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20.05.2009

Weiser Rat mit schwacher Trefferquote

von Dr. Jürgen Wunderlich

Dr. Jürgen Wunderlich

Wie schon so oft trat der Rat der Weisen Steuerschätzer auf und verkündetet das unheilvolle Ergebnis seines Konklaves. Doch diesmal kommt alles viel, viel schlimmer: Unsagbar viele Milliarden werden dem Staat in diesem und den nächsten Jahren fehlen. Oder auch nicht?

Das Augenmerk liegt auf dem „Oder auch nicht?“ Zwischen 1994 und 2003 lagen die Schätzungen zehnmal mal daneben. In vier Jahren wurden Sie übertroffen, in sechs Jahren unterschritten. Trotz geballter Kompetenz liegen diese Schätzer immer daneben – und daraus kann dem Weisenrat kein Vorwurf gemacht werden. Denn die Schätzungen hängen von einigen Vorgaben der Politik, der Wachstumserwartung ab und schreiben das geltende Steuerrecht in die Zukunft fort. Steuerrechtsänderungen im Prognosezeitraum haben nicht unerhebliche Auswirkungen.

Kommt Ihnen das irgendwie bekannt vor?

Es wird unheimlich viel Zeit und Geld dafür investiert, einen wichtigen Kennwert vorherzusagen. Daran werden dann viele größere und kleinere Entscheidungen ausgerichtet. Hinterher ist festzustellen, dass man eine Situation nicht treffsicher Vorhersagen kann. Egal ob es sich um den DAX oder das Steueraufkommen handelt, in beiden Fällen wird viel an Expertenwissen zu einer rational-logisch erscheinenden Prognose zusammengestellt. Für alle Beteiligten stellt dies eine wunderschöne Rechtfertigung dar.

Ist eine logische Entscheidung für die zukünftige Weichenstellung dann überhaupt sinnvoll?

Vielen Menschen geht es ähnlich. Sie tun sich schwer, die Weichen für die Zukunft zu stellen, ohne genau zu wissen was sie wirklich erwarten wird. Dabei verlassen sich viele auf das Fortschreiben bisheriger Trends oder nehmen an, dass es Veränderungen in die eine oder in die andere Richtung geben wird. Sie vertrauen auf die Annahme, das als logisch bewertete Zusammenhänge tatsächlich so eintreten werden. Bei Entscheidungen von besonderer Tragweite benutzen sie gerne die Pro- und Kontra-Matrix. Ein schönes Instrument, bei dem sie Kriterien und Argumente für die eine oder die andere Richtung sprechen, gegenüberstellen. Entscheidend ist die Einschätzung darüber, wie die jeweiligen Punkte, die gefunden wurden, bewertet werden. Welcher Punkt ist wirklich besonders wichtig?

Eine andere Methode besteht darin, dass man zunächst verschiedene sogenannte Szenarien erstellt. Die Auswirkungen jedes einzelnen Szenarios wird dann dargestellt und eingeschätzt. Darüber hinaus stellen erfahrene Analytiker dann Wahrscheinlichkeiten für das Eintreten des jeweiligen Szenarios zur Verfügung. Was nutzt es Ihnen, wenn Sie die Alternative mit den meisten Punkten bzw. der höchsten Wahrscheinlichkeit gewählt haben, und dann doch etwas anderes eintritt. Für ihr Gewissen, wissen Sie, dass sie anhand der Kriterien, die Sie ausgewählt haben, nach besten Wissen und Gewissen entschieden haben. Nur kaufen können Sie sich davon nichts. Je komplexer, desto dümmer die Ratio Wer Wert auf Wirksamkeit legt, der ist gut beraten die Chance zu betrachten, die die logischen Verfahren auf der einen Seite eröffnen und die intuitives Vorgehen auf der anderen Seite bietet.

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Aus der Forschung zur Entscheidungsfindung wissen wir mittlerweile, dass bei der Prognose eine intuitive Entscheidungsfindung sich vorteilhaft auswirkt. Die Chancen richtig zu liegen sind größer – aber auch nicht 100%! Darüber hinaus kommt hinzu, dass die Intuition Ihre Vorteile vor allem in komplexeren, schwerer zu kontrollierenden Situation ausspielt. Während rational-logisches Entscheiden dann gut ist, wenn Sie ganz wenige leicht zu überblickende Einflussgrößen haben. Das heißt, wenn Sie ein neues Haus kaufen, dann macht es wenig Sinn, allein auf Ihren rationalen Verstand zu vertrauen. Die Chancen, dass Sie daneben liegen sind ganz gut. Wenn Sie stattdessen entscheiden, welches Werkzeug Sie brauchen, um Ihr Fahrrad zu reparieren, ist das der richtige Job für rationales Vorgehen.

Vergessen Sie also getrost das Diktat einer strikt rationalen Entscheidungsfindung. Je komplexer eine Situation für Sie ist, desto dümmer ist es, sich auf seine Ratio zu verlassen. Lassen Sie Ihre Neider und Wettbewerber in der zweiten Reihe sitzen und weiter an ihren rationalen Luftschlössern basteln. Nehmen Sie die vorliegenden Daten zu Kenntnis und benutzen Sie Ihre unbewusste Intelligenz und Sie kommen Ihrem massiven Schloss näher.

Wer zuletzt lacht

Trotz aller Fehlschätzungen hat der Fiskus seit 1950 bisher nur viermal weniger an Steuern eingenommen als im Vorjahr – wenn das nicht hoffen lässt – Sie verstehen?



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