intoleranz münden – im Gegenteil. Die Geschichte ist voll von Beispielen, in denen sich Menschen, in der Hoffnung und dem Glauben auf eine andere, eine bessere Welt, komplett irrational und tiefst emotional für eine Sache eingesetzt haben:

  • Hätte es jemals die Aufklärung gegeben, wenn Menschen nicht bedingungslos daran geglaubt hätten, dass ein anderes Leben möglich ist?
  • Hätte es die Einführung der Frauenrechte ohne die Hoffnung auf eine andere Form des geschlechtlichen Miteinanders jemals gegeben?
  • Wäre der eiserne Vorhang gefallen, wenn es nicht Menschen gegeben hätte, sie sich ein anderes Zusammenleben brennend erhofft hätten?

Auf dieses Potenzial können wir also für eine menschgerechte Gestaltung des globalen Digitalisierungsprozesses setzen und werden es im letzten Abschnitt dieses Kapitels noch mal aufgreifen, wenn wir uns Gedanken zu einer humanen Vision für eine digitalisierte Welt machen. Vorher möchten wir uns aber noch mit der wichtigen Frage befassen, ob Technologie nicht bereits die unwiderrufliche Rolle einer Ersatzreligion für die moderne Gesellschaft übernommen hat.

Wie wir bereits aufzuzeigen versuchten, sind Glauben und Hoffen anthropologische Prinzipien, die den Menschen, seine soziale Umgebung und damit auch die Gesellschaft zentral mitprägen. Wir möchten wissen, wie unsere Zukunft aussieht und wie wir diese gestalten können. Verkürzt können wir sagen: Menschen sind »zukunftsbezogene Tiere« (Nietzsche), die sich zu ihrer Zukunft sowohl reflexiv (also über die Zukunft nachdenkend) als auch emotional (Wünsche und Hoffnungen für die Zukunft entwickelnd) verhalten – dies sowohl individuell als auch als Gemeinschaft.

Die Digitalisierung ist kein rein technisch isolierter Prozess, sondern unser zukünftiges Menschsein entscheidend beeinflussen wird. Bringen wir nun diese beiden Stränge zusammen, wird ersichtlich, dass Digitalisierung und Zukunft, beziehungsweise die emotionale Erwartung an die Zukunft, unmittelbar miteinander zusammenhängen. Die Gestaltung dieser gemeinsamen digitalen Zukunft hängt vor allem davon ab, an was wir eigentlich glauben, was uns gemeinsam antreibt, was uns Hoffnung schenkt, was wir uns ersehnen, schlichtweg in welcher Welt wir gemeinsam leben wollen. Und nur, wenn wir dieses aktive Gefühl der Zukunftsgestaltbarkeit wieder stärker entwickeln und weiter ausbauen, werden wir diese Zukunft auch gestalten können.

Denn die Zukunft ist offen. Es gibt sie ja noch nicht. Wir sind es, die Zukunft machen. Unser heutiges Denken, Sprechen, Fühlen, Handeln, … prägt die Welt von morgen; von der nächsten Sekunde an. Wir sind kein Staubkorn, das vom Winde verweht wird, sondern ein Samenkorn, das, heute gepflanzt, morgen reiche Frucht tragen wird. Lassen Sie sich diesbezüglich bitte nicht von irgendjemand erzählen, dass die Zukunft determiniert und es sowieso klar wäre, wie wir leben werden.

Gerade der im Kapitel Leben und Erleben ausführlich vorgestellte Transhumanismus erweist sich diesbezüglich als besonders radikal und dogmatisch. Sich auf die neuesten Technologien beziehend, geben sich Transhumanisten nämlich besonders rational und streng wissenschaftlich. In Abgrenzung zur Religion, die man – wie in radikalen Wissenschaftskreisen mit starkem Absolutheitsanspruch üblich – in transhumanistischen Kreisen eher verachtet und lächerlich macht, sieht sich der Transhumanismus als eine elitäre, rationale und überlegene Weltanschauung. Letztlich handelt es sich beim Transhumanismus aber um eine dogmatische Alltags- respektive Ersatzreligion.

Die transhumanistische Bewegung ist, wenn wir von den spezifischen technischen Themen in den verschiedenen Wissenschaftsbereichen, auf die sie sich bezieht, etwas abstrahieren, ideengeschichtlich vor allem eine Antwort auf den besagten Tod Gottes und soll dabei irgendwann in einer realen technischen Informationsherrschaft münden. Wobei diese Herrschaft tatsächlich viel realer und wirksamer wäre, als jede geschichtliche Denkform einer nur imaginierten Existenz und Herrschaft Gottes auf Erden jemals hätte sein können. Darum möchten wir noch mal explizit die wichtigsten Grundannahmen transhumanistischen Denkens transparent machen:

Zunächst haben Transhumanisten einen starken Absolutheitsanspruch. Sie glauben, dass sich die gesamte Wirklichkeit – bis hin zum biologischen Leben – letztlich auf ein Prinzip reduzieren lässt – eben auf das der Information. Ähnlich wie im Gottesglauben die ganze Existenz von Gott erfasst ist, ist die Gesamtwirklichkeit hier von der Information, die sich in die Datencloud uploaden lässt, erfasst. So wird aus dem Göttlichen, mit dem wir spirituell überall verbunden sind, ganz real Big Data beziehungsweise die Datencloud, die uns rundum überwacht.

Des Weiteren werden Transhumanisten von der Vision eines geistigen und körperlichen Superwesens angetrieben – einer künstlichen Superintelligenz, einem Cyborg – das durch die Fortschritte der Wissenschaft an die Stelle des ursprünglichen Menschen treten und mit denen ihm zur Verfügung stehenden Technologien die Evolution selbst in die Hand nehmen und sich zum Schöpfer über das Leben, zu einem Evolutionsdesigner machen. Der Mensch kann sich damit zum ersten Mal in seiner Geschichte über die Naturgesetze und die Prozesse der Evolution des Lebens erheben und wird so, ganz praktisch, zu dem, was man über Jahrhunderte ausschließlich Gott zugeschrieben hat.

Besonders komplex wird das Verhältnis von religiöser Botschaft, Ideologie und Wissenschaft, wenn man sich bewusst macht, wie stark der Transhumanismus mit dem Gedankengut der Technologiegläubigkeit hinterlegt ist. Technik und nur Technik sind der Motor der Geschichte, aus dem heraus alle möglichen Formen sozialen, kulturellen und politischen Wandels hervorgebracht werden, die dann diesen technischen Revolutionen ständig hinterherherhinken … mit der Konsequenz, dass sich der Mensch permanent diesem technischen Veränderungsdogma anzupassen hat. Die Technik führt Mensch und Gesellschaft, nicht andersherum.

Schließlich setzen Transhumanisten auf eine ähnliche Grundbotschaft, wie wir sie seit Jahrtausenden aus den Weltreligionen kennen. Der Philosoph Thomas Metzinger nennt es das »Produkt der Sterblichkeitsverweigerung«. Nur, dass Transhumanisten nicht auf das Jenseits verweisen, sondern bereits für das Diesseits die Idee eines innerweltlichen Paradieses verkaufen, in dem es keinen Tod und keine Krankheiten mehr gibt.

Bleibt bei so viel technologischer Beherrschung der Welt noch Raum für plurale Visionen? Lässt sich die Generierung sozialer Utopien (also der Vorstellung einer anderen Welt für morgen, die nicht ausschließlich von technischen Innovationen bestimmt ist) mit der Digitalisierung vereinen? Dieser Frage möchten wir im letzten Abschnitt dieses Kapitels noch etwas auf den Grund gehen.

 

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