Soziales Unternehmertum - Ein Interview mit Andreas Philipp
Die aktuellen Entlassungen und Umstrukturierungen bei Airbus und der Telekom
haben die Diskussion über die gesellschaftliche Verantwortung von Großunternehmen
erneut aufflammen lassen. Wie viel soziales Unternehmertum braucht das Land,
wie viel soziale Verantwortung können sich Unternehmen in einer globalisierten
Welt leisten? Der Ruf nach Social Entrepreneurs — Unternehmer, die bewusst
nicht nur Gewinn maximierend, sondern gesellschaftsverantwortlich tätig sind
— wird immer lauter. Es scheint an der Zeit zu sein, dass wir auf mehreren
Ebenen umdenken: Unternehmensleitungen, das Management und nicht zuletzt
jeder selbst sind aufgefordert, gesellschaftliche Verantwortung als Teil
des eigenen Handelns zu verinnerlichen.
Dr. rer. pol. Andreas F. Philipp, Dipl.-Kfm., ist der Gründer und Motor
der Sinn-Gesellschaft. Er setzt sich für sozial verantwortliches
Unternehmertum, Social Entrepreneurship, ein. Wie das in unserer Gesellschaft
funktionieren soll, erklärte er in einem Kurzinterview.
Herr Dr. Philipp, Sie vertreten die Meinung, dass soziales Unternehmertum,
auch Social Entrepreneurship genannt, uns helfen kann, viele aktuelle Fragen
zu lösen. Was meinen Sie damit?
Die Fragen des 21. Jahrhunderts unterscheiden sich gravierend von denen
der letzten hundert Jahre. Da ging es um Wachstum, Produktivitätssteigerung,
Effizienz und Massenkonsum. Im 21. Jahrhundert stellen sich jedoch Fragen folgender Art:
- Wie begegnen wir der extrem schnell wachsenden Schere, die sich zwischen Arm und
Reich öffnet — sowohl lokal als auch global. Circa 25.000 Menschen versuchen
täglich in Länder der sogenannten ersten Welt “einzureisen”. Die Mittel und Wege
dazu sind hinlänglich bekannt. In Deutschland haben wir bereits über drei Millionen
Sozialhilfeempfänger. Kinderarmut und Verwahrlosung sind keine Randthemen,
sondern tägliche Realität für viele Millionen Menschen in unserem Land.
In anderen Industrienationen sieht es ähnlich, zum Teil noch schlimmer aus.
-
Wie begegnen wir den Folgen der Globalisierung? Wie gelingt es uns, den
Bedürfnissen sogenannter "emerging markets" gerecht zu werden und gleichsam
ökologische und soziale Fragen wirklich ernst zu nehmen?
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Wie gehen wir mit den Folgen von über 40 aktuellen Kriegen und bewaffneten
Konflikten um? Welche Antworten haben wir, wenn wir wissen, dass gut ein Viertel
der Menschheit täglich vom akuten Tod bedroht ist?
-
Welche neuen Ideen entwickeln Unternehmen, um die bisher noch nicht erreichten
80 Prozent der Weltbevölkerung am Konsum teilhaben zu lassen? Hier handelt es
sich um Menschen, die maximal zwei Dollar pro Tag Einkommen haben; in Summe aber über
fünf Milliarden Menschen dieser Erde ausmachen.
Diese Fragen betreffen uns alle. Spätestens seit der "Expansion des Internet" können
wir weder so tun, als wüssten wir davon nicht, noch sind wir abgekoppelt von
Entwicklungen, die auf der anderen Seite der Erde stattfinden. Wir hängen alle
im selben Netz.
