Trends - wie sie entstehen und wirken
Das Wetter läßt es uns zwar ahnen, doch spätestens beim Blick in den Briefkasten wird klar: die Sommersaison ist eingeläutet. Von allen Seiten werden wir mit Prospekten und Werbeflyern bombadiert, die uns die
neuesten Trends verkünden. Werfen wir doch mal einen Blick hinter die
Kulissen: Ein Trend - was ist das eigentlich? Wie entstehen Trends? Wer
definiert sie? Was sagen sie über die Zukunft?
GiT: Herr Endewardt und Herr Woitinek, Sie
beide sind Sozialwissenschaftler und haben sich auf das Thema
Zukunftsforschung spezialisiert. Spannendes Thema. Warum für Sie?
Endewardt: Auslöser war der Beginn meiner
Selbstständigkeit und die Überlegung, wie man das Thema Marktforschung
wieder an seinen Kern führen kann. Häufig haben wir erst dann mit den
Tests gestartet, wenn die Produkte und Angebote schon fertig waren,
eher nach dem Motto: "guckt mal, ob es dem Kunden gefällt". Die Kunden
und deren Bedürfnisse steuern aber die Märkte. So ist es aus unserer
Sicht sinnvoller, sich erst anzuschauen, wie sich die Gesellschaft,
also die möglichen Kunden von morgen, entwickelt. Wenn man da mögliche
Szenarien und Perspektiven erkennt, kann man im nächsten Schritt auch
besser ableiten, welche Wünsche sich in diesem neuen Umfeld entwickeln
werden. So haben wir begonnen, uns systematisch mit dem Thema
Zukunftsforschung zu beschäftigen und starten eine neue Kundenbeziehung
häufig auch damit, dass wir uns über unsere Annahme darüber, wie sich
die Gesellschaft entwickeln wird und was das für die Branche des Kunden
bedeuten kann, mit dem Kunden austauschen.
GiT: Viele Menschen behaupten: "Trends? Die
sind mir völlig egal. Ich mache, was mir gefällt." Hier stoßen wir
meines Erachtens auf eine Frage der Definition. Wann sprechen wir von
Moden, wann von Trends?
Endewardt: Leider ist diese Frage nicht so einfach zu
beantworten, weil es in der Literatur keine klaren Definitionen gibt.
Um besser zu verstehen, dass Entwicklungen, die die Zukunft betreffen,
unterschiedliche Niveaus haben können, möchte ich zwei Begriffe
voneinander trennen: Modetrends und Megatrends.
GiT: Was genau sind denn dann Modetrends?
Woitinek: Hierunter verstehen wir eher kurzfristige
Erscheinungen. Modische Ereignisse oder Produkte, die einem Zeitgeist
entspringen. Sie bedürfen nicht unbedingt gesellschaftlicher
Zusammenhänge. Besonders deutlich werden solche eher kurzfristigen
Entwicklungen bei der Kleidung. Dort folgt die jährliche Entwicklung
der „Modefarbe des Sommers“ sicherlich nicht zwangsläufig
gesellschaftlicher Entwicklungen.
GiT: Und Megatrends folgen gesellschaftlichen Entwicklungen?
Endewardt: Genau. Megatrends haben größere, komplexere
und langfristigere Zusammenhänge. Sie folgen gesellschaftlichen und
ökologischen Entwicklungen.
Ich möchte das einmal an dem Beispiel der älter werdenden Gesellschaft
erläutern. Diese Entwicklung wird unter den Stichworten „50plus“,
„Graue Revolution“ oder „Silver Agers“ als Megatrend gesehen und hat
viele Ursachen, die alle miteinander in Beziehung stehen:
- Der technische Fortschritt der Pille hat es seit 1960 ermöglicht,
Sexualität und Fortpflanzung einfach zu trennen, man konnte selber
steuern, ob man ein Kind wollte. - Die politische Situation
beispielsweise der Emanzipationsbewegung und die 68er-Studentenproteste
haben bewirkt, dass Frauen zunehmend mehr Rollenoptionen als die einer
fürsorgenden Mutter für sich sahen.
