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28.03.2007

Zwischen Glaube und Wahrheit – Sinnbilder der Realität

von Albert Metzler

Der Mensch ist einerseits mit überaus subtilen Sinnen ausgestattet, zugleich sind wir in einer Weise in unserer Realität verhaftet, die es uns nur selten erlaubt, dieselben Sinne in ihren ganzen Ausprägungen zu erfahren. Oft erreichen wir die Empfindungen im subtilen Bereich allein deshalb nicht, weil eben dieser von den gröberen Dingen überschattet und mitunter völlig verdeckt wird. Bestimmte Empfindungen sind demnach zwar durchaus gegenwärtig, nur können wir sie meist einfach nicht spüren und wahrnehmen, weil sie von stärkeren Eindrücken überlagert werden. Dieses Phänomen zeigt sich in vielen Bereichen des täglichen Lebens: Wer sich bspw. gerade große Sorgen über das eine macht, ist kaum mehr in der Lage, sich gleichzeitig über etwas anderes zu freuen; wer sich in großer Aufregung befindet, wird den Blick für die feineren Dinge verlieren, und wer großem Lärm ausgesetzt ist, wird wohl kaum die leiseren Geräusche hören. Solche Beispiele ließen sich endlos fortsetzen – sie alle zeigen, dass uns durch die alltäglichen Turbulenzen der Weg zu den subtilen Dingen verstellt ist.

Schon der übliche, vor allem aber der über das Gewohnte hinausgehende Gebrauch unserer Sinne zeigt einerseits, wie sehr wir unsere Fähigkeiten einschränken und andererseits, zu welchen außerordentlichen Wahrnehmungen wir im Grunde fähig sind. Gemeinhin benötigen wir es in unserer industrialisierten Welt gar nicht, auf alle in uns liegenden Fähigkeiten zurückzugreifen. Daher sind unsere Sinne oft verkümmert und wir erfahren nur noch einen Hauch von unserem ursprünglichen Wahrnehmungsvermögen.

Tatsächlich kommen wir oft auch erst gar nicht auf die Idee, die Möglichkeiten unserer Wahrnehmungsfähigkeit auszuloten. Wir vergessen unsere wahren Fähigkeiten, was das Verkümmern unserer Sinne und unserer Wahrnehmungsfähigkeit nur noch weiter vorantreibt. Unsere Wahrnehmung ist zugleich ein psychologischer als auch ein physiologischer Prozess, in dessen Verlauf der Organismus aufgrund von äußeren und inneren Reizen eine anschauliche Repräsentation der Umwelt und des eigenen Körpers erarbeitet. Erst unsere Sinne ermöglichen die Wahrnehmung, sowohl der äußerlichen Eindrücke als auch der inneren Vorgänge. Unsere Sinne liefern das „Bild“, das wir in unserem Bewusstsein zusammensetzen und das so zu unserer Wahrnehmung wird. Wer es versteht, seine Sinne auch im subtilsten Bereich zu gebrauchen, seine Sinne auch für das Ungewohnte zu öffnen, erhält eine umfassende Wahrnehmung, die sich oftmals von der zuvor reduzierten Wahrnehmung unterscheiden wird.

Das Wort Sinn wird immer auf unseren Verstand und unsere Wahrnehmungsfähigkeit bezogen. Wir nehmen etwas mit unseren Sinnen wahr, ordnen diese Wahrnehmung ein und verleihen ihr einen Sinn, was es uns wiederum ermöglicht, über eine Wahrnehmung zu sinnieren, also darüber nachzudenken. Unsere Wahrnehmung steht damit in einer direkten Verbindung zu unserem Denken. Dies zeigt schon die Herkunft des Wortes Sinn und die zahlreichen Ableitungen: Das indogermanische „sent“ stand ursprünglich für „eine Richtung nehmen, eine Fährte suchen“. Parallel dazu stand das Wort „sinteti“ für „denken“. Unser Denken wird immer von unseren Gefühlen und Wahrnehmungen bestimmt und kann niemals davon isoliert betrachtet werden. Ein Mensch, den wir für stumpfsinnig halten, ist schlichtweg dumm, ein Scharfsinniger dagegen intelligent. Und wer von Sinnen ist, wird auch als wahnsinnig bezeichnet. Der Umgang mit unseren Sinnen ist also elementar für unser gesamtes Dasein. Es mag sein, dass wir eine ganz andere Richtung nehmen und neuartige Fährten finden, wenn wir die verkümmerten Sinne neu aktivieren. Dies geht allein über den Weg der Konzentration. Was jenseits unserer Konzentrationspunkte liegt, nehmen wir in der Regel nicht wahr oder halten es für unmöglich.

Und wenn wir hier von Energie sprechen, handelt es sich um eine Kraft, die zwar überall und in und um uns vorzufinden ist, die sich uns aber nicht aufdrängt und also erst gefunden werden will. Doch dafür ist es notwendig, die Antennen für die subtilen und damit oft unbewussten Sphären auszufahren.

