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19.03.2009

Speed-Reading - Schneller lesen, besser verstehen

von W. Schmitz, B. Sösemann, F. Hasse

Die Flut von Informationsmaterial - Berichte, Fachliteratur, Zeitungen, Zeitschriften, E-Mails etc. - ist mit der herkömmlichen Art zu lesen nicht mehr zu bewältigen. Medien­wissenschaftler empfehlen Lesetrainings, um der auch künftig zunehmenden Infor­mationslawine Herr zu werden. Denn immer noch stellen wir uns dieser wachsenden Herausforderung mit Lese-Methoden, die wir als Kind in der Grundschule gelernt haben. Lesen ist oft die ein­zige Basisqualifikation, die seit der Grundschulzeit nicht weiterent­wickelt worden ist.

Lesekompetenz als Schlüsselqualifikation

Die eminente Bedeutung einer Lesekompetenz ist inzwischen weltweit anerkannt und wird immer häufiger thematisiert. Im Jahr 2002 hat die OECD zusammen mit der UNESCO nach PISA eine weitere Studie veröffent­licht, die den Titel trägt: „Lesen kann die Welt verändern“. In dieser Studie wird nicht nur gezeigt, dass Lesefähigkeit eine Schlüsselkompetenz für selbständiges Lernen und für den Kenntniserwerb auch in den Naturwissenschaften ist. Darüber hinaus wird nachgewie­sen, dass es einen messbaren Zusammenhang gibt zwischen

  • Lesefähigkeit und Beschäfti­gungsaussicht,
  • Lesefähigkeit und Einkommen und sogar
  • zwischen Lesefähigkeit und Gesundheit bzw. Lebenser­wartung.

Konsequenz: Wir brauchen effiziente Lesetechniken für eine sinnvolle Bewältigung der Informationen und als Grundlage für ein lebenslanges Lernen. Ein Training zur Steigerung der Leseeffizienz kann viel dazu beitragen, die Arbeit gut zu strukturieren, Wesentliches schneller zu erkennen und damit besser informiert zu entscheiden. Dass damit auch noch Zeit eingespart und zur Entlastung bzw. für wichtigere Aufgaben eingesetzt werden kann, ist ein zusätzlicher, immer bedeutenderer Nutzen. Bei welcher anderen Aufgabe im Büro können persönliche Produktivitätsreserven in dieser Größenordnung erschlossen werden? Welche andere Tätigkeit füllt im Durchschnitt ein Viertel des Tages aus und kann mit einfach erlernbaren Techniken und Strategien im Zeiteinsatz halbiert werden?

Ein Leben lang mit Grundschul-Techniken?

Wir lernen lesen im Alter zwischen sechs und acht Jahren – natürlich kindgerecht. Eine didaktisch richtige, kindgerechte Vorgehensweise vermittelt erst Buchstaben/Laute, dann Silben und kurze Wörter, um schließlich auf längere Wörter und ganze Sätze überzugehen. Und damit Lehrer und Eltern überprüfen konnten, ob wir den Text wirklich entziffern konnten, sollten wir laut lesen.

An dieser Art und Weise des Lesenlernens üben wir (bei improved reading) keine Kritik. Aber aus dieser Zeit haben wir fast alle einige Gewohnheiten beibehalten, die das effiziente Lesen be­hindern:

  1. das Bedürfnis, das Gelesene gleichzeitig „hören“ zu müssen, teilweise sogar mitzumurmeln
  2. die Gewohnheit, Textteile/-passagen mehr­mals zu lesen, weil wir glauben, sie beim ersten Mal nicht richtig verstanden zu haben oder weil unsere Gedanken abschweiften
  3. die Gewohnheit, Wort für Wort zu lesen, statt in sinnvollen Wortgruppen, wozu wir physisch durchaus in der Lage wären - aber wir haben es einfach nicht gelernt

Nachteile des herkömmlichen Lesens

Diese Gewohnheiten haben mehrere negative Konsequenzen, die miteinander im Zusammenhang stehen:

