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03.05.2007

Die Vokabelretter

von Julia Aden

Seit den 1990er Jahren ist Deutschland von der Welle der Internationalisierung in Technologie und Medien überrollt worden. Die Resultate zeigen sich vermehrt in einer neuen Sprachform, die oftmals als „Denglisch“ oder „Germarican“ bezeichnet wird. Wissenschaftler der Universität Bamberg unterstützen Initiativen gegen Anglizismen und für ein verbessertes Sprachbewusstsein.

In der Werbung wird Wert auf Internationalität und Modernität gelegt. Da spielt das Verständnis eines Werbemottos in der Bevölkerung, von der 60 Prozent kaum oder überhaupt kein Englisch sprechen, nur eine Nebenrolle. Einige Firmen haben Sprüche wie „every time a good time“ und „come in and find out“ bereits durch deutsche Alternativen ersetzt, jedoch sei dahingestellt, ob die neuen Mottos wirklich von allen geliebt werden und jedem das Leben schöner machen.

Auch das Fernsehen schreckt offenbar vor vermeintlich verstaubtem, „unhippem“ Deutsch zurück und wird daher auch nie „Deutschlands nächstes Spitzenmodell“ suchen.

Allein die Etablierung des „weltweiten Netzes“ brachte das deutsche Volk dazu, Meetings lieber zu canceln und stattdessen Files downzuloaden, Messages zu mailen oder auf ihrer Homepage zu surfen. Die Einbindung fremder Wörter in die deutsche Grammatik ist legitim, schließlich spricht man in Amerika auch von „bratwursts“ statt Würsten. Auch ist nichts dagegen einzuwenden, einige Fremdworte in die Muttersprache zu übernehmen, denn sogar die Amerikaner haben einen „kindergarden“ und „schnapps“ wie die Deutschen die Flatrate und den Countdown. Jedoch wäre zu erwägen, ob es wirklich nötig ist, englische Begriffe einzudeutschen, für die es bereits eine deutsche Entsprechung gibt.

Ein serienmäßiger Bum-Zisch-Boing

Neben dem bekannten Verein der Deutschen Sprache e. V. existiert die Stiftung Deutsche Sprache. Diese hat im Februar 2006 das Projekt Aktion „Lebendiges Deutsch“ ins Leben gerufen, welches sich die Erforschung und Verbreitung eben jener schönen deutschen Worte anstelle der populären Anglizismen zur Aufgabe macht. Das Filtern der eingesendeten Vorschläge bewältigt der Bamberger Sprachwissenschaftler Dr. Holger Klatte fast im Alleingang. Bisher fand er zusammen mit einer Jury für 24 häufig genutzte Anglizismen durchsetzungsfähige deutsche Alternativen. Einige könnten durchaus Karriere machen, wie zum Beispiel „Prallkissen“ (Airbag) oder „Denkrunde“ (Brainstorming); andere werden es vermutlich schwer haben, sich gegen ihren englischen Bruder durchzusetzen. Der lautmalerische Vorschlag eines serienmäßigen „Bum-Zisch-Boing“ in Pkw bewirkt, wie der „Luftknödel“, eher ein Schmunzeln, als dass er die eigentliche Bedeutung erklärte. Ein Klapprechner (statt Laptop) weckt antiquierte Vorstellungen eines modernen Schreibgerätes und Hatzfraß (statt Fast Food) klingt ebenso wenig appetitlich wie der Nachsteller (statt Stalker) gefährlich. Die deutschen Ohren scheinen sich an die englischen Klänge und die damit assoziierte Modernität gewöhnt zu haben.

Übermaß an Adaptionsbereitschaft

Im Vergleich zu Franzosen und Spaniern besitzen die Deutschen ein Übermaß an Adaptionsbereitschaft und offenbar einen entsprechend lädierten Stolz bezüglich ihrer Muttersprache. Möglicherweise rührt die Scheu vor einem nationalen Sprachbewusstsein noch vom vergangenen Nationalsozialismus her. Jedoch sind Gebrauch der Sprache und politische Orientierung immer noch zwei unterschiedliche Paar Schuhe. Spätestens durch Spiegel-Kolumnist Bastian Sick, der davor warnte, „Sinn zu machen“ und den Genitiv seines Lebens zu berauben, wurden die Deutschen auf die Tücken, aber auch auf die Möglichkeiten ihrer Muttersprache aufmerksam gemacht. Auch die Aktion „Lebendiges Deutsch“ will Anglizismen keinesfalls unbedingt aus dem deutschen Sprachgebrauch verbannen – manchmal ist dies auch gar nicht möglich, weil sich keine einheitlichen Entsprechungen für komplexe englische Begriffe finden lassen (so zum Beispiel bei dem Wort „Cluster“) oder es sich um durchaus anerkannte und nicht wegzudenkende Lehnwörter wie Lift, Sport, Schal (von engl. shawl), Keks oder Scheck handelt – sie will lediglich zu einem bewussten Umgang mit der eigenen Muttersprache anleiten.