- Die Fortschritte in der Medizin haben eine höhere Lebenserwartung zur Folge.
- Die wirtschaftliche Entwicklung in den Industrienationen hat dazu
geführt, dass für viele die Grundbedürfnisse nach Essen, Wohnung und
Kleidung längst erfüllt sind hat und dem Wunsch vieler Menschen nach
Selbstverwirklichung Platz gemacht.
- Kinder zu haben wurde in dieser Gesellschaft oftmals nicht als
positiver Wert, sondern als Belastung gesehen. Man galt als unfrei,
bürgerlich und hatte zudem noch selber Schuld - man hätte ja auch ohne
Kinder leben können. Wer viele Kinder hatte, wurde schnell als
„asozial“ abgestempelt.
Die Folge dieser Entwicklungen werden uns die nächsten Jahren massiv
beschäftigen: Es wurde in den letzten 40 Jahre immer öfter eine
Entscheidung gegen ein Kind getroffen, wir werden uns in wenigen Jahren
schon mit leeren Schulen, fehlenden Arbeitskräften und verwaisten Orten
auseinandersetzen müssen. Für wen bauen wir noch Reihenhäuser im
Umland? Wer fährt dann noch Familienautos? Wer kauft noch
Kinderprodukte? Woher können in 10-15 Jahren die Betriebe noch als
Arbeitskräfte einstellen?
Diese Fragen beschäftigen uns, wenn wir über die sogenannten
Megatrends nachdenken und forschen. Und damit wird auch schnell
deutlich, dass man sich als einzelner diesen Megatrends nicht entziehen
kann und dass einzelne Personen oder auch Gruppen nicht in der Lage
sind, solche Megatrends zu provozieren.
Ganz simpel kann man vielleicht formulieren, dass man sich zwar einzelnen Modetrends entziehen kann, nicht aber den Megatrends.
GiT: Jetzt wissen wir, wie sich solch ein Megatrend ableitet. Wie aber entstehen Modetrends?
Woitinek: Das kann auf ganz unterschiedlichen Wegen
geschehen: Modetrends können von Minderheiten, Subkulturen, Milieus
oder gar Einzelpersonen hervorgerufen werden. So können Sie von
Konsumenten ausgehen, z.B. von prominenten Personen. Paris Hilton war
in der Lage, einen auf den Arm getragenden Hund (Chihuahua) als
Mode-Accessoire zu etablieren. Modetrends können aber auch von
Anbieterseite geschaffen werden: Stark steigende Touristenzahlen können
z.B. Brasilien zum „Reisetrendland“ werden lassen, einfach nur, weil
die Zahl der Airlines gestiegen sind, die das Land preisgünstig
anfliegen.
GiT: Noch einmal zurück zu den Megatrends:
Immer häufiger geistern ominöse Bezeichnungen durch die Lande. Da wird
von "Cocooning" gesprochen, von "Silver Generation". Ein paar davon
haben Sie selber in Ihrem Beispiel ja auch schon genutzt. Was hat es
damit auf sich? Wer vergibt diese Bezeichnungen?
Woitinek: Der Begriff "Cocooning" ist Ende der 80er
Jahre entstanden und wurde von der Trendforscherin Faith Popcorn
entwickelt. Damit hat sie den Rückzug ins Private als Phänomen
beschrieben. Das Grundmotiv ist die Suche nach Sicherheit und
Geborgenheit in einer Welt, die als immer unsicherer empfunden wird.
Diese Unsicherheit kann z.B. durch Terroranschläge hervorgerufen
werden; aber auch durch eine Überforderung durch technische und
wirtschaftliche Entwicklungen. Heute taucht in der Literatur dazu auch
der weiter entwickelte Begriff „Homing“ auf.
