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Wozu?

Jörg Friebe

05.03.2020 ·  Das Wort "Sinn" ist geladen mit Esotherik. Es steht für eine spirituelle (höhere) Ebene. Nichts für Realos. Da liegt es auf der Hand, dass die Verquickung von Sinn un Unternehmen einen scheinbar unauflösbaren Widerspruch provoziert. Doch dieser Widerspruch lässt sich leicht auflösen wie Jörg Friebe zeigt. Der Sinnbegriff für Realisten: »Wozu?« statt »Sinn!«

Jörg Friebe

Jörg Friebe steht für lebendige Unternehmenskultur. Der passionierte Segler verbindet seine Leidenschaft mit der Beratung und bietet seinen Teilnehmern erfrischende, den Horizont erweiternde Inhalte. Sein Ziel ist es, dass alle im Unternehmen sagen: „Heute war ein guter Tag. Ergebnisse erreicht, Kunden zufrieden und das Miteinander stimmt.“ » http://www.resoltat.de

In Zentrum beim Thema Sinn steht das Wozu. Wozu dient mein beziehungsweise das Handeln? Welche Auswirkung hat dieses und jenes Handeln? Fördert das Handeln, dass die Ziele besser erreicht werden? Sind die Abläufe sinnvoll? Ist das Handeln sinnvoll im Prozess für die Abläufe (und die Ziele)? Dies ist der Kleinschritte-Fokus.

Ist das Handeln sinnvoll in Bezug auf die Beziehung und (langfristigen) Bedürfnisse der Menschen? Dies ist der Fokus auf das große Ganze.

Die erste Frage lautet: »Ist das sinnvoll, was ich tue?« Hier wird im Prozess gedacht. Es ist der alte Ansatz der Unternehmensberatungen: Die Fragen zur Prozessoptimierung. Auch hier ist es bedeutsam, am Menschen orientiert das Unternehmen zu entwickeln und nicht nur oberflächlich in Zahlen darzustellen. Diese Prozessoptimierungen sind aber nicht Thema dieses Buches. Vielmehr liegt der Schwerpunkt auf der Frage, wie können alle Menschen sich einbringen, wenn sie sehen, dass etwas aus ihrer Sicht (unternehmerisch mitdenkend) sinnvoll ist?

Der zweifache Blickwinkel auf die Sinnfrage von Unternehmen lässt sich so zusammenfassen:

Der Sinn des Unternehmens ist es, Gewinn zu erwirtschaften, (echte) Kundenbedürfnisse (gegen Geld) zu erfüllen, zum Gemeinwohl beizu-tragen, Arbeitsplätze zu erhalten, Unternehmenstradition zu bewah-ren.

Der Sinn im Unternehmen: Wenn Mitarbeiter sagen »Ich produziere nur für den Papierkorb, das macht keinen Sinn«, wird die Arbeit als sinnlos erlebt. Das Bedürfnis der Menschen nach einem guten Bei-trag zum Erfolg wird nicht erfüllt.

Beide Male geht es um Bedürfnisse, zugeschnitten auf (Prozess-)Abläufe, auf Effektivität. Die Eingangsthese, Unternehmen seien dazu da, Bedürfnisse von Menschen zu erfüllen, bleibt im Kern be-stehen.

Der Sinn von Unternehmen im klassischen Sinne lässt sich in fol-gende Aussagen auffächern:

  • Unternehmen sind dazu da, Kapital zu erwirtschaften;
  • Unternehmen sind dazu da, Produkte zu erzeugen oder Dienstleistungen zu erbringen;
  • Unternehmen geben den Mitarbeitern Beschäftigung;
  • Unternehmen sind dazu da, Geld zu verdienen, um Entgelte an die Mitarbeitenden zu zahlen;
  • Unternehmen sind dazu da, die Welt voranzubringen, Neues zu erfinden;
  • Unternehmen sind dazu da, Steuern zu bezahlen, damit unser Sozialsystem funktioniert;
  • Unternehmen sind aus Mitarbeitersicht dazu da, reich und be-rühmt zu werden.

Kommen wir zur Kernfrage: Dient die Wirtschaft den Menschen – oder dient der Mensch der Wirtschaft? Steht Gewinnoptimierung über den menschlichen Werten? Oder dient der Gewinn dazu, das menschliche Leben immer lebenswerter auf diesem Planeten zu ge-stalten?