Wie so oft ist es auch eine Frage des persönlichen Geschmacks, wie viele Fremdwörter respektive Anglizismen man benutzt, und das goldene Mittelmaß muss jeder selbst finden. Jedoch bietet die deutsche Sprache genügend Möglichkeiten und zudem auch noch sehr schöne, so dass man als Muttersprachler unbedenklich stolz auf diese Sprache sein darf. Statt German zu recyceln und für designtes Denglisch zu voten, sollte man sich nicht scheuen, der Wiederverwendung des Deutschen zuzustimmen und zumindest einige Anglizismen unverblümt zu trashen, Verzeihung, in die Tonne zu treten!

Neben Holger Klatte engagiert sich auch Prof. Dr. Helmut Glück als Vorstandsmitglied der Stiftung Deutsche Sprache dafür, Licht in das düstere Phänomen der deutschen Anglophilie (und auch -phobie) zu bringen. Die Vokabelretter haben also in Bamberg eine Hochburg, ohne allerdings einem ideologischen Übereifer zu verfallen.

Über die Autorin

Julia Aden, Jahrgang 1985, studiert seit 2005 in Bamberg Germanistik und Anglistik. Journalistisch tätig bei der Studierendenzeitung "OTTFRIED" und der Pressestelle der Universität Bamberg.





Muss die deutsche Sprache geschützt werden?

Interview mit Holger Klatte über die Aktion „Lebendiges Deutsch“

Herr Klatte, muss die deutsche Sprache unter Schutz gestellt werden?
Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg prophezeit, die deutsche Sprache existiere irgendwann nur noch als Haussprache und wir sprächen im Alltag Englisch. Ich finde das etwas drastisch formuliert. Sicherlich erleben wir ein Übermaß an Anglizismen und können in bestimmten thematischen Bereichen, zum Beispiel der EDV, an der Börse oder in der Wirtschaft, Deutsch kaum noch gebrauchen. Ein Anliegen der „Aktion Lebendiges Deutsch“ ist es, jener Tendenz entgegenzuwirken.

Wir vernachlässigen unsere Sprache?
Ja. Die Deutsche Bahn zum Beispiel vermittelt mit ihrem Gebrauch der Sprache, dass Deutsch nicht modern und angesehen genug ist, um im Umgang mit den Kunden eingesetzt zu werden. Während die Bahn mit Anglizismen nur so um sich wirft, beschweren sich immer mehr Menschen darüber, dass sie zum Teil nicht mehr verstehen, um was es in einem Bahn-Faltblatt geht!

Woher kommt diese Vorliebe mancher Menschen für Anglizismen?
Die Verwendung von Anglizismen vermittelt Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe, Modernität, Wissen, Ausbildungsstand. Meistens könnte man sich mit einem deutschen Begriff genauso gut oder noch besser ausdrücken. Verwendet man einen Anglizismus läuft man Gefahr, den Begriff in einem falschen Zusammenhang zu verwenden und sich lächerlich zu machen.

Kann man alle Anglizismen aus der deutschen Sprache verbannen?
Nein. Das wäre auch gar nicht notwendig. Existieren gut entwickelte Terminologien oder etablierte Lehnwörter, kann man diese ruhigen Gewissens verwenden. Ich sage auch weiterhin Trainer und Sport statt Leibesübungen.

Welche Begriffe bekam die meisten Einsendungen, welcher wird zu oft verwendet?
Rund 5000 Einsendungen kamen zu Brainstorming. Daraus wurde dann die Denkrunde. Negativ auffällig ist Event.

Die Deutsche Sprache von Fremdeinflüssen befreien – zieht man mit diesem Programm nicht automatisch rechte Elemente an?
Das ist leider wahr. Natürlich lehnen wir solche Anbiederungsversuche strikt ab. Die Förderung der deutschen Sprache hat absolut nichts mit rechtem Gedankengut zu tun. Es geht bei der Aktion nicht um die Förderung des Nationalbewusstseins, sondern darum, dass die deutsche Sprache als lebendiges Kulturgut anerkannt wird, welches es zu erhalten und zu fördern gilt.

Müssen wir auf die deutsche Sprache Stolz sein?
Nein. Wir sollten erkennen, dass unsere Sprache eine sehr große Rolle in Schulleben, Ausbildung, Berufsfindung, unserem ganzen Leben spielt. Die Stiftung Deutsche Sprache setzt sich daher auch für die Förderung des Deutschunterrichts ein. Mit Aktionen wie „Lebendiges Deutsch“ kann dieses Thema der Öffentlichkeit näher gebracht werden. Den Zuspruch der Menschen beweist die Tatsache, dass unsere Aktion in gut einem Jahr 50.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer gewann. Obwohl die gefundenen deutschen Begriffe nicht sofort in den allgemeinen Sprachgebrauch übergehen können, bin ich sehr zuversichtlich, dass die Leute irgendwann wirklich einen Klapprechner anstatt des Laptops gebrauchen.

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