Visionen zum Wissensmanagement
von Dieter Herbst, Helmut Landenberger
Aufgrund des harten Wettbewerbs erden seit einigen Jahren Arbeitskraft,
Zeit und Geld in den Unternehmen zunehmend knapper. Da professionelles
Wissensmanagement den Einsatz von angemessenen Mitteln erfordert, wird
die Frage immer drängender, welchen Beitrag das Wissensmanagement zur
Steigerung des Unternehmenswertes leistet. Kann das Wissensmanagement
seinen Wert nicht nachweisen, wird das Unternehmen seine Mittel an anderen
Stellen einsetzen, z. B. in Forschung und Entwicklung oder im Marketing.
Nach umfassenden Untersuchungen der INSEAD-Business School ird bei
Top-Unternehmen im Schnitt rund 40 Prozent des Aktienwertes durch nicht-
materielle Faktoren bestimmt: Image, soziale Kompetenz und intellektuelles
Kapital, also Lernfähigkeit und Wissensmanagement. Zwei Unternehmen
können theoretisch das gleiche Anlage- und Umlaufvermögen besitzen, aber sich
dennoch aufgrund ihres Wissens erheblich in der Bewertung ihres Finanzwertes
voneinander unterscheiden.
Wissen wird damit wichtigstes Kapital und wertvollste Vermögensposition
beim Firmenverkauf, es bestimmt den Geldwert für Lizenzen und Akquisition.
Der Wissenswert schafft Wettbewerbsbarrieren, die nur durch aufwändige
Maßnahmen zu überwinden sind. Wissen kann also sowohl das Überleben
eines Unternehmens sichern als auch den Unternehmenswert systematisch
erhöhen. Investitionen in Wissensmanagement erden damit zu Investitionen
in die Zukunft des Unternehmens. Damit einhergehen werden verbesserte
Möglichkeiten zur Darstellung des Wissenswerts und seines Beitrags zum
Unternehmenswert nach außen. Die Kommunikation nicht materieller
Unternehmenswerte wie intellektuelles Kapital und Wissen wird eine wichtige
Aufgabe der Stakeholder Relations werden.
Bei der Messung des Wissenswertes kommt der Anwendung des Wissens
essenzielle Bedeutung zu, denn erst dann entsteht Wert für das Unternehmen.
optimieren und Kosten senken. Wissen darf also nicht verwaltet, sondern es
muss gezielt angewendet und der Erfolg kontrolliert werden.
Daher sollte das Wissensmanagement sorgfältig prüfen, welches Wissen im
Unternehmen den Unternehmenswert tatsächlich erhöht. Künftig erden
mehr Unternehmen sicherstellen, dass dieses Wissen erfolgreich und messbar
angewendet wird und die Anwendung steuern und kontrollieren.
In dem Maße, in dem Wissen besser handhabbar wird, wird auch ein neuer
Markt entstehen. Wissen wird als Ressource planbar und als Ware handelbar
und werden.
Wissen wird stärker als Gesamtprozess betrachtet
Ein Blick in die Praxis zeigt, dass die Unternehmen im Lauf der letzten Jahre
viele Einzelschritte des Wissensmanagement erfolgreich etablieren konnten:
Wissen erkennen, erwerben, speichern, verbreiten, nutzen und bewerten.
Konzepte sind ausgearbeitet, Instrumente haben sich bewährt.
Jedoch ist den meisten Unternehmen bisher nicht gelungen, ihr Wissen in
einem unternehmensweiten Gesamtprozess systematisch und langfristig zu
gestalten. Noch zu viele Einzelfunktionen und Abteilungen gestalten ihr Wissen
unkoordiniert: Informatiker sind für Aufbau und Pflege von Daten verantwortlich,
die Ausbildungsabteilung vermittelt individuelle Fähigkeiten, Forschung und
Entwicklung sind für Produktinnovation zuständig. Diese Grenzen hemmen
heute das koordinierte Management des Gemeinschaftswissens.
In Zukunft werden alle Funktionen und Hierarchiestufen eines Unternehmens
entlang der Wertschöpfungskette einbezogen sein und das Wissen systematisch
ganzheitlich entwickelt werden. Wissensmanagement umfasst dann sowohl
primäre Aktivitäten, die unmittelbar mit der Herstellung und dem Vertrieb
eines Produktes beziehungsweise einer Dienstleistung verbunden sind, als
auch unterstützende Aktivitäten, mit denen die primären Abläufe vorbereitet,
ermöglicht und gesteuert werden.
