Warum Sinn gerade heute Sinn macht BusinessVillage - Verlag für die Wirtschaft

Werden Sie VIP

Schließen Sie sich 26.000+ Menschen an und abonnieren Sie den gratis BusinessVillage-Newsletter. Gehören Sie zu den Ersten die es erfahren: Exklusive Inhalte. Neue Bücher. Gratis Angebote. Einladungen ...

Gastbeitrag schreiben?

Sie sind Trainer, Berater, Coach und ein Meister Ihres Faches? Sie haben was zu sagen? Dann Nutzen Sie die Chance und publizieren Sie einen Gastbeitrag im BusinesVillage Online-Magazin — Gratis und ohne Risiko aber viele tausend Leser garantiert! Interesse? Dann freuen wir uns auf Ihre Mail an artikel[at]businessvillage.de.

Honorarfreier Content

Sie sind Journalist oder Redakteur und auf der Suche nach Gastbeiträgen, Buchauszügen oder einem/r Interviewpartner(in)? Dann sprechen Sie uns bzgl. einer Verwertungs- bzw. Abdruckgenehmigung an. Diese ist i.d.R. honorarfrei. Ihnen schwebt ein exklusiver Artikel vor? Senden Sie Ihre Anfrage an redaktion[at]businessvillage.de.

Warum Sinn gerade heute Sinn macht

Stefan Dudas

14.12.2017 ·  Alles erreicht! Haus, Pool, Auto, Reisen, ... Jetzt nur noch mal was SinnVolles machen - war das Leben vorher ohne Sinn? Scheinbar schon. Und gerade dann, wenn die materiellen Bedürfnisse befriedigt sind, stellen sich viele die Frage nach dem Sinn.

Stefan Dudas

Stefan Dudas ist der Sinngeber. Als Keynote-Speaker, Coach und Autor sensibilisiert er berührend, humorvoll und authentisch das Bewusstsein für Sinn – in Unternehmen und unserer Gesellschaft. Als gefragter Autor veröffentlicht er regelmäßig Essays zum Thema Sinn im Business und Leben. Außerdem ist er Dozent an diversen Bildungseinrichtungen in der Schweiz.  » http://www.stefandudas.com

Businesscoachingtermin. Ein vierundvierzigjähriger, sehr gut gekleideter Mann sitzt mir gegenüber. Der Mann, CEO eines Unternehmens für Pharmazubehör, erzählt mir von seinem Leben:

»Ich habe keinen Grund zu klagen. Ich habe sehr schnell Karriere gemacht. Ja, ›Karriere‹. Ich habe das gemacht, was alle von mir erwartet haben. Heute habe ich eigentlich alles. Einen gut bezahlten Job, eine tolle Frau, zwei wunderbare Kinder, ein schönes, großes Haus, eine Nanny, Autos und genug Geld.«

»Und warum wollen Sie ein Coaching mit mir?«, frage ich.

Er denkt kurz nach und antwortet: »Ich möchte in Zukunft etwas tun, was wirklich Sinn für mich macht. Können Sie das verstehen?«

Ich lächle ihm zu: »Ich kann das sogar sehr gut verstehen.«

In meiner Coachingarbeit höre ich vermehrt von solchen Lebenssituationen. Scheinbar (von außen betrachtet) erfolgreiche Menschen, die sich irgendwann die Frage stellen, was sie eigentlich mit ihrem Leben tun. Das hat wenig mit einer Midlife-Crisis zu tun, sondern viel mehr mit unserer Gesellschaft und unserem heutigen Verständnis von Leben, von Arbeit und vom Lebenserfolg. Dieses Verständnis beruht auf alten Denkmustern und wir tragen diese schon seit Jahrzehnten mit uns herum. Das Problem dabei ist, dass sich alles um uns herum schon massiv verändert hat und sich laufend weiter stark verändert. Wäre da nicht auch ein Denkmuster-Update angebracht?

Ich glaube nicht einmal, dass das eigentliche Problem eine Burn-out- oder eine Sinnkrise ist. Das viel bedeutsamere Problem ist, dass viele Menschen unbewusst resigniert haben oder – noch schlimmer – nie wirklich begonnen haben, ihr eigenes Leben zu leben. Die Zeit könnte nicht besser sein, um noch mehr über Sinn und Unsinn zu sprechen und nachzudenken. Aus meiner Sicht fallen in unserer Zeit fünf gewichtige Faktoren zusammen.