Wer das früher versteht, wird bessere Lösungen für die Zukunft entwickeln können
— für sich selbst und für andere. Genau dieses "und" ist die Antwort auf
Ihre Frage. Social Entrepreneurs haben dies begriffen. Sie agieren wie äußerst
effiziente Unternehmer, reduzieren ihren Fokus aber nicht auf die rein monetäre
Gewinnmaximierung. Sie sind Unternehmer im besten Schumpeterischen Sinne, in dem sie
Lösungen für Probleme suchen, wo alle anderen Akteure versagen. In obigen
Fragestellungen sind es Probleme, die weder klassisch Gewinn maximierend denkende
Unternehmen, noch der Staat, noch meist zu unprofessionell agierende
Hilfsorganisationen übernehmen können. Social Entrepreneurs sind bestausgebildete,
höchst engagierte, sehr realitätsnahe und wirtschaftlich denkende Menschen,
deren Fokus die "Nutzenmaximierung für alle Beteiligten" ist. Das ist das wirklich
Neue.
Ich selbst sehe meine Leistung mehr darin, diese Art von Unternehmern
zusammenzubringen, Ihnen zu helfen, möglichst professionell agieren zu können —
wenn Sie so wollen, mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Auch versuche ich, "klassische
Unternehmer" und "Social Entrepreneurs" in den Dialog zu bringen. Im Kern geht es
mir um Brücken, die ich zwischen unterschiedlichsten Gruppierungen schlagen möchte.
Mein bescheidenes Know-how und meine Zeit stelle ich kostenlos zur Verfügung. Das
ist vielleicht ein bisschen mein sozialer Beitrag im Bereich Social Entrepreneurship.
Nehmen Sie zum Beispiel die Aktivität der Stiftung WeltKlasse (www.stiftung-weltklasse.de),
gegründet von Herrn Matti Spiecker. Seine Vision ist es, dass jeder deutsche Jugendliche
bis zum Alter von 21 Jahren mindestens vier Wochen in einem Entwicklungsland (sozial)
gearbeitet hat.
Denken Sie kurz mal darüber nach, welches Nutzenpotenzial in so einer Aktivität
steckt. Nehmen Sie dazu gerne die Fragen von oben auf.
Das ist Social Entrepreneurship – Unternehmertum mit großer geistiger Varianz, breiter
gesellschaftlicher Verantwortlichkeit und dann ganz fokussierter Handlung.
Sie sind der Initiator der Sinngesellschaft. Was haben Sie sich auf Ihre Fahnen geschrieben?
Die Sinn-Gesellschaft — eine private, nicht parteiische und nicht institutionell
organisierte Initiative verantwortungsbewusster Unternehmen und Einzelpersonen —
hat sich zum Ziel gesetzt, wirklich nachhaltig ethisches Wirtschaften zur obersten
Priorität des Handelns zu machen.
Wir verstehen uns als Zusammenschluss geistig reifer Menschen, die verstanden haben,
dass wir die Herausforderungen der modernen Weltgesellschaft nur gemeinsam in
gegenseitiger Achtung meistern werden und begreift sich als Attraktor, das heißt als
Ideen-Geber, Kontakt-Vermittler, geistiger Inspirator, Vernetzer, Konkretisierer und Ermutiger.
Wir sind kein Verein, kein Debattierclub, keine abgeschlossene Institution —
wir sind Handelnde. Das Leitmotiv der Sinn-Gesellschaft ist "Vorbild durch Vorleben".
Anstelle noch mehrerer Ausschüsse, Gremien, Kommissionen, Institutionen etc. möchte die
Initiative mit bescheidenen aber ebenso überzeugenden persönlichen Schritten zeigen,
dass es gelingen kann, Wirtschaft und Ethik in Einklang zu bringen und somit
die Grundlage für ein besseres Leben möglichst vieler schaffen.
Um unser Engagement auf etwas stabilere Beine zu stellen, wurde die "Drei-zum-Leben-Stiftung"
gegründet. Wir möchten Menschen gewinnen, die bereit sind, drei Prozent Ihres Nettoeinkommens oder
drei Prozent Ihrer kostbaren Zeit dafür zu geben, dem Anderen eine faire Chance zu ermöglichen.
Jeder entscheidet selbst, ob er rein monetär, gemischt oder ausschließlich handelnd unterstützt.
Drei Prozent des Nettoeinkommens der Deutschen, Österreicher und Schweizer würden übrigens
ausreichen, um die globale Kinderhungersnot zu beseitigen.
