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13.06.2005

Visionen zum Wissensmanagement

von Dieter Herbst, Helmut Landenberger

Aufgrund des harten Wettbewerbs erden seit einigen Jahren Arbeitskraft, Zeit und Geld in den Unternehmen zunehmend knapper. Da professionelles Wissensmanagement den Einsatz von angemessenen Mitteln erfordert, wird die Frage immer drängender, welchen Beitrag das Wissensmanagement zur Steigerung des Unternehmenswertes leistet. Kann das Wissensmanagement seinen Wert nicht nachweisen, wird das Unternehmen seine Mittel an anderen Stellen einsetzen, z. B. in Forschung und Entwicklung oder im Marketing. Nach umfassenden Untersuchungen der INSEAD-Business School ird bei Top-Unternehmen im Schnitt rund 40 Prozent des Aktienwertes durch nicht- materielle Faktoren bestimmt: Image, soziale Kompetenz und intellektuelles Kapital, also Lernfähigkeit und Wissensmanagement. Zwei Unternehmen können theoretisch das gleiche Anlage- und Umlaufvermögen besitzen, aber sich dennoch aufgrund ihres Wissens erheblich in der Bewertung ihres Finanzwertes voneinander unterscheiden.

Wissen wird damit wichtigstes Kapital und wertvollste Vermögensposition beim Firmenverkauf, es bestimmt den Geldwert für Lizenzen und Akquisition. Der Wissenswert schafft Wettbewerbsbarrieren, die nur durch aufwändige Maßnahmen zu überwinden sind. Wissen kann also sowohl das Überleben eines Unternehmens sichern als auch den Unternehmenswert systematisch erhöhen. Investitionen in Wissensmanagement erden damit zu Investitionen in die Zukunft des Unternehmens. Damit einhergehen werden verbesserte Möglichkeiten zur Darstellung des Wissenswerts und seines Beitrags zum Unternehmenswert nach außen. Die Kommunikation nicht materieller Unternehmenswerte wie intellektuelles Kapital und Wissen wird eine wichtige Aufgabe der Stakeholder Relations werden.

Bei der Messung des Wissenswertes kommt der Anwendung des Wissens essenzielle Bedeutung zu, denn erst dann entsteht Wert für das Unternehmen. optimieren und Kosten senken. Wissen darf also nicht verwaltet, sondern es muss gezielt angewendet und der Erfolg kontrolliert werden. Daher sollte das Wissensmanagement sorgfältig prüfen, welches Wissen im Unternehmen den Unternehmenswert tatsächlich erhöht. Künftig erden mehr Unternehmen sicherstellen, dass dieses Wissen erfolgreich und messbar angewendet wird und die Anwendung steuern und kontrollieren. In dem Maße, in dem Wissen besser handhabbar wird, wird auch ein neuer Markt entstehen. Wissen wird als Ressource planbar und als Ware handelbar und werden.

Wissen wird stärker als Gesamtprozess betrachtet

Ein Blick in die Praxis zeigt, dass die Unternehmen im Lauf der letzten Jahre viele Einzelschritte des Wissensmanagement erfolgreich etablieren konnten: Wissen erkennen, erwerben, speichern, verbreiten, nutzen und bewerten. Konzepte sind ausgearbeitet, Instrumente haben sich bewährt. Jedoch ist den meisten Unternehmen bisher nicht gelungen, ihr Wissen in einem unternehmensweiten Gesamtprozess systematisch und langfristig zu gestalten. Noch zu viele Einzelfunktionen und Abteilungen gestalten ihr Wissen unkoordiniert: Informatiker sind für Aufbau und Pflege von Daten verantwortlich, die Ausbildungsabteilung vermittelt individuelle Fähigkeiten, Forschung und Entwicklung sind für Produktinnovation zuständig. Diese Grenzen hemmen heute das koordinierte Management des Gemeinschaftswissens. In Zukunft werden alle Funktionen und Hierarchiestufen eines Unternehmens entlang der Wertschöpfungskette einbezogen sein und das Wissen systematisch ganzheitlich entwickelt werden. Wissensmanagement umfasst dann sowohl primäre Aktivitäten, die unmittelbar mit der Herstellung und dem Vertrieb eines Produktes beziehungsweise einer Dienstleistung verbunden sind, als auch unterstützende Aktivitäten, mit denen die primären Abläufe vorbereitet, ermöglicht und gesteuert werden.