Der Dalai Lama sagt: Es geht darum, Menschen zu lieben und Dinge zu nutzen. Die Welt sei deshalb so chaotisch geworden, weil heute die Dinge geliebt und die Menschen genutzt werden.

Was will ich in meinem Arbeitsalltag erreichen? Wozu sollten Führungskräfte den Sinn im Unternehmen fördern?

Nach dem Korn Ferry Institute 2016  führt Sinn beziehungsweise Pur-pose zu verbesserter Zusammenarbeit wie Durchbruchsinnovation: effektiven Entscheidungsprozessen.
Weiterhin unterstützt Purpose bei Gewinnung von Talenten, Mitarbei-terengagement, Kundenbindung, Neukundengewinnung, Gewinnung jüngerer Mitarbeiter,

Führungskräfte können ihre Mitarbeiter dabei unterstützen, einen Sinn in ihrer Arbeit zu erkennen und dies als Motivationsunterstüt-zung zu nutzen. Die Führungskräfte können jedoch keine Sinnstifter sein, da jeder Mensch den individuellen Sinn anders sieht. Vielmehr ist es die Aufgabe von moderner Führung, den Mitarbeitenden zu ermöglichen, ihren persönlichen Sinn im Unternehmen (in Absprache) zu finden und zu leben. Sinnentfaltung statt Sinnstiftung.

Die einen Mitarbeiter finden es sinnerfüllend, neue Mitarbeiter einzu-arbeiten und deren Können zu erweitern. Andere finden es sinnerfül-lend, die Kunden optimal zufriedenzustellen. Die dritten finden es sinnerfüllend, Dinge zu entwickeln und zu verbessern, die im Leben nützlich sind.

Jeder Mensch entwickelt hier seinen eigenen Schwerpunkt – je nach seinen persönlichen Talenten und Neigungen. Die Aufgabe der Füh-rungskräfte besteht darin, die Mitarbeitenden dabei zu unterstützen.
»Führen ist die Kunst, den Schlüssel zu finden, der die Schatztruhe des Mitarbeiters aufschließt!«
Anselm Grün

Sinn-Klarheit macht erfolgreich

»Wer ein Wofür hat, kann jedes Wie ertragen« (Nietzsche). Dies ist gleich einem Schutzschild gegen Frust und Schwierigkeiten. Bei der Entwicklung der elektrischen Glühlampe musste Thomas Edison viele Rückschläge hinnehmen und protokollierte auf vierzigtausend Seiten seine Fehlversuche, bis ihm schließlich 1879 der Durchbruch gelang. Edison hat in der Entwicklung von immer neuen Erfindungen den Sinn seines Lebens definiert.

Eine sinnbewusste Führungskraft spürt, ob der Mitarbeiter sinnge-koppelt oder sinnentkoppelt lebt. Passen die Werte des Menschen und die Arbeitsabläufe und Produkte zusammen? Wenn dies überein-stimmt, passen ein Erblühen der Mitarbeiter und ein Wachstum des Unternehmens zusammen.

Sinn reicht damit in die tiefen Ebenen der intrinsischen Motivation und braucht keine großen finanziellen Aufwendungen. Sinn gibt Ori-entierung, ist Resultat oder Inhalt der Arbeit. Der Mensch empfindet Zeit und Mühe im guten Verhältnis zu dem, was er zurückbekommt (Lohn, Anerkennung). Der Mensch findet Sinn in der Arbeit selbst: Arbeit ist nicht Mittel zum Zweck, nicht Profit, sondern darüber hin-aus etwas Großes, alle Menschen Verbindendes. Die Zufriedenheit, das Wohlbefinden steigt, wenn man anderen Menschen etwas Gutes tut. Und: Diejenigen Unternehmen sind erfolgreicher, die echte Le-bensbedürfnisse erfüllen. Nach Dominic Vekens Der Sinn von Unter-nehmen gibt es Gründe, warum sinnerfüllte Menschen und Arbeits-kulturen mehr Erfolg haben als profitorientierte Unternehmen: 

Sinnorientierte Unternehmen sind deutlich motivierender für alle Be-teiligten. Die anderen Sinnstifter wie Kirche, Vereine, Familie nehmen in ihrer Bedeutung ab, aber der Bedarf nach Sinn, Ritualen beispiels-weise bleibt bestehen. Unternehmen können diese Lücke füllen.

