Schlechte Führung ist wie Krebs BusinessVillage - Verlag für die Wirtschaft

Werden Sie VIP

Schließen Sie sich 26.000+ Menschen an und abonnieren Sie den gratis BusinessVillage-Newsletter. Gehören Sie zu den Ersten die es erfahren: Exklusive Inhalte. Neue Bücher. Gratis Angebote. Einladungen ...

Gastbeitrag schreiben?

Sie sind Trainer, Berater, Coach und ein Meister Ihres Faches? Sie haben was zu sagen? Dann Nutzen Sie die Chance und publizieren Sie einen Gastbeitrag im BusinesVillage Online-Magazin — Gratis und ohne Risiko aber viele tausend Leser garantiert! Interesse? Dann freuen wir uns auf Ihre Mail an artikel[at]businessvillage.de.

Honorarfreier Content

Sie sind Journalist oder Redakteur und auf der Suche nach Gastbeiträgen, Buchauszügen oder einem/r Interviewpartner(in)? Dann sprechen Sie uns bzgl. einer Verwertungs- bzw. Abdruckgenehmigung an. Diese ist i.d.R. honorarfrei. Ihnen schwebt ein exklusiver Artikel vor? Senden Sie Ihre Anfrage an redaktion[at]businessvillage.de.

Schlechte Führung ist wie Krebs

Jörg Steinfeldt

28.06.2012 ·  Insolvent! Dem Todesurteil eines Unternehmens mit geringen Überlebenschancen geht meist ein jahrelanges Siechtum voraus. Unternehmen sterben weniger an plötzlichem Herzinfarkt als vielmehr an sich langsam ausbreitendem Krebs. „Jahrelang habe ich in der Presse von anderen Unternehmen als Begründung für ernsthafte Schwierigkeiten „Managementfehler“ gelesen. Jetzt erlebe ich sie selbst.“, sagte mir eine Bekannte kürzlich, die in einem nach außen gesunden Unternehmen beschäftigt ist. Die Ursache für Pleiten ist selten die eine Fehlentscheidung, sondern meist ein sich lange ausbreitendes Unvermögen der Unternehmensleitung. Die Köpfe wissen nicht, was in ihrem Körper vor sich geht.

Jörg Steinfeldt

Jörg Steinfeldt ist Volljurist und arbeitet bei einem internationalen Spezialversicherer. Er ist seit 20 Jahren Führungskraft. Mit Frau und drei Kindern lebt er im selbst entwickelten Haus in Hamburg. » http://

Risikofaktor Größe

Vor allem größere Firmen sind anfällig gegen Unternehmenskrebs. Es ist der Input, der krank macht. Den menschlichen Organismus durch falsche Ernährung, ein Unternehmen durch das Handeln der Vorgesetzten, das oft ein Unterlassen ist. Vorgesetzte tauchen ab in den Waben der Bürotürme, machen es sich gemütlich und machen sich breit. Keine Entscheidungen, falsche Entscheidungen, keine Korrektur eigener (großer) Entscheidungen. Wer sich bewegt, hat verloren. Kein Vertrauen in sich, kein Vertrauen in die Mitarbeiter. Keine Verantwortung übernehmen und keine Konsequenzen tragen. Immer mehr Menschen werden in immer unwichtigere Vorgänge involviert. So werden Entscheidungen geschoben und Verantwortung vernebelt. Unter dem Vorwand der Perfektion dauert alles länger. Das notwendige neue Produkt lässt auf sich warten. In Wirklichkeit lähmt Angst und Unvermögen vor Entscheidungen. Stillstand ist Rückschritt.



Systeme, die nicht laufen, werden trotzdem eingeführt. Produkte erfüllen die Bedürfnisse der ungefragten Kunden nicht. Ablaufstrukturen funktionieren nicht und werden von den ungefragten Mitarbeitern abgelehnt. Verantwortliche Manager werden weiter befördert, weil die Konzernspitze nur erfährt „eingeführt und läuft“. Keiner hinterfragt solche Meldungen, zum Beispiel bei den Mitarbeitern vor Ort. Keine Krähe hackt der anderen ein Auge aus. Der Klüngel lebt. Bis erste Warnhinweise „oben“ ankommen, vergeht viel Zeit. So werden Firmen ins off des Marktes getrieben.


Die Generation Computer der neuen Vorgesetzten liefert nur noch Stückwerk. So, wie sie zappt, mobil telefoniert und mailt, so denkt sie. Zu einem Thema denkt niemand mehr nach, nicht an Zusammenhänge und nicht an das Ganze. Jeder plötzlicher Gedanke löst einen Anruf aus, jede vermeintlich gute Idee ist ein Mail wert. Vordergründiger Aktionismus hinterlässt Stückwerk. Das ganze Bild ergibt dann Pfusch. Ergebnis - Firma eingestürzt. 

