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Perfektionismus ist eine Illusion

Stefan Fourier

11.02.2016 ·  Perfekte Lösungen für Sachprobleme sind wünschenswert. Perfektion verbessert die Wettbewerbsposition und prägt langfristig das Image hoher Qualität. Perfektionismus ist übertriebenes Streben nach Perfektion, eine psychologische Dimension, die das Handeln von Menschen prägt. Sie geht zwanghaft über ihre funktionale Variante, die Gewissenhaftigkeit, hinaus. Perfektionisten streben perfekte Lösungen um jeden Preis an, auch um den ihrer eigenen Gesundheit. Die Grenze zwischen perfekt und perfektionistisch ist fließend. Das trifft für Menschen zu und für Organisationen. Während perfekt zu hervorragenden Produkten und oft auch zu hohen Margen führt, macht Perfektionismus Menschen krank und verblödet Organisationen. Diese Erscheinungen nehmen zu. Das ist vor allem deshalb so tragisch, weil Perfektionismus eigentlich nur auf einem großen Irrtum beruht. Trotzdem breitet er er sich aus, wie eine schleichende Krankheit. Aber es gibt Gegenmittel.

Stefan Fourier

Dr. Stefan Fourier ist Unternehmer, Autor, Business Consultant und Mentor. Er entwickelte praxistaugliche Modelle zum Umgang mit Komplexität, die Organisationen und Menschen erfolgreich und das (Arbeits-)Leben entspannter machen. Die Wirkung seiner Modelle beruht auf solidem Wissen und persönlichen Erfahrungen aus vielen Lebensbereichen. In seinen Büchern pflegt Stefan Fourier einen lockeren Erzählstil, der seine Souveränität bei Problemlösungen unterstreicht. » http://www.fourier.de

Perfektionismus schadet Menschen

Wir leben und wirtschaften in einer komplexen Welt und nichts ist berechenbar. Mit elementarer Wucht schlagen immer wieder Ereignisse in unseren Alltag, die niemand vorausgesehen hat und die, allen Vorhersagen gemäß, eigentlich gar nicht hätten passieren können. Deshalb ist das unbedingte, bedingungslose Streben mancher Menschen nach der perfekten Lösung ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen. Solange dahinter eine persönliche Haltung von Gewissenhaftigkeit, ein hoher Anspruch an eigene Leistung und Organisiertheit stehen, kann das lobenswert sein. Wenn jedoch die Grenze zu Zwanghaftigkeit überschritten wird, permanente Versagensängste und depressive Symptome auftreten, dann wird es kritisch. Man nennt diese Menschen Perfektionisten. Ihnen genügt es nicht, das in der Situation Menschenmögliche zu tun. Zwanghaft treiben sie sich selbst und ihre Umgebung an, sind niemals zufrieden, tolerieren keinerlei Abweichungen, erlauben kein Nachlassen. Sie jagen einem Phantom nach. Der Perfektionist handelt zwanghaft, weil angstgetrieben. Er ist permanent erhöhtem Distress ausgesetzt, der zu Angst- und Zwangsstörungen, Alkoholismus, Anorexia nervosa, Bulimia nervosa, Depression, sexuelle Funktionsstörungen bis hin zu Selbstmordgedanken führen kann.

Perfektionismus verblödet Organisationen

In vielen Unternehmen und Institutionen ist das Streben nach Perfektion Grundlage der Arbeit. In vielen Unternehmensleitlinien und Mission Statements finden sich Begriffe wie „perfekt“, „Spitzenleistung“, „Nummer Eins“. Solange das in einem vernünftigen Miteinander verwirklicht wird, ist es positiv, führt zu herausragenden Leistungen und Erfolgen. Wenn dagegen zwanghafter Perfektionismus um sich greift, vielleicht sogar zur Doktrin wird, dann nehmen die Menschen und die Organisation Schaden. Bevor der schlimmste Fall eintritt und viele Mitarbeiter und Führungskräfte Burnout bekommen und langfristig ausfallen, steigt zunächst der Krankenstand. Für die Unternehmen weitaus kritischer ist jedoch eine andere Erscheinung: Perfektionismus macht Angst und Kontrolle zu dominierenden Themen. Der sogenannte sozio-systemische Erfolgsfaktor Vertrauen als treibende Kraft für gute Zusammenarbeit, Kreativität, Innovation und für Unternehmenserfolg schwindet. In einer solchen Atmosphäre gedeihen Regelungs- und Kontrollwut. Alles wird vorgeschrieben, in dem Glauben, dadurch zu besseren Ergebnissen zu kommen. Alles wird mit Kennziffern belegt, in Zielvereinbarungen geschrieben, ge-benchmarkt und ge-reviewt. In Perfektionismuskulturen werden Vorgabe und Kontrolle zum Selbstzweck. Entscheidungen werden nicht mehr von lebenden Menschen getroffen, sondern aus Zahlenkolonnen in Management-Cockpits abgeleitet. Das Ganze geht einher mit der Ausbildung starker Hierarchien und befestigter Bereichsgrenzen. Und am Ende geht im Unternehmen nichts mehr normal – die Organisation ist verblödet.