Sinnorientierte Unternehmen sind konkurrenzfähiger auf dem Ar-beitsmarkt. Im Kampf um die Talente gewinnen die, die am meisten bieten können, die mehr zu bieten haben als nur Entgelt.

Sinnorientierte Unternehmen geben Klarheit im Anspruch und sind langfristiger in der Ausrichtung. In der Zeit der dauerhaften Verände-rung ist der Sinn eine wohltuende Konstante – an der sich Kunden, Lieferanten, Mitarbeiter und Geschäftspartner orientieren können.

Sinnorientierte Unternehmen sind kaufrelevanter bei den Kunden. Die Kunden wollen sich identifizieren, vom Image selbst etwas abbe-kommen. Wenn dies gelingt, geben die Konsumenten gerne mehr aus (beispielsweise für Bio-Kosmetika). Andersherum: Wenn Werte verletzt sind, kaufen Kunden in Zukunft woanders (wie Shell bei der Entsorgung der Ölplattform Brent Spar in der Nordsee erleben musste).

Sinnorientierte Unternehmen sind resistenter gegen Krisen. Untersu-chungen bei der Feuerwehr, Bundeswehr und weiteren öffentlichen Einrichtungen, bei denen der mitmenschliche Zusammenhalt eine existenzielle Bedeutung hat, zeigen, dass sich Menschen dort bedeu-tend geschützter fühlen als in sinnbefreiten Einzelposten, und damit auch gesünder sind. Weiterhin sind überzeugte Mitarbeitende in Kri-sen bereit, die Ärmel hochzukrempeln und Durststrecken zu überbrü-cken.

Sinnorientierte Unternehmen sind produktiver im Ergebnis. Das klare Ziel, den Zweck, den Sinn vor Augen, sind Mitarbeitende entschlos-sen, gradliniger, energischer im Verfolgen des Ziels, im Ausrichten, das Ergebnis zu erreichen. Energie wird nicht im Gegeneinander »verbraten«, sondern in Arbeitsleistung umgesetzt.

Sinnorientierte Unternehmen sind ertrags- und wachstumsstärker. Alle Sinnorientierung führt zusammen zu besseren Mitarbeitern, bes-seren Produkten und besseren Ergebnissen. Sinnorientierte Unter-nehmen sind kreativer, agiler, lernen besser aus Fehlern, weil alle stets den Fokus auf das Ziel haben und ihr Bestes dafür geben.

Aber nochmals Achtung: Ein oberflächliches Ausnutzen der Sinnfrage würde zu einem tödlichen Rückstoß führen! Mitarbei-ter spüren dies und verlassen das Unternehmen oder gehen zu-mindest in die innere Kündigung.

Sinn – eine Frage der Position oder Gehaltsstufe im Unternehmen?

Hin und wieder ist zu hören, dass solche schönen Fragen doch Lu-xusfragen seien. Nur für Menschen mit hohem Gehalt und gesicher-tem Leben. Dieses ist bei Weitem nicht so!

Gerade auf der Management-Etage gibt es viele ausgebrannte, uner-füllte und unglückliche Menschen. Dagegen können die Kosmetike-rin, der Sozialarbeiter, der Florist arm aber glücklich sein, weil sie ihre persönlichen Anliegen zum Beruf gemacht haben.

Selbst in widrigsten Lebenssituationen finden Menschen Sinn. Auf die Frage, wie das sein kann, bietet Viktor Frankl (Nervenarzt und Sinn-Vordenker, 1905–1997), der sich wie kaum ein anderer mit der Frage des Sinns so tief beschäftigte, anregende Antworten: Es kommt bei der Frage nach dem Sinn nicht darauf an, was wir von der Welt er-warten, sondern allein darauf, was die Welt (und Gott) von uns erwar-ten.

»Der Mensch ist letztlich und ursprünglich von einem Willen zum Sinn beseelt – um nicht zu sagen: begeistert, von einer Sehnsucht nach möglicher Sinnerfüllung seines Daseins und demgemäß Ringen um einen Lebensinhalt, seinem Leben diesen Sinn abringend«.