Homöopathische Medizin in falschen Dosen

Begünstig wird Krebs durch den übermäßigen Konsum scheinbar harmloser Substanzen, wie Fett, Nikotin oder Alkohol. Unternehmen wird eine immer mehr ausufernde Verwaltung eingeflößt. Gut gemeinte externe Vorgaben wie Datenschutz, Code of Conduct, Vorgaben der Börse, Corporate Gouvernance und behördliche Auflagen sind wie homöopathische Medizin in zu hohen Dosen. Sie blähen Unternehmen auf, machen sie träge und teuer. Ängste und Aufwendungen explodieren. Arbeitsanweisungen von früher einer umfassen heute zwanzig Seiten. Die liest keiner, beschäftigen aber permanent viele Experten. Unternehmen werden zu Tode reguliert. Prädikat „Nicht wettbewerbsfähig“.

Mitarbeiter sind sensible Zellen  

All das führt zu steigenden Kosten für Unternehmen und zu sinkendem Engagement der Mitarbeiter. Investiertes Geld für Fertigungsanlagen oder die IT, oft Millionenbeträge, werden locker abgeschrieben. „Das Geld ist weg, das ist so, wir sollten nach vorne sehen“ sagt ein Geschäftsführer und macht einfach weiter. „Ich habe eben einen Fehler gemacht. Der hat dem Laden nun mal ein paar hunderttausend Euro gekostet“ sollte der Mitarbeiter mal sagen. Er wird nicht einfach weiter machen können. Mitarbeiter dürfen sich Fehler nur begrenzt erlauben, sowohl in Anzahl als auch in geldlicher Auswirkung.
Den zweierlei Maßstab, der an sie und an die Manager gelegt wird, spüren Mitarbeiter unmittelbar.

Sie, die Zellen eines Unternehmens, riechen als erste, wenn etwas faul ist im Laden. Sie sehen das Produkt, die Arbeitsmittel, erleben den Umgang mit den ihnen, den Mitarbeitern, unmittelbar. Stockt es da, legen sich die ersten Mitarbeiter hin. Müdigkeit steckt an. Wer jetzt laut ist, stört nur. Dann stellen externe, die Kunden, fest, dass das Unternehmen schlecht aussieht. Es läuft nicht mehr so wie früher, die Qualität beim Produkt und das Engagement der Mitarbeiter sind weg. Bei Dienstleistungsunternehmen, die ihr Produkt nur über ihre Mitarbeiter verkaufen können, ist die Reaktionsleitung besonders kurz. Den Mitarbeitern wird das Leben ausgehaucht, tote Zellen lassen das Unternehmen in sich zusammenfallen. Als letztes merkt der Kopf, das Management, dass der Körper, das Unternehmen, krankt. Es hat sich um alles Mögliche gekümmert, um große Entscheidungen und um Kennzahlen, aber es hat nicht in sich hinein gehorcht. „Der Fisch fängt am Kopf an zu stinken“ sagen wir in Norddeutschland, doch der Kopf riecht sich selbst als letzter.
Schlechte Rezepte von falschen Ärzten

Wie Metastasen breitet sich schlechte Führung aus. Schleichend und lautlos. Das Management tanzt so lange, bis es den Wirt verliert. Dem geht meist mindestens eine größere Operation voraus. Restrukturierung, sprich Kostenreduzierungsprogramme durch Entlassungen, lesen wir von großen Unternehmungen in der Presse. Das machen auch Mitarbeiter bei (kleineren) Mittelständlern durch. Wird die Reißleine gezogen, ist jahrelange schlechte Führung, Untätigkeit und Fehleinschätzungen, eingestanden. Die Halbwertzeiten verzweifelter Korrektur durch „Restrukturierungen“ werden immer kürzer. Nimmt der Aktionismus zu, zweifeln auch die letzten Leistungsträger und springen ab. Der Kollaps ist absehbar.

Die vermeintlichen Ärzte eines Unternehmens, die Unternehmensberater, helfen oft nicht. Anders als Ärzte, die bis in einzelne Zellen sehen, arbeiten Berater meist mit oberflächlichen, vorgefertigten Standardrezepten. Dabei wäre  wie beim Krebs eine individuelle, langfristige Therapie nötig. Doch wer soll das bezahlen? Das unterscheidet hoffentlich Unternehmen und Mensch, bei dem es auf Kosten bitte zunächst nicht ankommt.

Gesundheit fängt im Kopf an

Schwächen können tödlich sein, zum Beispiel für Nikotin, Alkohol oder Tabletten. Schwache Führung kann ein Unternehmen kaputt machen. Durch Gefälligkeitskarrieren kommen nicht die Besten, sondern die best buddys  weiter. Es lebe die Seilschaft, das Netzwerk oder der flight auf dem Golfplatz. Schlechte Menschenkenntnisse schaffen schlechte Vorgesetzte. Der beste Sachbearbeiter ist selten eine gute Führungskraft. Schwache Vorgesetzte ertragen nur schwache Mitarbeiter, starke Mitarbeiter lösen Ängste und Minderwertigkeitskomplexe aus. Das gilt selbst für Manager in top Positionen. Blanke Ignoranz für das, was im Unternehmen passiert, führt zu Personalentscheidungen, die hinterher keiner getroffen haben will. Solche Führung ist bequem, macht aber unbeweglich und krank.

Wer ein gesundes Unternehmen will, kann sich solche Schwächen nicht erlauben. Das ist eine Einstellungs-, eine Kopfsache. Gute Führung sorgt für starke Mitarbeiter und für starke Führungskräfte.

 

Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über die BusinessVillage GmbH. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an redaktion@businessvillage.de.