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Das steht mir doch zu

Michael Lorenz

15.05.2019 ·  Für viele Menschen ist die junge Generation ein Rätsel. Gerade dieses scheinbar selbstbewusste "Das steht mir doch zu!" wirkt irritierend. Doch woher kommt das? Und was steckt wirklich dahinter? Eine kleine Analyse.

Michael Lorenz

Michael Lorenz ist Berater, Managementtrainer und Speaker. Er leitet die grow.up. Managementberatung. Vorher war er Geschäftsführer bei Kienbaum und leitete das Geschäftsfeld Human Ressources. In seinen lebendigen Büchern und Beiträgen zu Management-, Führungs- und Organisationsthemen vermittelt er anschaulich und unterhaltsam seine Erfahrungen und Einsichten aus Projekten, Trainings und Coachings. » http://www.grow-up.de

Häufige Erwartung von Menschen junger Generationen, weil sie gelernt haben, dass Leistungsunterschiede in der Schule aktiv wegnivelliert wurden. Sie werden als ältere Führungskraft öfter das Gefühl haben, dass von jüngeren Mitarbeitenden ausschließlich gefordert wird.

Sehen Sie es ihnen nach, sie haben es ja auch nie anders erlebt. Freiraum, intensive Ausbildung und wertvolle Qualifikationen sind nichts, was man sich heute durch gute Leistungen erarbeiten muss, sondern es steht von Beginn an allen immer zu. Leistung ist keine notwendige Voraussetzung, um eine gute Qualifikation erwerben zu können. Auch Schüler, die objektiv mittelmäßige bis schlechte Leistungen in der Schule hatten, dürfen heute studieren. Beim Einstieg in das Berufsleben nehmen sie dann häufig einfach die Parameter der vorherigen (Bildungs-) Organisationen als auch im Arbeitsleben allgemein gültig an.

Sie erwarten dann:

  • konkrete Gegenleistungen als transaktionalen Ausgleich für erbrachte Arbeit,
  • zeitgemäße technische Voraussetzungen am Arbeitsplatz,
  • passend dosierte Herausforderungen und viel Raum zur Selbstverwirklichung,
  • intensiv nutzbare Weiterbildungsmöglichkeiten,
  • flexible Arbeitsgestaltung (»Ohne Homeoffice komme ich gar nicht.«),
  • ein unterstützendes Maß an Kontrolle, aber ja nicht zu viel,
  • Aufgabenvielfalt und Abwechslung,
  • Geld. Es muss allerdings nur einen gewissen Schwellenwert erreichen, wird dann aber schnell zum sekundären Motivator, weil vielfach in den Familien schon vieles da ist.

Das nach außen gezeigte Selbstbewusstsein ist oft nur die eine Seite

»Wir sind so frei, dass wir uns vor allem Sicherheit wünschen.«

Meredith Haaf über ihre Generation, deutsche Journalistin, Autorin und Redakteurin

Ich telefoniere mit einer Bewerberin für eine Stelle als Nachwuchsberater(in). Sie ist sechsundzwanzig Jahre alt. Das im ersten telefonischen Kennenlerngespräch nach außen gezeigte Selbstbewusstsein entspricht eher einer erfolgreichen, international arbeitenden Managerin in den Endvierzigern und nicht einer gerade fertig gewordenen Studentin.

Ich muss in mir immer übersetzen: Die meint das wahrscheinlich nicht so. Sie will einfach kompetent und erwachsen rüberkommen und für das Durchschnittsmaß meiner Sozialisation überzieht sie dabei einfach maßlos. Sie müsste nicht so forsch und fordernd auftreten, aber sie hat das wahrscheinlich kaum oder nur selten als Feedback von älteren Menschen bekommen.

Ich spare mir das Feedback auch. Wir sind nicht in einer Situation, in der ich ihr Feedback geben kann, dem AGG sei Dank.

Die äußerliche Sicherheit ist aber nur eine Seite.

Viel häufiger erlebe ich innere Verunsicherung. Ähnliches berichtet Meredith Haaf in der kritisch-liebevollen Analyse ihrer Generation mit dem deutlichen Titel: Heult doch. Über eine Generation und ihre Luxusprobleme.

Mehr als einmal begleitete ich junge Menschen bei Fragen, die sich für sie selbst allerdings zur massiven Krise ausweiteten, wie etwa die Wahl einer Universität, eines Studienortes oder einer Arbeitsstelle. Diese Krisen gingen bis weit hinein in starke körperliche Symptome wie etwa Schlaflosigkeit, Angstgefühlen oder Panikattacken. Mein Gefühl: Die jungen Menschen sind heute häufiger verunsichert als früher und suchen stärker nach Halt und Richtung.

Vielleicht kommt es auch daher zu solchen Trends. Ich höre im Radio: »Die Polizei kann sich in den letzten Jahren vor Bewerbern kaum retten. Neunzigtausend Bewerbungen in einem Jahr für dreizehntausend offene Stellen.« Ich frage mich, was diese jungen Menschen antreibt, sich für ein so vorhersehbares Berufsbild und eine so vorgezeichnete Laufbahn zu interessieren. Aber möglicherweise ist es ja sogar genau das. Sicher, vorhersehbar, stabil.

Ich erinnere mich an die Eltern meiner Schulkameraden in der neunten oder zehnten Klasse: »Kind, geh zur Sparkasse/Bank/zum öffentlichen Dienst, da hast du was Vernünftiges.« Vielleicht hat diese Rolle heute die Polizei, das Finanzamt oder die öffentliche Verwaltung.

»Die Gewerkschaft der Polizei freut sich zwar auch über den Andrang bei den Bewerbern, gleichzeitig«, so ein Sprecher, »finden sich aber immer weniger qualifizierte Bewerberinnen und Bewerber darunter.«

Nun, ich finde es einen kurzen Moment sehr belustigend, dass der öffentliche Dienst wenigstens selbst die Folgen der eigenen Bildungs- und Ausbildungspolitik (und damit an manchen Stellen eben auch der selbst produzierten Misere) wahrnimmt und erdulden muss.

Was die Polizei allerdings noch nicht weiß: Es ist für viele junge Menschen schön, dass alles so geregelt ist. Es ist schön, keine Verantwortung übernehmen zu müssen.

»Das steht mir zu«, wird allerdings einer der ersten Sätze sein, der einer ganzen Anzahl der Anwärterinnen und Anwärter noch während ihrer Ausbildung ganz flüssig über die Lippen kommt.

Keine Anstrengungen über das geforderte Mindestmaß hinaus. Es ist schön, gegen alles und jedes abgesichert zu sein. Keine Verpflichtungen übernehmen müssen. Aber trotzdem toll, geregelt Karriere machen. Vorhersehbar befördert werden. Heute schon die Rentenhöhe in fünfunddreißig Jahren ausrechnen können. Ganz prima.

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