Diese sind – ohne dass die Reihenfolge eine Wertung darstellen soll:

  • Sinnfaktor 1: Generation XY ungelöst
  • Sinnfaktor 2: Der Irrtum von Maslow
  • Sinnfaktor 3: Leid, Schicksal und neue Lebensabschnitte
  • Sinnfaktor 4: Unsicherheit
  • Sinnfaktor 5: Relevanz im Business

Jeder Faktor für sich stellt bereits die Sinnfrage. In der Kombination, wie wir die Welt im Moment vermehrt erleben, schaffen sie umwälzende Veränderungen. Für jeden einzelnen Menschen und für Unternehmen und Gesellschaft. Analysieren wir also diese fünf Faktoren.

Sinnfaktor 1: Generation XY ungelöst

Ich gebe es gleich am Anfang zu: Ich bin immer sehr skeptisch, wenn man versucht, ganze Generationen über einen statistischen Kamm zu scheren. Aber jede Generation wird bestimmt etwas anders ticken als die letzte. Das war schon immer so und wird auch bei zukünftigen Generationen so sein.

Schon immer gab und gibt es den Konflikt der Generationen. »Die heutige Jugend hat keinen Respekt mehr, will nur noch Party machen und hängt den ganzen Tag an den Smartphones.« So könnte ein Urteil über die heutige Jugend klingen. Völlig neu? Gar nicht. Sokrates (469 bis 399 v. Chr.) soll schon gesagt haben: »Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte.

Wenn wir davon ausgehen, dass auch nur ein Teil davon stimmt, was die Generationsforscher und -experten meinen, sind hier natürlich Tendenzen ableitbar.

Du fragst dich vielleicht, wie Generationexperten ableiten, wie Menschen in den verschiedenen Generationen ticken sollen? Menschen werden geprägt. Durch ihr Umfeld und natürlich auch durch die Zeit, in der sie aufgewachsen sind.

Wie sich das Ganze auswirkt und welchen Einfluss dies auf das Thema Sinn hat? Ein Beispiel: Meine Generation (Generation X) hat auf den Vorschlag des Chefs, dass man befördert werden soll, ganz einfach reagiert mit einem »Herzlichen Dank, Chef!«. Die Generation Y soll hier etwas differenzierter vorgehen: Diese Mitarbeiter wägen ab, was sie durch die Beförderung mehr bekommen, aber auch, was sie im Gegenzug dafür mehr leisten müssen. Sie analysieren dann die persönliche Work-Life-Balance und besprechen dies zu Hause. Hohe Gehälter oder attraktive Boni alleine beeindrucken diese Generation nicht mehr so. Zudem ist die Bereitschaft, den Arbeitgeber zu wechseln, auch viel höher als früher.

Sinnfaktor 2: Der Irrtum von Maslow

Uns geht’s ja gut. Diesen Spruch hört man immer wieder. Ja, er stimmt ja sogar auch. In unseren Breitengraden haben wir von allem genug oder eigentlich zu viel. Wenn Menschen ihre wichtigsten Bedürfnisse gedeckt haben, machen sie sich vermehrt Gedanken und damit auf die Suche nach neuen Bedürfnissen. Schon der Psychologe Abraham Harold Maslow (1908 bis 1970) hat dies mit seiner Bedürfnispyramide (ungefähr um 1950 entstanden) begründet.