Vieles, was in und um uns ist, nehmen wir zwar in uns auf, doch bleibt gerade das Subtile im Unbewussten hängen und dringt nicht bis ins Bewusstsein vor. Das im Unbewussten Vorhandene ist dabei meist überaus flüchtig und verliert sich wieder, ohne jemals an die Oberfläche zu gelangen. Was uns fehlt, ist ein vollständiges Bewusstsein, das bis in das Subtile hineinreicht und sich nicht an den Barrieren des Vorgelagerten verfängt. Unser Blick ist also fast generell getrübt und reicht nur selten bis in den letzten Winkel der sich uns bietenden Möglichkeiten. Wir sind es gewohnt, längst nicht bis an die Grenzen der Möglichkeiten unserer Wahrnehmung zu gehen. Viele der Eindrücke und Empfindungen, mit denen wir konfrontiert werden, verfangen sich im Unbewussten, auf das wir nicht bewusst zugreifen können.

Hinzu kommt eine weitere Problematik: Aus dem Mangel hinsichtlich des individuellen Bewusstseins konstituieren wir unsere Persönlichkeit, die oft nicht mehr mit dem Individuum identisch ist. Unsere Persönlichkeit ist nach außen gerichtet und meint die Gesamtheit aller psychischen und physischen Züge. Wir selbst glauben mehr an unsere Persönlichkeit, während uns der Weg zu unserer Individualität versperrt bleibt. Die meisten Menschen achten also sehr genau darauf, wie sie nach außen hin wirken, fragen sich jedoch weniger, wie ihre innere Beschaffenheit konstituiert ist. Das Wort Persönlichkeit leitet sich vom Lateinischen „persona“ ab, das wörtlich übersetzt „Maske“ bedeutet. Doch vieles, was in uns ist, dringt nicht bis in unsere Persönlichkeit vor. Vielmehr umkleidet unsere Persönlichkeit das Individuum maskenartig. Sie ist eine der Außenwelt angebotene und für sie sichtbare Form der Individualität. Doch gerade die Persönlichkeit wird von der Gesellschaft hoch bewertet. Und sie ist für den Lebenserfolg, ganz gleich, ob privater oder beruflicher Natur, von großer Bedeutung. Wir sind also bemüht, an unserer Persönlichkeit zu arbeiten und eine stärkere Persönlichkeit zu entwickeln, währenddessen wir unsere Individualität vernachlässigen oder vielmehr sogar hinter einer Erfolg versprechenden Maske zu verbergen versuchen. Damit werden wir zu unserem eigenen Schauspieler, der eine von außen vorgegebene Rolle verkörpert. Und dies ist eine Art von Automatismus, der sich dem kontrollierten Bewusstsein entzieht. Wenn wir nun aber nur unsere Persönlichkeit sehen, das dahinter verborgene Individuum jedoch gar nicht erkennen können, wenn wir keine Sinne darauf ausgerichtet haben, bleibt auch die tieferliegende Energie unentdeckt.

Wir sind also von uns selbst, von den Kernbereichen und von vielen wesentlichen Dingen unseres Lebens abgelenkt. Obwohl wir uns meist nicht völlig bewusst sind, dass uns etwas im Weg liegt, spüren wir zugleich dennoch, dass etwas unausgefüllt bleibt. Und dies äußert sich nicht selten in einer latenten Unzufriedenheit, die sich manchmal nicht einmal genauer spezifizieren lässt. Was bleibt, ist ein Mangel an Entschlusskraft und Tatendrang, uns fehlt der Mut, die Dinge anzugehen, insbesondere dann, wenn es sich um ungewohnte Dimensionen oder um Vorhaben handelt, die eine Abkehr von konventionellen Denkweisen erfordern würden. Insgesamt tun wir uns schwer damit, neues und bislang unbekanntes Terrain zu erforschen, andere Richtungen einzuschlagen und verborgene Fährten zu suchen. Und doch steckt in jedem von uns eine Sehnsucht nach Glück, Schönheit und Vollkommenheit. Das Dilemma ist, all diese Dinge können durchaus vorhanden sein und in greifbare Nähe rücken, nur sehen und spüren wir sie meist nicht. Wir bringen in letzter Konsequenz nicht den Glauben auf, dass mehr möglich ist, als es die von uns selbst konstruierte Realität zuzulassen scheint.

Das aus dem germanischen stammende Wort „glauben“ gehört zur weit verzweigten Wortgruppe von „lieb“, es bedeutet ursprünglich so viel wie „gutheißen, für lieb heißen“. Und tatsächlich werden wir immer nur das glauben können, was unser Gefühl gutheißt und für richtig befindet. Sobald sich unser Gefühl sträubt, kommen Zweifel auf, die jeden Glauben erschüttern. Und unsere Realität konstituiert sich eben nicht aus unwiderlegbaren Tatsachen, sondern vielmehr aus dem Glauben an eine Wahrheit.

Jeder sachliche Mensch wird zunächst immer seinen Sinnesorganen vertrauen und bspw. seinen Augen mehr Glauben schenken, als den unüberprüfbaren Aussagen einer fremden Person. Der Skeptiker sagt: „Ich glaube nur, was ich mit eigenen Augen gesehen habe.“ Aber sind unsere Wahrnehmungen immer wahr? Gibt es nicht Täuschungen oder Illusionen? Ist alles tatsächlich so, wie Sie es sehen?



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