  • wir lesen zu langsam (Ø 200 WpM), d.h. weit unter unseren Möglichkeiten
  • wir sind zu unkonzentriert, verlieren den „Faden“ oder denken an etwas anderes
  • das Verständnis (Ø 55%) ist zu gering, besonders in Relation zu dem Zeitaufwand des langsamen Lesetempos
  • wir nehmen den Text nicht in der vom Autor vorge­sehenen Ordnung wahr - so geht die ursprüngliche Logik leicht verloren
  • wir können uns das Gele­sene schlecht merken – diese Konsequenz ergibt sich aus den genannten Fehlern fast zwangsläufig
  • wir lesen nicht ökonomisch, d.h. wir lesen sämtliche Texte in einer unflexiblen Technik, selbst wenn der Lesestoff unter­schiedliche
  • Wichtigkeit für uns hat und wir über unterschiedliches Vorwissen verfügen

Wenn erwachsenengerechtes Lesen nicht vermittelt wird, bleibt man im Prinzip bei diesen damals erlernten Techniken und den hemmenden Gewohnheiten. Erwachsene/Lesegeübte können aber ganz anders lesen, weil sie Wörter und Wortgruppen bereits so häufig gesehen haben, dass sie sie ganzheitlicher erfassen können. Es muss nur trainiert werden.

Die Lösungsansätze liegen auf der Hand:

  1. Schneller lesen, mit viel mehr Dynamik in den Augenbewegungen – und dabei:
  2. Sinnvolle Wortgruppen erfassen, unter Nutzung der vorhandenen Blickspanne
  3. Regression reduzieren auf die wenigen Verständnisprobleme, die beim Lesen entstehen
  4. Vertrauen gewinnen in unsere Wahrnehmungs- und Merk­fähigkeit: Wir unterschätzen un­sere Möglichkeiten gewaltig!
  5. Konzentration auf die sinngebenden Botschaften – Lesen nicht als Pflichtlektüre verstehen, sondern nur als ziel­gerichtete Gewinnung von Antworten auf offene Fragen
  6. Vor der Lektüre überlegen, was mit welchem Verständnisniveau gelesen werden soll – wie häufig brauchen wir wirklich 100 % Verständnis von Texten?

Kein Lesetraining ohne Blick-Training!

In der öffentlichen Diskussion wird Lesen meist als eine rein intellektuelle Fähigkeit behandelt – was dabei jedoch buchstäblich aus dem Blick gerät ist der eher „mechanische“ Aspekt des Lesens, der die Grundlage für die geistige Verarbeitung des Lesestoffs liefert: die Augenbewegungen. Eine Verbesserung der Lesefähigkeit sollte daher zunächst bei einer Verbesserung der Blickprozesse ansetzen: Die volle Ausnutzung der natürlichen Blickspanne von 3-4 cm ermöglicht das Erkennen sinnvoller Wortgruppen und liefert damit erst die Voraussetzung für eine effiziente Auslastung unseres geistigen Potentials.

So ist z.B. das Kurzzeitgedächtnis auf ca. fünf Einheiten festgelegt – mehr können wir uns nicht gleichzeitig merken (das erleben wir jedesmal, wenn wir bei mehr als fünf Besorgungen gezwungen sind, einen Einkaufszettel zu schreiben). Wenn wir jedes Wort einzeln aufnehmen, wie es beim Normalleser gemeinhin der Fall ist, dann ist der Kurzzeitspeicher meist schon am Satzende überfüllt, und zwar überwiegend mit relativ sinnlosen Elementen, nämlich einzelnen, kleinen Wörtern. Die Konsequenz ist, dass häufig der Überblick über den Zusammenhang des Textes verlorengeht. Wenn das Auge jedoch Sinngruppen erfasst, d.h. mehrere Wörter auf einmal, dann wird das enge Nadelöhr des Kurzzeitgedächtnisses wesentlich besser ausgenutzt.