Das klingt alles irgendwie logisch und diese Pyramide wurde schon in hunderte Bücher übernommen. Aber wird der Gedanke dadurch richtiger? Meine Meinung ist, dass sich Herr Maslow geirrt hat und es danach einfach nicht mehr hinterfragt und nur noch kopiert wurde. Herr Maslow meinte, dass wenn ein Bedürfnis erfüllt sei, das nächsthöhere an seine Stelle tritt. Ein Hungernder kümmere sich also nicht um Ruhm, Ehre oder Selbstverwirklichung. Klingt plausibel und fast logisch. Vielleicht war es auch so, als wir wirklich noch Hungernde hatten. Aber es gibt heute als Gegenbeispiel viele Menschen, die sich lieber das Schaut-mal-her-ich-bin-cool-Auto leasen (Schicht der Wertschätzung), als in anständiges Essen zu investieren. Denen also der Status und Ruhm wichtiger sind als die eigene Nahrung. Es gibt Unternehmer, die sich teilweise so wenig Lohn auszahlen, dass es kaum für die materielle Sicherheit reicht (Stufe 2), um die eigene Illusion und die Anerkennung (Stufe 5 und 4) zu erhalten. Das bedeutet, unser Leben ist kein Computerspiel, bei dem wir jedes Level erfolgreich absolviert haben müssen, um zum nächsten Level zu gelangen. Wir können uns auf mehreren Ebenen gleichzeitig befinden. Unsere wichtigsten Bedürfnisse sind meistens schon gedeckt.

Es ist daher immer ein Hin- und Herschwanken auf diesen verschiedenen Stufen. Je nach persönlicher Prägung ist vielen Menschen die Anerkennung von außen eben wichtiger als gesundes Essen oder übermäßige Sicherheit. Klingt komisch, ist aber so. Es gibt auch immer mehr Menschen, die einen finanziellen Rückschritt machen (weniger Geld und Anerkennung), damit sie etwas in ihren Augen Sinnvolleres im Leben tun können.

Sinnfaktor 3: Leid, Schicksal und neue Lebensabschnitte

Eigentlich funktioniert der Mensch ja ganz gut. Er macht sich meist auch keine großen Gedanken über den Sinn seines Lebens. Er ist beschäftigt mit seinem Leben, seiner Familie und seiner Arbeit. Irgendwann hat sich alles wunderbar eingespielt und es funktioniert. Doch immer dann, wenn der Mensch stark enttäuscht wird oder wenn ihm großes Unglück oder Leid widerfährt (wenn zum Beispiel ein nahestehender Mensch auf der Intensivstation liegt), kommt er meist kurz zur Besinnung, denkt also über den Sinn seines Lebens nach. Als ob er einen Schritt zur Seite machen und sein Leben anschauen und bewerten wollte.

Es braucht oft etwas, was uns aus der Bahn oder aus dem sprichwörtlichen Alltagshamsterrad holt, damit wir über uns und unser Leben nach- und vordenken. Große Veränderungen, ein Unglück, Leid oder auch »nur« der Eintritt in einen neuen Lebensabschnitt. Auch da wird sehr oft Bilanz gezogen und man analysiert das, was war, auf Sinn und Wirkung.

Sinnfaktor 4: Unsicherheit

Das Leben ist eine einzige große Veränderung. Früher war es scheinbar statischer. Man wurde sogar oft in dem Unternehmen pensioniert, in dem man fünfundvierzig Jahre vorher die Ausbildung gemacht hatte. Heute geht man in seiner beruflichen Laufbahn durch mehrere Berufe – und lernt ständig mit den aktuellen Veränderungen umzugehen. Doch die Geschwindigkeit steigt. Immer schnellere und immer größere Veränderungen. Teilweise auch nicht plan- oder vorhersehbar. Dies schafft natürlich Unsicherheit. Zudem werden uns durch die Medien jegliche Katastrophen in aller Welt in Farbe und hervorragendem Digital-Surround-Sound vorgespielt. Immer und immer wieder. Weil sich diese Art von Nachrichten gut verkaufen. Was bleibt aber beim Konsumenten? Eine Haltung wie: »Es ist eine unglaublich schlechte und unsichere Zeit«. Was einfach nicht stimmt. Klar hat es schon schlauere Köpfe zum Beispiel in der amerikanischen Politik gegeben, die weniger große »Trumpel« waren … Nichts darf heutzutage als gegeben angesehen werden und politisch scheint nichts mehr fix zu sein. Weil einige testosterongesteuerte Machthaber die Welt und die Medien in Atem halten und wir natürlich täglich ihre neuesten Abenteuer lesen, schafft dies auch Unsicherheit.