Perfektionismus ist eine schleichende Krankheit

Nun soll niemand glauben, er selbst und sein Unternehmen seien gegen Perfektionismus gefeit. Je größer der Druck, desto häufiger werden Anforderungen nicht erfüllt. Das führt – wenn eine kluge Führung dem nicht Einhalt gebietet – wiederum zu höherem Druck, zu noch mehr Fehlern, mitunter zu unlauteren Versuchen, Ergebnisse zu schönen und so weiter. Eine Teufelsspirale entsteht, an deren Höhepunkt die Perfektionismusfalle steht. Ist eine Organisation einmal auf dem Weg dorthin, und wird sie nicht durch drastische Interventionen daran gehindert weiterzugehen, dann schnappt diese Falle irgendwann zu.
In vielen Großorganisationen kann man diese Entwicklung besichtigen, in Behörden und beim Finanzamt. Diese tragen zudem dazu bei, dass sich die genannten Erscheinungen auch in kleineren Unternehmen verbreiten. Sie üben nämlich auf der Grundlage von Gesetzen und Compliance-Regeln Druck aus und sorgen auf diese Weise dafür, dass auch die Kleinen nachziehen müssen. So breitet sich Perfektionismus aus. Es bedarf also nicht unbedingt eines perfektionistischen Chefs, der seine Umgebung unter Kontrolle zwingt, sondern die Eigendynamik von Organisationen führt, wenn sie nicht gebremst wird, in die Perfektionismusfalle. Langsam, schleichend, aber sicher.

Gegenmittel

Die Medizin gegen den Perfektionismusbefall ist der Mensch. Das klingt zunächst überraschend, denn schließlich ist er Betroffener und in gewisser Weise auch Verursacher des Perfektionismus und seiner Auswirkungen. In sehr vielen Fällen – überall dort, wo Perfektionismus sich ungezügelt ausbreitet – sind Menschen passive Teile des „Systems“. Sie ordnen sich den  Regeln und Bedingungen im Unternehmen unter, hinterfragen sie nicht und folgen ihren Gewohnheiten. Das muss aber nicht so sein, denn Menschen haben die Fähigkeit zu gestalten, auch die Systeme, zu denen sie selbst gehören. Dazu müssen zwei Voraussetzungen erfüllt sein. Erstens müssen die Menschen gestalten dürfen. Das ist nicht überall selbstverständlich. Führungskräfte müssen das zulassen und fördern. Zweitens müssen die Menschen gestalten können. Das dazu nötige Wissen und die Erfahrungen können sie sich aneignen.
Dabei geht es um Vereinfachung und Reduzierung. Ausgangspunkt kann die einfache Frage sein, wie man die erforderlichen Ergebnisse mit nur 80 Prozent des üblichen, gewohnten Einsatzes schaffen kann. Wenn man sich auf diese Frage konzentriert, ergeben sich viele Möglichkeiten, mit weniger Aufwand zum Ziel zu kommen. Dadurch wird Stress reduziert, der Arbeitsdruck für den Einzelnen sinkt, die Effektivität der Organisation steigt, es werden Potenziale für Weiterentwicklung und Innovation freigesetzt, das Arbeitsklima bessert sich. Arbeiten und Leben werden dadurch nicht perfekt, aber besser. Und schlau ist ein solcher Weg allemal!

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