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Attacken aus heiterem Himmel - wenn die Luft wegbleibt

Iris Zeppezauer

15.04.2021 ·  Kennen Sie das Gefühl, eiskalt erwischt zu werden? Sie haben sich auf ein Gespräch oder eine Präsentation gut vorbereitet, doch dann kommt dieser eine Kommentar, auf den Sie nicht gefasst waren?

Iris Zeppezauer

Iris Zeppezauer steht für exzellente Kommunikation im Business. Sie ist Wissenschaftlerin, Hochschuldozentin und Beraterin. Seit über zehn Jahren coacht sie Persönlichkeiten, die in jeder Situation ihre Meinung klar, aber wertschätzend transportieren müssen. »  » http://www.sekundeeins.at

Die Biologie des Angriffes

Wie kommt es dazu? Im Alltag bewegen wir uns in einer gewissen Komfortzone. Diese Komfortzone ist je nach Menschentyp bei einigen sehr klein, bei anderen größer. Sie beinhaltet aber in jedem Fall Aufgaben, die wir bewältigen können, auf die wir vorbereitet sind. Nehmen wir neue Herausforderungen an, geht es ein Stück weiter, in die sogenannte Lernzone. Bewältigen wir die neuen Aufgaben positiv, kommen wie Altersringe in einem Baumstamm immer neue Erfahrungen dazu, die Komfortzone wächst, wir gewinnen Sicherheit.

Passiert nun ein Angriff, werden wir unerwartet aus unserer Komfortzone gestoßen. Unsere Wahrnehmung ist sofort in Alarmbereitschaft, da unsere Sicherheit bedroht ist. Die erste Reaktion ist Schock – als würde eine innere Sirene ertönen: Aaachtung! Angriff! Dabei ist es nicht relevant, ob der Angriff physisch oder verbal erfolgt. Wir erstarren kurzfristig – uns bleibt die Luft weg.

Relevant ist der nächste Schritt

Die Schrecksekunde. Jetzt entscheidet sich, ob wir kämpfen oder fliehen. Der US-amerikanische Psychologe Walter Cannon prägte diese Reaktion als »fight or flight response«. In der ersten Schrecksekunde finden erstaunliche messbare Vorgänge in unserem Organismus statt: Hormone (hauptsächlich Adrenalin und Cortisol) werden ausgeschüttet, Blutzuckerspiegel und Blutdruck sowie Herz-, Puls- und Atemfrequenz steigen. Messbar sind unter anderem auch eine Erweiterung der Pupillen, Kontraktion der Muskeln und ein Anstieg der Milchsäure.

Der Organismus stellt sich auf Kampf oder Flucht ein – das ist Teil unseres evolutionären Überlebensprogrammes und benötigt viel Energie. Dafür werden sogar alle momentan nicht überlebensnotwendigen Funktionen wie Sexualtrieb oder Verdauung zurückgefahren. Wir sind in diesem Moment ganz darauf eingestellt, unsere Sicherheit wiederherzustellen. Aus rhetorischer Sicht ist es wichtig, über diesen biologischen Hintergrund Bescheid zu wissen. So können wir die beste Option wählen und lassen uns weniger zu einer unüberlegten Reaktion hinreißen. Die meisten möchten klug und schlagfertig kontern und vergessen dabei, vorher durchzuatmen, dem biologischen Programm seinen Lauf zu lassen und die Situation einzuschätzen.

Im Laufe der letzten zehn Jahre habe ich in zahlreichen Beratungsgesprächen und Coachings immer denselben Kern entdeckt: Wir wollen so gut wie möglich wirken, damit wir mit uns zufrieden sein können. Dabei sind wir selbst unser härtester Kritiker. Wir stellen uns hohe persönliche und fachliche Anforderungen, denen wir auch in stressgeladenen Situationen gerecht werden sollen. Die Kombination aus hohen Anforderungen, gewünschter Schlagfertigkeit und strenger Selbstkritik erzeugt Druck. Druck, der uns daran hindert, souverän und gezielt zu kontern. Stattdessen flüchten wir übereilt aus der Situation, meist durch Nichtreagieren oder Rechtfertigung, oder wir schlagen unüberlegt zu und hinterlassen Verletzungen.