Das erfordert auch die Anpassung der Unternehmensorganisation. Dies betrifft
zum Beispiel
- Menschen:deren Zahl und Ausbildung (mehr Management Knowhow)
sowie deren Rollen und Verantwortungen,
- Strukturen:Mehr Netzwerke und interdisziplinäre Teams,
- Prozesse:vertikale und horizontale Verknüpfungen,
- IT:Stärkere Vernetzung, zunehmende Komplexität, Unterstützung der
Zusammenarbeit,
- Unternehmenskultur:Wandel zu übergreifendem Denken und
stärkere Zusammenarbeit.
Diese dauerhaften und umfassenden Entwicklungen der Organisation müssen
systematisch und langfristig geplant sein.
Wissen wird stärker zukunftsorientiert gestaltet
Wissensmanagement ird künftig stärker vorausschauend erfolgen und
langfristig zum Erreichen der Unternehmensziele beitragen.
Gerade in wirtschaftlich schwierigen Phasen überlagert der tägliche Überlebenskampf eines Unternehmens oft die weitere Perspektive. Jedoch kann
gerade der Umgang mit Wissen einem Unternehmen in Zeiten dynamischen
Wandels, zunehmenden Wettbewerbs und austauschbarer Produkte dauerhafte
Wettbewerbsvorteile verschaffen.
Wissensmanagement wird daher weniger als heute eine Frage des "Entweder/
oder "sein, sondern des "Sowohl/als auch ":Wissen wird sowohl das kurzfristige
Überleben des Unternehmens sichern als auch den Unternehmenswert langfristig
steigern. Wissensmanagement wird zum Management des Spannungsfeldes der
Zeit.
Wissen ist stärker zielorientiert
Für ein Unternehmen ist die Bestimmung seiner Wissensziele essentiell, also des
Zustands, den es für sein Wissen anstrebt: Über welches Wissen sollte es in einem,
drei, fünf Jahren verfügen? Wissensziele sind gleichsam Leistungsversprechen
über die Schaffung von Wert, die das Wissensmanagement einlösen muss.
Gibt es kein Ziel, ist keine Erfolgsbewertung möglich. Die Orientierung an
Wissenszielen wird daher für viele Unternehmen selbstverständlich werden
Zur Erreichung der Ziele erden Unternehmen sie für jeden Mitarbeiter
nachvollziehbar kommunizieren. Die formulierten Unternehmens- und daraus
abgeleiteten Wissensziele werden soweit im Unternehmen konkretisiert und
detailliert, bis jeder Bereich, jede Abteilung und jeder Mitarbeiter weiß, wie
genau er zum Erreichen beitragen kann. Dieser Prozess läuft in beide Richtungen,
das bedeutet, es gibt eine Rückmeldung von "unten "nach "oben " So kann
die Geschäftsführung erfahren, wenn die auf der obersten Ebene festgelegten
Wissensziele nicht ohne weiteres "an der Basis "umgesetzt werden können.
Dieser komplexe Managementprozess erfordert Kenntnisse in Betriebswirtschaft,
Kommunikation, Psychologie, Organisation und Informationstechnologie. Der
Bedarf an umfassender Schulung wird daher zunehmen.
Klassifizierung und Kategorisierung von
Informationen gewinnen an Bedeutung
Für den angemessenen Umgang mit Wissen wird der Mitarbeiter in den
Mittelpunkt des Wissensmanagements rücken müssen. Ihm ird der
gezielte und anwendungsbezogene Zugang zu Informationen und deren
Umwandlung in Wissen ermöglicht. Elaboriert es Terminologiemanagement und
Wissenstaxonomien leisten dazu einen wichtigen Betrag und werden innerhalb
des Wissensmanagements einer der Bereiche mit der rasantesten Entwicklung
sein.