Sicherheit aber ist so ziemlich das Wichtigste, was wir Menschen uns wünschen. Wir wappnen uns gegen viele Unwägbarkeiten. Wir versichern unser Leben, unseren Urlaub, ja sogar Körperteile können versichert werden. Wir schützen uns vor Feuer, Unwetter und Krankheit mittels Versicherung. Damit wir abgesichert sind. Auch eine Anstellung ist natürlich Sicherheit. Darum machen auch viele nicht den Schritt in die Selbstständigkeit, weil sie vermeintlich unsicherer ist als eine Festanstellung. Ist unsere Sicherheit in Gefahr, machen wir uns vermehrt Gedanken und dazu machen wir uns noch Sorgen, was alles schlimmstenfalls geschehen könnte. Je mehr Gedanken wir uns machen, umso mehr stellen wir infrage, was wir tun, wie wir es tun und warum wir es überhaupt tun. Damit wären wir wieder bei der Sinnfrage.

Sinnfaktor 5: Relevanz auch im Business

Wenn etwas im Business erfolgs- oder umsatzrelevant wird, wird es alles durchdringen. Mir ist klar, dass »Sinn« bisher kein wirklich relevantes Business-Thema war. Man sprach über Erträge, Return on Investment (ROI), Prozesse, Total-Quality und vielleicht über Werte und Motivation. Aber über Sinn?

Immer mehr Menschen beginnen zu überlegen, ob das Standard-Modell »Lebenszeit gegen Geld tauschen« noch zeitgemäß und passend für sie ist. Je besser es uns geht, umso eher steigt auch der Preis für unsere Lebenszeit. Wir werden kritischer, hinterfragen mehr und wollen auch hier unsere Lebensqualität optimieren. Also stellen wir die Frage nach der Sinnhaftigkeit unseres täglichen Tuns. Unternehmen, die diese Sinnfrage (in Zukunft) nicht befriedigend beantworten können (oder diese nicht kommunizieren), werden es schwerer haben, sehr gute Mitarbeiter an sich zu binden oder überhaupt zu finden. Zudem haben wir gesehen, dass sich die Anforderungen an Kommunikation und Führung durch die Generation Y und Z massiv verändern. Ebenfalls in Richtung Sinnhaftigkeit.

Es wird schneller gehen, als den meisten anfänglich lieb ist … Und ist es denn heute nicht teilweise schon schrecklich? Menschen, die ihren Job nicht mögen, aber neun Stunden pro Tag damit verbringen? Arbeiter, die tagtäglich überfordert, gestresst und nahe einem Burn-out sind? Die Ich-bin-24-Stunden-erreichbar-Haltung, auch Präsentismus genannt? Studenten, die in Weiterbildungen sitzen, nur damit sie ein Papier erhalten, das sie auf der Karriereleiter weiterbringt? Jeder technische Fortschritt hatte das Potenzial, dass wir dadurch mehr Zeit für uns bekommen. Um in dieser Zeit, wenn die Technik die Arbeit für uns macht, an uns zu denken. Zu schauen, was wir denn wirklich gerne machen würden. Diese Chance haben wir vertan. Wir haben in diese Zeit noch mehr reingepackt, haben Zeitmanagement gemacht und geschaut, wie man noch mehr in den Kalender reinwürgt. Diese vollen Zeitplanbücher, die früher, schön in Leder gebunden, ein regelrechter Maßstab für die Wichtigkeit einer Führungskraft waren. Ist der Kalender voll, handelte es sich um einen wichtigen Menschen. So einfach war das.

Und wenn viele keinen Job mehr haben, wird der Sinn richtig wichtig. Dann muss man Menschen wieder beibringen, zu überlegen, was sie wirklich wollen. Ja, ich weiß, es wird viele geben, die jetzt schon sagen, dass vieles nicht eingetroffen ist, was Experten prophezeit haben. Dass es immer viel länger dauert, bis solche Ideen Wirklichkeit werden. Dann antworte ich: Das mag vielleicht sein. Aber hätte ich vor fünf Jahren gefragt, wie sicher der Beruf des Taxifahrers ist, hätte jeder gemeint: hundert Prozent sicher. Die wird es auch in fünfzig Jahren noch geben. – Genau. »Uber«legen Sie jetzt selbst.

Wenn also der Druck in der Arbeitswelt so zunimmt, dass sich sogar Unternehmen über das Thema Sinn Gedanken machen müssen, ist die Zeit definitiv reif.

 

 

 

Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über die BusinessVillage GmbH. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an redaktion@businessvillage.de.

Weitere Artikel zum Thema