Im Grunde geht es nur darum, dass das Auge sich daran gewöhnt, beim Lesen dasselbe zu leisten wie beim Erkennen von Gegenständen oder Bildern: nämlich die vollständige Erfassungsbreite von ca. 3,5 cm auszunutzen. Wenn wir jemandem in die Augen sehen, dann sehen wir auch beide Augen gleichzeitig, nicht erst das eine und dann das andere, trotz der Unterbrechung durch die Nasenwurzel. Ebenso können wir auch beim Lesen (mindestens) zwei Wörter auf einmal scharf sehen, obwohl uns unsere Grundschul-Gewohnheiten diktieren, nach jedem Wort haltzumachen.

Es ist also nicht damit getan, sich den theoretischen Ansatz vor Augen zu führen – das Lesen dieses Beitrags allein wird noch keine Veränderung einleiten. Nachhaltige Veränderungen gelingen allein mit praxisorientierten Übungen, die allmählich zum Einschleifen neuer Blick-Routinen führen. Dabei müssen die Blickbewegungen als solche zunächst einmal vom verständnisorientierten Leseprozess getrennt werden. Das ist nicht leicht, denn wir sind darauf konditioniert, sofort verstehen zu wollen, wenn wir etwas Gedrucktes sehen. Für einen ersten Einblick gibt es hilfreiche Anleitungen und Übungen aus Büchern. Aber am besten lernt man die neuen Lesetechniken in Gruppentrainings, wo der erforderliche Veränderungsdruck größer ist und ein fachkundiger Trainer über die unvermeidlichen Schwierigkeiten und Frustrationen hinweghelfen kann.

Viele Untersuchungen haben gezeigt, dass der Erfolg eines qualifizierten Kurses nachhaltig ist. Das leuchtet ein, denn Lesen praktiziert man unmittelbar nach dem Training sogleich wieder und ohnehin kontinuierlich. Damit können zumindest wesentliche Elemente des Trainings im Gedächtnis bleiben und durch den ständigen Einsatz zur Routine werden (wie beim Auto fahren).

Für viele ist das Thema „Lesetechniken“ zwar immer noch fremd („Lesen kann man doch!“), aber es wird an verantwortlicher Stelle zunehmend erkannt, welch eine Unterstützung Unternehmen ihren Mitarbeitern im Umgang der Informationsflut bieten können. Die Lese-Überlastung der Mitarbeiter wahrzunehmen und adäquat darauf zu reagieren erhöht die Motivation, und die Firma profitiert von der Steigerung der Arbeitsproduktivität und –qualität.

Über die Autoren

Wolfgang Schmitz ist Diplom-Kaufmann, hat in leitender Funktion in der Industrie gearbeitet und ist seit sechs Jahren Inhaber und Geschäftsführer von Improved Reading Germany. Mit seiner Trainer-Organisation gibt er Kurse in vielen Unternehmen, Behörden und Universitäten. ZDF, Stern TV, HR, WDR, FAZ, Süddeutsche, Wirtschaftswoche, FOKUS ONLINE u.v.m. berichteten sehr positiv. Nach erfolgreichem Anlauf findet jetzt die Umstellung auf ein Franchise-System statt, um eine verstärkte „vor-Ort-Präsenz“ bieten zu können.

Britta Sösemann war Gymnasiallehrerin für Deutsch und Geschichte. Seit 10 Jahren betreut sie die Produktion wissenschaftlicher Manuskripte und arbeitet als Textcoach für Unternehmen. Seit 2002 ist sie für Improved Reading Germany u.a. als Projektleiterin und Lesetrainerin tätig.

Friedrich Hasse, M.A., studierte Philosophie und Geschichte in Berlin und Paris. Er ist seit 2003 Improved-Reading-Trainer mit Arbeitsschwerpunkt an der FU Berlin und seit 2008 Franchise-Partner für Improved Reading Ost. www.improved-reading.de

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