Dabei verfügen wir als weiteren Teil unseres Überlebensprogrammes über eine enorme Kompetenz, menschliches Verhalten und Situationen einzuschätzen. Tatsächlich ist Menschenkenntnis etwas, das sich jeder Mensch im Laufe seiner Entwicklung aneignet, um überleben zu können. Andere einzuschätzen, ihr Verhalten und Handeln vorauszusehen, lernen wir ab dem frühesten Kindesalter. Wir lernen jedoch nicht, systematisch zu clustern und rekonstruierbare Ableitungen zu treffen. Weder in der Schule oder an der Universität noch im späteren Berufsleben wird uns die Kompetenz dieser Einschätzungen vermittelt.

Vergessen Sie Kausalität

Das Sprichwort »Unverhofft kommt oft!« impliziert bereits eine grundlegende Eigenschaft der Mensch-zu-Mensch-Kommunikation: Es gibt keine kausalen Abläufe. Auch wenn viele Ratgeber es versuchen – die Abfolge »Wenn du A sagst, sage ich B, und dann kommt C heraus« funktioniert in den seltensten Fällen. Vielmehr ist die Kommunikation ein ständiges Taktieren. Innerhalb kürzester Zeit werden Argumente in den Ring geworfen, wir testen, ob sie ankommen, legen nach, ändern die Taktik.

Nehmen Sie als Beispiel die Diskussion mit der Familie über das Urlaubsziel für den nächsten Sommer. Ihnen ist nach Kultur und Kulinarik? Bringen Sie das einmal den Kindern nahe, wenn diese lieber Wasserspaß und Action wollen.

Sie: »Kinder, für nächstes Jahr habe ich eine gaaanz tolle Idee, wohin wir im Urlaub fahren.«

Kinder:   »Wir auch! In den Ferienclub Jollyday mit fünf Wasserrutschen, drei Discos und extra Fun-Animation!«

Hier scheidet Kausalität bereits aus. Wenn Sie damit gerechnet haben, dass die Kinder nachfragen (»Echt? Ja, wohin denn?«), müssen Sie jetzt erkennen, was das Motiv der Kinder ist, und Ihre Argumente darauf aufsetzen, sonst haben Sie die Runde bereits verloren. Was in der Beziehung und Familie täglich und unbemerkt passiert, ist genau dieses Suchen nach den richtigen Zugängen zur anderen Person, um sie zu überzeugen. Wir sind darauf geprägt, dass Kommunikation nicht kalkulierbar ist, und üben uns ständig im Taktieren. Warum? Wir wollen unsere Ziele durchsetzen. Und wenn es nur darum geht, recht zu behalten.

Im Berufsleben ist es genauso: Wir bereiten uns auf wichtige Gespräche oder Präsentationen vor, legen uns Argumente zurecht. Dennoch müssen wir damit rechnen, dass es anders kommen könnte.

Bereiten Sie sich gut vor, setzen Sie sich unbedingt ein Ziel, aber machen Sie das Unverhoffte zum Teil Ihrer Strategie. Rechnen Sie damit, dass die Person anders reagiert, als Sie erwartet haben. Im Gespräch ist es wie beim Schachspiel: Sie haben ein Ziel, müssen aber am Spielbrett vor jedem Zug genau überlegen, wohin Sie Ihre Figur bewegen, und versuchen, die Züge des anderen vorauszusehen, bevor Sie Ihren Zug machen.

Unfair!

Nachdem wir das Unverhoffte als Teil der Kommunikation akzeptiert haben, müssen wir uns im Angriff auch dem Thema Fairness und Gerechtigkeit widmen. Wenn ich mit Menschen im Coaching arbeite, geht es oft um überzeugende Präsentationen und Statements in Debatten. Wer hofft, das gehe immer fair und respektvoll über die Bühne, den muss ich schnell enttäuschen. Wir bewegen uns schließlich auf dem Gebiet der Dialektik, der Kunst des Debattierens. In seinem Werk »Eristische Dialektik« legte der Philosoph Arthur Schopenhauer vor zweihundert Jahren ein leidenschaftliches Manuskript vor, dessen Kunstgriffe bis heute als Basis des Konterns gelten. Die Haupterkenntnis: In der Diskussion geht es fast nie darum, die Wahrheit zu finden, sondern recht zu behalten. Was bedeutet das? Die Wahrheit ist subjektiv, jeder sieht sie anders. Wir alle verhalten uns unfair, obwohl die meisten denken, nur die anderen seien es.