Wie glauben Sie andere Menschen davon begeistern zu können?
Da halte ich mich ganz an die "Gesetze des Lebens". Es fügt sich zusammen, was zusammen
gehört. Es entsteht das, was entstehen soll. Wir haben bewusst gesagt, dass wir nicht
mit großen Werbekampagnen und anderen Marketingaktivitäten auf die Sinn-Gesellschaft
aufmerksam machen wollen. Es soll sich rumsprechen. Wir brauchen Menschen, die
wirklich innerlich von der Idee überzeugt sind und dann anpacken. Bitte keine Vereins-
oder Parteienlogik; bitte kein Sozialzwang.
Im übrigen ist unser Engagement komplett "nebenberuflich", in unserer "Freizeit",
wenn Sie so wollen. Zu schnelles Wachstum macht da sowieso keinen Sinn. Einige
jung gebliebene +60er könnten wir z.B. sehr gut gebrauchen. Menschen, die Zeit haben
und etwas wirklich Sinnvolles mitbewegen möchten.
Die neuesten Entlassungen und Umstrukturierungen bei Airbus und Telekom scheinen
ja nicht gerade von sozialen Unternehmern vorangetrieben worden zu sein.
Wie sehen Sie diese Unternehmenspolitik?
Dies ist ein sehr komplexes Thema. Pauschale Polemik hilft uns nicht weiter.
Im Kern bin ich davon überzeugt, dass es darum geht, echtes Verständnis für
alle Seiten aufzubringen und dann nach einer für Alle tragbare Lösung zu suchen.
Viel mehr miteinander sprechen, denn übereinander schreien. Viel weniger Politik-,
Verbands- und Gremienwesen und viel mehr echte Wertschätzung, Verständnis und der
Wille zu einer gemeinsamen Lösung höheren Niveaus.
Häufig sind bereits die an der Problemlösung beteiligten Akteure Teil des Problems.
Sie sind in Ihren Denk- und Handlungsmustern gefangen, müssen Partikular-Interessen
einer Organisation vertreten, stehen unter enormen Druck und haben meisten zu
wenig Schlaf. So kann keine gute Lösung entstehen.
In vielen persönlichen Gesprächen erlebe ich aber selbige Akteure durchaus auch als
nachdenkliche, verletzliche und sozial bemühte Menschen. Hier liegt der Ansatzpunkt.
Wir müssen hinter die Fassaden und Verbalakrobatik sehen. Müssen uns ganz intensiv
bemühen, den Anderen mit seinen Bedürfnissen zu verstehen. Wir müssen Brücken
bauen, dass jeder ohne Gesichtsverlust aus den Gesprächen gehen kann. Führung
in diesem Kontext heißt, große persönliche Reife und tiefe persönliche Integrität
zum Primat allen Handelns zu machen. Und natürlich sind auch die Medien gefragt
— etwas mehr Demut und etwas weniger Geschrei würde den Akteuren helfen,
bessere Entscheidungen treffen zu können.
In dem Sinne ist Social Entrepreneurship eine Geisteshaltung, die jeder von uns
täglich umsetzen kann. Fragen Sie sich in Konfliktsituationen einfach konsequent zwei Dinge:
- Was ist mein tiefster Wunsch, wie diese Situation ausgehen soll?
- Wie würde ich an Stelle des Anderen denken, sprechen und handeln?
Hören Sie bitte erst zu — lange und ganz intensiv; ohne zu bewerten, rechtfertigen,
verurteilen, verbessern usw. Denken Sie sich tief in die Sichtweise des Anderen
ein. Versuchen Sie wirklich zu verstehen.
Wenn Sie dann noch zu keiner befriedigenden Lösung kommen, nehmen Sie sich
einen neutralen Dritten hinzu.
Wenn Sie so durch Ihr Leben gehen, sind sie im besten Sinne des Wortes ein
Social Entrepreneur — ein Unternehmer in eigener Sache, mit dem Ziel, alle
Beteiligten zu "Gewinner" zu machen.