Endewardt: “Silver Generation“, „Best Ager“ oder
„50plus“ beschreibt eine gesellschaftliche Gruppe im Alter von 50 bis
60 Jahren, die alleine durch ihre wachsende Größe immer mehr zur
dominanten gesellschaftlichen Gruppe wird. Deshalb ist es für die
Wirtschaft so wichtig, die Entwicklung und Bedürfnisse dieser Gruppe im
Auge zu haben. Dass man dafür dann möglichst plakative Begriffe wählt,
hat mehrere Ursachen. Zum einen möchte man selber ja auch gerne
derjenige sein, dem die „Entdeckung“ dieses Trends zugeschrieben wird,
wie es bei Faith Popcorn war. Zum anderen fällt es natürlich auch
leichter, sich über so komplexe gesellschaftliche Entwicklungen
auszutauschen, wenn man sie möglichst bildhaft benennen kann. „Silver
Generation“ zielt beispielsweise auf das meist graue oder eben silberne
Haar dieser Altersgruppe ab, „Best Ager“ soll die Denkweise ausdrücken,
dass man diesen Menschen eine hohe Wertschätzung gegenüberbringt und
nicht auf Grund ihres Alters diskriminiert, was gerade in der Werbung
oft genug der Fall ist.
GiT: Wo wir schon dabei sind - welche Trends zeichnen sich denn im Moment ab?
Endewardt: Das ist in ein paar Sätzen schwer zu
skizzieren. Wenn auf der Ebene der Megatrends bleiben, dann werden die
wichtigsten Trends neben der „Grauen Revolution“ noch die
Digitalisierung unserer Welt - alle Informationen werden überall und
jederzeit verfügbar sein und die wachsende Bedeutung der
Nachhaltigkeit, die zu mehr Bewusstsein im Umgang mit unserer Umwelt
und unserem Körper führt, sein.
Woitinek: Und ganz allgemein kann zukünftig davon
ausgegangen werden, dass die Anforderungen an die Angebote weniger
produktorientiert sondern mehr nutzenorientiert sein werden. Die Frage
„Was nützt es?“ wird die eher technisch geprägte Sicht des „Was kann
es?“ ablösen. Produkte und Dienstleistungen müssen sich der immer
individueller werdenden Gesellschaft anpassen.
GiT: Es gibt so viele spannende, innovative
Unternehmen, die nicht jeden Trend mitmachen und deren Produkte keinen
Hype auslösen, die aber im Hinblick auf Innovationen bei Prozessen, in
der Produktion und bei produktbegleitenden Dienstleistungen die Nase
weit vor den bekannten Unternemen und Konzernen haben. Sind die nicht
in irgendeiner Form auch Trendsetter, weil sie die Bedürfnisse des
konkreten Marktes identifizieren und umsetzen?
Endewardt: Für die Unternehmen ist es ja kein Muss,
dass sie jeden Trend mitmachen. Aber sie sollten sie kennen, um dann
entscheiden zu können, was für sie die beste Strategie ist.
Als viele anfingen, sich auf ihre Kernkompetenzen zu konzentrieren und
alle Nicht-Kernleistungen outsourcten, war sicher auch Platz für
Unternehmen, die bewusst alles aus eigener Fertigung anboten. Aber die
mussten wissen, welchen Vorteil sie ihren Kunden bieten können, den das
schlanke und flexible Nachbarunternehmen nicht bieten kann.
Oder es kann auch bedeuten, bewusst auf Gegentrends zu setzen. Wenn
aller Schriftverkehr digital erfolgt, wird es einen Gegentrend zur
bewust persönlichen Kommunikation geben, mit einem ausgewählten
Schreibgerät und auf tollem Papier.
Wichtig ist, dass man den Markt im Auge behält und sich den Kunden
gegenüber klar positioniert, damit er weiß, was er von einem erwarten
kann. Wer da jeden Trend nur des Trends wegen mitmacht, ohne dass das
in sein Gesamtkonzept paat, wird schnell unglaubwürdig und beliebig.
Und damit austauschbar.
