Über Freunde, Kontakte, unser Gehirn und die Evolution
Freunde bezeichnet im Netz die Vernetzung von Usern. Etwas seriöser kommt es als Kontakt daher. Jedoch, egal wie man es nennt, mit dem tradierten Begriff „Freund“ hat das alles wenig zu tun. Bei vielen Kontakten reicht es nicht einmal annähernd zur Bekanntschaft. Der Wert des Wortes „Freund“ nutzt sich dadurch jedoch erheblich ab. Wer ist Freund, wer ist Bekannter, wer ist überhaupt real vorhanden und hat nicht nur einen Fake-Account im Netz?
Immerhin ist es möglich, über Netzwerke Kontakte zu Menschen aufzubauen, die man landläufig als „Promis“ bezeichnet. Mit Promis auf Facebook zu befreunden ist ein wenig wie in früheren Zeiten Autogrammpostkarten von beliebten Stars zu sammeln. In beiden Fällen sind die Kontakte meist zweifelhaft, da in der Regel Dritte dahinterstehen, die die „Sache“ professionell und im Sinne des Managements abwickeln.
„Nein, ich habe keine fiktiv verlinkten Promi-Freunde!“ heißt eine Facebook-Gruppe, deren Mitglieder Wert darauf legen, dass jedes verlinkte Profil von Echtheit zeugt und die dahinterstehende Person persönlich bekannt ist. Eines der vielen Teenie-Portale im Netz stellte eine Umfrage zu dem Thema: „Peinlich, irgendwelche Promis als Facebook-Freund zu haben, ohne befreundet zu sein?“ Die meisten stimmten mit „Ja“. Ein Trend, der zeigt, dass ein Teil der User mit einer kritischen Haltung dem Vernetzungswahn gegenüber steht.
Freundschaft ist auch immer ein kulturelles Thema: während wir Deutsche nur zu sehr wenigen Menschen ein freundschaftliches Verhältnis und Gefühl aufbauen, sieht es in anderen Kulturen ganz anders aus. Ein durchschnittlicher Amerikaner dagegen gewinnt im Laufe seines Lebens immer mehr Freunde. Hier wird eine gute Bekanntschaft meist schon als Freundschaft bezeichnet, auch wenn nach unseren Maßstäben nur eine oberflächliche Begegnung entstanden ist.
Der Psychologe Herb Goldberg unterscheidet in Nutzfreundschaften, Zweckfreundschaften und echte Freundschaften, letztere seien unter anderem dadurch gekennzeichnet, dass Menschen ohne bestimmte Ziele zueinander kommen und ohne dabei konkrete Zwecke und Nutzen zu verfolgen. Das entspräche aber durchaus der praktischen Handhabung von Social Networks, zumindest mag es einem zeitweilig so vorkommen.
In der Hirnforschung ist seit einiger Zeit bekannt, dass der hirninterne Arbeitsspeicher Qualität vor Quantität setzt, es werden eher wenige Objekte in einer hohen Auflösung und allen Details erfasst. Oder überhaupt nicht. Auf diese Weise nutzt das Gehirn die begrenzten Kapazitäten des Hirnspeichers optimal aus, wenn Daten nur für wenige Sekunden benötigt werden, etwa beim Zusammenzählen von zwei Zahlen oder dem Abchecken von neuen Einträgen in der Timeline eines Networks. Es gilt also: Alles oder Nichts.
Die Leistungsfähigkeit unseres Kurzzeitgedächtnisses wird in sozialen Netzwerken stark strapaziert, allerdings auch gut trainiert, je nachdem wie gut die kognitiven Fähigkeiten des Nutzers ausgebaut sind. Die Denkweise des Menschen verändert sich mit der Nutzung der Neuen Medien in jedem Fall. Die Psyche verändert sich durch die schnelle Kommunikation, die wir nicht mehr durchschauen, mit der wir jedoch zu Rande kommen müssen. Die mediale Überforderung, der wir und unsere Freunde ständig ausgesetzt sind, muss Ventile finden, die es uns gestatten, mit der Hypernervosität unserer Netzwelt zu Recht zu kommen. Wir können ja nicht jeden Morgen einfach unseren Kopf formatieren, um für den kommenden Tag gerüstet zu sein.
Kommunikation, Interaktion und Wahrnehmung werden immer mehr global und leiten den nächsten Schritt einer Evolution ein, die ähnliche Auswirkungen haben dürfte wie die vergangenen Einführungen von Sprache, Schrift und Buchdruck für den Menschen. Dabei wird Multitasking zum Religionsersatz und Google zum Katechismus. Wenn man es mag. Denn die Freiheit selber zu bestimmen, wie viel Informationen der Einzelne aufnehmen mag, ist gegeben. Auch, ob man bei „einer Sache“ bleiben will oder sich lieber digital verzettelt. Wie viele Kontakte der einzelne dabei in seinem Netzwerk besitzt ist letztlich sekundär, denn der Umgang mit dem Ganzen ist das Entscheidende.
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Der Autor
Frank-Michael Preuss, Redaktionsbüro für Bild & Text, übernimmt strategisch durchdachte und praxisnah geplante Presse- und Öffentlichkeitsarbeit in Online- und Printmedien. Das beinhaltet das Schreiben von Pressemitteilungen, Recherchieren und Verfassen von PR-Texten und Fachartikeln sowie die Beratung hinsichtlich geeigneter Medien und den Aufbau eines geeigneten Presseverteilers. Alle Komponenten steigern den Bekanntheitsgrad und das Vertrauen in Produkte und Dienstleistungen. Frank-Michael Preuss arbeitet auch als Coach und im Wissensmanagement für Unternehmer. www.fmpreuss.de