Das erfordert auch die Anpassung der Unternehmensorganisation. Dies betrifft zum Beispiel

  • Menschen:deren Zahl und Ausbildung (mehr Management Knowhow) sowie deren Rollen und Verantwortungen,
  • Strukturen:Mehr Netzwerke und interdisziplinäre Teams,
  • Prozesse:vertikale und horizontale Verknüpfungen,
  • IT:Stärkere Vernetzung, zunehmende Komplexität, Unterstützung der Zusammenarbeit,
  • Unternehmenskultur:Wandel zu übergreifendem Denken und stärkere Zusammenarbeit.

Diese dauerhaften und umfassenden Entwicklungen der Organisation müssen systematisch und langfristig geplant sein.

Wissen wird stärker zukunftsorientiert gestaltet

Wissensmanagement ird künftig stärker vorausschauend erfolgen und langfristig zum Erreichen der Unternehmensziele beitragen. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Phasen überlagert der tägliche Überlebenskampf eines Unternehmens oft die weitere Perspektive. Jedoch kann gerade der Umgang mit Wissen einem Unternehmen in Zeiten dynamischen Wandels, zunehmenden Wettbewerbs und austauschbarer Produkte dauerhafte Wettbewerbsvorteile verschaffen.

Wissensmanagement wird daher weniger als heute eine Frage des "Entweder/ oder "sein, sondern des "Sowohl/als auch ":Wissen wird sowohl das kurzfristige Überleben des Unternehmens sichern als auch den Unternehmenswert langfristig steigern. Wissensmanagement wird zum Management des Spannungsfeldes der Zeit.

Wissen ist stärker zielorientiert

Für ein Unternehmen ist die Bestimmung seiner Wissensziele essentiell, also des Zustands, den es für sein Wissen anstrebt: Über welches Wissen sollte es in einem, drei, fünf Jahren verfügen? Wissensziele sind gleichsam Leistungsversprechen über die Schaffung von Wert, die das Wissensmanagement einlösen muss. Gibt es kein Ziel, ist keine Erfolgsbewertung möglich. Die Orientierung an Wissenszielen wird daher für viele Unternehmen selbstverständlich werden Zur Erreichung der Ziele erden Unternehmen sie für jeden Mitarbeiter nachvollziehbar kommunizieren. Die formulierten Unternehmens- und daraus abgeleiteten Wissensziele werden soweit im Unternehmen konkretisiert und detailliert, bis jeder Bereich, jede Abteilung und jeder Mitarbeiter weiß, wie genau er zum Erreichen beitragen kann. Dieser Prozess läuft in beide Richtungen, das bedeutet, es gibt eine Rückmeldung von "unten "nach "oben " So kann die Geschäftsführung erfahren, wenn die auf der obersten Ebene festgelegten Wissensziele nicht ohne weiteres "an der Basis "umgesetzt werden können. Dieser komplexe Managementprozess erfordert Kenntnisse in Betriebswirtschaft, Kommunikation, Psychologie, Organisation und Informationstechnologie. Der Bedarf an umfassender Schulung wird daher zunehmen.

Klassifizierung und Kategorisierung von Informationen gewinnen an Bedeutung

Für den angemessenen Umgang mit Wissen wird der Mitarbeiter in den Mittelpunkt des Wissensmanagements rücken müssen. Ihm ird der gezielte und anwendungsbezogene Zugang zu Informationen und deren Umwandlung in Wissen ermöglicht. Elaboriert es Terminologiemanagement und Wissenstaxonomien leisten dazu einen wichtigen Betrag und werden innerhalb des Wissensmanagements einer der Bereiche mit der rasantesten Entwicklung sein.

