Internet goes local
von Jana Behr (Freie Journalistin in Essen)
Ursprünglich als "virtuelles Tor zur Welt" gefeiert, entwickelt sich das Internet zunehmend zu einem lokal relevanten Medium. Denn auch, wenn der Internet-Hype in der Vergangenheit vielen Unternehmen weltweit rasant steigende Um-sätze bescherte, hat sich das User-Verhalten in den letzten Jahren verändert. Nach einer ersten "Gewöhnungsphase" wächst der Wunsch nach einem ziel-gruppenorientierten Webangebot im lokalen Umfeld. Begründung: Der Alltag der Menschen findet zum größten Teil vor Ort statt. Vor dem Hintergrund gi-gantischer Wachstumspotenziale nehmen große Suchmaschinen wie google und yahoo und Städteportale wie meinestadt.de diesen Trend in ihr Konzept auf.
Vor 15 Jahren, als das Internet seinen weltweiten Siegeszug antrat, wurde das "Ende der Geografie" ausgerufen. Grund war die Entwicklung neuer Kommunikations- und Transporttechnologien, allen voran des Internets. Mit einem Klick, in einer Sekunde, war es auf einmal möglich, seinen Wunschartikel am anderen Ende des Globus zu bestellen. Doch endete diese Massengeburt neuer Umsatzmöglichkeiten genauso schnell, wie sie entstanden war. Denn: Obwohl geografische Barrieren weitgehend abgebaut waren und "E-Conomy" ihre Pforten 24 Stunden geöffnet hat, wurde der lokalen Verankerung von Unternehmen als auch der Anwender zu wenig Beachtung geschenkt. Ohne die immense Bedeutung der Globalisierung in Abrede stellen zu wollen, Fakt ist: Das Leben der Menschen spielt sich zu 90 Prozent im Umkreis von 20 Kilometern ab. So werden beispielsweise 80 Prozent der Ehen mit Partnern ge-schlossen, die nicht mehr als 10 Kilometer von einander entfernt wohnen. Arbeit-nehmer fahren in der Regel maximal 50 Kilometer zu ihrem Arbeitsplatz. Zudem hat sich das Userverhalten verändert. Mit dem Vormarsch der Breitband-Verbindungen nutzen die Menschen das Internet inzwischen als selbstverständliches Informations-medium. "Der Computer bleibt in Zukunft den ganzen Tag angeschaltet. Statt ihre Informationen aus der Zeitung, aus Broschüren oder Telefonbüchern zusammen zu suchen, werden alle lokalen Anfragen mit Hilfe des Computers beantwortet", prog-nostiziert Manfred Stegger, Geschäftsführer des Städteportals meinestadt.de und Pionier auf dem Gebiet der lokalen Suche.
Eine Entwicklung, die übrigens in Amerika heute schon Realität ist. Das zeigt eine Studie vom Oktober 2004 von BizRate.com und der Kelsey Group, dem amerikani-schen Experten im lokalen Marketing, wonach vor einem Jahr 74 Prozent der Befrag-ten das Internet für die lokale Suche nutzten. Bezogen auf das gesamte Suchverhal-ten entfielen 27 Prozent auf die lokale Recherche. Dabei standen vor allem Mapping Sites und Internet Yellow Pages im Mittelpunkt des Interesses. Dazu kommentierte Greg Sterling, Direktor für das Lokale Media Programm der Kelsey Group: "Zum ei-nen zeigen die Ergebnisse, dass die Suche über große Suchmaschinen weiterhin der bevorzugte Weg beim Finden von Informationen im Internet ist. Zum anderen zeigt sie aber auch deutlich, dass das Bewusstsein und der Gebrauch für die lokale Suche wächst." (freie Übersetzung)
Sind Deutschlands Internet-User bereit zum durchstarten?
Wie aber entwickelt sich das deutsche Internetnutzerverhalten grundsätzlich? Die Tendenz ist auf jeden Fall weiterhin steigend. Einer Untersuchung des (N)ONLINER Atlas 2005, im Rahmen des Sonderthemas "Internet 2010: Visionen online leben", zufolge hat sich das Internet mit 55 Prozent Nutzern als Alltagsmedium etabliert. Das entspricht 35,7 Millionen Menschen über 14 Jahren. Die Internetgemeinde sei damit in den zurückliegenden zwölf Monaten um 1,74 Millionen Nutzerinnen und Nutzer größer geworden. Weiterhin beabsichtigten bis Mitte 2006 rund 4,1 Millionen Bun-desbürger (sechs Prozent) ins Internet einzusteigen. Höherer Datentransfer und er-weiterte Anwendungsmöglichkeiten eröffneten demnach neue Chancen bei der In-ternetnutzung.