Die Mitarbeiter werden stärker beteiligt
Wissensmanagement ist ein Konzept, das die Nutzung des Mitarbeiterwissens
zum Ziel hat. Dies setzt aber voraus, dass der Mitarbeiter ernst genommen und
über verbessertes Change Management stärker in das Unternehmensgeschehen
einbezogen wird. Ansonsten drohte dem Wissensmanagement das gleiche
Schicksal ie vielen Managementkonzepten der vergangenen Jahre. Denn schon
seit Jahrzehnten gilt der Mitarbeiter als letzte große unerschlossene Ressource
des Unternehmens. Bislang ist es aber noch keinem Konzept gelungen, die
Mitarbeiter tatsächlich in das Unternehmensgeschehen einzubeziehen -sei es
dem Konzept der Corporate Identity, der Gruppenarbeit oder auch Change
Management in seiner heute praktizierten Form. Im "Manager Magazin" 8/96
gaben sogar Verfechter von Reengineering an, dass 80 Prozent dieser Projekte
auf der Strecke geblieben sind. Als Grund wird fast unisono genannt, dass
sich die Mitarbeiter nicht mit den Zielen -Rationalisierung und Erhöhung der
Geschwindigkeit von Abläufen -identifizieren können, sie ablehnen und sich
weigern, diese Projekte und Prozesse zu unterstützen.
Seit Frederic W. Taylor (1856-1915), der ein Managementkonzept entwickelte,
um die Arbeitsleistung der Beschäftigten möglichst optimal auszuschöpfen, hat
sich jedoch vieles verändert:
- Die Tätigkeiten: Wo Spezialisierung durch Flexibilität ersetzt wird,
muss sich auch der Arbeitsstil und der Umgang mit Wissen ändern, denn
es ist ein Unterschied, ob jemand sein Leben lang den gleichen Handgriff
ausführt oder komplexe und häufig neue Projekte bearbeiten soll.
- Die Menschen, ihre Qualifikation, ihre Wünsche und
Bedürfnisse: Zu Taylor ´s Zeiten kamen die Menschen vom Land in
die Stadt um einen Arbeitsplatz zu finden und ihre Grundbedürfnisse
abzudecken. Die heutige Zeit ist dagegen durch Wohlstand
Erlebnisgesellschaft und Selbstverwirklichung gekennzeichnet. Die
Menschen sind zunehmend kritisch, wollen ernst genommen und an
Entscheidungen beteiligt sein.
- Das Wissen selbst: Kannte der Vorgesetzte zu Taylor 's Zeiten genau die
Handgriffe, die seine Mitarbeiter ausführen mussten, sind sie ihm heute im
Wissen um ihren Arbeitsplatz und die Tätigkeiten häufig überlegen.
- Die Unternehmen: Schon lange befinden wir uns im Wandel von der
Produktions- zur Dienstleistungsgesellschaf. Hier sind Weiterbildung,
kreative Potentiale, Beteiligung an den Entscheidungen gefragt. Seelische
Gesundheit und Kräfte ie Kreativität, Lern- und Kooperationsbereitschaft
werden den Erfolg und Misserfolg bestimmen.
- Der Führungsstil:Statt Anweisungen von oben nach unten und
Vollzugsmeldungen von unten nach oben wird ein kooperativer
Führungsstil erfolgreich sein.
- Die Wertvorstellungen der Mitarbeiter: Attraktive Arbeitsbedingungen werden nicht nur durch die Bezahlung sondern v. a. durch
Möglichkeiten zur selbständigen Arbeit, interessante Tätigkeiten und
Qualifizierungsmöglichkeiten geschaffen. Ein italienisches Sprichwort sagt:
"Die Intelligenz ist ein Vogel, der sich dort hinsetzt, ob es ihm gefällt."
Eine das Wissen fördernde Unternehmenskultur ist daher Voraussetzung
für funktionierendes Wissensmanagement.
Es gilt, den Umgang mit Wissen diesen Veränderungen anzupassen. Für jeden
Einzelnen werden Lernen und Arbeiten in Zukunft zusammenrücken, Arbeiten
bedeutet zu einem großen Teil, neues Wissen zu erwerben.
Eine fördernde Wissenskultur wird essenziell
Wissenskultur ist all das, was wünschenswert im Umgang mit Wissen ist und was
das Handeln bestimmt. Die Wissenskultur entscheidet in einem Unternehmen
maßgeblich über das Denken und Handeln der Mitarbeiter im Umgang mit
Wissen.