Das bedeutet zugleich, die Definition des eigenen Lebenssinns ist eine höchst individuelle Angelegenheit. Jeder steht hier allein vor sich, vor seinen Arbeitskollegen und vor Gott (wer sich als gläubiger Mensch definiert).

Der Sinn, den wir wahrnehmen, bezieht sich im Sinne von Frankl auf unser Bild von einer zukünftigen, wünschenswerten Welt und unsere Möglichkeit, daran mitzuwirken, genau diese zukünftige, wün-schenswerte Welt zu verwirklichen.

Kehren wir in unsere Alltagswelt zurück: Der Alltag kann für den Manager sehr frustrierend sein. Für eine Reinigungskraft dagegen kann er sehr erfüllend sein. Sie weiß: »Morgen kommen Gäste ins Haus und die werden sich hier wohlfühlen, weil ich es ihnen schön mache.«

Der Wunsch vieler Menschen ist es, sich ganz auf die Arbeit einzulassen, mit Sinn und Verstand. Gute Führung stärkt Menschen genau darin, einen eigenen, erfüllten Lebensbereich zu definieren. Die Führungskräfte helfen dabei, Wege zur eigenen Persönlichkeit zu gehen, eine gute Balance für sich zu finden und die eigene Ausrichtung zu gestalten.

Was haben andere Menschen davon, dass es mein Unternehmen gibt?

In Zentrum beim Thema Sinn steht das »Wozu?«. Die Extremsituationen zeigen: »Wozu?« ist die Kernfrage. Wozu dient mein/das Handeln? Welche Auswirkung hat es? Fördert das Handeln, dass die Ziele besser erreicht werden? Sind die Abläufe sinnvoll? Ist das, was wir tun, sinnvoll eingebunden? Passt das, was wir tun, in die Beziehung zum Großen und Ganzen? Haben wir hier eine Insellösung, die nicht andockt? Oder bewegen wir uns im Fluss mit anderen auf dem Weg zu einem langfristigen, guten Leben auf unserem Planeten?

Es gibt nur zwei Sinnrichtungen

In der Bedeutung von ergebnislos, unnötig, viel Aufwand mit keinen guten Resultaten, für die Tonne produziert = die horizontale Sichtweise (deutlich in der Grafik auf der Seite 39 »Die fünf Ebenen«).
In der Bedeutung von Lebensglück, erfüllt leben, Sinn im Leben.
Somit ist die Sinnfrage »Wozu dient das?« eine höchst rationale, ergebnisorientierte Frage und nicht esoterisch abgehoben.
Wer nicht »Wozu?« fragt, denkt nicht sinnorientiert. Schaue ich nur auf meinen eigenen Gewinn in kurzer Zeit? Dann machen diese Gedanken keinen Sinn. Denke ich an mein ganzes Leben und an die Mitmenschen, sind diese Gedanken unabdingbar.
Es gibt noch den Mittelweg, ein Sich-Durchwursteln, zwar mit Erfolg und durchaus guten Ergebnissen/Produkten, aber ohne Sinn und Ehre. Das gilt womöglich für eine sehr große Zahl unserer Unternehmen und Behörden. Gerade Menschen, die sich rein an den pragmatischen Ergebnissen und Erfolgen ausrichten und gleichzeitig dennoch die Sehnsucht nach mehr Tiefe und Sinn haben, können sich von diesen Anregungen im Buch angesprochen fühlen.
»Wenn die Beschäftigten keine Lust an ihrer Arbeit empfinden, wenn sie darin nicht schöpferisch sein können, wenn ihre ganze Lebensenergie nicht in die Arbeit hineinfließen kann, dann fühlen sie sich gebremst, dann stirbt etwas in ihnen ab. Die Unzufriedenheit wächst und es entsteht ein Klima von Aggressivität, weil die Aggression nicht kreativ gelebt werden kann. Oft drückt sich das dann in einem hohen Krankenstand aus. […]«
»Wenn die schöpferische Energie nicht mehr fließen kann, dann stauen sich die zwischenmenschlichen Probleme an. Das Klima in einer Gemeinschaft wird kühl. Die schöpferische Energie kann sich nur noch in zynischen Bemerkungen ausdrücken oder in der Fantasie, wie man am besten aus dem engen Rahmen aussteigen kann«.

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