Die Mitarbeiter werden stärker beteiligt

Wissensmanagement ist ein Konzept, das die Nutzung des Mitarbeiterwissens zum Ziel hat. Dies setzt aber voraus, dass der Mitarbeiter ernst genommen und über verbessertes Change Management stärker in das Unternehmensgeschehen einbezogen wird. Ansonsten drohte dem Wissensmanagement das gleiche Schicksal ie vielen Managementkonzepten der vergangenen Jahre. Denn schon seit Jahrzehnten gilt der Mitarbeiter als letzte große unerschlossene Ressource des Unternehmens. Bislang ist es aber noch keinem Konzept gelungen, die Mitarbeiter tatsächlich in das Unternehmensgeschehen einzubeziehen -sei es dem Konzept der Corporate Identity, der Gruppenarbeit oder auch Change Management in seiner heute praktizierten Form. Im "Manager Magazin" 8/96 gaben sogar Verfechter von Reengineering an, dass 80 Prozent dieser Projekte auf der Strecke geblieben sind. Als Grund wird fast unisono genannt, dass sich die Mitarbeiter nicht mit den Zielen -Rationalisierung und Erhöhung der Geschwindigkeit von Abläufen -identifizieren können, sie ablehnen und sich weigern, diese Projekte und Prozesse zu unterstützen. Seit Frederic W. Taylor (1856-1915), der ein Managementkonzept entwickelte, um die Arbeitsleistung der Beschäftigten möglichst optimal auszuschöpfen, hat sich jedoch vieles verändert:

  • Die Tätigkeiten: Wo Spezialisierung durch Flexibilität ersetzt wird, muss sich auch der Arbeitsstil und der Umgang mit Wissen ändern, denn es ist ein Unterschied, ob jemand sein Leben lang den gleichen Handgriff ausführt oder komplexe und häufig neue Projekte bearbeiten soll.
  • Die Menschen, ihre Qualifikation, ihre Wünsche und Bedürfnisse: Zu Taylor ´s Zeiten kamen die Menschen vom Land in die Stadt um einen Arbeitsplatz zu finden und ihre Grundbedürfnisse abzudecken. Die heutige Zeit ist dagegen durch Wohlstand Erlebnisgesellschaft und Selbstverwirklichung gekennzeichnet. Die Menschen sind zunehmend kritisch, wollen ernst genommen und an Entscheidungen beteiligt sein.
  • Das Wissen selbst: Kannte der Vorgesetzte zu Taylor 's Zeiten genau die Handgriffe, die seine Mitarbeiter ausführen mussten, sind sie ihm heute im Wissen um ihren Arbeitsplatz und die Tätigkeiten häufig überlegen.
  • Die Unternehmen: Schon lange befinden wir uns im Wandel von der Produktions- zur Dienstleistungsgesellschaf. Hier sind Weiterbildung, kreative Potentiale, Beteiligung an den Entscheidungen gefragt. Seelische Gesundheit und Kräfte ie Kreativität, Lern- und Kooperationsbereitschaft werden den Erfolg und Misserfolg bestimmen.
  • Der Führungsstil:Statt Anweisungen von oben nach unten und Vollzugsmeldungen von unten nach oben wird ein kooperativer Führungsstil erfolgreich sein.
  • Die Wertvorstellungen der Mitarbeiter: Attraktive Arbeitsbedingungen werden nicht nur durch die Bezahlung sondern v. a. durch Möglichkeiten zur selbständigen Arbeit, interessante Tätigkeiten und Qualifizierungsmöglichkeiten geschaffen. Ein italienisches Sprichwort sagt: "Die Intelligenz ist ein Vogel, der sich dort hinsetzt, ob es ihm gefällt." Eine das Wissen fördernde Unternehmenskultur ist daher Voraussetzung für funktionierendes Wissensmanagement.

Es gilt, den Umgang mit Wissen diesen Veränderungen anzupassen. Für jeden Einzelnen werden Lernen und Arbeiten in Zukunft zusammenrücken, Arbeiten bedeutet zu einem großen Teil, neues Wissen zu erwerben. Eine fördernde Wissenskultur wird essenziell Wissenskultur ist all das, was wünschenswert im Umgang mit Wissen ist und was das Handeln bestimmt. Die Wissenskultur entscheidet in einem Unternehmen maßgeblich über das Denken und Handeln der Mitarbeiter im Umgang mit Wissen.