Der Begriff Unternehmenskultur steht für die tief verwurzelten Werte
(Wünschenswertes), Normen (Handlungsleitendes)und Grundannahmen
(Handlungsbegründendes). Entsprechend ist die Wissenskultur all das, was
wünschenswert im Umgang mit Wissen ist und was das Handeln bestimmt. In
künftigen Wissenskulturen wird
- das Entstehen, der Austausch und die Anwendung von Wissen gefördert,
- Wissen gern geteilt statt sorgsam gehütet,
- Wissen erschlossen,
- Wissen von oben nach unten weitergeben,
- die Mitarbeiter dürfen wissen,
- Wissen ist dem Unternehmen wichtig,
- es ist ein Wert, um dessen Steigerung sich alle bemühen.
Eine angemessene Wissenskultur umzusetzen, wird viele Firmen vor eine
große Herausforderung stellen. Dies zeigen die Studien des Kulturforschers
von Geert Hofstede, die herausgefunden haben, worin sich Kulturen
grundsätzlich unterscheiden und welche Widerstände bei Kulturveränderungen
zu überwinden sind.
Eine Veränderung der Wissenskultur setzt an einer Veränderung der zentralen
Kulturwerte des Unternehmens an. Voraussetzung für einen Werte- und
Kulturwandel ist daher ein klares Bekenntnis der Unternehmensleitung. Dies
unterstreicht die Forderung, dass Wissensmanagement eine Aufgabe ist, die an
der Geschäftsführung angesiedelt sein muss. Die Geschäftsleitung wird künftig
mehr als bisher Vorreiter und Vorbild sein.
Unter welchen kulturellen Bedingungen kann Wissensmanagement optimal
umgesetzt werden? Vielfach fehlt eine Kultur des Experimentierens. Nur keine
Unter welchen kulturellen Bedingungen kann Wissensmanagement optimal
umgesetzt werden? Vielfach fehlt eine Kultur des Experimentierens. Nur keine
Unsicherheit aufkommen lassen, nur keinen Fehler machen. Eine fördernde
Wissenskultur wird dagegen künftig Fehler als einen Teil des Lernprozesses
verstehen. Mit dieser Überzeugung wird sich der Einzelne eher auf die Suche
nach ungewöhnlichen Lösungen begeben. Ohne Fehler kein Lernen!
In Zukunft werden Unternehmensleitungen Wissensnutzung nachdrücklich
fordern, fördern, belohnen und daraus entstehende Erfolge feiern.
Der Wandel hin zu einer wissensfördernden Unternehmenskultur bedeutet auch
Lernen für Mitarbeiter und Unternehmen, nämlich: bereit sein, von anderen
zu lernen, fähig sein, Gemeinsamkeiten zwischen den Beteiligten zu erkennen,
aufgeschlossen sein, fremde Leistungen zu akzeptieren, lernen, Aufgaben an
andere abzugeben, lernen, anderen zuzuhören und lernen, das Denken anderer
zu akzeptieren.
Die Funktionen von IT und eBusiness werden sich
ausweiten
Aufgrund der Bedeutung des Vernetzens von Informationen zu Wissen im
Menschen darf die Unterstützung des Wissensmanagements durch die IT
nicht auf das Bereitstellen von Informationen begrenzt sein: Stattdessen sollte
die Informationstechnologie sämtliche Schritte der Wissensentstehung und -nutzung unterstützen.
Intelligentere und leistungsfähigere Systeme erden die Lücke zwischen
realer Welt und dem technisch Machbaren verkleinern. Auch wenn die exakte
Abbildung der Realität noch lange nicht möglich sein wird, wird die Technik
dennoch ausreichend flexibel sein, um nahezu alle Geschäftsprozesse optimal
abzubilden.
Terminologiemanagement und Kategorisierung von Informationen werden mit
technischer Unterstützung umfassender und deutlich unaufwändiger als heute
zu realisieren sein.
Die Technik wird in einem ersten Schritt die Umwandlung von in Systemen
gespeicherten Informationen in Wissen weiter erleichtern, mittelfristig werden
arti . cial life Konzepte auch die Speicherung und Generierung von Wissen
leisten können.
Fazit
Die Praxis des Wissensmanagements wird sich in den kommenden Jahren stark
entwickeln, die Theorie ird in den Hintergrund treten. Zwar gibt es in der
Praxis schon zahlreiche gute Beispiele für die Anwendung in Unternehmen
und Organisationen; jedoch existieren auch noch zahlreiche Hürden und
Blockaden. Praktische Lösungen und Werkzeuge werden in den kommenden
Jahren überzeugenden Nutzen stiften, diese Blockaden überwinden und zum
Standardinstrumentarium der Unternehmen zählen.