25 Millionen Deutsche (39 Prozent) zählten allerdings noch zu den Offlinern, den Nicht-Nutzern des Internets ohne Anschaffungsabsicht. Die deutschlandweit größte Studie zur Internetnutzung analysiert Trends nach demografischen Größen wie Bun-desland, Regierungsbezirk, Alter, Geschlecht, Einkommen, Bildungsstand und Be-schäftigung. Zuwachs gibt es demnach auch in bisher eher "internetfernen" gesell-schaftlichen Gruppen. "Die digitale Integration unserer Gesellschaft, das ist die gleichwertige Teilhabe aller gesellschaftlichen Gruppen am Internet, befindet sich auf einem guten Weg", so Dr. Bernd Pfaffenbach, Staatssekretär im Bundesministerium für Wirtschaft und Arbeit, zu (N)ONLINE Atlas. "Die Internet-Nutzung ist innerhalb von nur fünf Jahren um 18 Prozentpunkte gestiegen. Deshalb dürfen wir uns aber nicht ausruhen! Nach einer ersten Phase, in der vor allem die Ausstattung von Haus-halten und Schulen mit Internetzugängen wichtig war, folgte in der zweiten Phase das Kennen lernen der Internet-Inhalte. Jetzt ist es Zeit, die dritte Phase zu zünden - die Phase eines zielgruppenorientierten Wachstums! Politik, Wirtschaft und gesell-schaftliche Initiativen sind gemeinsam gefordert, auch den letzten Offliner-Zielgruppen den Weg ins Netz zu zeigen", ergänzt Thomas Ganswindt, Vorstands-vorsitzender der Initiative D21 und Mitglied des Vorstands der Siemens AG.
Lokal ist trendy
Die Voraussetzungen für die Fortsetzung des Internet-Siegeszuges sind hierzulande also mehr als gut. Jetzt gilt es aber die genauen Wünsche der derzeitigen und zu-künftigen Internet-User herauszufinden. Laut Professor Dr. Dirk Berndsen von der Hochschule Albstadt-Sigmaringen (Fachbereich Wirtschafsinformatik) werden "gerade die bisher internetfernen neuen Nutzer vorrangig an lokalen Inhalten interessiert sein". Da der gewöhnliche Weg, Informationen im Internet zu suchen, über Suchma-schinen führt, sind vor allem deren Betreiber gefragt, den Nerv der Zeit zu treffen. Und da scheinen sich jedenfalls die zwei Großen, google und yahoo einig zu sein. "Bei einem Drittel aller Suchanfragen im Internet geht es um lokale Themen", sagte dazu Stefan Keuchel, Sprecher von google Deutschland in einem dpa-Interview. Diesem Interesse an der örtlich begrenzten Suche wolle man Rechnung tragen und darum teste der Marktführer, gut 85 Prozent aller in Deutschland eingetippten Suchan-fragen laufen über google, die auf bestimmte Regionen und Städte beschränkte Suche. Noch in diesem Jahr will google die lokale Suchfunktion anbieten. Bei dem ge-planten Angebot sollen die Nutzer neben ihrer Suchanfrage in einem eigenen Such-feld ihren Standort angeben können. Die Trefferliste weist dann eigens auf das lokale Umfeld zugeschnittene Einträge mit Adresse und Telefonnummer aus. Laut Heise online soll der lokale Suchdienst mit einem Kartendienst verknüpft werden. Der Kon-kurrent yahoo, mit einem Marktanteil von fünf Prozent, ist schon einen Schritt weiter: Im Februar ging in Deutschland die Betaversion der lokalen Suche von Yahoo an den Start. Das Unternehmen nutzt dafür die Datenbank des Telekommunikationsver-zeichnis-Anbieters "Das Örtliche". Der Nutzer kann unter dem Reiter "Lokale Suche" oberhalb der Internet-Suchbox Ort oder Postleitzahl sowie den Namen einer Firma oder einer Privatperson eingeben. Einen anderen Weg geht meinestadt.de mit Deutschlands größtem Lokalportal, das alle 12.500 Kommunen in separaten Städteportalen vereint. Im Gegensatz zu Google & Co. mit horizontaler Suchstruktur befindet sich der User durch die vertikale Struktur direkt in der Stadt, die er wünscht. Die Suchergebnisse werden dabei aus mehreren strukturierten Datenbeständen generiert. Unter anderem zählen dazu 600.000 geprüfte Websites (allesklar.de), die einem Ort und einem Thema zugeordnet sind, 4,5 Millionen Branchenadressen, zirka 300.000 Stellenanzeigen, 120.000 Lehrstellenanzeigen und rund 80.000 Veranstal-tungstermine und Kleinanzeigen. Eine besonders anwenderfreundliche Suchmatrix erleichtert den Usern das Finden der gesuchten Information. Zudem ist das eingesetzte so genannte usergesteuerte Regio-Targeting dem üblichen lokalen Targeting, das sich an den IP-Nummern der Internetnutzer orientiert, klar überlegen.
Fazit: Lokale Suche einer der größten Online-Wachstumsmärkte
Eins steht fest: Der Trend zur lokalen Suche im Internet ist einer der wettbewerbs-trächtigsten Bereiche im Online-Sektor, denn im Gegensatz zum generellen Such-maschinen-Markt ist dieses Segment noch sehr offen. Obwohl eine enorme Komple-xität und noch viele Herausforderungen bewältigt werden müssen, sind die Potenzia-le gigantisch - für die Betreiber von Suchmaschinen, wie für lokale Werbetreibende, letztlich auch für die Anwender selbst, die exakter auf sie zugeschnittene Inhalte im Internet vorfinden.