Nonverbale Attacken

Unsere nonverbalen Kommunikationsmöglichkeiten sind unerschöpflich. Der österreichische Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick stellte auf den ersten Platz seiner fünf pragmatischen Axiome: »Man kann nicht nicht kommunizieren, denn jede Kommunikation (nicht nur mit Worten) ist Verhalten, und genauso wie man sich nicht nicht verhalten kann, kann man nicht nicht kommunizieren.« Was auf den ersten Blick verwirrend klingt, wird rasch klar, wenn wir das Verhalten im Berufsalltag beobachten:

Der Kollege im Meeting, der Ihrer Präsentation folgt und gelegentlich den Kopf schüttelt, sodass es alle sehen können. Die Vorgesetzte, die immer wieder auf die Uhr schaut, während Sie ein für Sie wichtiges Thema vorbringen. Der Abteilungsleiter, der Sie von Kopf bis Fuß scannt und die Augenbrauen hochzieht, wenn Sie sein Büro betreten. Die Kollegin, die alle herzlich begrüßt und nur Sie übersieht.

Doch nicht nur im beruflichen Kontext, sondern auch im privaten Bereich prägt nonverbale Kommunikation unser Zusammenleben. Bestimmt kennen Sie das »aggressive Anschweigen«, das manche Menschen einsetzen, um ihre Beleidigung auszudrücken oder den Partner zu bestrafen.

Diese Art der Kommunikation innerhalb der Beziehung oder der Familie ist meist kein geplanter Angriff. Vielmehr geben wir Verhaltensmuster und Werte weiter, die wir selbst erlebt haben. Was fehlt, ist die Reflexion darüber, was uns zu diesem Verhalten antreibt. Wer sie nicht bewusst angeht, wird nicht nur weiterhin Schaden bei anderen anrichten, sondern auch selbst empfänglich für Attacken sein. Unbewusst lassen wir uns durch das Verhalten von Menschen in unserer Meinung beeinflussen – besonders, wenn es Menschen sind, zu denen wir aufschauen oder die in der Gesellschaft exponiert sind. Das sind zu Beginn die Eltern, dann Lehrerinnen, Pfarrer, Ärztinnen, Politiker oder prominente Persönlichkeiten.

Wenn Ihnen die Luft wegbleibt, atmen Sie!

Unfaire Kommunikation hat so viele unterschiedliche Facetten. Oft kommt sie in einem Moment, in dem wir nicht damit rechnen, und manchmal mit einer Wucht, die wir nicht erwartet hätten. Unser faszinierendes biologisches System leitet bei Angriffen sofort eine Art Überlebensprogramm ein, das mit der schon erwähnten berühmten Schrecksekunde beginnt. Nach einer kurzen Schockstarre stehen die Optionen fight or flight zur Verfügung. Damit wir weder dauerhaft erstarren noch unkontrolliert zuschlagen oder panikartig aus der Situation flüchten, ist es lebenswichtig, bewusst zu atmen. Befreien Sie sich von dem Druck, sofort einen flotten Spruch parat haben zu müssen. Die wenigsten Menschen sind von Natur aus schlagfertig, und selbst diesen bleibt schon mal die Luft weg, wenn es ihre ganz persönliche Angriffsfläche trifft.

Nehmen Sie das Unverhoffte und auch das Unfaire an, wir Menschen sind von Natur aus so. Wir streben nach Macht und wollen uns und anderen beweisen, dass wir diese Macht haben. Wir versuchen, Macht auszuüben, indem wir andere kleiner machen oder schwächen. Dabei geht es uns nicht um Wahrheit oder Gerechtigkeit, auch wenn das gerne als Deckmantel für Angriffe verwendet wird. Vielmehr geht es darum, Recht zu behalten und den eigenen Willen durchzusetzen.

Wenn es darum geht, recht zu behalten, wird mit allen Mitteln gekämpft: mit Worten, mit Blicken und mit Gesten. Wir teilen dabei genauso viel aus, wie wir einstecken müssen. Es mag hart klingen, aber es bringt Ihnen gar nichts, unfaires Verhalten auf ein schlechtes Betriebsklima, fiese Verwandte oder eine zunehmend verrohende Gesellschaft zu schieben.

Was immer verbal über Sie hereinbricht, atmen Sie durch und reagieren Sie erst danach. Reagieren ist der erste Schritt zum souveränen Kontern! Sie haben es in der Hand, wie Sie reagieren. Dazu müssen Sie Ihre eigenen Muster kennen – so können Sie andere einschätzen und Angriffe optimal parieren.

 

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