Der Begriff Unternehmenskultur steht für die tief verwurzelten Werte (Wünschenswertes), Normen (Handlungsleitendes)und Grundannahmen (Handlungsbegründendes). Entsprechend ist die Wissenskultur all das, was wünschenswert im Umgang mit Wissen ist und was das Handeln bestimmt. In künftigen Wissenskulturen wird

  • das Entstehen, der Austausch und die Anwendung von Wissen gefördert,
  • Wissen gern geteilt statt sorgsam gehütet,
  • Wissen erschlossen,
  • Wissen von oben nach unten weitergeben,
  • die Mitarbeiter dürfen wissen,
  • Wissen ist dem Unternehmen wichtig,
  • es ist ein Wert, um dessen Steigerung sich alle bemühen.

Eine angemessene Wissenskultur umzusetzen, wird viele Firmen vor eine große Herausforderung stellen. Dies zeigen die Studien des Kulturforschers von Geert Hofstede, die herausgefunden haben, worin sich Kulturen grundsätzlich unterscheiden und welche Widerstände bei Kulturveränderungen zu überwinden sind.

Eine Veränderung der Wissenskultur setzt an einer Veränderung der zentralen Kulturwerte des Unternehmens an. Voraussetzung für einen Werte- und Kulturwandel ist daher ein klares Bekenntnis der Unternehmensleitung. Dies unterstreicht die Forderung, dass Wissensmanagement eine Aufgabe ist, die an der Geschäftsführung angesiedelt sein muss. Die Geschäftsleitung wird künftig mehr als bisher Vorreiter und Vorbild sein. Unter welchen kulturellen Bedingungen kann Wissensmanagement optimal umgesetzt werden? Vielfach fehlt eine Kultur des Experimentierens. Nur keine

Unter welchen kulturellen Bedingungen kann Wissensmanagement optimal umgesetzt werden? Vielfach fehlt eine Kultur des Experimentierens. Nur keine Unsicherheit aufkommen lassen, nur keinen Fehler machen. Eine fördernde Wissenskultur wird dagegen künftig Fehler als einen Teil des Lernprozesses verstehen. Mit dieser Überzeugung wird sich der Einzelne eher auf die Suche nach ungewöhnlichen Lösungen begeben. Ohne Fehler kein Lernen! In Zukunft werden Unternehmensleitungen Wissensnutzung nachdrücklich fordern, fördern, belohnen und daraus entstehende Erfolge feiern.

Der Wandel hin zu einer wissensfördernden Unternehmenskultur bedeutet auch Lernen für Mitarbeiter und Unternehmen, nämlich: bereit sein, von anderen zu lernen, fähig sein, Gemeinsamkeiten zwischen den Beteiligten zu erkennen, aufgeschlossen sein, fremde Leistungen zu akzeptieren, lernen, Aufgaben an andere abzugeben, lernen, anderen zuzuhören und lernen, das Denken anderer zu akzeptieren.

Die Funktionen von IT und eBusiness werden sich ausweiten

Aufgrund der Bedeutung des Vernetzens von Informationen zu Wissen im Menschen darf die Unterstützung des Wissensmanagements durch die IT nicht auf das Bereitstellen von Informationen begrenzt sein: Stattdessen sollte die Informationstechnologie sämtliche Schritte der Wissensentstehung und -nutzung unterstützen. Intelligentere und leistungsfähigere Systeme erden die Lücke zwischen realer Welt und dem technisch Machbaren verkleinern. Auch wenn die exakte Abbildung der Realität noch lange nicht möglich sein wird, wird die Technik dennoch ausreichend flexibel sein, um nahezu alle Geschäftsprozesse optimal abzubilden.

Terminologiemanagement und Kategorisierung von Informationen werden mit technischer Unterstützung umfassender und deutlich unaufwändiger als heute zu realisieren sein.

Die Technik wird in einem ersten Schritt die Umwandlung von in Systemen gespeicherten Informationen in Wissen weiter erleichtern, mittelfristig werden arti . cial life Konzepte auch die Speicherung und Generierung von Wissen leisten können.

Fazit

Die Praxis des Wissensmanagements wird sich in den kommenden Jahren stark entwickeln, die Theorie ird in den Hintergrund treten. Zwar gibt es in der Praxis schon zahlreiche gute Beispiele für die Anwendung in Unternehmen und Organisationen; jedoch existieren auch noch zahlreiche Hürden und Blockaden. Praktische Lösungen und Werkzeuge werden in den kommenden Jahren überzeugenden Nutzen stiften, diese Blockaden überwinden und zum Standardinstrumentarium der Unternehmen zählen.



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