GiT: Was kann der einzelne Unternehmer tun,
um für sich zu erkennen, wann ein solcher gesellschaftlicher Wandel
relevant ist und frühzeitig agieren? Muss man da gleich einen
Zukunftsforscher beauftragen oder kann man selbst aktiv werden? Welche
Tools gibt es dafür?
Endewardt: Den Annahmen von zukünftigen Entwicklungen
liegen immer die gesellschaftlichen Entwicklungen zu Grunde. Gerade als
Unternehmer ist es wichtig, über den eigenen Tellerrand hinaus
zuschauen und laufend zu beobachten, was sich in anderen Branchen und
Bereichen tut. Ganz praktisch heißt das: Mal für die Zugfahrt quer
durch den Zeitschriftenkiosk einkaufen, mal als Mann Modezeitschriften
für Frauen lesen, als älterer Mensch in junge Szenemagazine reinschauen
und mal durch die Geschäfte gehen und sich die Angebote bewusst
anschauen: Warum gibt es so viele Fertiggerichte? Die Leute wollen es
bequem. Warum gibt es so viele neue Biosupermärkte? Die Menschen wollen
es natürlich und einfach. Warum werden immer mehr Geländewagen und
Cabrios gekauft? Man will seinen individuellen Stil ausleben. Warum
heißt die Teebeutel „Momente der Verführung“? Man möchte mehr
Geschichten um die Produkten hören, Ideen für seine Träume haben.
Das alles kann jeder für sich leisten. Um all diese Einzelbeobachten
dann zusammen zu fügen und daraus Ableitungen für sein Geschäft zu
ziehen ist es sicher hilfreich, die Unterstützung von entsprechenden
Spezialisten in Anspruch zu nehmen. Wir selber haben dazu
beispielsweise eine Zukunftswerkstatt ins Leben gerufen. Als
Sozialwissenschaftler sind wir die Spezialisten, um komplexe
gesellschaftliche Zusammenhänge zu „sehen“ und in Beziehung zu setzen.
Unser Partner, eine Marketingberatung, ist der Spezialist darin, dieses
Wissen in konkrete Produkte münden zu lassen. Zusammen hat man uns auch
schon mal als die „Seher“ und die „Deuter“ bezeichnet. Ein schönes
Bild.
GiT: Gleich zwei "Seher" im GiT-Netzwerk?!
Hervorragend, wir werden den Kontakt in jedem Fall halten. Herzlichen
Dank für das Gespräch.
Über unsere Experten
Ulf Endewardt (1961). Sozialwissenschaftler und Inhaber der e-mares
Innovationsforschung. Nach Tätigkeiten in Unternehmensberatungen, in
der Sozialforschung und in Marktforschungsinstituten erfolgte 2000 die
Gründung von e-mares. Arbeitsschwerpunkte sind die systematische
empirische Begleitung von Produkt- und Unternehmensentwicklungen - von
der ersten Marktrecherche über die Ideenfindung und
Konzeptüberprüfungen bis zur Kundenzufriedenheitsanalyse sowie die
Trendforschung. Auftraggeber sind Markenartikler, Ministerien,
Dienstleister und Non-Profit-Organisationen wie die Kirchen,
Sportverbände, Forschungsinstitute oder Energieberater.
Sven Woitinek (1973) Sozialwissenschaftler, als Projektleiter der
Firma e-mares Innovationsforschung eingebunden in oben genannten
Unternehmenstätigkeiten; Ganzheitliche Organisation und Planung von
Marktforschungsstudien: Fragebogenentwicklung, Durchführungsleitung,
Ergebnisanalyse; Trendanalysen
Anke Patt, Kommunikationsgestalterin mit langjähriger Marketingerfahrung auf beiden Seiten des Schreibtischs, sieht in der Entwicklung eines authentischen und kundenorientierten Unternehmensleitbildes einen wesentlichen Aspekt ihrer Kommunikationskonzepte. Im Rahmen des Projektes GiT und der GiT-Gründer-Community drehen sich gerade daher viele Themen um Positionierung "mit dem Kunden im Visir".
Weitere Infos unter www.g-i-t.de
BusinessVillage, 14.06.2007